Jane – Live ’88 – Sky Records/Sireena 1988/2024

Von Matthias Bosenick (04.03.2024)

Zeitreise zurück in die Achtziger, als Mainstreamrock noch voller Keyboards sein durfte und man an großen Gesten und Gegniedel seine wahre Freude hatte. Ein nur in geringer Auflage produziertes Live-Album aus dem Jahr 1988 buddeln die Schatzsucher von Sireena hier aus, das sogar vorletzte Album, das unter dem ursprünglichen Namen Jane ohne Prä- oder Postfixe erschien – es folgte ein weiteres Live-Album im nächsten Jahr, danach zersplitterten sich die Hannoveraner, die einst als Kraut- und Progrocker begannen. Als Gast ist hier unter anderem der eigentlich längst ausgeschiedene Charly Maucher dabei. „Live ‘88“ klingt exakt nach der Zeit, in der es entstand, und das, obwohl sich Jane vorrangig bei ihrem Siebziger-Material bedienen, mit Hymnen, Balladen, Soli und einer gehörigen Schippe Kitsch – und macht trotzdem überraschend viel Spaß.

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Grandaddy – Blu Wav – Dangerbird Records 2024

Von Guido Dörheide (29.02.2024)

Grandaddy aus Kalifornien mag ich, schließlich sind sie Urheber des Lieblingssongs aller in der Luftfahrt Beschäftigten (mit Ausnahme der Luftfahrzeugführenden): „He’s simple, he’s dumb, he’s the pilot“.

Grandaddys Masterbrain Jason Lytle ist nie verlegen um grandiose Songtitel, das Sammelsurium vergangener Großtaten wie „El Caminos In The West“, „It Was A Silent Night At Least Until Jeff Lynne Arrived“ oder „Broken Household Appliance National Forest“ wird auf dem neuen, „Blu Wav“ betitelten Werk um Titel wie „You’re Going To Be Fine And I’m Going To Hell“ (ein Lied, das von Lytles Ehescheidung handelt), „Yeehaw AI In The Year 2025“ oder „Let’s Put That Pinto On The Moon“ ergänzt.

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Alessandro Adelio Rossi – Òpare – DDDD 2023

Von Matthias Bosenick (01.03.2024)

„Òpare“ ist ein elektronisch erstelltes Album, das man ganz gut unter Klassik einsortieren könnte, wenn Ambient allein nicht ausreicht. Als zurückgenommene minimalistische Kammermusik bildet der Experimentalmusiker Alessandro Adelio Rossi aus Bergamo die Woche von Montag bis Samstag ab, unterteilt nach Tageszeiten, und wenn man sich vorstellt, dass die meisten Tracks den Morgen behandeln und dass der Künstler in Bergamo nahe Mailand lebt, dann müssen diese Tage brütend heiß beginnen, so chillig, wie die Musik dazu ausgefallen ist. Das Album, zu Deutsch ungefähr „Hoppla“, beinhaltet hauptsächlich Soundkulissen, akustische leere Landschaften, Klangtapeten und erst spät einen Rhythmus und konkretere Strukturen. Wunderschön watteweich, ein Labsal im stressigen Alltag.

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Crust – Dissolution – Avantgarde Music 2023

Von Matthias Bosenick (29.02.2024)

Aber warum nicht mehr auf addicted/noname? Ihr neues Album „Dissolution“ veröffentlichen Crust aus Weliki Nowgorod (Вели́кий Но́вгород) in Nordwestrussland auf dem italienischen Label Avantgarde Music. Ansonsten bleibt alles wie gehabt: Das Trio schert sich einen feuchten Kehricht um Genregrenzen und bringt alles zusammen, was dreckig ist und irgendwie mit extremen Spielarten des Metal zu tun hat, und weil extrem allein auf Dauer langweilt, sind die drei auch noch ausnehmend virtuos und leben ihre Spielfreude voll aus. Hier treffen Doom und Sludge auf Death und Thrash, etwas klassischer Heavy Metal, modernerer Black Metal und Punkrock mogeln sich auch auf die Bänder. „Dissolution“ ist das fünfte Studio-Album in fast zehn Jahren, und jedes Album von Crust lohnt sich.

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Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Shameless: Was riecht hier so? Ist das Kotze oder teurer Käse?

Von Onkel Rosebud

Die Serienwelt meiner Freundin ist übersichtlich, Sie teilt sie in vier Prioritäten: 1. Romantik, 2. Das Gute gewinnt (oder wie sie sagen würde: „irgendwas mit Superhelden-Ringe-Drachen-Laserschwert“), 3. Whodunnits und 4. den Rest, dem ich anheimgefallen bin.

Zum Besten, was uns in der vierten Kategorie jemals passiert ist, gehört die uns seit Jahren begleitende US-Version der Serie „Shameless“. (Das Original ist britisch, auch gut, aber nicht besser als das Remake.) In insgesamt 134 Folgen (verteilt auf 11 Staffeln) wird das Alltagsleben einer prekären Familie behandelt. Im Mittelpunkt stehen sechs Kinder, die sich größtenteils selbst versorgen, da ihre Mutter die Sippe vor Jahren verlassen hat, und ihr Vater, ein Alkoholiker, keine Hilfe darstellt. Es geht darum, wie Menschen in Armut versuchen, über die Runden zu kommen, in einer würdelosen Welt die Würde zu behalten und auch aus noch so beschissenen Situationen etwas Gutes rauszuholen. Diese Themen sind ein Trigger für uns, weil wir beide auch mit beschissenen Jobs, die schlecht bezahlt wurden, in die letztendliche Unabhängigkeit gestartet sind.

