Pottzblitz – Geschichten aus der verbotenen Stadt – Blaulicht-Verlag 2012

Von Matthias Bosenick (26.08.2012)

Jetzt gibt es den für das Hannoveraner Internet-Journal „Langeleine.de“ gestaltete Online-Comic endlich auch als Buch. Damit fällt der Comic vielmehr in die Kategorie Graphic Novel. Ohne Worte erzählt Pott die Geschichte eines Mannes, der seine Frau nicht nur an den Alkohol verliert und dann vereinsamt. Zumindest ist das ein Teil dessen, was er abbildet. Nicht textet: Die 24 Episoden kommen komplett ohne Worte aus. Das lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu und Fragen offen, etwa die, weshalb Elemente der Geschichte sich wiederholen – oder gleich rückwärts laufen. Die Bilder sind im für Pott typischen Stil gestaltet, in Schwarz, Weiß und Blau, mit dicken Linien, vielen Details, gestempelten Versatzstücken und den in seinem Werk immerzu auftauchenden Figuren wie den Affen, dem traurigen Roboter und diversen Monstren. Auch ohne Worte ist das Buch nicht einfach durchzugucken: Man sollte es zweimal nacheinander betrachten, und das sehr konzentriert.

Weiterlesen

Gerald Fricke – Dienstanweisung Internet; Frank Bröker – Eishockey; Frank Schäfer – Being Jimi Hendrix – Verlag Andreas Reiffer 2012

Von Matthias Bosenick (26.08.2012)

Gleich drei neue Bände der „Edition Wissenswertes“ veröffentlicht Andreas Reiffer in seinem Verlag: „Dienstanweisung Internet – So funktionieren Aktenordner, Telefon, Facebook & Co.“ von Gerald Fricke, „Eishockey – Das Spiel, seine Regeln und ein Schuss übertriebene Härte“ von Frank Bröker und „Being Jimi Hendrix – Ein Essay“ von Frank Schäfer. Gemein indes haben sie lediglich das von Patrick Schmitz gestaltete Titelbild – darüber hinaus könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Fricke entblößt vermeintliche soziale Netzwerke in lockeren Lexikoneinträgen, Bröker erklärt detailgetreu die Sportart mit allem, was dazugehört, und Schäfer erzählt die kurze Lebensgeschichte des Gitarrensounderneuerers aus Seattle mit hilfreichen Blicken abseits des Sujets.

Weiterlesen

Prometheus – Ridley Scott – USA 2012

Von Matthias Bosenick (24.08.2012)

Ein waschechtes B-Movie: unlogische Handlung, löchriges Drehbuch, miese Dialoge, stereotype Charaktere – aber sehenswerte Effekte, insbesondere in 3D. Das wäre ja soweit alles noch okay, wenn es sich bei dem vorliegenden Film nicht um „Prometheus“ handelte, das Quasi-Prequel zu „Alien“, dem dieser Film ganz und gar nicht gerecht wird.

Weiterlesen

Altstadtfest Salzgitter-Bad, 15. Juli 2012, mit Epitaph, Guru Guru, Birth Control

 
 

Von Michael „Schepper“ Schaefer (08.08.2012)

Moin,

für das altbekannte Altstadtfest in Salzgitter hatte man sich dieses Jahr etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Es wurden gleich drei klasse Bands aus den guten alten 70er Krautrockjahren eingeladen, um den sonst so „sweethomeknockingonhöllehöllehölle“-vergewöhnten Stammpublikum mal richtige Musik näher zu bringen.

