Nac/Hut Report – Schism No Symmetry – Double Hallucinative Records 2015

Von Matthias Bosenick (02.10.2015)

Das ist mal eigenwilliges Zeug: Ein experimentelles Polnisch-Italienisches Projekt lässt den Synthie scharfkantige Effekte rhythmisch anordnen und dazu die Gitarren flirren. Weiblicher Gesang besorgt die Wohlfühlelemente in diesem gewöhnungsbedürftigen Sound. Das erinnert an eine harsche Variante von den Young Marble Giants, kompromisslos in die Gegenwart transferiert. Wohlklang geht anders, aber schon nach einem halben Hördurchgang mag man sich dem Sog dieser sperrigen beatlosen Musik nicht entziehen wollen.

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Iron Maiden – The Book Of Souls – Parlophone/Warner 2015

 

Von Matthias Bosenick (01.10.2015)

Wer hätte das gedacht, dass der alte Mann noch so viel Blut in sich hat: Zum 16. Mal veröffentlichen die Miterfinder der NWoBHM ein Studioalbum, zum ersten Mal als Doppelalbum und mit dem bis dato längsten Lied ihrer Karriere. Die Mucke ist kompakt, galoppierend, irgendwie heavy, progressiv, melodiös, und man freut sich, dass Bruce Dickinson nach seiner Kehlkopfkrebserkrankung wieder zu solch hohen Tönen in der Lage ist. Innovationen sollte man hier jedoch nicht erwarten, und 92 Minuten sind einfach echt mal viel und nicht zwingend nötig. Aber hey! Up the irons! Und es ist das geilste Cover seit „Fear Of The Dark“, und das war 1992.

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a-ha – Cast In Steel – We Love Music/Universal 2015

Von Matthias Bosenick (28.09.2015)

Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Zum zweiten Mal in 30 Jahren kehren a-ha nach einem Split zurück. Die bis dato letzte Erfahrung vor 15 Jahren zeigte, dass sich eine Wiedervereinigung des norwegischen Poptrios lohnt; diese nicht wirklich: NDR2-Musik mit subliminalem Anspruch, aber ohne Ideen. Es plätschert so vor sich hin. Man wundert sich, da doch Paul Waaktaar-Savoy, wie sich der frühere Pål Waaktaar Gamst heute nennt, für exquisite Kompositionen auszeichnete. Die Liste der geilen Hits von a-ha ist lang, in jeder der bisher beiden Existenzphasen. „Cast In Steel“ hingegen ist verzichtbar.

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Yo La Tengo – Stuff Like That There – Matador/Beggars Group 2015

Von Matthias Bosenick (13.09.2015)

Yo La Tengo sind eine Wundertüte: Jedes Album ist geil, aber man ahnt vorher nie, wie es genau klingt. Dieses Mal ist der alte Weggefährte Dave Schramm wieder mit dabei, das Trio also ein Quartett, aber die Musik ist nicht so noiserockig, opulent, ausufernd, repetetiv wie zuletzt, sondern erstaunlich reduziert, dezent, sanft, gefühlvoll. „Stuff Like That There“, nicht zu verwechseln mit „(Well You Know) Stuff Is Like We…“ von 22 Pistepirkko, ist nämlich mit einem Konzept verknüpft: Es stellt die Quasi-Fortsetzung von „Fakebook“ dar, einem Cover-Album, das die Band vor 25 Jahren veröffentlichte. Enthalten sind hier neben einem Radiohit eher unbekannte Stücke und einige eigene, davon zwei ganz neue. Wie mit jedem Ton manifestieren Yo La Tengo auch hiermit, dass sie in den Pantheon des Indierock gehören. Zwischen Sonic Youth und den Cowboy Junkies.

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Müller & die Platemeiercombo – Castafiore – Bauchpfannen Aufnahmen 2015

Von Matthias Bosenick (10.09.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Endlich. Endlich!!! Das wurde aber auch Zeit. Vier Jahre nach „Von Müßiggängern und anderen Taugenichtsen“ kommt mit „Castafiore“ endlich das Album, dessen älteste Songs die Band schon während der Aufnahmen zum Vorgänger live spielte. Ganze zwei, drei Lieder dieses Dutzends kennt der Rezensent nicht bereits von Auftritten, den Rest kann er auswendig mitsingen; die Vorfreude auf die Studioversionen war riesig, die Freude über sie ist es ebenfalls. Das Album macht einen Schritt voraus und einen zurück: Thematisch ist es nicht mehr so homogen und durchgehend ernsthaft wie der Vorgänger, sondern wagt auch manchen Rückgriff auf den alten Müller-Humor; gleichzeitig vertieft Müller in anderen Songs seine inhaltliche Seriosität, oft in Bezug auf Beziehungskonzepte und wie sie sich auf diejenigen auswirken, die sich auf sie einlassen. Und auch in einen vordergründigen Scherz steckt Müller immer etwas Hintergründiges. Nicht zuletzt überzeugt das Quartett wie immer auch musikalisch: Zwar ist der 50er-Schlager-Bossa-Sound etwas beiseite gerückt, dafür wagt die Band hier auch mal mitreißende Discorhythmen und lässt dem ausufernden Rock mehr Raum. Alles auf so hohem Niveau, dass die leicht in Schieflage eingestreuten Elemente das nahezu perfekte Ergebnis nur umso fester am Boden verankern.

