Sigur Rós – Kveikur – XL Recordings/Beggars/indigo 2013

Von Matthias Bosenick (03.08.2013)

Das ging flott, nur wenige Monate nach „Valtari“ kommt das nächste Album von Sigur Rós, nachdem sie sich bis „Valtari“ vier Jahre Zeit gelassen hatten. Flott ist auch die Musik, vergleichen mit „Valtari“, das ja enttäuschenderweise nahezu ausschließlich aus konturlosen Soundscapes besteht und damit weniger Atmosphäre und Leidenschaft transportiert als alle Alben zuvor, also als das, wofür man die Band zu lieben lernte. Auch „Kveikur“ unterscheidet sich, aber nicht nur von „Valtari“, sondern von so gut wie allem Bisherigen: Es erfüllt jetzt das Etikett, das man der Band in Ermangelung besserer Schubladenbezeichnungen gerne gibt, nämlich Postrock. Ja: Auf „Kveikur“ geht einigermaßen die Post ab. Und es steht der zum Trio geschrumpften Band gut.

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Pet Shop Boys – Electric – X2/Rough Trade 2013

Von Matthias Bosenick (27.07.2013)

Na, hör an. Nach „Elysium“ dachte man ja beinahe, die Pet Shop Boys an die Altherrenlangeweile verloren zu haben. Stattdessen holten die beiden nur Luft für „Electric“, ein reines Dance-Album, in eigener und – wie immer – auch zeitgenössischer Herangehensweise. Der Unterschied zu ihnen selbst ist, dass die Sounds bisweilen so klinisch klingen, wie sie wahrscheinlich erzeugt sind, und dass sie auf der anderen Seite eine Härte an den Tag legen, wie sie sie lange nicht mehr zeigten. Macht insgesamt ein ganz geiles Album.

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La grande Bellezza – Paolo Sorrentino – I/F 2013

Von Matthias Bosenick (27.07.2013)

Dieser Film ersetzt rund zehn Tage Italienurlaub, ist auch beinahe so lang, kommt einem aber deutlich kürzer vor. Regisseur Paolo Sorrentino als 43-Jähriger zählt ja beinahe noch zu den jungen Regisseuren, „La grande Bellezza“ ist auch erst sein dritter Film, der hierzulande überhaupt Beachtung findet. Also freut es umso mehr, einen Quasi-Newcomer dabei zu beobachten, wie er seinen preisenswerten Stil ausbaut und einmal mehr einen Film klassischer europäischer Machart dreht, bei dem Ästhetik, Aussage, Inhalt und Schauspieler stimmen. Da erscheinen 147 Minuten glatt kurzweilig. Der Film hätte auch länger dauern können, ganz wie ein zehntägiger Italienurlaub.

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Phillip Boa And The Voodooclub – Reduced! – Constrictor 2013; Deine Lakaien – Acoustic II – Chrom 2013

Von Matthias Bosenick (14.07.2013)

Zwei deutsche vornehmlich dem Gothic zugeordnete Indie-Bands veröffentlichen gleichzeitig ihre Variante eines Unplugged-Albums. Phillip Boa And The Voodooclub sind „mehr oder weniger akustisch“, indem sie ihre Songs zwar verstärkt, aber sanfter instrumentiert darbieten, und Deine Lakaien setzen ihr 1995er-Projekt „Acoustic“ fort, indem sie wie weiland ihre eigentlich elektronischen Synthie-Songs auf einem präparierten Klavier nachspielen und ihnen überraschenderweise mehr Qualität verleihen als zuletzt auf den Studioalben. Beide Alben eint, dass sie live aufgenommen wurden und nicht regulär im Handel erhältlich sind.

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Fliegende Liebende (Los amantes pasajeros) – Pedro Almodóvar – E 2013

Von Matthias Bosenick (05.07.2013)

Was heißt eigentlich „Enfant terrible“ auf Spanisch? Als ein solches ist Pedro Almodóvar zwar bekannt, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass er sich auf diesem Ruf ausruhen muss. Leider tut er das in „Fliegende Liebende“, der eigentlich „Fliegende Schwanzlutschende“ heißen müsste: Von Liebe keine Spur. Für das Verständnis des Films ist es anscheinend nicht unerheblich, des Meisters Intentionen zu kennen, und alljenen, denen die Vorabinformationen fehlen, kredenzt Almodóvar leider keinen Film, der trotzdem bestens funktioniert. Indes, auch mit den Infos funktioniert der Film nicht.

