Thom Yorke – Tomorrow’s Modern Boxes – Landgrab 2014

Von Matthias Bosenick (05.01.2015)

Bei Thom Yorkes zweitem Soloalbum steht die Diskussion um den Vertriebsweg vor der um die Musik. BitTorrent, Bandcamp, Gratis-Downloads – und eine LP-Version für mindestens satte 40 Euro, das sind die Eckdaten zum Jahreswechsel. Damit sattelt Yorke auf den Coup um das Radiohead-Album „In Rainbows“ auf und macht sogar so ähnliche Musik, nur ohne Band dahinter, also rein elektronisch vertrackt mit seiner Stimme drin. Das Ergebnis ist jedoch eher Stimmung als Song – und damit latent enttäuschend, wenn auch auf hohem Niveau.

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Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach (En duva satt på en gren och funderade på tillvaron) – Roy Andersson – S/N/F/D 2014

Von Matthias Bosenick (04.01.2015)

Die „Taube“ ist kaum weniger als eine Offenbarung für das zeitgenössische Kino. Weil der Film gleichzeitig auf alte europäische Qualitäten zurückgreift und etwas Neues, auf jeden Fall absolut Einzigartiges schafft – das zudem auch noch gefällt und sich nicht nur in unverständlichen Experimenten verirrt. Formal fällt auf, dass jede Szene mit einer Steadycam gefilmt ist, also wie eine Theaterbühne wirkt, und dass optische und verbale Wiederholungen mehr Strukturen schaffen als die reduzierte Handlung. Es ist schwer, zu verallgemeinern, worum es in dem Film geht. Irgendwie um das Leben, sicher. Ein großes Qualitätsmerkmal ist, dass nach dem Kinobesuch jeder Zuschauer mit einer anderen Lieblingsszene aufwartet, die ihn stark berührt hat.

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Meshuggah – The Ophidian Trek – Nuclear Blast 2014

Von Matthias Bosenick (31.12.2014)

Wenn zwischen zwei Live-Veröffentlichungen lediglich ein Studioalbum liegt, muss sich das jüngste Live-Dokument nicht nur den Vergleich zum Vorgänger gefallen lassen, sondern auch die Frage nach seiner Relevanz. Zwischen „Alive“ (2010) und dem neuen „The Ophidian Trek“ erschien lediglich „Koloss“ (2012), das die meisten inhaltlichen Unterschiede zwischen den Live-Alben beisteuert. Filmisch ist „Alive“ knackiger gelungen, der Sound ist beim Vorgänger ebenfalls besser, und was jetzt außerdem ausbleibt, ist die Überraschung darüber, dass die fünf Schweden ihre hochkomplexen Metalstücke tatsächlich live rekonstruieren können; das war der große Aha-Effekt auf „Alive“ für alljene, die die Band nie live gesehen hatten. Ein Vorteil ist, dass die Songs auf „The Ophidian Trek“ nicht unterbrochen sind, zeigte doch „Alive“ Impressionssequenzen zwischen den Tracks. Die Songs indes sind natürlich auf beiden Werken geil.

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Ethernet Orchestra – Diaspora – Pueblo Nuevo 2014

Von Matthias Bosenick (29.12.2014)

Dieser Text ist auch in Stefanie Krauses Magazin Kult-Tour Braunschweig veröffentlicht.

Uha, die wissen, wie man Angst und Beklommenheit in Musik verpackt, und das auch nur nebenbei, unbeabsichtigt. Das Ethernet Orchestra improvisiert sich live mit internationaler Besetzung eine Musik zurecht, die von Formatradiohörern als solche sicherlich nicht mehr zu erkennen ist. Rhythmen entstehen, wenn überhaupt, dann nur rein zufällig, Melodien beinahe gar nicht, stattdessen flirren Sounds aus allen erdenklichen Quellen umeinander herum: Trompete, arabische Percussion, Obertongesang, Drones, Samples, Singende Säge, Gesang, diverse Saiteninstrumente, Field Recordings und vieles mehr, das man als Laie nicht einmal zu erkennen vermag. Zum vollständigen Genuss ist es vermutlich nicht unerheblich, zu wissen, wie die Stücke entstanden sind: live und virtuell nämlich, per Internet vernetzt, als vom Orchester so genante Tele-Improvisation. Damit ist in gewisser Weise weniger das Ergebnis als vielmehr die Entstehung die Besonderheit an „Diaspora“.

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Ethan Silk – Fractured Parts Of A Rotten World – Silk Industry Recordings 2014

Von Matthias Bosenick (28.12.2014)

Ab und zu geschieht es dann doch noch, dass einem abseits des Mainstreams – und ja, den gibt es auch und ganz besonders in den vermeintlich alternativen Musikrichtungen – ein neuer Künstler seine Arbeiten in die Musikabspielgeräte spielt, die einer eigenen Linie folgen, frei von Anbiederung und Kommerz. Ein solcher Künstler ist der Kanadier Ethan Silk, der mit seinem dark-ambient-lastigen rein instrumentalen Electro-Debüt selbst die finstersten Nächte noch dunkler zu machen weiß.

