Mülheim-Texas: Helge Schneider hier und dort – Andrea Roggon – D 2015

Von Matthias Bosenick (27.04.2015)

Helge Schneider ist nicht zu fassen, und das gilt für sämtliche Bedeutungen dieser Wendung. Das ist gut für ihn als Künstler, weil seine Unberechenbarkeit ein wichtiger Grund dafür ist, ihn zu mögen (wenn man ihn denn mag), aber schlecht für diese Dokumentation, weil sich der Gegenstand derselben dem Dokumentiertwerden entzieht. Sicherlich liegt das Versagen der Regisseurin, einen stringenten, repräsentativen, zusammenhängenden und dichten Film über den 59-jährigen Schneider zu produzieren, in Schneider selbst begründet. Trotz der tollen Ausschnitte aus Schneiders Bühnenprogramm, Werdegang und semiprivatem Gebaren stellt sich daher die Frage nach dem Sinn des Films. Wenigstens kommen Fans mit neuen Zitaten ihres Entertainmenthelden aus dem Kino, dafür immerhin lohnt sich das Betrachten des ansonsten leider schalen Werks.

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Apocalyptica – Shadowmaker – Odyssey/Rough Trade 2015

Von Matthias Bosenick (26.04.2015)

Man kann Apocalyptica nicht vorwerfen, dass sie sich nicht entwickeln. Zumindest ihre eigenen Grenzen überschreiten die einstigen Metallica-mit-vier-Celli-Nachspieler immer wieder; dumm nur, dass das Ergebnis im Vergleich mit dem Rest des Universums so wenig Weiterentwicklung birgt. Neu ist dieses Mal bei den Cellometallern, dass es keine wechselnden Stimmengäste mehr gibt, sondern einen festen Sänger. Und in einem Track hört man elektronische Breakbeats. So weit, so okay. Leider ist das Album ein mittelmäßiges Mainstreamwerk geworden. Ob da nun Cello draufsteht, ist oftmals egal, weil die Songs – besonders, weil seit einigen Alben ein Drummer zum festen Line-Up gehört – meistens mediokren Softrockheulern ähneln. Offenbar haben die Finnen den fälligen Schritt zur Erwachsenenband übersprungen und sind bei junggebliebenen Classic-Rock-Rentnern angekommen, die damit gleichzeitig junge Alternative-Rock-Hörer erreichen wollen.

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Code 37 – Jakob Verbruggen, Joël Vanhoebrouck – B 2009

Von Matthias Bosenick (21.04.2015)

Sechs Jahre später kommt nun diese vermeintlich unbedeutende Serie aus dem tatsächlich im Rest der Welt eher unbedeutenden TV-Serien-Land Belgien in Deutschland auf DVD heraus, und dafür ist ein geübtes Crossmarketing der Auslöser: Hauptdarstellerin Veerle Baetens spielt eine der drei Ermittlerinnen in der aktuell sowohl recht als auch zu Recht gefeierten Serie „The Team“, die ebenfalls bereits auf DVD erhältlich ist. Wer nun diesen Seitenschritt wagt, wird belohnt; Sexualdelikte als Thema könnten für Betroffene (von denen es erschütternderweise viel zu viele gibt) abschreckend wirken, doch verlagert die Serie das Gewicht von der Gewaltdarstellung auf die Haltung: Wer sich hier im Rahmen des Polizei-„Code 37“ strafbar macht, ist alles andere als ein Held – er ist ein Arschloch. Damit, mit sympathisch unsympathischen Charakteren und mit einer attraktiven visuellen Umsetzung punktet die Serie; da fällt es nicht so unangenehm auf, dass die Fälle an sich nicht immer die komplexesten sind.

