Von Matthias Bosenick (19.02.2024)
Unendliche Weiten … im Meer: „Lost In Kelp Forest“ ist ein Konzeptalbum, das unter Wasser angesiedelt ist. Dafür stockte das Duo Schubmodul aus Bochum seine Belegschaft sogar eigens zum Trio auf. Zu Hören gibt es treibenden Indie-Rock, dem eine Zuneigung zu Stoner, Grunge, Psychedelik oder Postrock nicht abzusprechen ist. Der Clou beim Schubmodul ist indes, dass sie komplett ohne Gesang auskommen. Ob man sich in der submarinen Thematik jetzt musikalisch wiederfindet oder nicht, ist dabei unerheblich: Tauchmusik stellt man sich zwar schon irgendwie anders vor, aber das ändert nichts an der vielseitigen Qualität von „Lost In Kelp Forest“.
Kategoriearchiv: Album
Butterfly Bulldozer – The Great Becoming Of Captain Fuzz – Tempest Of Noise 2024
Von Matthias Bosenick (17.02.2024)
So geht das, wenn sich die Jugend mal gar nicht um Schubladen und Konventionen schert: Im Falle von Butterfly Bulldozer aus Nantes heißt es, dass man progressiven Post-Hardcore mit psychedelischen und spacigen Avantgarde-Experimenten vorgesetzt bekommt. Mit der EP „The Great Becoming Of Captain Fuzz“ startet das Quintett nicht nur das eigene musikalische Wirken, sondern auch die Mär von einer Raumschiffbesatzung, die zusammenkommt, um auf fremde Planeten aufzubrechen. Da steigt man bereitwillig mit ein.
MINE – BAUM – Virgin Music 2024
Von Guido Dörheide (14.02.2024)
Erst durch HINÜBER (2021) wurde ich aufmerksam auf die Musik von Jasmin Stocker aus Stuttgart, die seit den 2010er Jahren unter dem Namen MINE in Erscheinung tritt. Sie hat Jazzgesang studiert, was man ihren Aufnahmen anhört – sie hat nicht nur eine tolle, immer wiedererkennbare Stimme, sondern weiß auch, wie man sie einsetzt.
Ihr elektronischer, mit vielen Streichern versehener, melancholischer Pop hat mich auf HINÜBER sehr begeistert, und begeistert mich auf dem aktuellen Album immer noch. Auch hier gibt es wieder – neben der Elektronik und dem, wie ich finde, noch besserem Gesang – ganz wunderbare Streicherarrangements zu hören, von MINE selbst arrangiert (das kann sie und hat sie auch auf „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ von Danger Dan schon gemacht).
WeiterlesenKolac – Kolac – Pest Records 2024
Von Matthias Bosenick (14.02.2024)
Auch ohne Serbisch zu verstehen, begreift man nach dem hörspielartigen Intro, dass Kolac keine besonders positive Stimmung haben. Die Belgrader ordnen sich selbst musikalisch dem Black Metal zu, und wenn man das dritte Album „Kolac“ mit dieser Info hört, ahnt man, dass das Quartett keinen Bock auf Modernisierungen hat – das hier ist sowas von oldschool, nur mit dem Unterschied, dass es lupenrein produziert ist und der Sänger nicht in den obersten Tonlagen keift, sondern eher kotzt. Heißt: permanent auf die Fresse, keine Post-Atmosphären, keine technischen Spielereien, maximal einige Gitarrensoli und Melodien, wunderbar schlechte Laune, und die Band drückt irrsinnig schnell nach vorn. Ein Album, das Spaß macht.
Cyberaktif – Tenebrae Vision/Endgame – Wax Trax!/Artoffact Records 1991/2024
Von Matthias Bosenick (13.02.2024)
Vancouver, Kanada, 1990. Seit bis zu acht Jahren mischen EBM-Bands wie Skinny Puppy und Front Line Assembly die Szene auf, mit eigenen Sounds, die sich von denen der europäischen Vertreter reichlich unterscheiden: trotz harmonischer und poppiger Anteile harscher, härter, räudiger, monotoner, düsterer, brutaler. Die einen sind im Grunde ein Seitenarm der anderen: Bill Leeb gründete Front Line Assembly 1986, nachdem er Skinny Puppy verlassen hatte. 1990 also tun sich deren Musiker Cevin Key (der heute Geburtstag hat) und Dwayne R. Goettel mit ihrem Ex-Kollegen Bill Leeb zusammen und formieren für zwei 12“es und das Album „Tenebrae Vision“ das Projekt Cyberaktif. Parallel erscheinen die wegweisenden Alben „Caustic Grip“ von Front Line Assembly und „Too Dark Park“ von Skinny Puppy und binden die Energien für die jeweiligen Kreativitäten und somit die Karrieren – für die nächsten rund 30 Jahre. Jetzt jedoch löst Cevin Key Skinny Puppy zum zweiten Mal auf und vertändelt Bill Leeb seine Energien in weniger substanziellen FLA-Alben, da kreuzen sie abermals ihre Schwerter – und präsentieren „Endgame“, von dem man sich indes deutlich mehr Wumms erhofft hätte. Das Album ist so weich, dass es eher enttäuscht. Parallel gibt’s „Tenebrae Vision“ als Doppel-CD mit sämtlichen 12“-Tracks neu, davon hat man deutlich mehr und es klingt sogar frischer.
