The Angels‘ Share – Ken Loach – GB/F/B/I 2012

Von Matthias Bosenick (24.10.2012)

Wenn Ken Loach eine Komödie dreht, dann nicht ohne die bittere, knallharte Realität. In „The Angels‘ Share“ lässt er schottische jugendliche Verbrecher den teuersten Whisky der Welt stehlen, um davon ein neues Leben ohne Verbrechen beginnen zu können. Auch ein Realist wie Loach hat Sehnsucht nach der heilen Welt; nur ein Bruchteil der Welt in „The Angels‘ Share“ indes ist heil und hoffnungsvoll, und nur der Kontrast zur unkontrollierten Gewalt lässt diesen Bruchteil am Ende umso heller straheln und beim Betrachter als positiven Sozialisierungs-Erfolg durchgehen. Wie gewohnt punktet Loach mit von der Straße weg gecasteten Darstellern und einer schlüssigen Geschichte.

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Neneh Cherry & The Thing – The Cherry Thing – Smalltown Supersound 2012

Von Matthias Bosenick (10.10.2012)

Das ist das wahrscheinlich ungewöhnlichste und besonderste Album des Jahres. Neneh Cherry, die mit ihren Hits in allen möglichen Musiksparten mit dem Suffix Hop bekannt ist, springt in eine Richtung weiter, mit der man auch mit dem Wissen um ihre Post-Punk-Vergangenheit nicht rechnet: Free Jazz. Die schwedische Indianerin verbrüdert sich mit dem schwedisch-norwegischen Free-Jazz-Trio The Thing und covert munter noch viel unerwartetere Songs. Das noch viel ungewöhnlichere daran ist, dass das Album fantastisch geworden ist.

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Serge Roon – Leseprobe 1 – Independent Medien Produktion 2012

Von Matthias Bosenick (08.10.2012)

„Leseproben“ bietet uns Serge Roon in Form einer CD mit Buch oder eines Buches mit CD (das eine bildet zwar das andere ab, aber es gibt marginale bis einschneidende Unterschiede) an, ganz überraschend und aus heiterem Himmel. Denn als Autor trat er bislang nie in Erscheinung; Gäste des Café Riptide im Braunschweiger Handelsweg kennen ihn als Nachbarn mit Antiquariat und wissen ihn als konstruktiv streitbaren Philosophengeist zu schätzen. Es ist mehr über ihn als von ihm persönlich bekannt, und selbst das Wissen über ihn beschränkt sich darauf, dass von einer Theatervergangenheit gesprochen wird. Umso überraschender, bisweilen erschreckender ist die Tatsache, wie offenherzig autobiographisch Serge Roon in seinen Texten nun ist. Das, ein hohes Maß an gestalterischem Intellekt und die Technik, dass die Inhalte mehrschichtig versetzt montiert sind, eint die vier vorliegenden Texte. Ansonsten könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Der erste ist eine augenzwinkernde Betrachtung über das bei weitem nicht augenzwinkernde Thema Einsamkeit, der letzte das Dokument eines experimentellen schriftstellerischen Selbstversuchs. Man hört und liest, wie wichtig Serge Qualität ist; indes werden die Texte im Verlaufe schwieriger zugänglich.

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Axel Klingenberg, Wenke Lange, Ole Schulz-Weber (Hg.) – Bohlweg-Zeiten: Die 80er in Braunschweig – Verlag Andreas Reiffer 2012

Von Matthias Bosenick (04.10.2012)

Ein Riesenspaß: Weil Ole Schulz-Weber einen Stapel alter Fotos aus seiner Braunschweiger Subkultur-Jugendzeit auf dem Dachboden fand, einscannte und auf Facebook teilte, schlossen sich unerwarteterweise Dutzende weiterer Indie-Nostalgiker an und kramten in ihren Archiven und bisweilen vernebelten Gehirnen nach Devotionalien der 80er, wie sie nicht in jedem Geschichtsbuch stehen oder Revivalshow zu sehen sind. Andreas Reiffer nun lässt die Herausgeber neue Geschichten und viele der Fotos in diesem Buch bündeln. Für die Dabeigewesenen ist dieses Alternativ-Manifest wie ein altes Poesiealbum, für die Zuspätgeborenen oder -dazugezogenen ein famoses Nachschlagewerk. Zwei Begriffe fallen in den zuallermeist vortrefflichen Texten ganz besonders häufig: La Pétite Mort (Name einer Band, von der bis vor kurzem niemand mehr sprach) und FBZ (Name des Veranstaltungsortes, den die Stadt 2002 schloss und nach dessen Neu- oder Wiedereröffnung die Rufe immer lauter werden).

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Devin Townsend Project – Epicloud – InsideOut/EMI 2012

Von Matthias Bosenick (04.10.2012)

Devin-Fans brauchen dieser Tage ganz viel Geld. Zum einen wegen der verschiendenen Versionen des neuen Devin-Townsend-Project-Albums „Epicloud“, zum anderen wegen der vier vorherigen Project-Alben, die es in zwei verschiendenen Boxformen gibt. Indes: Die Frage, ob sich Devins Alben noch lohnen, nachdem er seine manische Depression überwand und sich in der Folge musikalisch zu geringerer Komplexität veränderte, stellt sich ja auch noch. Die Antwort muss nüchtern ausfallen: Fans bekommen mit „Epicloud“ zwar etwas durchaus Tolles, Gelegentlich-Hörer sind mit diversen älteren Alben allerdings deutlich besser bedient.

