Toundra – Das Cabinet des Dr. Caligari – Inside Out/Sony 2020

Von Matthias Bosenick (19.11.2020)

Da kann man ganz tief abtauchen und entspannen, eine Wohltat in diesen Zeiten. Die spanischen Instrumental-Postrocker Toundra nehmen auf diesem angenommenen Soundtrack zu dem nun genau einhundert Jahre alten Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ dem Postrock auf weiten Strecken das Schlagzeug und legen den Fokus mehr auf das genretypische wavige Gitarrendudeln. Nach den rockigen Alben „(IV)“ und „Vortex“ sowie insbesondere dem emotional überwältigenden Exquirla-Projekt war dieser Rückzug ins Leise nicht zu erwarten, gefällt aber bestens, sobald man sich darauf einlässt, den Weg mitzugehen. Ein gottlob kitschfreier Höhepunkt der anstehenden Jahresbestenlisten.

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Dan Yell – Hirnfick, Scheusal & ich – Dan Yell 2020

Von Matthias Bosenick (18.11.2020)

Nach der Lektüre dieses Büchleins hätte der Rezensent dem Autoren davon abgeraten, es zu veröffentlichen. In „Hirnfick, Scheusal & ich“ macht Dan Yell seine Sicht auf eine toxische Beziehung zu einem anderen Punkmusiker öffentlich und legt sein Inneres offen. Für ihn ist es Verarbeitung, für den Genannten womöglich Provokation sowie für den Leser eine Art Brief mit der Nacherzählung der Geschichte und einer von sehr vielen Varianten, mit so etwas umzugehen – jedoch nicht in aller Augen die beste. Als psychologisches Lehrstück für die subjektive Auseinandersetzung mit Mobbing ist es passabel, als Hilfestellung nur bedingt. Dem Büchlein liegt wahlweise eine CD oder ein Tape mit der Punk- und Wave-Musik bei, die im Text Erwähnung findet.

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Ermes|Harms – Fingerhut – Sireena 2020

Von Matthias Bosenick (13.11.2020)

Vom Gothic Rock zum Ambient, so geht das mit den abgelegten Scheuklappen: Ein Doppel-Album veröffentlichen Axel Ermes und Hauke Harms, mit eher beatlosem Ambient auf der ersten und entfernt den Industrial anvisierendem Electro auf der zweiten CD. Die Einflüsse ihrer ehedem gemeinsamen Band Girls Under Glass lassen sich hier nicht zwingend heraushören, nicht einmal der Umstand, dass einige der Aufnahmen bis ins Jahr 1989 zurückreichen – für diese Sammlung plünderten Ermes|Harms ihre in 30 Jahren und über 20 Sessions angehäuften Archive und belegen, wie zeitlos solch eine vorwiegend analog generierte Entspannungsmusik doch sein kann.

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Goethes Erben – Flüchtige Küsse – Dryland Records 2020

Von Matthias Bosenick (12.10.2020)

Wer alles von Goethes Erben hat, hält einen sehr variablen musikalischen Schatz in den Händen: Zwei Jahre nach dem eher bandorientierten Album „Am Abgrund“ überrascht Oswald Henke, einzig konstanter Kopf der Erben, mit der klassisch instrumentierten Live-Doppel-LP „Flüchtige Küsse“ mit ausschließlich neuen Stücken. Henkes Lyrik – der Bandname kommt schließlich nicht von Ungefähr – ist darauf ausschließlich von Flügel und Cello begleitet. Seine Mitmusiker wählte der Dichter mit bedacht: Man hätte nicht gedacht, dass derartig reduziert gestaltete Musik so voluminös und dicht klingt. Und: Der ansonsten für sein rezitatives Sprechen gefeierte Henke singt! Gelegentlich.

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Ben Aaronovitch – Ein weißer Schwan in Tabernacle Street (False Value) – DTV 2020

Von Matthias Bosenick (09.11.2020)

Hat er gut gemacht! In den vergangenen fast zehn Jahren schien es, als habe Ben Aaronovitch zuletzt das Ziel verfolgt, so viel wie möglich aus seiner zum Kult erhobenen „Die Flüsse von London“-Serie um den Zauberpolizisten Peter Grant herauszuquetschen, koste es, was es wolle, und seien es Qualität oder Verständlichkeit. Im achten Band der Reihe hat er sich offenbar wieder gefangen: Die Story ist nachvollziehbar, die Nebenhandlungen fügen sich in die Hauptgeschichte ein und lenken nicht von ihr ab, die Vorbereitung auf die Lösung schließt etwas Neues mit ein und die ausreichend diffuse Lösung ist dann doch nicht vorhersagbar. Inklusive Humor und Ermittlungsarbeit ist alles drin, was man sich wünscht. Nur der Preis ist frech, aber dafür kann Aaronovitch wohl weniger.