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Oliver Kalkofe – Kalkofes Mattscheibe Rekalked – Turbine Classics 2013

Von Matthias Bosenick (30.06.2013)

Ohne Oliver Kalkofe hätte der Rezensent als Nichtfernsehender fast gar keinen Einblick mehr in das, was einem die 532 empfangbaren TV-Sender so vorsetzen. Ohne Oliver Kalkofe wäre das, was einem die 532 empfangbaren TV-Sender so vorsetzen, allerdings auch nicht ertragbar. Okay, auch mit ihm quält man sich oft fremdschämend im Sessel. Nach einigen Jahren Pause gibt es jetzt neues Futter vom Fernsehkritiker mit Hang zur Selbstverhohnepiepelung auf DVD. Was Kalkofe heute so macht, macht er ganz gut; er hätte aber sicherlich eine deutlich größere Auswahl an Scheiß abdecken können. Und: Die DVD-Box ist eine Mogelpackung; sie enthält lediglich „Die komplette erste Hälfte“ der ersten Staffel auf Tele5 sowie einen Platzhalter im Pappschuber für die zweite DVD-Box.

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Dead Can Dance – Live auf der Freilichtbühne im Stadtpark Hamburg am 19. Juni 2013

Von Matthias Bosenick (21.06.2013)

Haben wir alles? Decke, Weißwein, Becher, Teller und Besteck; eine Stange Weißbrot, Grissini, Sour Cream, Arla Buko mit Bärlauch-Pesto, Pesto Rosso, Antipasti aller Art, eine Tüte Mandeln, ein Pfund Erdbeeren. Ja, wir haben alles. Alles, was man braucht, um an einem heißen Hamburger Sommertag im Park zu Livemusik chillen zu können. Okay, also gehen wir los, in den Stadtpark, am schlauchartigen Eingang zur Freilichtbühne gibt es zwei schmale Grünstreifen, auf denen sich sommers alljene niederlassen, die nicht den Eintritt zur Freilichtbühne entrichten, aber trotzdem die Musik erleben wollen. Heute spielen Dead Can Dance, die Sonne glüht, Hamburg schmilzt, wir haben Picknickhunger. Auf dem Grünstreifen vor dem Eingang finden wir mit Leichtigkeit Platz, laut Inga so kurz vor Beginn der Veranstaltung eigentlich recht ungewöhnlich. Wir errichten unseren Picknickplatz zwischen zwei locker voneinander entfernten Gruppen und lassen den Strom der Ticketbesitzer an uns vorbei ziehen. Als wir die Weinflasche aus der Tasche holen, fällt uns auf, was wir vergessen haben: Den Korkendreher. Was tun? Per Mobiltelefon im Internet gucken, was man dann macht? Den Kugelschreiber nehmen, wie früher, und den Korken in die Flasche drücken? Oder unsere Nachbarn fragen: die beiden abgehalfterten Altpunks links oder das Paar mit dem Axl-Rose-artigen Tier als männlichem Part rechts? Wir entscheiden uns für den Axl-Typen. Mal sehen, was passiert.

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The Eden House – Half Life – Jungle Records 2013

Von Matthias Bosenick (16.06.2013)

Trip-Goth nannten The Eden House die Musik ihres Debüts „Smoke And Mirrors“ vor vier Jahren. Damals waren die musikalischen Einflüsse der Bands, aus denen sich die Musiker rekrutierten, auch noch deutlicher zu hören, allen voran Fields Of The Nephilim. Das ist beim Nachfolger reduzierter, selbst von Goth kann kaum noch die Rede sein. Was nicht schlimm ist, Gothic war ja in seiner Urform nie das, was die heutigen Protagonisten darunter veröffentlichen. Auch Post Rock oder Shoegaze passt nicht, Ambient Rock oder Dream Pop schon eher; es fehlen ein wenig die Widerhaken. Geblieben ist das erbauliche Konzept, ausschließlich Frauen singen zu lassen, dazugekommen sind Gastmusiker unter anderem von The Mission und Roxy Music.

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Daft Punk – Random Access Memories – Columbia 2013

Von Matthias Bosenick (15.06.2013)

Das ganze Album ist eine einzige positive Überraschung. Aus vielen Gründen: Nach dem eher belanglosen „Tron Legacy“-Soundtrack ist es mal wieder richtig gut, es ist hörbar handgespielt und deutlich chilliger, als man es von dem Frenchhouse- und Dance-Duo erwartet hätte.

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Vehlmann & Yoann – Spirou + Fantsaio 51: In den Fängen der Viper (Dans le griffe de la Vipère) – Carlsen 2013

Von Matthias Bosenick (31.05.2013)

Die öffentliche Meinung ist seltsam. Nach sieben Jahren Pause übernahmen Morvan & Munuera die stillgelegte Serie „Spirou & Fantasio“ 2005 für vier Episoden, die offenbar niemand mochte. Bis auf den Rezensenten. Jedenfalls schasste man das Duo wieder und setzte dafür Vehlmann & Yoann ein, die bereits 2006 den One-Shot „Die steinernen Riesen“ gestalteten. Das Album war großartig, doch leider kann das Duo die Qualität auch im mittlerweile dritten neuen Serien-Band nicht halten.

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