The Problem Of Leisure: A Celebration Of Andy Gill & The Gang Of Four – Gill Music 2021

Von Matthias Bosenick (28.07.2021)

Was haben Herbert Grönemeyer, Helmet und Killing Joke gemeinsam? Sie sind Teil eines Tribute-Albums! Wie nun aber nähert man sich solchen Vorreitern wie Gang Of Four, wenn man dazu angehalten ist, sich ihres Oeuvres in ehrerbietender Form anzunähern? Im Jahr Eins nach Andy Gills Tod sammelt sein Label 20 Neueinspielungen und Interpretationen der Indierockerfinder, die der Chef noch selbst in Auftrag gegeben hatte. Interessanterweise sind die Hauptnutznießer dieser Vorreiterschaft, nämlich die Indiediscoepigonen der Nullerjahre, hier gar nicht vertreten. Nicht einmal ausschließlich Postpunks und Indierocker sind ausgewählt, auch Electrospielereien, Dub und Trip Hop bilden das neue Gewand der in Insiderkreisen altvertrauten Hits. So gemischt ist auch das Ergebnis, wenngleich den meisten doch vor lauter Ehrfurcht der künstlerische Mut abgeht. Das Cover ist ebenfalls gemischt, der Plüschhund hat unzählbar viele verschiedene Farben, das ist hübsch.

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Flowerpornoes – Morgenstimmung – Flowerpornoes 2021

Von Matthias Bosenick (26.07.2021)

Das Album „Morgenstimmung“ mit dem Titel „Abendstimmung“ beginnen: So geht das. Bei Alben mit Beteiligung von Tom Liwa ist man ja quasi dazu genötigt, sich bei der Auseinandersetzung insbesondere mit den Inhalten zu befassen, was ja zutrifft, doch darf man auch nicht übersehen, dass man es bei den Flowerpornoes mit einer Rockband zu tun hat, die ansprechende Musik macht. Klar, niemand erwartet hier Innovationen, dafür bekommt hier auch niemand Stereotypen. Sondern zuverlässig lässig eingespielte Indierockmusik mit einiger Neunzigerprägung und Liwas gewohnt erzählerischem Gesangsstil. Diskurstanzmusik, mehrere Abschlussjahrgänge vor der Hamburger Schule, die keine reine Retroseligkeit nötig hat, weil das Leben ja nun mal weitergeht, was im Grunde auch die Texte zum Inhalt haben.

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Justin Sullivan – Surrounded – Ear Music/Attack Attack 2021

Von Matthias Bosenick (22.07.2021)

Schon das Intro ist sowas von bemerkenswert: Justin Sullivan summt. Man fühlt sich aus dem Stand umfangen, umgeben, umschlossen, umspült, eben „Surrounded“. Auf seinem zweiten Studio-Soloalbum reduziert der Sänger die vertrauten New-Model-Army-Anteile auf die stilleren, akustischen Momente, wie man sie bei seiner Hauptband auch bisweilen kennt und wie er sie auf „Navigating By The Stars“ 2003 schon so herzerwärmend herausfiltrierte. Auch so etwas kann also die Folge sein, wenn man als Künstler von einem pandemischen Lockdown betroffen ist.

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Man On Man – Man On Man – Polyvinyl Records Company 2021

Von Matthias Bosenick (19.07.2021)

„It’s So Fun (To Be Gay)“ singen Roddy Bottum und Joey Holman, die hier eine Band und ein Paar sind, letzteres wohl länger als ersteres. Wer von Bottum Musik nach Art seiner Hauptband Faith No More erwartet, kennt seine Zweitband Imperial Teen nicht, denn mit Holman macht er einen herzenswarmen, leicht räudigen verschleppten Pop, der weitaus dichter am Sound des Queer-Quartetts angelehnt ist als an den der Crossover-Pioniere. Freundlicherweise gibt es die LP auf pinkem Vinyl. Hier passt alles.

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Omega – Working – WEA/Sireena 1981/2021

Von Matthias Bosenick (15.07.2021)

Da flattert so mirnichts, dirnichts die Wiederveröffentlichung eines Albums namens „Working“ von einer Band namens Omega ins Haus, und sobald man sich damit auseinandersetzt, stellt man fest, dass man ein einzelnes Album dieser ungarischen Space-Prog-Band gar nicht sinnvoll für sich einsortieren kann. Immerhin gibt es Omega seit 1962, liegen Aberdutzende Alben vor, teils auf Ungarisch, teils auf Englisch mit abweichenden Tracks, wie repräsentativ mag da ein Album aus der Mitte der Existenz sein? Für sich betrachtet stellt man fest: „Working“ – hier als Ωmega veröffentlicht – markiert den Übergang vom spacigen Gegniedel zum New Wave, zum Post Punk und zu sonstigen zeitgenössischen Spielereien, von denen sich herkömmliche Progger seinerzeit lieber abgrenzen wollten. Wer indes die attraktivere Mucke gemacht hat, belegt nun also „Working“.

