Sibylle Schreiber – Vom Lachen über den Tod – Ehrlich-Verlag 2019

Von Matthias Bosenick (08.07.2020)

„Der Tod ist leider niemals lustig“, befand Terence Hill alias „Nobody“, und so begegnet die Gesellschaft diesem dem Leben immanenten Phänomen zumeist, indem sie es bestenfalls ausblendet. Gegensätzliche Erfahrungen wiederum machte die Wolfsburger Autorin Sibylle Schreiber, als sie als Lesende einige Zeit im Hospiz verbrachte: Ohne den Tod zu veralbern, begegnet man ihm dort zuweilen überraschend gutgelaunt. Behutsam und warmherzig berichtet Schreiber von Erlebnissen, die Belegschaft und Bewohner mit rührenden, fröhlichen, unerwarteten, schlagfertigen Reaktionen auf das nahende Sterben machten.

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Frank Schäfer – Die Neuerfindung des Rock’n’Roll – Verlag Andreas Reiffer 2020

Von Matthias Bosenick (17.06.2020)

Seine persönlichen Betrachtungen zur elektrisch verstärkten Gitarrenmusik bündelt Frank Schäfer in diesem Bändchen der neu ins Leben gerufenen Edition Kopfkiosk des Verlags Andreas Reiffer. Eben dieses Persönliche macht die Lektüre so reizvoll, denn nicht nur seine gefühlten Tatsachen, sondern auch seine historischen Nacherzählungen offenbaren seine subjektive Gewichtung, etwa in den Auslassungen. Man kennt ja seinen Pappenheimer, und man feiert diese eigens aufgehübschten Essays für ihren vertrauten Zungenschlag. Man liest ihn einfach gern, den Schäfer, und hat dabei stets seine charakteristische Vorlesestimme im Ohr.

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Jörg Hiecke/René Seim (Hg) – Ich liebe Musik Vol. 2 – Windlustverlag 2020

Von Matthias Bosenick (30.03.2020)

Ein überwältigend bewegendes Buch. Die Vorgabe von Ideen- und Herausgeber Jörg Hiecke war, etwas zum Titelthema „Ich liebe Musik“ zu verfassen und dabei ein spezielles Lied hervorzuheben. 69 Beiträge sammelte er mit Verleger René Seim, die sie nun in diesem Kompendium bündeln. Da die beiden Dresdener sind und sich die Vielzahl der Beitragenden aus dem näheren Umfeld fanden, bekommt man berührende Geschichten über Musikfansein in der DDR, zur Wendezeit, nach dem Mauerfall – und sowieso von ganz vielen Momenten erzählt, in denen Musik eine wegweisende Wirkung auf die Verfasser hatte. Wehmut ist ein beherrschendes Gefühl, und Liebe, auch ungenannt, sowieso. Eine grandiose Idee, 21 Jahre nach dem ersten Mal immer noch, mit einem grandiosen Ergebnis.

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Hardy Crueger – Schlachthaus – Hardy Crueger 2020

Von Matthias Bosenick (27.02.2020)

Wenn schon ein sympathischer Mensch auf solch menschenverachtende Ideen kommen kann, mag man sie sich gar nicht in den Köpfen solcher Leute vorstellen, wie Hardy Crueger sie in seinem neuen Thriller „Schlachthaus“ beschreibt. Um die größenwahnsinnige Motivation von Serienmördern geht es, und Crueger beweist sich als Fachmann sowohl in Täter- als auch in Opferpsychologie. Das Buch ist spannend und abstoßend zugleich, man mag es nicht lesen, aber auch nicht aus der Hand legen. Ein schmerzhafter Parforceritt für die empfindsame und empathische Seele.

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Machyyre – Wunschbrunnen – Wolfsrudel/Puppengott 2020

Von Matthias Bosenick (25.02.2020)

Was’n Paket! Jonas Kolb aus Schöningen bringt sein neues Album „Wunschbrunnen“ unter dem dem schwer aussprechbaren Alias Machyyre nicht einfach als CD heraus, sondern in ein dickes Buch mit Stickern, Extra-Booklet (seinem „Puppetier“-Comic), Mini-Buch und sonstigen Goodies eingebettet. Musikalisch lässt er sich noch am ehesten in der Neuen Deutschen Todeskunst verorten, und wenn man das weiß und sich dann aber vom ersten Track gleich in bester Black-Metal-Manier anbrüllen lässt, ist man umgehend geplättet. Dunkle Poesie mit minimalistischer Musik und vielen Überraschungen, nicht nur optischen. Verstörend gut.