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Helge Schneider – Lass k(n)acken, Helge! – Universal/Polydor 2015

Von Matthias Bosenick (06.09.2015)

Der Ruhestand ist nichts für den respektabelsten humorschaffenden Entertainer im deutschsprachigen Raum: Helge Schneider macht die Scorpions und kommt mit dem Programm „Lass k(n)acken, Oppa!“ nach seinem Abschied doch wieder auf Tour. Um das zu promoten, gibt es einen Konzertmitschnitt fast gleichen Titels von der Abschiedstour im vergangenen Jahr auf DVD, mitgeschnitten in Berlin. Zu sehen sind haufenweise Lieder aus seiner Bühnenanfangszeit und zwei neuere Stücke. Wie gewohnt garniert Schneider seine feinen Jazzstücke mit komödiantischen Einlagen. Die gestalten sich erheblich anders als vor 20 Jahren, als er sich in der deutschsprachigen Humorkiste platzierte. Nicht schlechter, aber eben anders. Der Bonus dieser DVD indes ist beschämend beleidigend.

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Axel Klingenberg – Döner mit Braunkohl und Bier (Erweiterte Neuausgabe) – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (02.09.2015)

Als „Braunschweig-Buch“ bewirbt der aus der Heide zugezogene Altpunk Axel Klingenberg sein „Döner mit Braunkohl und Bier“; da könnte also viel Schlimmes drin stecken, doch umgeht Klingenberg die hurratouristischen Klippen und biedert sich beim Stadtmarketing nicht an. Vielmehr empfiehlt er sein Werk als Pflichtlektüre für Braunschweigs Offizielle, wie eben das Stadtmarketing und besonders auch das Kulturinstitut, das Kultur abseits von eigengeförderten Mainstreamaktivitäten wie „Kultur im Zelt“, „Klassik im Park“ und den Opern auf dem Burgplatz – die allesamt durchaus ihre Berechtigung haben – nicht wahrnimmt. Es gibt nämlich ein Braunschweig ohne Lobby, in Sachen Betrachtung, Bewertung und Bespielung. Klingenberg rückt die Unsichtbaren ins Licht, indem er ihre Stimme ist. Wer solches tut, muss seine Stadt schon sehr mögen: sonst wäre sie ihm ja egal und seine Mühe müßig.

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Die Stadt ist eine Erbse – Schoten aus dem Café Riptide – Buchbauer-Verlag 2015

Von Matthias Bosenick (31.08.2015)

In eigener Sache: Der Betreiber dieses Blogs hat aus Auszügen eines anderen Blogs ein Buch zusammengestellt. Seit acht Jahren schreibt er monatlich auf www.cafe-riptide.de davon, was ihm in ebenjenem Café Riptide in Braunschweig alles so zugetragen wird und widerfährt. Da es sich bei dem Café auch um einen Schallplattenladen, eine Galerie und einen Veranstaltungsort handelt, sind die Erlebnisse recht vielfältig. Neu-Verleger Toddn Kandziora teilte mit dem Autoren die Vision, die angesammelten Inhalte in gedruckter Form einer erweiterten Leserschaft anzubieten, und veröffentlichte in seinem Buchbauer-Verlag nun „Die Stadt ist eine Erbse – Schoten aus dem Café Riptide“. Darin enthalten sind 23 Einträge aus dem Riptide-Blog, leicht überarbeitet sowie um Erläuterungen und Anmerkungen ergänzt, die das Buch auch außerhalb Braunschweigs nachvollziehbar machen.

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Myrkur – M – Relapse Records 2015

Von Matthias Bosenick (31.08.2015)

Wie es klänge, wenn Loreena McKennitt einmal Black Metal machen würde, zeigt „M“ von Myrkur. Nach ihrem selbstbetitelten und -gebastelten Debüt ist es einigermaßen überraschend, dass Amalie Bruun ihrem Experiment tatsächlich ein weiteres Album folgen lässt. Offenbar hat die dem Poprock entsprungene Dänin mächtig Geschmack am Gebolze gefunden. Sie macht es aber erfreulich anders als andere: Choralgesänge, mittelalterliche Melodien und Klavierpassagen sind in ihrer Version von Black Metal normal. Das verärgert die Puristen, die sich auf die Schrei-und-Bolz-Stücke stürzen und den Rest negieren. Sollen sie. Haben wir Nicht-Puristen eben auch mal Black Metal, der uns gefällt.

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Andreas Reiffer (Hg.) – Die Wahrheit über Braunschweig – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (28.08.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Vermutlich gibt es 250.000 Wahrheiten über Braunschweig, in diesem Buch sammelt Verleger Andreas Reiffer mindestens 14: So viele Autoren lassen sich nämlich in diesem Sammelband über ihre (Wahl-)Heimat aus. Daraus ergibt sich eine Stil- und Themenvielfalt, die angemessen beachtlich ist, aber Reiffer selbst stellt in seinem Vorwort berechtigt fest, dass es ein gewagtes Unterfangen ist, „Die Wahrheit über Braunschweig“ überhaupt breitenwirksam zusammenstellen zu wollen. Das vorliegende Ergebnis ist gottlob recht vollständig, doch hätte auch das Nichterfüllen dieses Vorhabens nichts ausgemacht: Die Crème de la Crème der Braunschweiger Literatenszene reicht sich den Staffelstab hin und her, dazwischen tummeln sich eher Unbekannte und sogar ein offensichtlich Ausgedachter. Zwischen Lobhudelei und Lästerei pendeln die Beiträge, entsprechend zwischen Humor und Herzangelegenheit. Und: Nach der zweifelsfrei unterhaltsamen Lektüre fühlt man sich dazu animiert, ergänzend sein eigenes Kapitel hinzuzufügen; nicht wegen einer vermeintlichen Unvollständigkeit, sondern aus Leidenschaft. Zumindest, wenn man Braunschweiger ist.

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