Guided By Voices – Welshpool Frillies – Guided By Voices Inc. 2023

Von Guido Dörheide (23.07.2023)

Was King Gizzard & The Lizard Wizard für Australien sind, ist Robert Pollard für Dayton, Ohio. Bzw. sind Guided By Voices für die USA. Seit Ende der 1980er Jahre gibt es die Band in wechselnder Besetzung, neben Pollard wirkte Tobin Sprout für lange Zeit als Songschreiber und Bandmitglied, seit dessen endgültigem Ausstieg im Jahr 2014 ist GbV das alleinige Projekt Pollards. Und er haut Album um Album raus, seit einigen Jahren mehrere pro Jahr. Und das tut er nicht nur, um seinen Ruf als produktivster Songschreiber aller Zeiten zu zementieren, nein, es lohnt sich jedes Mal, seine Alben aufmerksam und immer wieder anzuhören. GbV haben einen hohen Wiedererkennungswert: Das liegt zum einen an Pollards Stimme und zum anderen an seiner Art, Songs zu schreiben, die schnell auf den Punkt kommen, Melodien aufweisen, denen man sich als Freund des Gitarrenindierocks niemals entziehen kann und die zumeist roh und ohne viel Schnickschnack eingespielt und produziert werden. Pollard hört sich an wie ein Onkel von Michael Stipe, dessen Plan, die größte aller Indie-Bands zu gründen, von multinationalen Konsortien hintertrieben wurde und der deshalb dazu verdammt ist, alle paar Monate mit einem Tonträger um die Ecke zu kommen, der sich ähnlich anhört wie der vorherige und dennoch unverzichtbar für die Sammlung eines jeden GbV-Fans ist.

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Big Red Fire Truck – Trouble In Paradise – Bird’s Robe Records 2023

Von Matthias Bosenick (20.07.2023)

Ich mochte solche Musik nicht, als sie neu war, ich mochte sie nicht, als sie als Retro-Phänomen neu war, und ich mag sie auch immer noch nicht, wenn jetzt selbst das Retro-Phänomen retrofiziert wird. Sowas macht sicherlich einige Laune bei 1,3 Atü auf dem Altstadtfest, wenn man sich gegen kurz nach nachts nicht entscheiden kann, ob man bleibt, noch in den Club gehen soll, in dem man 30 Jahre zuvor abhottete und in dem man jetzt von Kids umringt wird, oder besser gleich nach Hause, bevor man vergisst, dass man zum Ausnüchtern inzwischen drei Tage braucht. Big Red Fire Truck aus Sydney spielen auf „Trouble In Paradise“ alle Level durch: Powerchords, Gniedelsoli, mehrstimmiger Grölgesang zum Mitmachen, matschige Drums, Neonschrift auf dem Cover, Löwenmähnen, Jeansjacken, Wildtierprintklamotten und Schnauzbärte, angeblich Hardrock, aber das gilt vielleicht für Anfang der Achtziger gerade noch so – 2023 gibt’s seit 40 Jahren Härteres und Rockigeres. Auch ohne FCKW ist Haarspray diskutabel.

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Anohni And The Johnsons – My Back Was A Bridge For You To Cross – Rough Trade 2023

Von Guido Dörheide (19.07.2023)

Alleine der Titel des Albums ist ja schon mal klasse und erinnert an den Ausspruch von Herbie Hancock, nachdem Joe Zawinul die Brücke in die Zukunft war, über die Miles Davis [mit „In A Silent Way“, Anm. d. V. d. Z.] gegangen ist.

Über welche Brücke geht Anohni mit ihrem neuen Album? Bzw. über welche Brücke ist Anohni noch nicht gegangen? Heuer revitalisiert sie den Bandnamen, den sie früher, damals noch unter ihrem Geburtsnamen Antony Hegarty, bereits als „Antony And The Johnsons“ gebrauchte, und das „Johnson“ bezieht sich dabei auf Marsha P. Johnson, die als New Yorker Drag Queen und Transgender-Aktivistin seit den späten 60er Jahren bis zu ihrem Tod aus ungeklärter Ursache 1992 von sich reden machte und bis heute relevant ist und die auch auf dem Cover von „My Back Was A Bridge For You To Cross“ abgebildet ist.

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Steamgenerator – Hopeless Romantic – Steamgenerator 2023

Von Matthias Bosenick (19.07.2023)

Es ist nur konsequent, dass sich eine Band aus der Industriestadt Wolfsburg Dampfmaschine nennt, oder? „Hopeless Romantic“ ist die zweite Veröffentlichung des Quintetts Steamgenerator, das sich Stoner und Doom auf die Etiketten gemalt hat, dafür jedoch viel zu hoffnungslos romantisch ist – und zu vielseitig: Wie bei den genannten Genres üblich, hört man einen starken Einfluss der Siebziger heraus, Black Sabbath bis Classic Rock, aber auch, ebenfalls dort entnommen, den Grunge der Neunziger – und auch mal den in Richtung Wave schielenden Postpunk der Achtziger. Nicht die reine Lehre also, und das ist auch genau richtig so, alles andere gibt es ja schon – die fünf fördern einen bunt schillernden Diamanten aus dem Kohleflöz zutage.

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King Gizzard & The Lizard Wizard – Petrodragonic Apocalypse; Or, Dawn Of Eternal Night: An Annihilation Of Planet Earth And The Beginning Of Merciless Damnation – KGLW 2023

Von Guido Dörheide (18.07.2023)

King G & The LW sind wahrscheinlich keine Menschen, sondern irgendwelche Reptiloiden, die auf ihrem Weg zur Ansichreißung der Weltherrschaft alle gefühlt 14 Tage einen neuen Tonträger in die Regale des Radiohauses (Radiohaus ist ein Wort, das meine jüngere Tochter erfunden hat. Sie meint damit den Elektrofachmarkt im Gewerbegebiet Heinenkamp an der A39) stellen. Anders kann man sich a) diesen Output und b) dieses Zuhausesein in gefühlt 100 Genres nicht erklären.

