MT Gemini – Conquering Ruler – Antibody Label 2023

Von Matthias Bosenick (01.12.2023)

Das kann man sich gar nicht vorstellen, dass der Brüsseler Yannick Franck sein Alias MT Gemini dafür ins Leben rief, um seine Einflüsse Jamaikanischer Musik zu verarbeiten, also Dub, Reggae, Rocksteady, Ska, denn was er auf seinem neuen Mini-Album „Conquering Ruler“ präsentiert, würde man eher im Industrial, Dark Ambient und Experimental-Noise verorten. Doch wer genau hinhört, entdeckt in diesen abgrundtief dunklen Horror-Soundscapes vereinzelte Offbeat-Samples. Heißt also, dass Franck die altvertrauten karibischen Rhythmen als Vorlage nimmt, um sie weiterzuentwickeln, und zwar deutlich weiter, als es der Gute-Laune-Anschein der Originale vermuten lässt: „Conquering Ruler“ ist eine akustische Herausforderung, die das Hören zwar zum Genuss, aber nicht zum Wohlfühlmoment macht.

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Schneider Collaborations – Sechs, sieben Veröffentlichungen – Schneider 2023

Von Matthias Bosenick (30.11.2023)

Lediglich sechs Platten bringt der hyperaktive Zauberschlagzeuger Jörg A. Schneider im Oktember heraus, doch während dies eine Niederschrift erfährt, verschickt er schon die siebte. Seine Improvisations-Kollaborateure sind dieses Mal Gitarrist Thomas Kranefeld, Gitarrist N, Gitarrist Mikel Vega, Gitarrist Barley Rantilla, zum zweiten Mal Gitarrist Michel Kristof sowie unter dem Alias The Nude Spur abermals Thomas Kranefeld. In Zustellung befindet sich zudem das zweite Album mit dem verräterischen Titel „Dos“ des Projektes Glimmen. Falscher Name eigentlich: Der Mann glimmt nicht, er brennt – wie die Feuer auf den Plattencovern.

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Bruno Karnel – Hic sunt dracones – Bitume Prods 2023

Von Matthias Bosenick (28.11.2023)

Musikalisch eine Hydra, gesanglich jedoch eher ein Grisù: Auf seinem neuen Album „Hic sunt dracones“ erkundet Bruno Karnel die von ihm bislang unerforschten Randgebiete der progressiven Rockmusik, die für eingegroovte Hörer progressiver Musik indes weit weniger unerforscht sind. Mit versierten Gastmusikern setzt Karnel, Musiker aus Meaux zwischen Paris und Reims, seine Visionen um, die er abermals auf Landkarten zwischen ewigem Eis in Skandinavien, der peruanischen Atacama-Wüste und dem historischen Mexico ansiedelt. Seine Musik ist zumeist von einer dominanten Leadgitarre getrieben, lässt auch Streichern und Orgeln Raum und transportiert den Grundlagen entsprechend wechselnde Stimmungen. Den Gesang indes hätte Karnel getrost ebenfalls anderen Leuten überlassen und sich ganz aufs Musizieren verlegen sollen: Seine Stimme ist nicht ganz treffsicher und versetzt dem Hörgenuss einen Stoß zwischen die Schulterblätter. Hic est Sifridus.

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Guided By Voices – Nowhere To Go But Up – Guided By Voices Inc. 2023

Von Guido Dörheide (26.11.2023)

Mit der brandneuen Kritik zum brandneuen Album „Nowhere To Go But Up“ verfasst der Verfasser dieser Zeilen bereits den dritten Artikel in diesem Jahr, der sich mit einem neuen Album von Guided By Voices beschäftigt (dem insgesamt 39. seit 1987, also GbV-Album, nicht Krautnick-Artikel). Aber ist es wirklich eine Kritik, wenn jemand über eine Band schreibt, von der er noch nie etwas wirklich schlecht fand? Gehen wir bei und finden wir es heraus, vielleicht entpuppt sich das neue Werk ja auch als der größte Scheiß, den Robert Pollard aus Dayton/Ohio in seiner bereits endlosen und nicht enden wollenden Karriere abgeliefert hat. Bei meiner Internetrecherche nach Rezensionen habe ich sogar auf Anhieb eine gefunden, bei der das Album als ziemliche Enttäuschung – vor allem im Vergleich mit dem Vorgänger „Welshpool Frillies“ aus dem Juli dieses Jahres – eingeordnet wurde. O haue ha.

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Soldout – Pull Down – Music-Records 2023

Von Matthias Bosenick (24.11.2023)

Mit „Si vous pensez que vous êtes trop vieux pour faire du Rock … alors vous l’êtes!“ zitieren Souldout, Eigenschreibweise SoldouT, aus Petite-Rosselle in Frankreich den Herrn Lemmy Kilmister, und deshalb rasieren sich die drei bis vier Männer kurzerhand Iros, kleiden sich in Denim und Leder und werfen mit „Pull Down“ ein Heavy-Rock-Debütalbum in den Ring, das das Ohrenmerk eher auf Spielfreude lenkt als auf Innovation, und genau deshalb ist das auch völlig in Ordnung so. Man hört die Einflüsse heraus, etwas unmetallisch gespielte frühe Metallica, etwas dreckigen Rock’n’Roll von Motörhead, den Riffrock von AC/DC, den Bluesrock von Rose Tattoo. „Pull Down“ groovt und rockt, kann man sich live in der Hardrock-Kaschemme um die Ecke bestens vorstellen.

