Till Burgwächter & Hardy Crueger – Braunschweig‘sche Verbrechen – Verlag Andreas Reiffer 2022

Von Matthias Bosenick (20.09.2022)

Endlich! Endlich bringt das dreiköpfige Duo infernale die Fortsetzung auf den Markt! Nach dem Aufmerksamkeit garantierenden „Braunschweig‘sche Weihnacht“ aus dem Prä-Corona-Jahr 2019 widmen sich Till Burgwächter und Hardy Crueger nun einem zeitgemäßen Trendthema: True Crime, begangen an der Oker. Wer die Arbeiten der beiden Autoren kennt, weiß, dass sie an diese Aufgabe nicht im gewöhnlichen Stil herangehen: Burgwächter betrachtet seine Ganoven mit lakonischem Zynismus, Crueger seine Protagonisten mit empathischer Akkuratesse. Diese Mischung macht‘s, denn nach den emotional aufwühlenden Crueger-Beiträgen freut man sich jeweils auf einige Seiten fundierten Lachens mit Burgwächter. Und was die beiden alles rund um die Umflutgräben ausgraben: Neben schockierend absichtlichen und irritierend versehentlichen Bluttaten auch gravierende bis scheinbar banale Delikte aus Fußball, (Bruch-)Straßenverkehr und Telefonterror. Man hört die beiden erprobten Autoren bei der Lektüre schon selbst lesen und freut sich auf die Live-Umsetzung. Und die Fortsetzung: Packt den Illustratoren Karsten Weyershausen bitte ein drittes Mal mit ein und bringt ein weiteres Thema in eurem Sound als Buch heraus!

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Blind Guardian – The God Machine – Nuclear Blast 2022

Von Guido Dörheide (09.09.2022)

Von Melodeath über Thrash hin zu Power Metal und Speed Metal – willkommen zu einer weiteren Metal-Rezension auf dieser einen und einzigartigen Seite im weltweiten Internetz. Dieses Mal will ich mich über „The God Machine“ von Blind Guardian auslassen – das neue Album der legendären Truppe um den Frontmann mit dem second most metal name of all time: Hansi Kürsch.

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Erasure – Day-Glo (Based On A True Story) – Mute 2022

Von Matthias Bosenick (08.09.2022)

Erasure haben ‘nen Lauf, hm? Die Qualität ihres Post-Achtziger-Synthiepops steigert sich seit ungefähr „The Violet Flame“ 2014, spätestens seit „World Be Gone“ 2017. „Day-Glo (Based On A True Story)“ dauert länger zu lesen als zu hören und besteht aus Skizzenresten, die Andy Bell und Vince Clarke zum 2020er-Vorgängeralbum „The Neon“ anfertigten. Das Album ist ungefähr so experimentell wie das selbstbetitelte Meisterwerk aus dem Jahr 1995 und birgt trotz aller Miniaturen und Petitessen sogar einige Popsongs, manche davon sogar mit Discofoxtauglichkeit. Lediglich nach den Achtzigern klingt bei dem Duo längst nix mehr, ansonsten ist dieses halbstündige Album ein mutiges und gelungenes Statement von zwei Leuten, die sich und anderen nix mehr zu beweisen haben.

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Machine Head – Øf Kingdøm And Crøwn – Nuclear Blast 2022

Von Matthias Bosenick (07.09.2022)

Mit ihrem Lettering schreien einen Machine Head auf ihrem neuen Album an, musikalisch vergehen einige Sekunden, bis sie es dem gleichtun, dann aber gewaltig. „ØF KINGDØM AND CRØWN“ nennen die Kalifornier ihr zehntes Studioalbum in 30 Jahren, und es bietet Thrash, wie man ihn von ihnen kennt, heavy groovend, brutal mostend, poppig-melodiös kitschend, massentauglich hüpfbar, alles zu seiner Zeit und zum Glück mit einem Übergewicht der harten Waagschale gegenüber der unerträglich anbiedernden. Aber irgendeinen Aspekt muss es ja geben, der Machine Head besonders und einzigartig macht, und dann sind das eben die Poppassagen inmitten des Infernos. So lang man sich noch homöopathisch an „Burn My Eyes“ erinnert fühlt, hat man es mit derselben Band zu tun, alles gut. Und immerhin sind sämtliche Songtitel ebenfalls in Kapitalen mit dem dänisch-norwegischen Heavy-Metal-Umlaut versehen. Das brüllt!

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Megadeth – The Sick, The Dying… And The Dead! – T-Boy Records 2022

Von Guido Dörheide (05.09.2022)

Erinnert sich noch jemand an diesen rothaarigen Rauschgiftverbraucher, der in den frühen 80ern bei Metallica rausgeflogen ist und sich dann jahrzehntelang an dieser Schmach abgearbeitet hat? Rrrrröööchtöööch – die Rede ist von Dave Mustaine, der kurze Zeit nach Metallicas Debüt mit seiner eigenen Band Megadeth genügend heftig durchgestartet ist, dass er sich eigentlich nicht grämen müsste, kein Bestandteil von Metallica mehr zu sein – zum einen müsste er dort James Hetfield singen lassen, obwohl er selber das besser kann, und zum anderen sind Metallica, seit sie mit überragenden Massenerfolg den Mainstream erobert haben, lange nicht mehr das, wofür sie und Megadeth früher einmal standen.

