The Old Oak – Ken Loach – GB/F/B 2023

Von Matthias Bosenick (12.11.2023)

Die Welt ist Scheiße, und ein extrem negativer Faktor ist die Gemengelage aus Rassismus, Rechtsruck und Neofaschismus, die sich allerorts ungehemmt in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet. Die Welt könnte mit Humanismus und Solidarität ein so viel besserer Ort sein, findet auch der 87jährige Ken Loach, der zuverlässige Abbilder sozialer Themen aus linker Perspektive, und lässt ein vergessenes Kohledorf im Nordosten Englands auf die Ankunft syrischer Geflüchteter reagieren. Zentrale Personen sind der Pubwirt TJ und die Syrerin Yara, die eine Dorfgemeinschaft zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen erwirken wollen – und Loach flicht alles ein, was es an Negativität in diesem Kosmos zu berichten gibt. Und potentiell Positivem: „The Old Oak“ ist damit ein Märchen – leider.

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Gondola – Veit Helmer – D/GEO 2023

Von Matthias Bosenick (12.11.2023)

„Gondola“ dürfte ein an wortlosem Einfallsreichtum kaum zu überbietender Film sein: Zwei Seilbahn-Gondeln gondeln über ein 300 Meter tiefes Tal in den Bergen Georgiens. Die beiden isolierten Schaffnerinnen begegnen sich immer in der Mitte und gehen in einen liebevollen Wettstreit um die kreativste Art, die Aufmerksamkeit der jeweils anderen zu erregen. Die aufkeimende Romanze der beiden erfährt einen Dämpfer, als die Fluchtpläne einer der beiden offenbar werden – es erfordert von jener nun also noch mehr Kreativität, die andere von sich zu überzeugen. Alles ohne Worte – und fesselnd und unterhaltsam wie nix. Was auch an den Bildern liegt, mit denen Veit Helmer hier arbeitet, da geben Gondeln in den Wolken einiges vor. Und Helmer macht mehr draus!

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Perfect Days – Wim Wenders – J 2023

Von Matthias Bosenick (09.11.2023)

Endlich wieder Filmfest in Braunschweig, auch BIFF genannt! Und endlich auch mal wieder Filme von vertrauten Regisseuren: Den Auftakt macht Wim Wenders mit seinem Zen-Film „Perfect Days“, in dem er einen sympathischen Toilettenreiniger in Tokyo dabei begleitet, wie er beinahe wortlos seinen Alltag verbringt und sich über Kleinigkeiten freut. Bis es einigen Anlass zu abweichenden Gemütslagen gibt. Zwei Stunden Achtsamkeit in Omu mit 60er-70er-Rock-Soundtrack und auch ohne Cinemascope ansehnlichen Bildern.

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Fallende Blätter (Kuolleet lehdet) – Aki Kaurismäki – SF 2023

Von Matthias Bosenick (21.09.2023)

Wenn man sagt, Aki Kaurismäki habe mit „Fallende Blätter“ eine Liebeskomödie gedreht, trifft das im Vergleich mit den bisherigen Kaurismäki-Filmen sehr zu, dürfte aber Leuten, die gerne Liebeskomödien gucken, zu deprimierend sein – weil hier sowohl der Anteil Liebe als auch der Anteil Komödie im finnischen Kontext zu betrachten sind. Also alles wortkarg und melancholisch, aber mit einem bitterbösen Humor, unvorhersehbarer Handlung, wunderschönen Bildern und passend eingesetzten finnischen Schlagern. Ein typischer Kaurismäki mithin, mit erweitertem Spektrum.

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Barbie – Greta Gerwig – USA 2023

Von Maren Haas (30.07.2023)

Was habe ich erwartet? Ehrlich gesagt, nicht viel, aber ich hatte gehofft, dass, wenn Coming-of-Age-Regisseurin Greta Gerwig (Little Women, Frances Ha, Lady Bird…) so einen Film realisiert, so einiges an systemischen Problemen unter dem rosa Blockbuster-Zuckerguss zum Vorschein kommen würde.

Und ja, der Film ist selbstverständlich Mattel-Marketing bis zum Umkippen, Konsumkritik ist non-existent, aber die erste große Überraschung war für mich die Darstellung der (rein männlichen) Mattel-Führungsriege, die fast noch trotteliger unterwegs ist, als alle Kens zusammen.

Warner Bros. hat natürlich auch mit diesem Film in erster Linie Profit auf der Agenda, aber dafür gelingt es Barbie erstaunlich oft, einen Spagat zwischen Systemkritik und pinkem Spaß hinzulegen, der auch funktioniert. Nicht immer, aber meistens.