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Brothers Of The Sonic Cloth – Brothers Of The Sonic Cloth – Neurot Recordings 2015

Von Matthias Bosenick (17.04.2015)

Man hat in den zurückliegenden 20 Jahren, nach dem Ende der Band Tad, deren Chef Tad Doyle reichlich aus den Augen verloren. Er aber die Öffentlichkeit offenbar auch. Klammheimlich rumort er jedoch in diversen Besetzungen vor sich hin, jüngstens im Doom-Sludge-Metal-Trio Brothers Of The Sonic Cloth. Deren Debüt erscheint nicht von Ungefähr auf Neurosis‘ Label Neurot Recordings – dat passt schon. Nicht, dass man hier etwas weltbewegend Neues kredenzt bekäme, aber dafür ein sattes, amtliches Album mit grunzender Dunkelheit und schleppenden Melodien. Schön geworden.

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Marcel Pollex – In höflicher Ablehnung – Verlag Andreas Reiffer 2015

Von Matthias Bosenick (13.04.2015) / Auch erschienen auf Kult-Tour – Der Stadtblog

„Höflich“ ist gelogen, die „Ablehnung“ hingegen quillt tatsächlich aus allen Zeilen, die Marcel Pollex zu kleinen Texten formt und in diesem, seinem ersten, Buch versammelt. Spürbar angewidert befasst sich Pollex mit den Themen des Zeitgeistes, und dies auch oftmals mit dessen Mitteln. Er verabscheut die popkulturellen, mainstreamigen Inhalte und Bewegungen, doch um sich auf diese seine Weise mit ihnen auseinanderzusetzen, muss er sie konsumiert haben, was bei seiner Haltung wahrlich kein Vergnügen gewesen sein kann. So bewegt er sich zwar einerseits auf massentauglichen Feldern, dies allerdings in einer Gangart, die das Gegenteil von massentauglich ist. Das macht es schwierig, eine Zielgruppe zu finden, denn wer zwar seine Haltung teilt, interessiert sich aber nicht zwingend für die Ziele seines Spottes, und wer dies doch tut, wird seinem Werk vermutlich eher nicht begegnen. So erfreut man sich als Leser (und Hörer, dem Buch liegt ein Download-Code bei) an der Sprache, derer sich Pollex befleißigt und die für sich eine wesentliche Besonderheit seiner Arbeit ausmacht.

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Der Weg einer Freiheit – Stellar – Season Of Mist 2015

Von Matthias Bosenick (06.04.2015)

Glaubt man den einschlägigen Black-Metal-Kreisen, gehören Der Weg einer Freiheit inzwischen zum Hype und sind damit bei den eingefleischten Hörern schon wieder uninteressant. Ja, so geht es zu im Untergrund, schon immer und auch 2015 noch. Gut, dann sei „Stellar“, das dritte Album der Würzburger, eben aus Sicht eines Außenstehenden rezipiert. Der hat nun seine Freude daran, dass sich Der Weg einer Freiheit eben nicht sklavisch an Genrevorgaben halten. Die zwischen die traditionellen Parts mit Blast Beats, Rumschreien und kalten Gitarren gesetzten klaren Passagen mit ordentlich Power und dichten Gitarrenteppichen jedenfalls machen die Musik für den Uneingeweihten deutlich attraktiver als die klassisch-skandinavischen Kirchenkoklersoundtracks. Auf typische Posen und Corpsepaint verzichten Der Weg einer Freiheit dankbarerweise auch.

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Das ewige Leben – Wolfgang Murnberger – A 2015

Von Matthias Bosenick (04.04.2015)

Der vierte Film der Brenner-Reihe, gedreht nach dem sechsten Buch der inzwischen achtbändigen Krimiserie von Wolf Haas: In „Das ewige Leben“ stolpert der Ex-Polizist Simon Brenner (wie immer gespielt von Josef Hader) durch sein altes Leben, als er aus prekären Gründen in seine Heimat Graz zurückkehrt, und muss sich mit seinem Suizid, einer möglichen Vaterschaft und diversen Todesfällen befassen. Das bewährte Team (inklusive angemessener Musik der Sofa Surfers) dreht einen soliden Film, der für sich als Krimi mit vielen Aha-Momenten funktioniert, aber den Brenner etwas zu kurz kommen lässt.