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Primus – Primus & The Chocolate Factory with The Fungi Ensemble – Prawn Song/ATO Records 2014

Von Matthias Bosenick (27.12.2014)

Alle Skepsis beiseite: Das Cover-Album zum ursprünglichen Willy-Wonka-Film von 1971 ist deutlich mehr Primus, als es das Comeback-Album „Green Naugahyde“ vor drei Jahren war. Jenes war zu durchdesignt im Primus-Stil, ohne eine Fortentwicklung; auf dem vorliegenden Album gelingt dem Trio in Urbesetzung das Kunststück, Fremdkompositionen wie eigene Werke klingen zu lassen. Dieses Album will man öfter hören.

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Einstürzende Neubauten – Lament – Mute 2014

Von Matthias Bosenick (11.12.2014)

Erst hört man sechs Jahre lang von den Einstürzenden Neubauten keinen Ton, und zwar nachdem sie ihr wegweisendes Supporters-Projekt als gescheitert betrachten mussten (wobei den Supporter ärgerte, dass die exklusiven Download-Extras später als „Jewels“ auch auf CD veröffentlicht wurden und somit keine Extras mehr blieben), und dann befassen sie sich musikalisch mit dem allseits medienüberfütternden Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Doch gottlob fegen die neuen Feuilletonslieblinge alle Bedenken beiseite: „Lament“, die Umsetzung eines Projektes über den Fall von Diksmuide, Belgien, von ebenjener Kommune als Performance in Auftrag gegeben (und damit quasi ein Schwesterwerk zu „Ypres“ von den Tindersticks), ist ein Album, das sowohl als eigenständiges Werk im Neubauten-Oeuvre besteht als auch dem Reigen der in ihrer Qualität weit voneinander abweichenden WWI-Veröffentlichungen etwas Nachhaltiges hinzufügt.

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Machine Head – Bloodstone & Diamonds – Nuclear Blast 2014

Von Matthias Bosenick (03.12.2014)

Hymnen in hart, aber sowas von. Die Entwicklung der Thrasher ist interessant: Nach drei progressiven Monolithen greifen sie auf ihrem achten Album auf den Sound ihrer erfolgreichsten (aber, anders als jetzt, kreativ enttäuschendsten) Zeit zurück und binden darin ihre Experimentierfreude ein. So finden sich nun allerlei interessante Elemente in diesen eher eingängigen brettharten neuen Metal-Songs. Ist man zunächst enttäuscht, die Komplexität der Vorgänger nicht im erwarteten Maße erfüllt zu bekommen, kriegt man dann aber nach einigem Hören große Lust auf die heavy Grooves und die anderen attraktiven Ideen von Bandchef Robb Flynn.

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Qntal – VII – Drakkar/Soul Food 2014

Von Matthias Bosenick (02.12.2014)

Ein weiterer Fall, an dem man als Davongeschrittener überprüfen kann, inwieweit man den Zurückgelassenen mach einiger Zeit wieder folgen kann: Die Elektro-Mittelalterer Qntal veröffentlichen nach sechs Jahren Pause ihr siebtes Album. Jenem ging ein gewisser kreativer Stillstand voraus, mit der Konsequenz, dass auch die Band dies bemerkte und sich von Keyboarder Philipp Groth alias Fil trennte. Mit dessen Nachfolger Leon Rodt soll nun alles besser werden. Festzustellen ist, dass „VII“ kompakter und schlüssiger ausfällt als die Vorgänger. Damit einher geht jedoch ein Übermaß an Poppigkeit, das die anspruchsvolleren experimentellen Passagen überlagert.

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Goethes Erben – Rückkehr ins Niemandsland – Genom 2014

Von Matthias Bosenick (27.11.2014)

Mit Goethes Erben wird Oswald Henke offenbar niemals so richtig fertig, auch wenn er das immer wieder betont. Seit acht Jahren ruhen die Aktivitäten dieser in Gruftikreisen der „Neuen Deutschen Todeskunst“ zugeordneten Band, aber in jüngster Zeit ist Henke unter dem alten Namen wieder auf Bühnen unterwegs, anlässlich des 25. Geburtstags der Erben. Wer sich vorab zum Kauf verpflichtete, erhielt eine Doppel-DVD von der Jubiläums-Show, „Rückkehr ins Niemandsland“, auf der der Fan zwei Stunden Goethes Erben live mit dem typischen theatralischen Gestus des Lyrikers und Schauspielers Henke findet. Man kann natürlich diskutieren, ob man Henkes Anti-Erben-Haltung und Doch-noch-Rückkehr ernst nehmen kann. Interessanter ist jedoch, wie man als Herausgewachsener selbst mit der musikalischen Zeitreise umgeht.

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