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Mad Heidi – Johannes Hartmann & Sandro Klopfstein – CH 2022

Von Matthias Bosenick (14.05.2023)

Es ist nicht zu übersehen: „Mad Heidi“ ist ein Film von Fans, die sich bei ihren liebsten Regisseuren und Genres bedienen und daraus einen blutrünstigen Film drehen, den sie berechtigt als Swissploitation bezeichnen. Die Schweizer Johannes Hartmann und Sandro Klopfstein finanzierten ihren Diktatur-Gefängnis-Horror-Splatter-Heimatfilm über Crowdfunding, und dadurch kam er auch einmalig in Braunschweig ins Kino, weil einer der Geldgeber, der zudem mehrfach als Komparse in Erscheinung tritt, ihn bei sich zu Hause unbedingt auf großer Leinwand zeigen wollte. Ergebnis war ein großes Fest im Kino. Der Film selbst ließ bei allem Heidispaß, den die Macher an ihrem Unsinn hatten, jedoch einiges vermissen: mehr Dynamik, abwechslungsreichere Kamera, spritzigere Dialoge und eine eigene Handschrift über den Zitatereigen hinaus. Der Abend war trotzdem der Gipfel!

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Suzume (すずめの戸締まり) – Makoto Shinkai – JP 2022

Von Matthias Bosenick (12.04.2023)

Was für ein Ritt! Zwei Stunden dicht gepacktes Anime: Die Schülerin „Suzume“ entlässt versehentlich einen extrem zerstörerischen Wurm in die Welt und versucht nun, dem von einer sprechenden Katze zu einem dreibeinigen Holzstuhl verfluchten Souta dabei zu helfen, die Portale in die Welt der Toten zu verschließen, aus denen dieser feurige Wurm entfleucht. Ja, man muss sich auf Dinge einlassen, die in Japan offenbar zur Normalität gehören. Es lohnt sich, denn Makoto Shinkais „Suzume“ ist Coming-of-age, Roadmovie, Katastrophenfilm, Familiendrama, Mystik, Humor, Verantwortung, Abenteuer, Trauer, persönliche Entwicklung und überhaupt ganz großes Kino – und verdammt nochmal Zeichentrick, und das sehr dicht an der Realität.

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Die drei ???: Erbe des Drachen – Tim Dünschede – D 2023

Von Matthias Bosenick (27.01.2023)

Satte 14 Jahre vergingen seit dem letzten Film über die drei Juniordetektive aus Rocky Beach, da hat sich in Sachen Filmproduktion, Dramaturgie, Script und so auf Seiten der Filmhersteller sowie in Bezug auf Narration bei den Geschichtenschreibern sicherlich sehr viel getan, da muss ein dritter Film über Die drei ??? im Jahre 2023 doch ein Oberknaller werden – oder? Und wenn schon der Hintergrund mit Justus, Peter und Bob vielleicht eher willkürlich eingebettet ausfallen sollte wie bei den Filmen davor und die Visualisierung von etwas seit Jahrzehnten in Buch und Hörspiel Etabliertem grundätzlich keine leichte Aufgabe ist, dann ist „Erbe des Drachen“ wenigstens ein mitreißender Jugendfilm voller Abenteuer, Spannung, Action und Special Effects, etwa wie bei den „Goonies“? Nein? Nichts davon? Aber warum nicht?

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Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Best-of gestorben in Film und Serien

Von Onkel Rosebud

Das Jahresende und die damit verbundenen Rückblicke bringen es allenthalben mit sich, dass Listen angefertigt werden. Beliebt sind Klassifizierungen nach peinlichstem Lieblingslied, bestem Konzertbesuch, Ereignis sowieso etc. Nach der Wende war ich jahrzehntelang eigentlich nur deshalb Abonnement-Inhaber der Zeitschrift Spex, weil das legitimierte, jeweils im November am Leser-Poll teilnehmen zu dürfen. Im Freundeskreis brachte mir das den Spitznamen „30-Jahrgänge-Spex-Onkel“ ein, weil ich bis heute keine Ausgabe der ehemaligen Popkultur-Illustrierten wegschmeißen kann. Und wenn mal wieder ein Umzug anstand, verstanden meine Kumpels, dass die vielen Schallplatten alle mitmüssen, aber für die Kisten mit dem Subkultur-Magazin hatten sie kein Verständnis.

Das Privileg, Autor dieser Kolumne zu sein, rechtfertigt deshalb die eigentlich völlig unnütze Veröffentlichung meiner persönlichen Top-10-Hitliste aus der Rubrik „Populäre Charakter-Tode in Film und Serien“. Weil ich es kann. Los geht’s:

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Decision To Leave (헤어질 결심) – Park Chan-wook – Südkorea 2022

Von Matthias Bosenick (11.11.2022)

Filmfest in Braunschweig! Da läuft „Decision To Leave“, der neue Film von Park Chan-wook, schon vor dem Bundesstart. Der einst Gewalt so unmittelbar auf die Netzhaut drückende Regisseur fährt hier Sex und Brutalität zurück, um eine Geschichte zu erzählen, die im Verlauf mehrmals das Genre wechselt: von humorigem Polizeifilm zu einem Ermittlungsthriller zu einem Liebesdrama. Wundervoll komponierte Bilder, psychedelische Bildwechsel und höchst interessante Charaktere fesseln fast zweieinhalb Stunden lang, bis die Geschichte zuletzt jedoch im Sande verläuft. Dennoch verlässt man das Kino mit bemerkenswerten Eindrücken im Kopf.

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