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Akasha Project – Live in der KaufBar in Braunschweig am 2. April 2015

Von Matthias Bosenick (03.04.2015)

Dieser Artikel ist auch veröffentlicht auf Kult-Tour Braunschweig.

Ambient-Musik hat bisweilen trotz aller Entspannt- und Schönheit etwas vermeintlich Strukturloses, Beliebiges. Uneingeweihten geht es wie manchen beim Hören klassischer Musik: Man fragt sich, warum wann was passiert und wann es endlich mal so richtig losgeht. Der Braunschweiger Barnim Schultze steuert mit seinem Akasha Project auf seine Weise dagegen: Er legt seinen Stücken eine wissenschaftliche Formel zugrunde und kreiert um die sich daraus ergebenden Grundvoraussetzungen eigene Ideen herum. Seine Basis war in der KaufBar die Idee, dass jedem Planeten Frequenzen zugrunde liegen, die er über die „Kosmische Oktave“ in den hörbaren Bereich rechnete und so für jeden Planeten einen Ton und einen Beat ermittelte. Der Rest kam aus seinem Geist und aus seinen technischen Apparaturen. Sein Live-Ambient war daher so abwechslungsreich, dass er die gechillten Hörer zur Aufmerksamkeit zwang. Bestandteil des Zweieinhalbstundenprogramms waren zudem wissenswerte Hintergrundinfos.

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Marc Domin – Der Todesbiss der schwarzen Nonne/Lichtreflexe Of The Love – Marc Domin 2015

Von Matthias Bosenick (02.04.2015)

Mit seinem neuesten Doppelpack, bestehend aus Buch und CD, festigt Marc Domin seinen Stand als wandelnde Provokation. Fischt er auf der Akustik-CD „Lichtreflexe Of The Love“ thematisch noch vornehmlich in beinahe klassischen Punk-Gewässern, tritt er in dem dreigeteilten Buch „Der Todesbiss der schwarzen Nonne“ mehrheitlich über die Ufer des guten Geschmacks. Das Heft ist ein Stinkefinger in sämtliche Richtungen, sowohl formal als auch inhaltlich. Er hält sich an keine Erwartungen und zeigt keinen Respekt vor auch nur irgendetwas. Man fragt sich, was einen so entwaffnend charmanten und großherzigen Menschen künstlerisch so bodenlos werden lässt. Die Lektüre des Buches jedenfalls findet doch sehr unter Schmerzen statt, ein reines Vergnügen treibt Domin dem Leser gekonnt aus. Dafür bekommt man von ihm etwas anderes, was ist es nur: Voyeurismus? Schadenfreude? Genugtuung? Rebellion? Oder schlicht Punkrock?

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Shaun, das Schaf – Der Film (Shaun The Sheep Movie) – Mark Burton, Richard Starzak – GB/F 2014

Von Matthias Bosenick (01.04.2015)

Ein Kinofilm zu einer TV-Serie, die ihrerseits Spin-Off eines Kinofilms („Wallace & Gromit unter Schafen“, von 1995!) ist – von hinten durch die Brust ins Knie, könnte man meinen, ist aber eher ein Blattschuss: „Shaun, das Schaf – Der Film“ (offiziell tatsächlich ohne Komma) ist gut, und zwar eher im Sinne der ersten Staffel als der jüngeren Folgen, die zumeist eher lieblos hingedengelt wirken. Das bewährte Knetmännchenteam aus den Aardman-Studios schafft es, einen Anderthalbstundenfilm komplett ohne menschliche Wortäußerungen in Gänze unterhaltsam zu gestalten. Es ist schon in der Serie mutig, vollständig auf zitierbare Witze zu verzichten. Shaun vermittelt seine Weisheiten nonverbal, und zu vermitteln hat er tatsächlich ein bisschen was. Alte Werte, ja, aber doch entschuldbar und anrührend. Positiv ist außerdem, dass hier der namenlose Farmer nicht als selbstgefälliger coabhängiger Semi-Gegner erscheint, sondern als liebenswertes Familienmitglied. Das hat er sich verdient.

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