Fraktus – Millenium Edition – Staatsakt 2012

Von Matthias Bosenick (19.11.2012)

Natürlich ist „Millenium Edition“, stilecht mit falsch geschriebenem lateinischen Jahrtausend, kein gutes Album im musikkritischen Sinne. Dafür ist es zu sehr Witz, das aber auf einem wiederum hohen musikalischen Niveau, wie es die drei Studio-Braun-Mitglieder Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger in ihrer langjährigen Karriere auch hinter grobem Unfug versteckt immer wieder unter Beweis stellten. Diese Wiedersprüchlichkeit unterscheidet den Studio-Braun-Witz von Comedy, also fast dem ganzen Rest der deutschsprachigen humorschaffenden Welt. Und Widerspruch als solcher ist auch der Kern dieser Veröffentlichung, die den Film „Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ begleitet.

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Neurosis – Honor Found In Decay – Neurot Recordings/Cargo 2012

Von Matthias Bosenick (19.11.2012)

Unbestritten sind Neurosis der Impulsgeber für viele, wenn nicht sogar alle Bands, die seit Mitte der 80er irgendeine Musikrichtung wie Sludge Metal, Post Rock, Doom Metal, Slow Core, Dark Ambient, was auch immer spielen. Also: irgendwie heavy, aber schleppend, repetetiv, malmend, brachial, brutal, und doch mit filigranen Einsprengseln durchsetzt. Neurosis rammten Monolithen in die Musiklandschaft – und da wundert es schon, dass das zehnte Album „Honor Found In Decay“ so widerhakenlos am Hörer vorbeidröhnt.

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Inuk – Mike Magidson – F/DK 2012

Von Matthias Bosenick (12.11.2012)

Ein reiner Film aus Grönland ist „Inuk“ gar nicht, wie es der erste Anschein erweckte: Das Filmteam stammt aus Frankreich, der Regisseur – trotz skandinavischen Namens – aus San Francisco. Was man auch merkt, so sehr, wie der Soundtrack kleistert. Aber es geht ja um die Bilder, und die sind, der kostengünstigen Handkamera zum Trotz, mindestens beeindruckend. Es macht sich bemerkbar, dass dem Film eine Dokumentation zugrunde liegt, denn die Handlung als solche ist wahrhaft schmal. Adoleszenz in der Grönländischen Realität im Kontrast zum kulturellen Erbe ist das Thema. Den Grönländischen Anteil am Film machen die vor Ort gecasteten Laiendarsteller aus, vor deren Arbeit man Respekt haben muss. „Inuk“ ist insgesamt eher „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ als „Atanarjuat“.

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Camera Shy – Mark Sawers – CDN 2012

Von Matthias Bosenick (07.11.2012)

Die Idee ist so großartig und so naheliegend, dass man sich wundert, dass sie vorher noch niemand hatte. Nicht nur das: Das Drehbuch bleibt konsequenz und zieht mit allen erdenklichen möglichen Folgen bis zum Ende durch. Der ganze Film ist eine durchgehende Meta-Geschichte: Ein korrupt werdender Stadtrat aus Vancouver glaubt infolge einer Psychose, immerzu von einem Kameramann gefilmt zu werden. Der Clou daran ist, dass der Zuschauer den Film aus der Sicht des imaginären Kameramanns sieht. Und hämisch grinsend verfolgt, wie der Politiker Zug um Zug sein ganzes Leben versaut. Großartig.

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Gojira – Live im Pumpehuset in Kopenhagen am 2. November 2012

Von Matthias Bosenick (05.11.2012)

Als ich dann endlich stolzer Besitzer eines Tickets und damit in der Halle war, konnte ich über die anderthalb Stunden davor nur lachen. Doch während ich noch an einem kalten Freitagabend im November vor dem Pumpehuset auf und ab ging, in der allmählich sinkenden Hoffnung, auch nur einer der ankommenden Gäste würde sein Ticket zu dem lange ausverkauften Gojira-Konzert vielleicht erschwinglich an mich abtreten wollen, waren Blut und Wasser das wenigste, das ich schwitzte. Immerhin hatte ich nur einen Leidensgenossen und damit Konkurrenten, der sich zu meinem großen Glück allerdings als mein Unterstützer und Retter erwies. Und das Konzert war auch gut.