J Mascis – What Do We Do Now – Sub Pop 2024
Von Guido Dörheide (11.02.2024)
J Mascis, der Mann mit der Jazzmaster, der aussieht wie ein junger Helmut Kohl mit langem, grauem, strähnigem Haupthaar, und der vor dem Singen immer erstmal beigeht und eins seiner typischen kratzenden und quietschenden Soli spielt, meldet sich heuer mit einem neuen Soloalbum zurück. Wir bekommen es hier nicht mit akustischen Stücken oder beknacktem Tralala für knuddelnde Gurus, sondern mit voll instrumentiertem Indie-Rock zu tun, wie ihn Mascis mit seiner Hauptband, den überaus legendären und über jeden verdammten Zweifel erhabenen Dinosaur Jr., spielt.
WeiterlesenSwanz The Lonely Cat – Swanz The Lonely Cat’s Macbeth – EEEE/Toten Schwan Records 2024
Von Matthias Bosenick (12.02.2024)
Ob William Shakespeare Gefallen an dieser Adaption seines Stückes „The Tragedy Of Macbeth“ gefunden hätte? In wieweit eine umfassende Kenntnis des Textes erforderlich ist, um Zugang zu „Swanz The Lonely Cat’s Macbeth“ zu finden, lässt sich ohne diese kaum ermitteln; auch ohne sie ist das Album zumindest eine Einladung zu einer reichlich ungewöhnlichen Reise. Grundsätzlich im Oldschool-Industrial grob nach Art von beispielsweise SPK angesiedelt, bringt Luca Swanz Andriolo, der hinter dieser Arbeit steckt, auch harmonische, melodiöse Elemente, Spoken-Word-Passagen, einigermaßen wiedererkennbare Instrumente sowie beklemmende Soundscapes und Drones unter. Man könnte es beinahe als Hörbuch auffassen oder als Tonspur einer düsteren Filmumsetzung des Stoffes – man fühlt sich in Schwarzweiß und permanent bedroht. Das muss man erstmal hinbekommen!
Chelsea Wolfe – She Reaches Out To She Reaches Out To She – Loma Vista 2024
Von Guido Dörheide (11.02.2024)
Ein neues Album von Chelsea Wolfe ist für mich immer einer der Albumveröffentlichungshöhepunkte überhaupt. Schon wochenlang fiebere ich dem Release entgegen, kann es dann kaum erwarten, das Werk noch am Veröffentlichungstag zu hören, und wurde nie enttäuscht.
WeiterlesenJa, Panik – Don’t Play With The Rich Kids – Bureau B 2024
Von Guido Dörheide (11.02.2024)
„In meinem Schritt ließ ich Dämonen wohnen?“ Wäh? OK, nein, nochmal genauer hingehört: „In meinen Schritten“ singt Andreas Spechtl auf „Lost“, dem ersten Stück des neuen Albums der innerhalb sämtlicher Texte nicht nervig, sondern irgendwie in sich logisch zwischen Deutsch und Englisch hin- und herspringenden Burgenländer mit Wohnsitz in Berlin. Das beruhigt mich, und auch Anneliese Braun, Agathe Bauer und Lady Mondegreen atmen hörbar erleichtert aus und auf.
Und wieder einmal mehr habe ich mir mal wieder mehr Einleitungen ausgedacht als andere Textbausteine, daher hier gleich die zweite:
WeiterlesenNew Model Army – Unbroken – Ear Music/Attack Attack/Edel 2024
Von Matthias Bosenick (08.02.2024)
Justin Sullivan, einziges verbliebenes Gründungsmitglied von New Model Army, wird im April 68 Jahre alt. Seiner Stimme mag man die fortgeschrittene Lebenszeit bisweilen anhören, seiner Musik zu keiner Zeit: Die aus Folk Rock und Post Punk hervorgegangene Indierock-Instanz ist, der Titel des 16. Studioalbums verrät’s, „Unbroken“, sie drängt nach vorn, sie erzwingt die Auseinandersetzung, sie fordert Aufmerksamkeit ein, und das nicht mit punkiger Härte, zumindest nicht allein – ja, die Songs sind ruppig, doch sind es die Kombination aus Vortragsart, gebrochenen Rhythmen und in der Instrumentierung aufgestauter Energie, die hier den Eindruck von Inbrunst und Dringlichkeit omnipräsent halten. New Model Army ist eine der wenigen Bands dieses Planeten, die ewig existiert und noch nie enttäuscht hat.










