No (¡No!) – Pablo Larraín – Chile/USA 2012

Von Matthias Bosenick (16.05.2013)

Das Thema ist gut und wichtig und sicherlich nicht zufĂ€llig heute gewĂ€hlt (wenngleich unglĂŒcklicherweise wahrscheinlich jederzeit die richtige Zeit dafĂŒr ist): Die Geschichte von dem Werbefilmerteam, das in den 80er Jahren mit 27 fĂŒnfzehnminĂŒtigen Werbefilmen die Bevölkerung davon ĂŒberzeugen soll, gegen Diktator Augusto Pinochet – also mit „No“ – zu stimmen, und damit auch Erfolg hat. WĂŒnscht man sich jederzeit möglich, auch heute. Friedliche Revolution mit Erfolg, das verhasste System gekippt. Der Film wĂ€re allerdings wirkungsvoller, wenn er nicht so zĂ€h wĂ€re und sich nicht stilistisch so pseudo-experimentell auf 80er getrimmt ausgenommen hĂ€tte.

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Der Tag wird kommen (Le grand soir) – BenoĂźt DelĂ©pine & Gustave Kervern – F 2011

Von Matthias Bosenick (12.05.2013)

Der Film kommt spĂ€t nach Deutschland, aber ĂŒberhaupt, und das ist gut so, denn es wĂ€re sonst ein immenses VersĂ€umnis. So kompromisslose Filme im Stile der Indie-Filmer der 90er sind selten geworden, auch das einst innovativere, eigenstĂ€ndigere Kino aus Europa konzentriert sich seit langem leider auf massenkompatible Wiederholung derselben Themen. Mit ihrem dritten Film „Louise-Michel“ ĂŒberraschten BenoĂźt DelĂ©pine und Gustave Kervern 2007, Nachfolger „Mammuth“ (Hauptdarsteller GĂ©rard Depardieu hat in „Der Tag wird kommen“ eine winzige witzige Nebenrolle) schielte hingegen auf den Markt, der neue „Der Tag wird kommen“ nun nimmt den Gestus von „Louise-Michel“ wieder auf. Der Film besticht mit einer ungewöhnlichen Handlung, noch viel mehr aber damit, wie er diese Handlung erzĂ€hlt.

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Killing Joke – The Singles Collection 1979-2012 – Spinefarm Records 2013

Von Matthias Bosenick (05.05.2013)

So dicht liegen ÜbervollstĂ€ndigkeit und UnvollstĂ€ndigkeit beieinander. Killing Joke veröffentlichen eine Singles-Sammlung auf zwei CDs (oder wahlweise auch 33) mit einer RaritĂ€ten-CD als Bonus. Es ĂŒberrascht, was im Bunde der 33 alles auftaucht, da bleiben tatsĂ€chlich so gut keine LĂŒcken, und es ĂŒberrascht auch, was das Quartett aus den Archiven kramt, worĂŒber selbst Eingeweihte staunen, und doch, gerade dort fragt man sich dann: Wenn schon jener Remix drauf ist, warum nicht die anderen auch? Egal, eine lohnenswerte Anschaffung ist die Dreier-CD auch fĂŒr den Sammler, und fĂŒr Entdecker sowieso, die können gleich mal karriereĂŒberspannend bei Killing Joke herausfinden, wo ihre neueren Lieblingsbands so geklaut haben.

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Henke – Maskenball der Nackten/Zeitmemory – Dryland Records/Samsonido 2013

Von Matthias Bosenick (01.05.2013)

Alles ist neuerdings besser bei Oswald Henke, das muss man einfach mal feststellen. SelbstverstĂ€ndlich gebĂŒhrt seiner Ur-Band Goethes Erben großes Verdienst in Sachen EigenstĂ€ndigkeit, Stichwort „Neue Deutsche Todeskunst“, aber musikalisch ist sein aktuelles Bandprojekt, das er unter seinem Nachnamen fĂŒhrt, deutlich versierter, voller, rockiger. Geblieben ist Henkes akzentuierte Sprachweise, mit der er seine gesellschaftskritischen und Ansichten und emotionalen Betrachtungen postuliert. Henke schielt nicht nach Applaus aus der Grufti-Ecke, der die Erben einst angehörten, sondern lĂ€sst seine jungen Musiker Alternative-Rock spielen, flĂŒssiger, als er sich auf dem letzten Erben-Album schon andeutete, und doch, auch aus der Indie-Ecke wird er wegen seiner Stimme keinen Applaus bekommen. Das ist mal eigenstĂ€ndig. Okay, musikalisch fĂŒgt die Band der Welt nichts UmwĂ€lzendes hinzu, aber es macht Spaß, sich die neuen Alben und EPs anzuhören.

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!!! – Thr!!!er – Warp 2013

Von Matthias Bosenick (29.04.2013)

„Thr!!!er“ ist wahrscheinlich schon jetzt der beste Albumtitel des Jahres, der beste fĂŒr die Disco-Punk-Band !!! ist es auf jeden Fall. An das Album muss man sich als langjĂ€hriger !!!-Fan jedoch zunĂ€chst gewöhnen. Bestanden die alten StĂŒcke zumeist aus langen organischen filigranen handgespielten Grooves, sind die neuen synthetischer und kompakter ausgefallen. Damit bĂŒĂŸen !!! zwar etwas von ihrer Einzigartigkeit ein, sind aber als Tanzkapelle nicht weniger mitreißend.