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Simple Minds – New Gold Dream: Live From Paisley Abbey – BMG 2023

Von Matthias Bosenick (23.11.2023)

Welche Aussage ist besser: „Live klingt es exakt wie auf dem Album“ oder „Live ist es komplett anders als das Album“? Das hängt von der Vorlage ab: Wenn Yo La Tengo oder Sonic Youth ihre komplizierten Lärmsounds live werkgenau und verlustfrei reproduziert bekommen, kann man nur staunen. Wenn dies bei The Faint geschieht, glaubt man an Vollplayback. Und der Nutzen, einen Liveauftritt als Konserve zu Hause zu haben? Ist eigentlich nur gegeben, wenn es einen künstlerischen Mehrwehrt zu belauschen gibt. Die Simple Minds reproduzieren „New Gold Dream (81-82-83-84)“, ihren Scheitelpunkt zwischen elektronisch-monotonem Untergrund-Punk und Stadion-Rock, 40 Jahre später in veränderter Besetzung – nur Sänger Jim Kerr und Gitarrist Charles „Charlie“ Burchill sind auf beiden Alben zu hören – und veröffentlichen den Mitschnitt aus der Paisley-Abbey-Kapelle als Tonträger. Der ist acht Sekunden kürzer als das Original, weicht in Details von der Vorlage ab und klingt natürlich abgeklärter als die jugendliche Vorlage.

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Anuseye – Right Place, Wrong Time – Go Down Records/Vincebus Eruptum 2023

Von Matthias Bosenick (22.11.2023)

Geil, geht gleich los mit einem Bass-E-Gitarre-Groove, wie man ihn sich mitreißender im psychedelischen Stoner-Rock-Bereich nicht ausmalen kann: Mit „Right Place, Wrong Time“ holen Anuseye aus Bari den Kiffermuckefan nicht nur da ab, wo er steht, sondern bringen ihn auch da hin, wo er hingehört: in erweiterte Zustände, aber mit Feuer nicht nur am Ende des Joints, sondern auch unterm Hintern. Es braucht vier Songs, um erstmals in zugedröhnt-taumelige Sphären abzudriften, und fünf, um sich mal vor dem Kühlschrank herumlungernd auszuruhen, ansonsten mostet das Quartett meistens mächtig vorwärts. Auch wenn Anuseye dem Genre treu dienlich sind, hört man sie immer heraus; liege es an Claudio Colaiannis zurückgelehntem Gesang, an den ungewöhnlichen Akkordfolgen oder an den immerhin noch dezent eingestreuten Experimenten. Das Vinyl ist türkis, die drei fehlenden Songs der Streaming-Variante dieser wechselvollen Reise um die Welt gibt’s im Download obendrauf.

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Treebeard – Nostalgia – Bird’s Robe Records 2023

Von Matthias Bosenick (20.11.2023)

Die Neigung zu Alcest klingt auf dem Debütalbum „Nostalgia“ des australischen Quartetts Treebeard an: Atmosphärischer Lärm, flirrende Gitarren, sehnsuchtsvolle Harmonien, der Blick auf die eigenen Schuhe gerichtet. Doch weil es Alcest ja schon gibt, reichern Treebeard ihren Post-Rock mit anderen Elementen an: etwas Doom, heavy groovende Riffs, dreckigen Rock’n’Roll, Psychedelik, analoger Ambient, und nichts davon in reiner Lehre, alles eingebunden in den Post-Metal, Post-Rock, verwebt, vermengt, erweitert. Dunkelheit und Hoffnung liegen hier beieinander, die weitgehend instrumentale Musik greift aus dem Abgrund heraus nach dem Himmel. Wehmut und, ja, „Nostalgia“ bestimmt auch. Bird’s Robe Records bringt das zwei Jahre alte Album der Band aus Melbourne jetzt kurz vor der Veröffentlichung des Nachfolgers auch international auf den Markt. Eine Entdeckung!

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Dolly Parton – Rockstar – Butterfly Records 2023

Von Guido Dörheide (19.11.2023)

Ich gebe ja gerne zu, dass ich mir jedes Mal von Neuem auf die Füße sabbere, wenn Dolly Parton mal wieder ein neues Album unter die Leute schmeißt – aber so gespannt wie dieses Mal war ich noch nie: Parton, mittlerweile 77 Jahre alt und seit nunmehr deutlich über 50 Jahren im Musikgeschäft tätig, wurde 2022 in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen, ohne auch nur ein einziges Rock-Album aufgenommen zu haben, und tritt nun heuer an, das zu ändern. Und wie.

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Triumph Of Death – Resurrection Of The Flesh – Noise 2023

Von Guido Dörheide (17.11.2023)

Nennen Sie mir einen Musikanten aus den Alpen, der immer eine wollene Mütze auf dem Kopf trägt und die europäische Musiklandschaft geprägt hat wie kaum ein Zweiter – nun, hm, häh? Nein, die Rede ist hier nicht von DJ Ötzi, sondern von Thomas Gabriel Fischer a/k/a Tom G. Warrior, der mit seinen Bands Hellhammer und Celtic Frost Musikgeschichte geschrieben hat und mit Triptykon eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er immer noch eine ganze Menge zu sagen hat und willens und in der Lage ist, dieses klangtechnisch zu untermauern. Mit seiner aktuellen Band „Triumph Of Death“, benannt nach einem Hellhammer-Song, lässt er nunmehr die alten Zeiten rollen, und das macht er ganz hervorragend.

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