Weiterlesen

Tom Jones – Spirit In The Room – Island/Universal 2012

Von Matthias Bosenick (08.08.2012)

Späte Werke alter Musiker! Seit der „American Recordings“-Serie von Johnny Cash haben Konsumenten besondere Erwartungen daran und sehen uncool gewordene Musiker in einem Stilwechsel eine Chance für einen neuen Hype. Manche so banal, dass sie schlichtweg das Konzept von Johnny Cash kopieren, wie Willie Nelson oder Gunter Gabriel, letzterer zumindest mit der Transferleistung, das Ganze auf Deutsch zu machen. Chris Rea wiederum nutzte das Ende seines Plattenvertrags zu einem Befreiungsschlag und machte statt Radiogedudel glaubwürdigen Blues. Dann gibt es noch die, die kontinuierlich sie selbst geblieben sind und ihr Gesicht nie verloren haben, somit ohnehin nie uncool wurden, wie Patti Smith oder Bob Dylan. Oder die Orientierungslosen, von denen nur jedes fünfte bis siebte Album gut ist, wie Neil Young. Ganz schlimm die Uncoolen, die es niemals versucht haben, etwas zu ändern, und auf Lebenszeit langweilen oder nerven. So dicht am Cash-Konzept und doch so eigenständig wie Tom Jones seit „Praise & Blame“ ist aber kaum jemand.

Weiterlesen

Alien Sex Fiend – Live im K17 in Berlin am 26. Juli 2012

Von Matthias Bosenick (28.07.2012)

Zeit spielt absolut keine Rolle bei Alien Sex Fiend. So etwas wie Zeit gibt es nicht, keine Relation, kein Fortschreiten, keine Begrenzung. Die Engländer feiern das 30jährige Bestehen ihrer kleinen Band aus dem Batcave mit einer Best-Of-Tour. 30 Jahre? Viele Gothics, Gruftis, Batcaves und sonstige Indie-Fans wissen oft gar nicht, dass es Alien Sex Fiend überhaupt noch gibt, denn die kreative und intensive Hochzeit der Band ist heute doppelt so lange her, wie sie gedauert hat. Entsprechend deckte die Band auch ihre Setlist ab: Alle zehn Stücke stammten aus den ersten zehn Jahren. Und nochmal zeitlos: Zehn Stücke in einer Stunde und 50 Minuten bei einem kurzen und knackigen „R.I.P.“ dazwischen macht satte zwölf Minuten Spielzeit pro Song, besser: pro tranceartig aufgeschichtetem Kunstwerk. Von vor 30 Jahren stammte auch die Bühnendeko: Wie auf dem Cover des Debütalbums „Who’s Been Sleeping In My Brain?“ hingen Spinnenwebenfetzen von der Decke, dazu standen einige von Nik Fiend entstellte Schaufensterpuppen und eine Mülltonne auf der Bühne herum. Die Tonne nutzte Nik Fiend häufig dazu, sich während seiner Stimmbeiträge auszuruhen. Mrs. Fiend bediente die anfällige Technik. Außer den wahrhaftig lustigen Eheleuten Fiend spielte noch ein Metzger im blutüberströmten Kittel Gitarre und fummelte ein Frisör im unbesudelten Kittel an technischen Geräten herum. Mehr brauchte es nicht, um das volle K17 glücklich zu machen und zum Wogen und Pogen zu bewegen.

Weiterlesen

Modern Cubism – …tout le firmament autour – Emmo.biz 2012

Von Matthias Bosenick (20.07.2012)

Während sich also eines der bei Front 242 für die Musik zuständigen Bandmitglieder bei Nothing But Noise austobt, singt einer der Sänger eben auch anderswo. Jean-Luc de Meyer tobt sich aus, wo er nur kann, und er kann viel. Ein Projekt wie 32Crash könnte er sich zwar beinahe sparen, aber dafür mit anderen Projekten wie C-Tec oder Cobalt 60 mal wieder aktiv werden. Nicht auf dem Schirm hat der geneigte Fan indes das Projekt Modern Cubism, mit dem de Meyer 2008 das Album „Les plaintes d’un Icare“ und 2009 die Live-CD „Live Complaints“ veröffentlichte. Eine sträfliche Vernachlässigung, denn die Alben sind großartig, und nicht minder großartig ist, dass de Meyer und sein Compagnon Jean-Marc Mélot dieser Tage ganz überraschend ein zweites Studioalbum nachlegen, mit formidablem, latent dunklem Elektropop und Texten des belgischen Dichters Norge (Georges Mogin).