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Dead Can Dance – In Concert – PIAS/Rough Trade 2013

Von Matthias Bosenick (29.04.2013)

Eine Armee lebender Toter ĂŒberrollt die Welt. Zurzeit veröffentlichen lĂ€ngst dahingeschiedene Bands allerorten erste und zweite Alben nach jahrzehntelanger Pause, nach ebensolangen „Wir kommen niemals wieder“-Beteuerungen, nach Hickhack und internen Streitereien, nach erfolglosen Soloversuchen und Drogenentzugsprogrammen. Auch Lisa Gerrard und Brendan Perry von Dead Can Dance stritten und kloppten sich, wo es nur ging. Indes waren sie auch solo mehr oder minder erfolgreich und hatten die mehrfach dementierte Wiedervereinigung finanziell offenbar eigentlich gar nicht nötig. Dann gab’s da aber doch mal eine Tour (mit rund zwei Dutzend limitierter Livealben dazu), dann gab’s da mit „Anastasis“ ein neues Studioalbum, dann gab’s noch mehr Touren und dann gab’s ein Livedokument. Darauf zelebrieren die StreithĂ€hne ihre wundervolle Mischung aus Ethno, Historik und Groove, allerdings weniger voluminös als auf dem anderen Live-Album „Toward The Within“ und den Studioalben. Und dennoch, warum haben all diese Untoten plötzlich so einen Zulauf? Liegt es vielleicht daran, dass selbst die mediokren Comebackalben abgehalfterter Altstars immer noch besser sind als das Gewurste der unerfahrenen Epigonen?

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Searching For Sugar Man – Malik Bendjelloul – GB/S 2012

Von Matthias Bosenick (26.04.2013)

Ein netter Film, hĂŒbsch anrĂŒhrend, positiv, gemĂŒtlich, gefĂŒhlsecht. Der erfolglose Songwriter Sixto Rodriguez aus Detroit erscheint hier als sympathischer Ruhm- und Kommerzverweigerer voller Demut, untypisch fĂŒr unsere Zeit. Die Dokumentation zeigt auch die Suche einiger sĂŒdafrikanischer Fans nach dem fĂŒr tot gehaltenen SĂ€nger. DafĂŒr gab’s zuletzt einen so genannten Oscar. Betrachtet man indes die erzĂ€hlte wahre Geschichte, stellt man fest, dass die nicht allzu umfangreich ist – und einige Fragen aufwirft.

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ElĂ€kelĂ€iset – Live in der Faust, Hannover, am 20. April 2013


Von Matthias Bosenick (21.04.2013)

„Humppa macht krank“, behauptete einer der dieses Mal fĂŒnf ElĂ€kelĂ€iset-Musiker bei der RĂŒckkehr zur letzten Zugabe. Vieles untermauerte den Verdacht, dass er log: Die Band steigerte ihr Tempo und ihre Energie im Verlauf des an Energie nicht armen Auftritts, das wirkte schon mal nicht krank, und außerdem: Wer so etwas 20 Jahre lang durchhĂ€lt, kann gar nicht krank sein. Zudem fiel auf, dass den ĂŒblichen Maurerbrausekisten und Wodka-O-Anderthalbliterflaschen an den Tischen auf der BĂŒhne dieses Mal GefĂ€ĂŸe mit Mineralwasser gewichen waren. Die Party in der Faust war indes so ausgelassen wie immer – und das ist eigentlich die grĂ¶ĂŸte Überraschung: Wer hĂ€tte geahnt, dass dieser Witz, bekannte Hits aus allen Genres im Humppa-Stil nachzukloppen, tatsĂ€chlich 20 Jahre lang witzig bleibt?

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Die Jagd (Jagten) – Thomas Vinterberg – DK 2012

Von Matthias Bosenick (16.04.2013)

Man fĂŒhlt sich von diesem Film unterschwellig manipuliert. Hauptfigur Lucas sowie seine Anta- und Protagonisten agieren auf eine mit dem Mittel der Auslassung versteckte Weise verknappt, reduziert, falsch, so dass sich nur oberflĂ€chlich der Eindruck eines sich logisch entwickelnden Plots ergibt. Den Effekt auf den Zuschauer indes reduziert dieser Umstand nur bedingt: Man ist geplĂ€ttet, wenn man aus dem Kino kommt. Beim Reflektieren jedoch offenbaren sich LĂŒcken in der AuthentizitĂ€t der Ereignisse um den schuldlos des sexuellen Missbrauchs angeprangerten KindergĂ€rtner Lucas (Mads Mikkelsen).

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Phillip Boa & The Voodooclub – Live im Meier, Braunschweig, am 12. April 2013


Von Matthias Bosenick (13.04.2013)

War das wieder schön. Eine intelligente Tanzparty fĂŒr alternative Ü30-Musikhörer. Publikum und Entertainer waren gleichermaßen und offenbar sich gegenseitig ansteckend gut aufgelegt und feierten die zurĂŒckliegende Jugend und das verheißungsvolle Neue zu gleichen Teilen. Denn Phillip Boa wusste, was die Fans wollten, und brachte darin unter, was er selbst wollte: Der Voodooclub spielte ein Best-Of der frĂŒheren Hits und eine Auswahl an Songs des neuen Albums „Loyalty“. Dabei wurde deutlich, wie viel zwingender, nervöser und komplexer die alten Lieder sind und wie aufgerĂ€umt er heute komponiert.

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