Paterson – Jim Jarmusch – USA 2016

Von Matthias Bosenick (21.11.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Mit diesem Puzzlespiel von einem Film beschäftigt Jim Jarmusch seine Zuschauer noch Stunden nach Verlassen des Kinos. Nimmt man nur die Zwillinge als Leitmotiv, kann man schon auf schier unendliche Entdeckungsreise gehen. Die kleine Geschichte am Rande nimmt man dann trotzdem gern mit, weil sie so warmherzig und anrührend ist. Typisch für Jarmusch sind die skurrilen Normalen in diesem Film, die fast märchenhafte Abwesenheit von Rassenunterschieden sowie die vielen pop- und sonstwie kulturellen Verweise. Ein Fest!

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kino

Hoax und Warteschleife – Live bei der 5. Exil-Revival-Party in der Musikscheune Pollhöfen am 19. November 2016

Von Matthias Bosenick (20.11.2016)

Über Pollhöfen sieht man Sterne, die über Braunschweig seit Jahrhunderten von der urbanen Lichtverschmutzung verschluckt werden. Was man hingegen nicht sieht, ist Bebauung, zumindest in dieser Pollhöfen angegliederten Siedlung namens Kiebitzmoor. Die Scheune eines der drei Höfe dieser Siedlung birgt seit einigen Jahren ein Unterhaltungsetablissement, das sich sehr an der alten Schule alternativer Discotheken in der Lüneburger Heide orientiert. Eine davon hieß Exil und war bis zum feurigen Exitus vor rund 20 Jahren in Bodenteich angesiedelt. Weil die Gäste von damals heute kaum noch geschmacksgerechte Weggehgelegenheiten finden, haben sich allerorts Retro- und Revival-Partys etabliert. Die fünfte fürs allseits geliebte Exil sollten eigentlich die Bollock Brothers beschallen; krankheitsbedingt fand man in Hoax und Warteschleife gleichwertigen Ersatz. So viel Gegenwart liegt im Abfeiern der Vergangenheit: Die Freude an dem Ereignis war zwar vom „Weißt du noch“ durchdrungen, setzte aber einen kräftigen Anker für künftiges Rückerinnern auf genau diesen Moment.

Weiterlesen

Theatre Of Hate – Kinshi – Kirk Brandon/Pledge 2016

Von Matthias Bosenick (19.11.2016)

Man fragt sich, woran Kirk Brandon es festmacht, dass er mal Spear Of Destiny und mal Theatre Of Hate reaktiviert. Bis man die jeweiligen Alben hört: Die früheren Wavepopper Spear Of Destiny sind längst eine mitreißende Rockband geworden, als Theatre Of Hate macht er deutlich kargeren Waverock mit Saxophon. Und beweist: Es gibt keine schlechten Instrumente, man muss sie nur zu nutzen wissen. Wie auch die Triangel. Vom amateurhaften Cover sollte man sich nicht abschrecken lassen: „Kinshi“ ist Kirk Brandon auf dem seit 35 Jahren andauernd hohen Niveau.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Album

Yello – Toy – Polydor/Universal 2016

Von Matthias Bosenick (15.11.2016)

Ein Spielzeug zwischen „Bostich“, „The Rhythm Divine“, „Desire“ und „Planet Dada“: Yello präsentieren sich 2016 mit einem Album, das Elemente aus allen Schaffensphasen kombiniert, und das auch noch schlüssig. Welten werden sie damit sicherlich nicht mehr bewegen, fügen aber zumindest ihrem eigenen Universum etwas Brauchbares hinzu, und das ist ja auch schon eine Menge wert. Heißt: Den Techno erfinden sie kein zweites Mal neu, machen aber trippiges Elektrozeug mit Jazzhaltung. Dazu grummelt Dieter Meier wie gewohnt und lässt sich manches Mal von Frauenstimme begleiten. Das ist sehr chic.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Album

Alcest – Kodama – Prophecy/Soulfood 2016

Von Matthias Bosenick (15.11.2016)

Und dann gab’s da ja auch noch den Black Metal in der Biographie von Neige alias Stéphane Paut alias Alcest (alias weitere Projekte). Vom Puristen-Black-Metal wandte sich der Franzose ja schon als Teenager ab; heute spricht man bei seiner Musik von Post-Metal oder, sofern man Hipster ist, von Blackgaze. Heißt: Die Gitarren türmen sich zu, ähm, Türmen auf, Härte wird nicht mit Blastbeats oder Tempo erzeugt, der Pop gewinnt bisweilen Oberhand, der Sänger ist in sich gekehrt. Ist schön, aber man vermisst das vertraute Pfund im Sound. Immerhin ist „Kodama“ nicht mehr ganz so watteweich wie der Vorgänger „Shelter“.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Album