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Nac/Hut Report – DOM 1919 – Crunchy Human Children Records 2021

Von Matthias Bosenick (13.07.2021)

Geistermusik, in jeder Hinsicht: Auf ihrem neuen Album „DOM 1919“ verarbeiten Nac/Hut Report aus Krakau über 100 Jahre alte Wachszylinder-Aufnahmen, die sie auf die ihnen eigene Weise zerlegen und neu zusammenfügen. Die Musik ist dabei so ätherisch-transzendent wie eh und je, aber weniger zerklüftet, sondern weicher, durchscheinender und noch schwieriger greifbar als früher. Man meint, den Geistern sogar zuzuhören, die sich auf dem Cover andeuten. Es sind freundliche Geister.

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Spezial: Jive-Music aus Wien, Teil 2

Von Matthias Bosenick (08.07.2021)

Ein viertel Dutzend neue Alben vom Wiener Label Jive-Music trudelte ein: Labelchef Rens Newland ist selbst beteiligt am tanzbaren „Trance Of Noiz“ des Ganzkörperpercussionisten Andi Steirer. Für das smoothe Jam-Album „What Now My Love?“ fanden Christian Havel, Dušan Novakov, Erwin Schmidt und Bernhard Wiesinger spontan zusammen. Und mitreißend partytauglichen Swing-Pop macht Susan Blake mit der Miskolc Dixieland Band auf ihrem Album „Love Won’t Wait“.

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Fear Factory – Aggression Continuum – Nuclear Blast 2021

Von Matthias Bosenick (30.06.2021)

Da ist es also, das Requiem auf Fear Factory: Der Streit zwischen Sänger Burton C. Bell und Gitarrist Dino Cazares überschattet die Veröffentlichung von „Aggression Contimuum“. Vermutlich lenkt die Freude über immerhin noch ein letztes gemeinsames Album der Industrial-Metaler den lechzenden Hörer davon ab, dass es eher überflüssig ist: Die gewohnte Rezeptur in zehn Tracks gegossen, die die Formel um tatsächlich aggressive Ausbrüche reduzieren und ansonsten auf Nummer Sicher setzen. Mehr Pflichterfüllung als Bock auf bretthartes Herumspielen. Die Trennung ist überfällig. Macht mal was Neues, Jungs!

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Nothing But Noise – Aeon 1-9 – db2fluctuation 2021

Von Matthias Bosenick (23.06.2021)

Entspannung kann ganz schön herausfordernd sein: Auf zwei CDs toben sich die Front-242-Mitbegründer Daniel Bressanutti und Dirk Bergen unter ihrem etablierten Alias Nothing But Noise (oder auch NothingButNoise, analog NoMeansNo) mit Berliner-Schule-basiertem Ambient-Elektro aus. Sie lassen ihren analogen Fuhrpark pluckern und kreieren repetetive Sounds dazu, die man bisweilen gar als Melodien verstehen kann. Auf diesen epischen Flächen geht es aber nicht um Songs, sondern um Atmosphären, selbstredend, und trotz aller Wiederholmomente auch innerhalb der Discographie kreiert das Duo ausreichend einnehmende Tracks, um auch die drölfte Veröffentlichung in wenigen Monaten noch geil finden zu können.

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Manuel Backert – Moss Wanted – TubeRecords/Records4you 2021

Matthias Bosenick (21.06.2021)

Abgang Bert Brac, Auftritt Phil Moss: Nach dem nicht eben harmonischen Rausschmiss Carsten Bohns als hauptsächlicher Hörspielmusikkomponist des Europa-Labels engagierte jenes unter anderem Manuel Backert als Nachfolger. Gegen die hochgradig guten Fusion-, Prog- und Artrockstücke Bohns konnte er nur verlieren, und Backert versuchte auch erst gar nicht, das Erbe anzutreten, sondern schlug neue Saiten an, nämlich fast gar keine: Seine Tracks sind vornehmlich synthetisch und im Stil der Zeit, heißt für die zweite Hälfte der Achtziger: cheesy Gebrauchsmusik. Das leicht Trashige hatten auch die Hörspiele dieser Zeit, die man indes auch wegen Bohns unschönem Weggang und der deutlich schlechteren neuen Musik nicht mehr so feierte, insofern ist das ein konsequenter Schulterschluss, und dass man aus heutiger Sicht sogar diese Hörspiele eher goutiert als die aktuellen, begünstigt den Erwerb dieser 40 Tracks auf Schallplatte: Nostalgie schlägt Qualität.

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