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Erasure – The Neon – Mute 2020

Von Matthias Bosenick (26.10.2020)

So neonbunt, wie Erasure ihr neues Studioalbum selbst anpreisen, ist es gottlob gar nicht ausgefallen: Ein fröhlicher Kontrapunkt zu düsteren Zeiten soll es sein, und die Helden des Sythiepops der Achtziger wären dies nicht, wenn sie auch damals schon nur fröhliche Musik gemacht hätten. Dem guten Synthiepop liegt immer ein gerüttelt Maß an Melancholie inne, und so verhält es sich mit „The Neon“ auch, und das steht dem englischen Duo einfach mal so richtig gut. Kein Retroalbum, kein cheesiges Fremdschämen, nicht mal House oder aktuelle Chartselemente, einfach Erasure ohne Schnickschnack, mit entspannten Sounds und einnehmenden Melodien; allerdings wären ein paar mehr mutige Experimente schick gewesen.

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Spezial: addicted/Noname Label aus Moskau, Teil 6

Von Matthias Bosenick (23.10.2020)

Drei Veröffentlichungen empfehlen die Freunde vom Moskauer Label addicted/No Name dieses Mal: „Бельмо“ alias „Nebula“ von Бром, Free Jazz mit dem Willen, den Jazz noch freier zu gestalten, das spacige Mini-Album „Гелиакические восходы Сириуса“ der Schauspielerin Inna Pivars und ihrer Band The Histriones, das auf den Spuren Syd Barrets und des französischen Chansons hippiesk ins All dreht, sowie die EP „Прелюдия“ des Trios Рудольф, das in der Besetzung Schlagzeug, Bass und Plattenspieler unerhörten Lärm macht.

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Akasha Project – Einsteigen, bitte … – Akasha Project 2020

Von Matthias Bosenick (22.10.2020)

Einen Spagat zwischen einst und jetzt macht der Braunschweiger Barnim Schultze mit seinem jüngsten Studioalbum „Einsteigen, bitte …“: Mit den Mitteln seiner gegenwärtigen Ambientalben und auf deren wissenschaftlicher Grundlage generiert er vier Tanztracks wie zu Anfangszeiten seiner Arbeit unter dem Alias Akasha Project, als er sich in Goa und Psy-Trance einen Namen machte. Das passt gut, denn auch in seinen Liveperformances und den Ambientalben bringt er gern tanzbare Elemente unter; diese nun einmal wieder in den Vordergrund zu bringen, ist nur konsequent. Damit bestätigt sich der Braunschweiger musikalisch als der bessere Querdenker.

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Dizzy Mizz Lizzy – Alter Echo – Columbia 2020

Von Matthias Bosenick (21.10.2020)

Was kommt nach dem jugendlichen Sturm und Drang, wenn dieser bereits 25 Jahre zurückliegt? Schwermut, Wehklagen und ein gewisser Starrsinn? Dizzy Mizz Lizzy klingen auf ihrem vierten Album, dem zweiten nach zwei Jahrzehnten Studiopause, im Grunde wie früher, nur: nicht mehr so komplex, nicht mehr so latent heavy auf den Punkt gespielt, dafür raumgreifend, man könnte sagen: kitschig, und schmerzvoll, man könnte sagen: jammernd. Ihren unterschwellig progressiven Indierocksound haben sie beibehalten, man erkennt das Dänische Trio also allein am Sound sofort wieder. Doch als so richtig erforderlich empfindet man „Alter Echo“ leider nicht, es wirkt wie unter Zwang eingespielt.

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Vintermørke/Mountain Hermit – Una Faccia, una Razza – Mountain Hermit 2020

Von Matthias Bosenick (19.10.2020)

Das geht weit zurück in die Anfänge des Black Metal, zeitlich nach Venom und örtlich nach Norwegen: Nicht ohne Grund nennt der griechische Musiker Paranøia sein Projekt Vintermørke, was Norwegisch oder Dänisch für Winterdunkelheit ist. Für diese EP schließt er sich mit dem italienischen Projekt Mountain Hermit alias Ali zusammen: „Una Faccia, una Razza“ ist ein unproduziertes Drei-Track-Gebräu aus Tempo, Gekeife, Atmosphäre, Roheit und Humor. Abwechslungsreich und anstrengend, also herausfordernd. Und mit Orgel.

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