Andreas Reiffer (Hg.) – Die Wahrheit über Braunschweig – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (28.08.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Vermutlich gibt es 250.000 Wahrheiten über Braunschweig, in diesem Buch sammelt Verleger Andreas Reiffer mindestens 14: So viele Autoren lassen sich nämlich in diesem Sammelband über ihre (Wahl-)Heimat aus. Daraus ergibt sich eine Stil- und Themenvielfalt, die angemessen beachtlich ist, aber Reiffer selbst stellt in seinem Vorwort berechtigt fest, dass es ein gewagtes Unterfangen ist, „Die Wahrheit über Braunschweig“ überhaupt breitenwirksam zusammenstellen zu wollen. Das vorliegende Ergebnis ist gottlob recht vollständig, doch hätte auch das Nichterfüllen dieses Vorhabens nichts ausgemacht: Die Crème de la Crème der Braunschweiger Literatenszene reicht sich den Staffelstab hin und her, dazwischen tummeln sich eher Unbekannte und sogar ein offensichtlich Ausgedachter. Zwischen Lobhudelei und Lästerei pendeln die Beiträge, entsprechend zwischen Humor und Herzangelegenheit. Und: Nach der zweifelsfrei unterhaltsamen Lektüre fühlt man sich dazu animiert, ergänzend sein eigenes Kapitel hinzuzufügen; nicht wegen einer vermeintlichen Unvollständigkeit, sondern aus Leidenschaft. Zumindest, wenn man Braunschweiger ist.

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Soulfly – Archangel – Nuclear Blast 2015

Von Matthias Bosenick (23.08.2015)

Die Fresse ist das erklärte Ziel von Max Cavaleras Projektband Soulfly, auch auf deren zehntem Album „Archangel“. Damit setzt die Band den eingeschlagenen Weg fort, weg vom Experiment, hin zum oldschooligen Thrashgebolze. Oberflächlich belauscht ist das selbst mit Bonustracks nur eine dreiviertel Stunde lange Album die pure, stumpfe, substanzlose Metalballerei. Kompositorisch mag das sogar stimmen, da zieht Maxe nicht mehr so viele Heringe vom Teller, doch kann er sich auf Mitmusiker berufen, die es verstehen, mit ihren Instrumenten atmosphärische Gimmicks zu kreieren, die das Genaulauschen belohnen.

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Fear Factory – Genexus – Nuclear Blast 2015

Von Matthias Bosenick (13.08.2015)

Die neue Fear Factory ist zwar ein Brett, aber keines aus Vollholz, sondern eine Spanplatte: Irgendwie zweckmäßig, aber nicht wirklich heavy; aus diversen Splittern zusammengeleimt, ohne eigenen Charakter und vermutlich ohne lange Einsatzdauer. Im Regal wird sie eher hinten bei „Digimortal“ und den jüngeren Alben der Zehnerjahre verbaut, während „Demanufacture“, „Archetype“ und „Soul Of A New Machine“ die repräsentativen Elemente darstellen. Wiedererkennbar ist der Sound schon, dank Burton C. Bells Gesang und der elektronisch zerhackten Stakkatoriffs. Was hier aber fehlt, sind markante Songs, Seele und Atmosphäre sowie ein warmer Bass, der den Groove besorgt.

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Flix – Schöne Töchter – Carlsen 2015

Von Matthias Bosenick (06.08.2015)

Wer Flix als schnöden Witzebildchenzeichner abtut, verpasst ein Universum warmherziger, selbstreflektierter und fabelhaft gezeichneter Geschichten. Humor kommt in ihnen natürlich auch vor, aber es ist kein handelsüblicher Nonsens, sondern ein die vorhergenannten Attribute einhaltender. So auch in „Schöne Töchter“, einem großformatigen Sammelband mit den Einseitern, die Flix seit fünf Jahren monatlich für den Berliner „Tagesspiegel“ anfertigt. Darin untersucht er die Liebe mit allen erdenklichen Aspekten und Referenzen. Und mit vielen Abschweifungen, die eher indirekt mit dem Thema zu tun haben.

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The Chemical Brothers – Born In The Echoes – Virgin 2015

Von Matthias Bosenick (25.07.2015)

So kehren sie nach einiger Zeit der Stille also wieder zurück auf den Tanzflur, die Chemical Brothers. Man spricht davon, dass der Vorgänger „Further“ von vor fünf Jahren eine musikalische Ausnahme zum üblichen Oeuvre dargestellt habe und dass „Born In The Echoes“ wieder zu alter Form zurückkehre, doch stimmt dies nicht ganz. Zum einen lag „Further“ deutlich dichter an der logischen adulten Fortentwicklung dessen, was die Chemical Brothers als Bigbeat-Miterfinder und Dance-Connaisseure bislang produziert hatten, und zum anderen ist „Born In The Echoes“ zwar tatsächlich in gewisser Weise retro, aber nicht vordergründig auf sich selbst bezogen, also auf die Hochzeit Ende der Neunziger und Anfang der Nuller, sondern auf die Zeit weit davor, nämlich Endachtziger-Acid-House und Frühachtziger-Minimal-Electro. Sol heißen: Die neuen Tracks sind vergleichsweise leer, nicht so üppig ausgestattet wie die alten. Das hinterlässt zunächst einen unbefriedigten Eindruck, aber das Album wächst, und wie immer bleiben nach einigen Durchlaufen die Songs hängen und kommen die Beine in Bewegung.