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Anne Clark with Ulla van Daelen & Justin Ciuche – Borderland (Found Music For A Lost World) – Stockfish Records 2022

Von Matthias Bosenick (05.09.2022)

Gott, ist das schön! Was für ein bewegendes, entspannendes, herzerfrischendes, zerbrechliches, behutsames, befreiendes, warmes, luftiges, stilles Album! Die frühere Electro- und New-Wave-Poetin Anne Clark pfeift auf Erwartungen und lässt auf „Borderland“ die Harfenistin Ulla van Daelen und den Cellisten Justin Stefan Ciuche zu ihren Texten improvisieren. Unglaublich, was für ein harmonisches Ergebnis dabei herauskommt. Man hört allen drei Beteiligten herzensgern zu, Anne Clark beim Rezitieren und den Musikern beim Musizieren. Damit setzt die Dichterin den Weg fort, auf Alben eher auf klassische als auf Haudrauf-Begleitung zu setzen – wenngleich sie auf diese nicht grundsätzlich verzichten mag. Musik von Anne Clark ist immer ein Gewinn, auch jenseits von Metropolis und Dunkelheit.

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Sharon van Etten – We‘ve Been Going About This All Wrong – Jagjaguwar 2022

Von Guido Dörheide (03.09.2022)

So – bevor der Herausgeber dieses Blogs wieder fragt: „Was ist mit SVE?!“ – hier jetzt die Antwort: Der Artikel über das aktuelle Album von Sharon van Etten ist endlich fertig. Hier ein kleiner Vorgeschmack, der auch wieder nicht ohne geschichtlichen Exkurs auskommt: Sharon van Etten aus aus Clinton, New Jersey (upps – das klingt wie „Schröder, Ostwestfalen“) macht Alben seit 2008 und Musik schon viel länger. Ihr erstes Album „Sharon van Etten“, veröffentlicht 2008, enthält absoluten Depri-Singer-Songwriter-Folk, zu dem selbst Nick Drake die Tränen in den Augen gestanden hätten. Das zweite Album „Because I Was In Love“ aus dem Jahr 2009 wiederholt dasselbe Trauerspiel. Wunderschön, aber nur heulend zu ertragen. Liebe muss schlimm sein.

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Wilco – Cruel Country – dBpm Records 2022

Von Guido Dörheide (02.09.2022)

Wo soll ich anfangen, wenn es um das neue Monumental-Doppel-CD-Epos „Cruel Country“ von Wilco geht? Schwierige Aufgabe angesichts der Geschichte und des Oeuvres dieser wunderbaren Band aus Chicago, Illinois, aber wie immer ist es gut, wenn man Unterstützer und gute Kumpels hat, die einem in Zeiten der Not und der Verwirrung zur Seite stehen. An meiner Seite steht mein Nähkästchen, und anstelle einer guten Einleitung zu „Cruel Country“ lasse ich dieses einfach mal quasi aus sich selbst heraus plaudern:

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Acid UFO Death Cult – חשֶׁךְ – Acid UFO Death Cult 2022

Von Matthias Bosenick (01.09.2022)

Acid. UFO. Death. Cult. Diese Wortkombination muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Acid UFO Death Cult. Das dürfte der Anwärter auf das goldene Krönchen für den Bandnamen des Jahres sein. Musikalisch wird es für das Projekt indes schwieriger, schießt sich der Römer Ali alias Mountain Hermit, der dahintersteckt, mit seinem eher anonymen Compagnon, dem ominösen Ω, doch sehr auf ein Genre ein: die klassische Two-Men-Black-Metal-Sache nämlich, und die ist ja naturgemäß nicht ganz so breitenwirksam. Das Hebräisch betitelte „חשֶׁךְ“ ist bereits das zweite Mini-Album in zwei Monaten und es heißt nicht zufällig so: „Dunkelheit“ obsiegt hier sehr, „יאוש“ wäre sicherlich nicht weniger angebracht gewesen. Dabei scheint Ali eine gehörige Portion Humor zu haben.

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Flix – Das Humboldt-Tier – Carlsen 2022

Von Matthias Bosenick (31.08.2022)

Flix alias Felix Görmann ist ja nun echt mal ein ausgezeichneter Zeichner. Was er indes nicht immer ist, ist ein ansprechender Erzähler. Das gilt für seine Adaption „Spirou in Berlin“ ebenso wie für sein neues Marsupilami-Abenteuer „Das Humboldt-Tier“. Das dicke und teure Buch ist umwerfend schön anzusehen, familiengerecht niedlich und auch mal zum Schmunzeln, aber inhaltlich eine Enttäuschung. Nur ein Jahr nach dem vergleichbar enttäuschenden, noch dickeren und noch teureren „Die Bestie“ von Pé und Zidrou ersinnt der Berliner eine weitere Mär rund um die Erst-Entdeckung des schwarzgelben Wundertiers aus dem Palumbianischen Dschungel, die André Franquin 1952 noch seinen Serienhelden Spirou und Fantasio andichtete. Die Grundideen bei Flix sind ja nicht schlecht, nur leider verliert sich diese Berlin-in-der-Weimarer-Republik-Geschichte vornehmlich in süßlich-braver Glückskindgerechtheit.

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