The Hand Of God (È stata la mano di Dio) – Paolo Sorrentino – Netflix/I 2021

Von Matthias Bosenick (20.12.2021)

Viele üppige Bilder und skurrile Situationen aus „The Hand Of God“ bleiben in nachhaltiger Erinnerung, und doch scheint der Stern von Regisseur Paolo Sorrentino im Sinken begriffen zu sein. Rund um das irreguläre Tor Diego Maradonas strickt er in dieser an seine eigene Biografie angelehnten Mär seine Legende vom im verarmten Neapel aufgewachsenen Teenager in einer bekloppten Familie, laut der „Die Hand Gottes“ höchstselbst ihn vom Tode bewahrte – anders als seine Eltern. Zwar ist man es von Sorrentino gewohnt, dass in seinen Filmen scheinbare oder tatsächliche Willkürlichkeiten ihren festen Platz haben, aber in diesem Film sind sie teilweise etwas unschlüssig aneinandergereiht. Und wenn das wirklich alles autobiografisch ist, weiß man am Ende zu viele Details über seine Sexualität, die man gar nicht wissen will. Einmal mehr gilt: Je älter der Mann, desto frivoler die Kunst.

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Rens Newland & Fuse Bluezz – Blues Indeed – Jive Music 2021

Von Matthias Bosenick (16.12.2021)

Besser kann ein Titel nicht passen: Gitarrist Rens Newland und seine eigens zusammengestellte Band Fuse Bluezz spielen von Wien aus „Blues Indeed“, aber Newland wäre nicht Newland, mogelte er nicht seine anderen Lieblingsgenres mit unter die Songs, solche wie Funk oder progressives Gegniedel. Kann er, können auch seine vier Mitmusiker, und damit wird dieses gediegene Album zur Überraschung. Nur eins fehlt: die Schippe Dreck, die den Blues räudig macht.

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Brösel – Werner Extrawurst 2: Haater Stoff! – Bröseline 2021

Von Matthias Bosenick (14.12.2021)

Wer in den Achtzigern mit „Werner“ aufwuchs, wandte sich ab den Neunzigern von dieser Comicreihe ab, als der Erfolg einzog und sich die Witze und die Zeichnungen veränderten. Solche Altfans spricht Brösel nun mit der zweiten Ausgabe seiner Reihe „Extrawurst“ an, in der der Kieler Zeichner alte Strips aus der Zeit vor und kurz nach der Erfindung von Werner sammelt. „Haater Stoff!“ bietet einen aufschlussreichen Einblick in Brösels Frühwerk, als er noch zwischen Anti-Establishment, Anti-Nazis und Anti-Berufstätigkeit gespickt mit Selbstironie agierte. In dieser Zeit verbesserte der als Rötger Feldmann geborene Autor seine Zeichenfertigkeiten und verfeinerte seinen Humor. Manko: Quellenangaben fehlen, die Überarbeitungen sind nicht gekennzeichnet. Ansonsten ein zum Teil erschreckend aktuelles Zeitdokument.

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Dream Invasion – 6.6.36 – db2fluctuation 2021

Von Matthias Bosenick (09.12.2021)

Ambient und Chill-Out-Musik sind weit gefasste Felder, im Falle von Dream Invasions neuem Album „6.6.36“ heißt das: Soundscapes, die beinahe kopfkinoartige Geschichten erzählen, wechseln sich mit klassischen beatlosen Sequencersequenzen und epischen Flächen ab. Für sein drittes Album in 16 Jahren nutzt Erwin Jadot angenehm oldschooliges Instrumentarium, dessen Sounds wohlig knarzen, wo sie keine glasklaren Pastellflächen ergeben. Der Mann ist hörbar mit dem Synthiepop der Achtziger und der Berliner Schule der Siebziger sozialisiert und hat keine Eile. Kleiner im Titel verankerter Clou: Jeder der sechs Tracks ist exakt 6 Minuten lang.