Weiterlesen

Gojira – The Flesh Alive – Rough Trade 2012; Gojira – L’enfant sauvage – Roadrunner 2012

Von Matthias Bosenick (15.07.2012)

Da jubelt das Herz. Man entdeckt eine bereits etablierte Band für sich neu, von der man über Umwege hörte, kauft sich blind eine Live-Doppel-DVD, und sofort, ab dem ersten Ton, ist man mittendrin und hat das Gefühl, das schon immer gewesen zu sein. Die Musik von Gojira ist vertraut, von vorn bis hinten, und man weiß gar nicht, warum es einem so geht, schließlich kann man sie nicht kennen. Gojira ist eine Band aus Frankreich, die Metal macht, und zwar progressiven Death und Thrash Metal. Anders als andere eher schwer zugängliche Vertreter dieser Mischung lassen Gojira Strukturen zu, die sie dem Pop entnehmen, und mischen sie mit ihrer metallenen Vision. Die Rechnung geht aber sowas von auf. Und Joe Duplantier hat aber auch eine geile Stimme. Und überhaupt ist alles an Gojira vertretbar.

Weiterlesen

Marc Fischer – Die Sache mit dem Ich – KiWi 2012

Von Matthias Bosenick (11.07.2012)

Die Sache mit dem Journalismus. Wie groß die Spannweite in Sachen Stil, Sprachqualität, Basiswissen und dergleichen mehr sein kann, zeigt der Blick auf Medien wie Bild, Du, Zillo, Mare oder ein beliebiges Stadtmagazin. In den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren hat sich da eine Menge verändert: Journalist kann jetzt – wie Musiker – jeder werden, gedruckt wird, was der Willfähige liefert, und gleichzeitig öffnete sich der Hochjournalismus für Mischformen. Marc Fischer bediente diese Mischform, wenn er sie nicht sogar im deutschen Sprachraum erzeugte. Vor seinem Freitod stellte der Weltenbummler eine Sammlung ausgewählter Reportagen zusammen, die jetzt als „Die Sache mit dem Ich“ erscheint.

Weiterlesen

Wolfsburg – Die Stadt/The City – Joachim Altschaffel 2011

Von Matthias Bosenick (08.07.2012)

Ein Film über Wolfsburg. Was soll da schon zu sehen sein, denkt man als Auswärtiger, wie interessant soll bitteschön eine Stadt wie Wolfsburg sein, ausgerechnet Wolfsburg. Selbst Wolfsburger neigten bis zuletzt dazu, ihre Stadt mit brutaler Wortgewalt zu verteidigen, weil sie wussten, dass es eigentlich um nichts geht. Wolfsburg, mitten in Ostfalen, einem Landstrich, dessen Bewohner nicht eben offen und zugänglich sind. Wolfsburg, eine Stadt, die sich über einen einzigen Industriezweig und nur einen einzigen Arbeitgeber definiert. Hat. Denn wie im Ruhrgebiet findet auch in Wolfsburg der Wandel statt: Seit dem ausgehenden zweiten Jahrtausend begreift Wolfsburg sich nicht nur als Autostadt und der Wolfsburger sich nicht nur als Arbeiter. Wolfsburg öffnete sich für Kultur, Architektur, die erste Fußball-Bundesliga und den Tourismus. Der Wolfsburger ist es inzwischen gewohnt, von neugierigen Fremden umringt zu sein, und fasst etwa die Italiener, die als erste Fremde vor 50 Jahren zum Arbeiten kamen und bis heute blieben, schon längst nicht mehr als Fremde auf. Wolfsburg ist interessant, ideenreich und schön. Und Joachim Altschaffel zeigt das mit dieser DVD.

Weiterlesen