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The Russian Doctors – Das große Pratajev-Liederbuch II – Verlag Andreas Reiffer 2019

Von Matthias Bosenick (23.12.2019)

Sergeij Waschowitsch Pratajev war ein Zeitgenosse von Arnold Hau (mit mehr Gewicht auf „Genosse“ als auf „Zeit“), von ähnlicher Universalgelehrtheit, aber erst ein halbes Jahrhundert später von Holger Oley und Frank Bröker entdeckt. Dem trinkfesten Russen widmete das Entdeckerduo so manche Veröffentlichung, und die jüngste bündelt die von Pratajev inspirierten Texte zu den Alben, die es unter dem Namen The Russian Doctors zwischen 2013 und 2020 herausgebracht haben wird, versehen mit erläuternden Fußnoten. Eine handliche Reiselektüre, auch zur Wandergitarre.

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Burgwächter/Crueger/Weyershausen – Braunschweig’sche Weihnacht – Verlag Andreas Reiffer 2019

Von Matthias Bosenick (28.10.2019)

Wenn man es besinnlich will, sollte man nicht unbedingt dieses Triumvirat des Bösen ranlassen: Unflat Till Burgwächter, Blutjunkie Hardy Crueger und Sarkast Karsten Weyershausen beschreiben die „Braunschweig’sche Weihnacht“ mitnichten tourismusfördernd. Zwar finden sich Braunschweigkenner in diesen auch für ortsfremde zugänglichen Kurzgeschichten, Glossen und Cartoons zurecht, sehen sich dann aber nach anfänglicher Empathie und Herzenswärme hinterrücks von Abscheu, Hohn, seelischer Schwärze, Tod, Psychothriller und sonstigem Makabren überrumpelt. Ein Riesenspaß für alle Schwarzhumorigen und eine unerwartete Wende angesichts der verkaufsbegünstigenden Thematik. Als Geschenkverpackungsband empfiehlt sich hier ein Strick.

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Ben Aaronovitch – Der Oktobermann/Schwarzschimmel – dtv/Panini 2019

Von Matthias Bosenick (15.10.2019)

Seit acht Jahren gibt es nun die „Rivers Of London“-Serie von Ben Aaronovitch mit dem Londoner Zauberpolizisten Peter Grant als Hauptfigur. Auf Deutsch existieren davon sieben Romane und mit den neusten zwei Veröffentlichungen zudem zwei Kurzromane und drei Graphic Novels, auf Englisch liegen zusätzlich noch weitere drei Comics sowie diverse schriftliche und Hörbuch-Kurzgeschichten vor, der achte Roman der Hauptreihe und der siebte Comic sind für November vorgesehen und in der Schublade hat Aaronovitch noch diverse weitere unveröffentlichte Ideen. Und: Simon Pegg und Nick Frost wollen den Stoff verfilmen. Bei so viel Output bleibt Qualität bisweilen auf der Strecke, das gilt auch für die jüngsten in Deutschland erschienenen Geschichten: Liest sich „Der Oktobermann“ noch einigermaßen flott und flüssig weg, lässt einen „Schwarzschimmel“ doch eher kalt.

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Karsten Weyershausen – Ist Götterspeise Blasphemie? – Edition Wortmax 2019

Von Matthias Bosenick (09.10.2019)

Mit einer bewusst unsortierten Sammlung kleiner bereits online veröffentlichter Texte begründet Karsten Weyershausen die Edition Wortmax, die aus dem gleichnamigen bundesweit vernetzten Literaturblog hervorgeht. „Ist Götterspeise Blasphemie?“, fragt er im Titel, und setzt nach: „Und andere völlig unnütze Gedanken zu Dingen, die sowieso nicht zu ändern sind“. Damit umreißt der Autor recht treffend den Geist, der ihn umtreibt: Im Spannungsfeld zwischen milder Beschwerde und resigniertem Fatalismus findet er die Rettung seiner Seele im Unnützen. Und das wissen wir Popkultursozialisierten: Im Unnützen liegt der meiste Spaß, das reflektiert dieses Buch vortrefflich, angesichts der Ausgangslage überraschend warmherzig sogar.

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Veit Heinichen – Borderless – Piper 2019

Von Matthias Bosenick (18.07.2019)

Da nutzt Veit Heinichen die Form des Thrillers, um seine sehr wertvolle linksbasierte Rundumschlag-Kritik an Europa zu transportieren: Hier geht es um Flüchtlinge, Korruption und undemokratische politische Verstrickungen, vom italienischen Adrianest Grado ausgehend quer durch Europa. Fundiert recherchiert und bisweilen recht spannend aufgearbeitet, aber etwas konstruiert und behäbig zusammengefügt.

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