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The The – The Comeback Special (Live At The Royal Albert Hall) – Cinéola/Ear Music 2021

Von Matthias Bosenick (02.12.2021)

Matt Johnson häufte in über 40 Jahren einen Riesenberg an geilen Songs an, vorrangig in den Achtzigern und Neunzigern, und aus dieser Zeit speist sich nun auch überwiegend „The Comeback Special“, ein zweistündiges Konzert, das der Komponist, Musiker und Sänger mit seiner neu- und reformierten Band The The vor drei Jahren in London gab. Was hat der Mann eine geile Stimme, was haben The The für geile dunkle Hits und Hymnen! Den alten Männern beim Mucken zugucken, kann man machen, die Mucke selbst ist wichtiger als das Bild. Wer indes beides in einer Box haben will, also Bild- und Ton-Datenträger, muss viel Geld investieren, bekommt aber noch haufenweise exklusives Bonus-Zeug dazu. Man darf gespannt sein auf das, was Johnson noch vorhat!

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Daniel B. Prothese – Shades/44.44 II & III – db2fluctuation 2021

Von Matthias Bosenick (30.11.2021)

Da chillt sich der alte Front-242-Soundtüftler Daniel Bressanutti durch mehrere Stunden Ambient: Gleich zwei Doppel-CDs mit nur jeweils einem Track zwischen 45 und 75 Minuten Länge pro Tonträger setzt er unter seinem Alias Prothese ab, „Shades“ sowie zwei Fortsetzungen von „44.44“. Ersteres erscheint im Zusammenhang mit der Online-Ausstellung „Sky Any Colour“ und ist in der ersten Hälfte rhythmischer als Zweiteres, das als Experiment im Geiste der Siebziger aufzufassen ist. Für Daniel B. gilt stets: Seine Chillout-Musik ist gleichzeitig spannend und entspannend.

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Killing Joke – Total Invasion Live In The USA – Cadiz 2021

Von Matthias Bosenick (29.11.2021)

Von der Pandemie zu Pandemonium ist es nicht weit: Der Grund, diesen Mitschnitt als CD oder LP zu veröffentlichen, dürfte darin zu finden sein, dass es während der Coronazeit keine Auftrittsmöglichkeiten und also keine Einnahmequellen gab. Machen ja dieser Tage viele Bands und Musiker so, also gibt’s nun einen Gig von Killing Joke aus dem Vorprogramm von Tool während der gemeinsamen Tour in den USA. Interessant sind weniger die Versionen oder der Sound als vielmehr die Zusammenstellung, die auch in nur neun Songs fast 40 Jahre abdeckt. Ansonsten ist dies nur für Komplettisten, die drölfzigste Liveplatte der Erfinder von Postpunk, New Wave, Industrial und Goa.

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Nick Cave & The Bad Seeds – B-Sides & Rarities Part II – BMG 2021

Von Matthias Bosenick (23.11.2021)

Solche B-Seiten- und Raritäten-Compilations sind ja immer Dienst am Sammler und am Fan, und Nick Cave bietet diesen Dienst jetzt zum zweiten Mal an. Abgedeckt ist der Zeitraum zwischen „Dig, Lazarus, Dig!!!“ 2008 und „Ghosteen“ 2019, also genau der des Wechsels vom physischen Krawall in den transzendentalen Ambient-Trance. Diese Entwicklung bescherte dem Todespoeten eine neue Aufmerksamkeit, doch muss man sich als Altfan damit anfreunden können, dass bei Nick Cave aus dem Rock’n‘Roll ein immerhin kunstvolles, aber ein Wimmern wurde. Die erste dieser Doppel-CD ist für jene die attraktivere, die zweite zwar schön chillig, aber eine Rückkehr zum Krach wäre allmählich echt mal begrüßenswert.

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Jomi – Lyst – Glorious Records 2021

Von Matthias Bosenick (19.11.2021)

Vom Dunkel ins Licht: Eine überraschende Richtung schlägt die um ihren Suffix „Massage“ gekürzte Kopenhagener Sängerin Jomi, eigentlich Signe Høirup Wille-Jørgensen, auf ihrem neuen Soloalbum „Lyst“ ein. War der Vorgänger „Primitives“ 2013 noch eher abgrundtief und schwarz, strahlt „Lyst“ beinahe sonnenhell und hoffnungsvoll, lebendig und befreit. Musikalisch ist das gleichzeitig Indierock mit den Mitteln des Jazz und Jazz mit den Mitteln des Indierock; jenen pflegt Jomi seit den Neunzigern mit der Noiserockband Speaker Bite Me. Jomis Stimme steht hier wie ein kraftvoller Baum inmitten der überwältigenden Arrangements. „Verlangen“ lautet der Titel übersetzt, und Sexualität, Selbstbestimmung und Lust sind bei Jomi auch in ihren Performances immer wieder Thema. Eine großartige Platte!

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