Ich, Daniel Blake (I, Daniel Blake) – Ken Loach – GB 2016

Von Matthias Bosenick (13.11.2016) / Auch erschienen auf Kult-Tour Der Stadtblog

Wenn ein Regisseur es schafft, mit seiner Geschichte die Zuschauer so sehr zu berühren, dass sie wahlweise in Tränen ausbrechen oder stinkwütend werden, muss er eine besondere Gabe des Erzählens haben. Ken Loach ist so einer, ein seltener Glücksfall. Mit „Ich, Daniel Blake“ macht er sich einmal mehr zum Sprecher der kleinen Leute, indem er dieses Mal das britische Sozialsystem als Grundlage nimmt, das im Wortsinne die Leute umbringt. Das ist Europa. Leider. Ein hochgradig berührender Film.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kino

The Childhood Of A Leader – Brady Corbet – USA 2016

Von Matthias Bosenick (12.11.2016)

Stanley Kubrick verfilmt das „Nesthäkchen“: Ein Junge, der aussieht wie ein Mädchen, terrorisiert in Zeiten des ersten Weltenbrandes angesichts autoritärer Eltern sein Umfeld. Fazit: Arschlöcher zeugen Arschlöcher. Als Erklärung für politische Führerfiguren ist das reichlich kurz gedacht und als Film reichlich langatmig. Auch der wohlgepriesene Soundtrack von Scott Walker erzeugt bei Leuten, die schon mal avantgardistische Musik gehört haben, nur für Schulterzucken. Immerhin, die Bilder sind ansprechend und manche One-Liner erinnerungswürdig. Ansonsten wundert man sich, warum Brady Corbet daran zehn Jahre lang gearbeitet haben will.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kino

The Tiger Theory (Teori tygra) – Radek Bajgar – CZ 2016

Von Matthias Bosenick (12.11.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Ah, das ist endlich mal wieder europäisches Kino ohne Weichspüler: Der Humor hier unterscheidet sich stark von der französischen Komödie und vom Hollywood-Strandard. „The Tiger Theory“ ist sarkastisch und lakonisch, schwarzböse mithin, und das so beiläufig, dass die Dialoge doppelt sitzen. Veterinärveteran Jan hat nach 40 Jahren Ehe die Schnauze voll von heiler, aber fremdbestimmter Welt und lässt sich angesichts kastrierter Kater und fehldiagnostizierter Gedächtsniskrankheiten bei Graupapageien erfolgreich dazu hinreißen, seiner Familie Alzheimer vorzugaukeln. Spannend sind hier die vielen Charakterentwicklungen, kollidierenden Lebenswelten und beratungsresistenten Stillstände sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Charaktere. Da rückt die nur wenig ausgefeilte Bildsprache in den Hintergrund: Der Film ist gut.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kino

DeXit – Lars Jordan – D 2016

Von Matthias Bosenick (11.11.2016)

Ist das ernst gemeint? Der Autor muss zugeben, zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Kino vorzeitig verlassen zu haben. Das gibt zu sehr in Richtung fremdschämen. Da nun kaum mehr als eine halbe Stunde Film, also gut ein Viertel des Gesamten, als Grundlage für eine Besprechung nicht ausreichen, soll hier Schweigen sein.

Veröffentlicht unter Kino

The Laundryman (青田街一号, Qīngtián jiē yī hào) – Chung Lee – Taiwan 2015

Von Matthias Bosenick (11.11.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Diesen Film gesehen zu haben, war eine mindestens doppelte Herausforderung: Erstens behandelt er übersinnliche Themen, die dem gemeinen Mitteleuropäer fremd sind, und zweitens hing bei der Präsentation die Spur mit den englischen Untertiteln dem Film um eine halbe Minute nach. Die Geschichte ist – schön, aber konventionell gefilmt – diese: Ein Mann arbeitet als Auftragskiller für eine Wäschereibesitzerin und sieht sich bald von den Geistern seiner Opfer bedrängt. Ein Medium soll ihm helfen, sie loszuwerden, doch die Lösungen dafür sind nicht förderlich für andere Lebende. Man sieht sich mit einem recht abenteuerlichen Humor und einer ungewöhnlichen Geschichte konfrontiert.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kino