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Holy Motors – Leos Carax – F/D 2012

Von Matthias Bosenick (30.09.2012)

Einen Film wie „Holy Motors“ hat es vermutlich wirklich noch nie gegeben: Er ist kein Film mit einer stringenten Geschichte; dafür mit einem Dutzend Geschichten, die in sich schlüssig sind, aber in keinem Zusammenhang zueinander stehen, bis auf den, den Carax erfand, um aus seinen kleinen Skizzen einen Gesamt-Film zu machen: Er lässt einen Mann, M. Oscar (Denis Lavant), in einer Stretchlimo durch Paris fahren, sich verkleiden und als jeweils anderer Charakter die verschiedenen Geschichten erleben. Im Verlauf trifft M. Oscar überraschend auf andere Realitäten-Darstellende; die im Film tatsächliche Realität ist jedoch nicht so einfach zu entschlüsseln, und wenn man Anfang und Ende betrachtet, erscheint „Holy Motors“ gar wie eine Abrechnung mit dem zeitgenössischen Kino. Die Geschichten sind dabei mindestens nachdenklich, manchmal (optische) Fingerübungen, stets dunkel und so gut wie nie positiv. So ist „Holy Motors“ zwar absolut sehenswert, aber einmal reicht wahrscheinlich.

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Bob Dylan – Tempest – Smi Col/Sony 2012

Von Matthias Bosenick (20.09.2012)

Boby Dylan ist leider kein Musiker für Jedermann. Das liegt aber nicht an Bob Dylan, sondern an denen, die über ihn schreiben und sprechen, die ihn und sein Oeuvre wie Wissenschaftler betrachten und nicht wie Musikfans. Sie erzeugen ein öffentliches Bild von ihm, das ihn dergestalt überhöht darstellt, dass sich vergleichsweise normal an Musik Interessierte nicht an seine Alben herantrauen. Als Unwissender kann man sich zu ihm nur falsch äußern, man kann ihn nur nicht oder missverstehen, gemessen an dem, was die Dylanonolgen so interpretieren. Schlimmstenfalls heißt es dann nur: Die Stimme ist scheiße, Mundharmonikaspielen kann er auch nicht. Mit dieser sehr wahren Betrachtung entzieht man sich berechtigt der intellektuellen Diskussion – und verpasst doch etwas Gutes. Denn man kann zu Dylan-Musik auch prima tanzen.

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Pet Shop Boys – Elysium – Parlophone/EMI 2012

Von Matthias Bosenick (18.09.2012)

Die Pet Shop Boys können Balladen, gar keine Frage. Mit vernünftigen stillen Songs lockerten sie immer wieder ihre Alben auf, oftmals taugten sie sogar zum Singlehit, etwa „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“. Ansonsten schätzte man die Pet Shop Boys für ihre intelligente Tanzmusik und ihre einfallsreichen Soundkreationen. Wenn nun aber ein ganzes Album nur noch aus sachten Balladen besteht, in deren Abfolge sich ein, zwei Uptemponummern schmuggeln, wird es zweifelhaft. Wie auf ihrem neuen, erst elften Album „Elysium“.

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Phillip Boa And The Voodooclub – Loyalty – Cargo Records 2012

Von Matthias Bosenick (17.09.2012)

Das kann er, der Dortmunder Ernst Ulrich Figgen: Hymnen schreiben, sie selbst gleich singen oder von Pia Lund singen lassen, interessante Arrangements zusammenstellen, kurz: gute Musik im wiedererkennbaren Stil machen. Sein 17. Album „Loyalty“ bestätigt das. Schon immer schimmerte bei dem als Phillip Boa Bekannten der pure Pop unter seinem Indierock durch, oder anders: Boas Vorstellung von Pop war schon immer eher schräg. Auf „Loyalty“ nun fährt er das Schräge zugunsten des Gefälligen zurück, bleibt dabei aber grundsätzlich er selbst.

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Müller & die Platemeiercombo – Live auf dem Alvar-Aalto-Kulturhaus, Wolfsburg, am 28. August 2012

Von Matthias Bosenick (29.08.2012)

Vor 50 Jahren eröffnete die Stadt Wolfsburg das vom finnischen Star-Architekten Alvar Aalto entworfene Kulturhaus inmitten der Porschestraße. Mit dem „Aalto-Festivaali“ erinnert die Stadt in diesem Jahr daran und veranstaltet ein kunterbuntes Brimboriun, im Rahmen dessen die Lokalhelden Müller & die Platemeiercombo – erklärte Lieblinge der Zuständigen – auf der nach langer Zeit wiedergenutzten und wegen der Band gut gefüllten Dachterrasse des Alvar-Aalto-Kulturhauses spielten. „Passend und angemessen“ fand das Bandchef Müller, der zu Jugendzeiten regelmäßiger Gast der im Kulturhaus residierenden Bibliothek gewesen war und sich Bücher und Platten ausgeliehen hatte. Open Air in diesem Sommer ist ja erfahrungsgemäß ein Wagnis, doch der zunächst verregnete Himmel klarte im Verlauf des stimmungsvollen Auftritts auf und gab den Blick auf einen sich wundervoll verfärbenden Nachthimmel frei.

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