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Grian Chatten – Chaos For The Fly – Partisan Records 2023

Von Guido Dörheide (18.07.2023)

Grian Chatten ist der Sänger der von mir vollkommen zu Recht verehrten Fontaines D.C., einer Band, die sich, wie der Name schon, sagt auf Johnny Fontane beruft und aus Dublin City stammt.

Was taugt uns jetzt ein Solo-Album des Sängers dieser über jeden Zweifel erhabenen Kapelle? Also erstmal schreie ich allen Fontaines-D.C.-Fans-entgegen: KAUFEN! (Als hätten die das nicht eh schon getan.) Es erwartet uns kein Fontaines-typischer Postpunk, sondern eher ruhigere, nachdenkliche Musik, die jedoch, anders als es mich die erste Hälfte des Openers „The Score“ glauben machte, nicht allein mit Akustikgitarre begleitet (wie es Sänger von Bands auf Soloalben ja gerne mal machen), sondern voll instrumentiert. Aber eben ruhig, zurückgenommen und dennoch voller Energie.

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Killer Mike – MICHAEL – Loma Vista 2023

Von Guido Dörheide (17.07.2023)

Ich gebe ja zu, dass ich mit zeitgenössischer Sprechgesangmusik auf Kriegsfuß stehe, wenn es sich nicht gerade um Slowthai oder Little Simz handelt (ups – beide aus UK), aber die Sachen von früher aus USA (N.W.A., Wu Tang, Public Enemy, Ice-T, Biggie Smalls etc. usw.) finde ich immer noch klasse.

Daher freue ich mich, wenn mal wieder einer wie Killer Mike um die Ecke kommt und den Wumms und den Flow von damals um 1990 herum mit aktuellen Texten mischt. Killer Mike ist fast so alt wie ich und macht schon seit den frühen 2000ern Alben und außerdem ist er im Rahmen der „I can‘t breathe“-Kontroverse als eines der beiden Mitglieder von „Run The Jewels“ bekannt geworden, die mit ihren bisher drei Alben nicht nur das Feuilleton, sondern auch die Fans zeitgenössischer Sprechgesangmusik begeistert haben.

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Octopus – The Lost Tape – Sireena 2023

Von Matthias Bosenick (17.07.2023)

Das ist Pech, wenn noch vor dem Beginn der Karriere gleich das erste auf Tape aufgenommene Album verschwindet und man erst mit dem zweiten Album debütieren kann. So wiederfuhr es Octopus, der Progrockband aus Frankfurt am Main, im Jahre 1974, knappe zwei Jahre nach Bandgründung. Immerhin wurde das Label Sky Records durch eine Kopie der Mondial-C60-Kassette auf die Band aufmerksam und nahm sie für drei ihrer vier Alben unter Vertrag. Sängerin Jennifer Kowa, damals Hensel, entdeckte das Tape 2022 unter einem Gewühl von Kassetten ihrer späteren Band The Radio wieder und überließ es Tom „The Perc“ Redecker zur Überarbeitung. Der veröffentlicht es nun als als Epilog nachgeschobenen Prolog der vier offiziellen Alben auf seinem Label Sireena, eben als „The Lost Tape“, und macht diese Mittsiebziger-BRD-Kraut-Prog-Perle fast 50 Jahre später wieder zugänglich.

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Swans – The Beggar – Mute/Young God Records 2023

Von Matthias Bosenick (13.07.2023)

Steile These: Die Swans sind die einzige Band der Erde, die jemals nach einer Reunion künstlerisch relevante Musik veröffentlichte. Und das, ohne sich an Zeitgeiste anzubiedern oder billig die Erwartungen der Altfans zu erfüllen (okay, so ganz ohne Selbstzitat kommt auch „The Beggar“ nicht aus). Für das neue – nun: Industrial-Indie-Rock-Drone? – Album mit zwei Stunden Spielzeit reduziert die um Bandkopf Michael Gira teilweise neu zusammengetrommelte Truppe den Lärm, aber nicht die Gewalt: Brutalität schwingt immer mit, und sei es nur durch Giras nachdrücklichen, fordernden Gesang oder enervierende fragmentarische Wiederholungen. Und bei jeder neu sich windenden Drehung denkt man nur: Geil, weiter so, nochmal, und bitte die nächste Runde rückwärts! Und die Swans erfüllen den Wunsch. Und ergänzen ihn durch: Schönheit.

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Car Crash Weather – Terra Nostra – Car Crash Weather 2023

Von Matthias Bosenick (12.07.2023)

Die Schweizer Car Crash Weather haben etwas mitzuteilen, und das, obwohl ihr zweites Album „Terra Nostra“ instrumental gehalten ist: Die nur noch vier Musiker aus Zürich greifen das Thema ihres 2018er Konzept-Debüts „Secondary Drowning“ zunächst auf, nämlich Migration und Flucht, und leiten es über in ein weiteres – und hörbar besser produziertes – Konzeptalbum rund um das Zusammenleben der Menschen miteinander und mit der Natur. Konzeptalbum, das deutet schon in die musikalische Richtung, und richtig, Car Crash Weather machen Progrock, aber nicht nur, sie bündeln alles, was ihnen gefällt und was dazu in der Lage ist, musikalisch Emotionen und Bilder auszudrücken, Postrock, Waverock, Postmetal, und versetzen es mit Synthies und Samples. Bei dem Thema ereilt die Hörenden nicht selten der Eindruck, die Musik sei nicht nur klagend, sondern auch anklagend.

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