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Men & Chicken (Mænd & høns) – Anders Thomas Jensen – D/DK 2014

Von Matthias Bosenick (19.07.2015)

Über „Dänische Delikatessen (De grønne slagtere)“ und „Adams Äpfel (Adams æbler)“ lachte man vor zwölf und zehn Jahren, weil man den Humor schwarz und subversiv fand. Mit dem Blick zurück als, nun, etwas Erwachsenerer beschleicht einen der Eindruck, dass die Filme doch recht albern und nur pseudoprovokant waren. Regisseur Anders Thomas Jensen und sein damaliges Ensemble legen nun mit „Men & Chicken“ nach, und mit dem Eindruck der Vorgänger im Hinterkopf und dem doch recht klamaukigen Trailer vor Augen fragt man sich, ob man sich den Film wirklich antun muss. Man überredet sich selbst und kommt zu Folgendem: einer halben Handvoll guter Gags sowie der Erkenntnis, dass man sich den Film dafür nicht antun muss.

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Meat Beat Manifesto – Kasm 2.2 – Skam 2015

Von Matthias Bosenick (19.07.2015)

Nicht nur die plötzliche Hintenrum-Veröffentlichung an sich ist eine unerwartete Überraschung, schließlich liegt das letzte Lebenszeichen von Meat Beat Manifesto, die „Test EP“, schon drei Jahre zurück; auch inhaltlich erstaunt es: „Kasm 2.2“ bietet rein elektronische Frickelbeats, die nahezu melodielos und recht entspannt die Beinmuskulatur stimulieren, mit den üblichen Atmosphären, die man von MBM-Kopf Jack Dangers kennt. Also keine Jazzexperimente mehr, kein Live-Schlagzeug, keine basslastigen Breakbeat- und Dubstep-Ausflüge. IDM in Reinkultur – kein Wunder, stellt doch Skam eines der führenden IDM-Labels schlechthin dar und etabliert jenes mit Kasm zurzeit ein neues 10“-Sublabel.

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Automat – Plusminus; Automat & Max Loderbauer – Selekt 01 – Bureau B 2015

Von Matthias Bosenick (13.07.2015)

Das ist Sommermusik für Erwachsene. Für Leute, die bereits erfahren haben, dass das Leben aus einem schweren Bisschen mehr besteht als in stylishen Restklamotten gechillt am Strand rumzuhängen, klebrige In-Cocktails und andere Bewusstseinsmanipulatoren in sich reinzukippen und den nächsten Nachtabschnittsbegleiter für sich klar zu machen. Auch gute Laune kann schwarz sein, auch die Dunkelheit kann strahlen: Automat machen Dub in einem reichlich weiten Sinne. Ihre Musik beschallt die Party danach, für die Gäste, die erst dann zu feiern beginnen, nachdem die Hedonisten dumpf in den Vulkan gekippt sind. Wer dann nämlich noch übrig ist, tanzt zum Automat’schen Postapokalypse-Reggae.

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First Blood, Commercial Suicide und The Cold Shoulder – Live im Jugendzentrum B58, Braunschweig, am 9. Juli 2015


Von Matthias Bosenick (10.07.2015) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Yo. Fett in die Fresse. First Blood: Keine Schnörkel, keine Fisimatenten, einfach nur Gitarre-Bass-Schlagzeug-Schreihals. Simple Stücke, die auf Effekt zielen, und den erreichen die Kalifornier: Die üppige Meute pogt, bangt, circlepittet, hüpft, grölt mit. Die Musik ist mit Fug und Recht als minimalistisch zu bezeichnen – ganz anders als die der lokalen Supporter Commercial Suicide, die ihren Melodic Hardcore innerhalb der teils ellenlangen Stücke diverse respektable Haken schlagen lassen. Das ist so progressiv und musikalisch spannend, dass man sich wundert, wie die Musik beider Bands unter dem Rubrum „Hardcore“ firmieren kann. Die Vorband The Cold Shoulder aus Göttingen bedauert der Rezensent übrigens, verpasst zu haben.

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F.S.K. – Live beim Festival Theaterformen im Festivalzentrum, Hannover, am 7. Juli 2015

Von Matthias Bosenick (08.07.2015) / Auch auf Kult-Tour – Der Stadtblog

F.S.K. sind mal eine besondere Band. Musikalisch irgendwo zwischen den ersten Schritten der Neuen Deutschen Welle, wahlweise reduzierten oder ausufernden Rhythmusexperimenten und fetten Tanzmonstern angelegt, lyrisch zwischen Dada, Adoleszentenbefindlichkeit und Kunstgeschichte verortet, in Optik und Erscheinung die vermutlich älteste Schülerband der Welt. Über allem thront ein verschmitzter Humor. Cool? Mitnichten, aber trotzdem geil, denkt man zunächst, und ändert seine Meinung, je länger das Konzert dauert, zu cool und geil. Das ist Kunst, Avantgarde, will in keine Schublade gehören, aber erheblichen Spaß machen. Die zusammengeströmten Menschen auf dem stimmungsvoll illuminierten Hof zwischen Schauspielhaus und Künstlerhaus quittieren frenetisch das Gelingen der Mission.

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