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Devin Townsend Project & Fear Factory – Live in der Markthalle in Hamburg am 31. Oktober 2012

Devin Townsend Project Devin Townsend Project
Fear Factory Fear Factory

Von Matthias Bosenick (05.11.2012)
Fotos von Olli Zschörnig

Ach, Devin war gar nicht der Hauptact? Fear Factory sind heute größer als Devin? Obwohl die in der Zeit stehengeblieben sind und Devin sich weiterentwickelt hat, wie auch das Konzert belegte? Eigenartig. Nun gut. Für die eine Stunde lustigen Metal-Prog-Devin hat sich die stumpfe Fear-Factory-Party mit der Reminiszenz an die eigene Adoleszenz aber auf jeden Fall gelohnt.

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Cowboy Junkies – The Nomad Series – Razor & Tie/Sony 2012

Von Matthias Bosenick (29.10.2012)

Das stand zu hoffen: Wenn die Cowboy Junkies schon ankündigen, dass sie vier Alben in anderthalb Jahren als zusammengehörige Serie veröffentlichen, ist eine Gesamt-Box am Ende des Zyklus‘ obligatorisch. Und ja: Die Box liegt jetzt vor, sogar je nach Format mit einer Bonus-CD sowie einer Bonus-LP und einer weiteren EP. Komplett alles, was die Kanadier im Rahmen der „Nomad“-Reihe veröffentlichten, erhält man aber trotzdem auf keinem der Formate – dazu war das melancholische Indie-Rock-Quartett einfach viel zu kreativ: Es fehlen die beiden mp3-Bonus-EPs, die sie zu zwei der Alben veröffentlichten, sowie der ganze andere Download-Kram, den es auf deren Webseite gibt. Puh. Und all das nach 25 Jahren Bandexistenz.

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Simon Tofield – Simons Katze gegen den Rest der Welt – Goldmann 2012; Das Beste von Simon’s Cat – Universal 2012

Von Matthias Bosenick (29.10.2012)

Die nächste Stufe der Verwertung ist gezündet: Das neue Buch „Simon’s Cat vs The World“ ist zwar koloriert und größer, aber dafür dünner und teurer als die drei Vorgänger. Und es gibt jetzt außerdem eine DVD mit allen Youtube-Filmchen der namenlosen Katze. Beides kommt im Oktober, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft. Das ist alles soweit auch ganz gut, aber es steht zu erwarten, dass es in dieser Weise weitergeht, sofern sich die Änderungen und Erweiterungen finanziell niederschlagen. So etwas ging noch nie ohne Abstriche bei der Qualität, man kann also nur Übles fürchten und bis dahin an den aktuellen Produkten seinen Spaß haben.

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The Punchliner 9 – Axel Klingenberg, Andreas Reiffer (Hg) – Verlag Andreas Reiffer 2012

Von Matthias Bosenick (26.10.2012)

Das neunte „Jahrbuch der Slam Poetry- und Lesebühnenszene“ ist erstaunlich, weil: erstaunlich brav, erstaunlich gewöhnlich. Vielleicht liegt es ja eben an der Gewöhnung des Lesers, vielleicht ist bei manchen Autoren einfach nur die Luft raus, aber die Beiträge überraschen leider nicht alle so recht. Es fehlt die letzte Konsequenz, der Mut zum Biss, der abseitige Dreh. Das ist sehr bedauerlich. Das Vergnügen an diesem Kompendium resultiert indes aus dem Wissen: Live knallt’s, da kommt’s gut, da macht’s Laune.

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Steve Hackett – Genesis Revisited II – Insideout/EMI 2012

Von Guido Hörster (24.10.2012)

Da ist sie nun also, Hacketts zweite „Retro-Werkschau“ seiner eigenen musikalischen Vergangenheit.
War beim Erstling („Genesis Revisited“, 1996) noch der Ansatz, durch teilweise abenteuerliche Neuarrangements den alten Genesis-Klassikern neue Aspekte abzugewinnen, was imho zumindest im Instrumentalteil von „Firth Of Fifth“ in die Hose ging, ging es Herrn Hackett diesmal darum, die Songs weitgehend werkgetreu neu einzuspielen, um dank der 35-40 Jahre jüngeren Studiotechnik Nuancen herauszuarbeiten, die damals im detailärmeren Klangbild einfach drohten, unterzugehen.
Und tatsächlich – ist man in der Lage, die zwangsläufig nicht wie Gabriel bzw. Collins klingenden Stimmen der Gastsänger mental auszublenden, hat man im direkten Vergleich häufig den Eindruck, die Originale klängen, als stünden die Boxen hinter einem Vorhang. So viel differenzierter und klarer kommen die Neueinspielungen aus den Boxen.

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