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Spezial: Head Perfume Records/Windlustverlag

Von Matthias Bosenick (28.02.2024)

Mit drei neuen Zugpferden aus zweien seiner Ställe macht René Seim dieser Tage auf sich aufmerksam: Der Verleger und Labelbetreiber aus Dresden stellt dem europäischen Publikum das retroselige Surfpunk-Duo Turnstyles mit der Best-Of-CD „Variations“ vor und teast das kommende Album des italienischen Rock’n’Roll-Trios Faz Waltz mit der 7“ „Rave A-Comin‘/Jackal Hop“. Außerdem legt er das Best-Of-Büchlein „Mach dich hübsch, spring ins All und komm am Sonntag wieder“ mit seinen eigenen Gedichten aus über zehn Jahren Lyrikerdaseins mit einigen Bonus-Tracks zum dritten Mal auf.

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Shit And Shine – Masters Of All This Hell – Antibody 2024

Von Matthias Bosenick (27.02.2024)

Was für ein Wespennest: Unter seinem Alias Shit And Shine macht der in London tätige Texaner Craig Clouse eine Art Rhythm And Noise, also fragmentarisch mit Melodien gelooptes Electro, das direkt auf den Körper zielt. „Masters Of All This Hell“ erscheint nur folgerichtig auf einem Belgischen Label – als grob gepeilt Album Nummer 32 seit 2004, EPs und Singles nicht mitgezählt. Und seine Aktivitäten in Noiserock-, Hardcore- und Grindcore-Bands. Erstaunlich, dass die Qualität bei so einem Output trotzdem so groß ist: „Masters Of All This Hell“ fällt zwar aus der Zeit, weil die Wurzeln solcher Musik auch schon über 40 Jahre alt sind, aber Clouse bedient sich über den Tellerrand hinaus und weiß, was er da macht. Shit And Shine, soso.

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The Smile – Wall Of Eyes – XL Records 2024

Von Matthias Bosenick (26.02.2024)

Radiohead sind sakrosant, und alles, was auch nur irgendwer aus dieser Band künstlerisch verrichtet, ist dies gleich ebenfalls. Bei dem Trio The Smile sind gleich zwei von Radiohead dabei, mit Thom Yorke sogar die Stimme, was den Bezug zum Mutterschiff für Fans natürlich erleichtert und den Zwang zum Zugreifen erhöht. „Wall Of Eyes“ ist nun schon das zweite Album dieses Projektes, und man erwischt sich als Fan und Verteidiger inzwischen sehr dabei, dass man zwar die musikalische Finesse erkennt, aber das Ergebnis nicht mehr so ganz uneingeschränkt erträgt. Ja, das ist Kunst, und dafür ist es auch noch sehr überraschend populär, doch längst gibt man den Stimmen Recht, die gerade die Stimme von Thom Yorke nicht ertragen können. Sein hohes Winseln übertüncht die herausragende Musik, weil es der nämlich auch noch an Durchschlagskraft fehlt. Den Status von Talk Talk erreichen sie so jedenfalls nicht, trotz aller dahin deutender Anlagen.

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Ulrike Rank – Ralf Rabinski (5) und das verknickte Vergissmeinnicht – Samsonido Productions 2023

Von Matthias Bosenick (25.02.2024)

Das kann man gar nicht anders als süß finden – und gehaltvoll: Eigentlich erzählt Ulrike Rank mit den Hörspielen um das flugunfähige Rabenküken Ralf Rabinski ja nette Tiergeschichten für Kinder zwischen Kita und Grundschule, aber ihr gelingt das Kunststück, Haltung, Moral und Werte einzubauen, ohne dafür einen erhobenen oder sonstwie aktiven Zeigefinger anwenden zu müssen. Psychologisch geschickt und erzählerisch ansprechend berichtet sie in der fünften Ausgabe „… und das verknickte Vergissmeinnicht“ von der Suche des versehentlichen Streuners nach einem Geburtstagsgeschenk für seine beste Freundin. Weil die Produktionskosten für Tonträger mittlerweile von solchen kleinen Produktionsteams nicht mehr zu stemmen sind, gibt’s Booklet und Hörspiel dieses Mal vertauscht: Die Audiodatei mit Gruftgrößen wie Oswald Henke und Sonja Kraushofer gibt’s als Download zu einem großen Buch. Ein akzeptabler Tausch.

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AVA Trio – The Great Green – Tora Records 2024

Von Matthias Bosenick (23.02.2024)

Wie sehr das antike Griechenland kulturell orientalisch geprägt war, arbeitet das in Amsterdam angesiedelte und international besetzte AVA Trio auf seinem vierten Album „The Great Green“ heraus: Zu den Bariton-Saxophon-, Sackpfeifen- und Flötentönen hat man Orientalischen Tanz vor Augen, die percussiven Rhythmen greifen diesen Eindruck auf, und dazu groovt der Bass. Das „AVA“ im Bandnamen steht nicht von ungefähr für Avantgarde: Grundsätzlich operiert das Trio im Jazz, aber selbst dieses ohnehin schon für Grenzenlosigkeit bekannte Genre erweitert das Trio noch. Und erzählt die Geschichte von einem, der auszog, die Farbe Blau zu entdecken.

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