The Messthetics – Anthropocosmic Nest – Dischord 2019

Von Matthias Bosenick (14.10.2019)

Die Leute, die damals den Hardcore miterfanden, gehen heute in ganz andere Richtungen als diejenigen, die sich davon heute inspirieren lassen: Auch auf dem zweiten Album von The Messthetics ist von der Extremvariante des Punk nur noch in homöopathischen Verhältnissen etwas auszumachen. Das Trio bewegt sich instrumental durch jazzinduzierten, partiell noisigen Indierock alter Schule, also gelegentlich recht nahe an dem Sound, den Fugazi erst gegen Ende ihrer Existenz auf die Hardcorehörer losließen. Was Wunder, sind doch zwei Fugazi-Mucker jetzt bei The Messthetics. Dieses zweite Album ist sogar noch experimenteller und aufregender als das Debüt.

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Alkmini Laucke Metallinou – Songs Of Mikis Theodorakis – Alkmini Laucke Metallinou 2019

Von Matthias Bosenick (04.10.2019)

Von wegen, am sonnenbegünstigten Mittelmeer wäre jede Musik sofort hedonistisch! Mikis Theodorakis (Μίκης Θεοδωράκης) ist so eine Art Griechischer Heiliger, und wie sehr dieser Künstler die Melancholie auslebt, veranschaulicht die Ex-Braunschweigerin mit griechischen Wurzeln Alkmini Laucke Metallinou auf ihrem Solo-Debüt. Die Mezzosopranistin lässt sich von ihrem langjährigen künstlerischen Partner Holger Becker am Piano begleiten, und wie schon unter dem kabarettistischen Alias „Die Vorhanggucker“ passt diese Kombination wunderbar. Zumeist reduziert lässt Becker der Stimme den Vorzug, verbirgt sein ausuferndes Können aber nicht vollends. Das Album ist Musik für den Rotwein am Abend, sagt die Sängerin, und das stimmt wohl.

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!!! – Wallop – Warp/Rough Trade 2019

Von Matthias Bosenick (29.09.2019)

Man kann !!! nun definitiv nicht vorwerfen, dass sie sich in den vergangenen 22 Jahren nicht entwickelt haben. Vorwürfe hätten da ganz andere Grundlagen, denn nicht jeder Altfan kann der Entwicklung folgen und wohl nicht jeder Neue dem alten Werk etwas abgewinnen. Da ist Anpassungsfähigkeit gefragt, wenn man nicht einfach abspringen will. Auf „Wallop“ erhalten bleibt der Tanzzwang, der von der Musik ausgeht; geändert hat sich eben diese Musik, vom Funk-Punk-Handgemachten zum Synthetisch-Clubbigen. „Wallop“ ist partiell eingängig, aber nicht gefällig, und damit erleichtern es die fünf New Yorker den Skeptikern, sich auch der neuen Ausrichtung zu öffnen.

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New Model Army – From Here – Attack Attack/Ear Music 2019

Von Matthias Bosenick (12.09.2019)

Wie immer bei New Model Army erkennt man erst bei zunehmender Hördurchlaufzahl, dass das Album sehr wohl voller Ohrwürmer ist, von denen man zunächst glaubt, sie blieben einfach nicht im Bewusstsein haften. „From Here“ will reduzierter sein und den Schwerpunkt auf die Akustikgitarre legen, aber bei dem Schlagwerkeinsatz sind die Folklorerocksongs doch recht wuchtig und viril geraten. Neue Indieclubhits wie „Vagabonds“ oder „51st State“ sind natürlich nicht enthalten, ein metallischer Kracher wie „Today Is A Good Day“ ebensowenig. Vielmehr setzt die Band um Justin Sullivan den danach eingeschlagenen Weg fort und verschiebt die Musik von griffiger Rockigkeit zur anspruchsvollen, aber durchschlagenden Atmosphäre. Wer da jetzt „langweilig“ ruft: Sullivan ist 63 Jahre alt (was man seinem Gesang auch mal anhört), der darf das jetzt mal.

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Tool – Fear Inoculum – Sony Music 2019

Von Matthias Bosenick (09.09.2019)

Wegen solcher Musik hat man vor über 40 Jahren den Punkrock erfunden. Tool musizieren auf allerhöchstem Niveau, verlieren aber vor lauter Können so einiges anderes Relevantes aus dem Auge. Und à propos Auge: Auf ihrem ersten Album nach 13 Jahren verbergen die progressivmetallischen Indierocker Geheimnisse aller Art und bieten das wohl ungewöhnlichste Stück Verpackung in diesem Jahrtausend an. Dennoch ist „Fear Inoculum“ überwiegend ein erschütterndes Stück Langeweile.

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DR – Melancholie – Rusted Tone Recordings 2019

Von Matthias Bosenick (06.09.2019)

Sobald man ein neues Album von DR alias Dominic Razlaff aus Braunschweig besprochen hat, sind schon wieder drei Dutzend weitere draußen. Sei der sich anbahnende Herbst nun also der Anlass, sich mit dem Juli-Album „Melancholie“ auseinanderzusetzen, das der Ambient-Drone-Künstler als Tape und Download anbietet. Seine akustische Umsetzung des Themas beginnt und endet themengemäß, doch lässt die im Verlauf folgende Vorstellung von „Melancholie“ erahnen, dass diese bei DR einen latenten Hang in Richtung Depression hat, mit einem Anteil zwischen manisch und aggressiv, also alles andere als süß. Überraschend.

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Thom Yorke – Anima – XL Recordings 2019

Von Matthias Bosenick (30.08.2019)

Wenn der Soundtrack deutlich länger ist als der Film dazu, hat Thom Yorke etwas geschafft, was ihm mit „Suspiria“, der Veröffentlichung davor nicht gelang, obwohl es sich dabei sogar um ein Doppel-Album handelte. Das liegt aber auch daran, dass „Anima“ nur eine Viertelstunde lang ist, und es ist auch gut so, dass das auf das Album nicht zutrifft: Yorke extrahiert den Electro-Anteil aus seiner Rockband Radiohead und erzeugt daraus, ergänzt durch ein Orchester, eine intelligente, warme, künstliche und künstlerische Musik. Der Netflix-Film dazu von Paul Thomas Anderson ist auch ganz reizvoll.

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Sigur Rós – Variations On Darkness/22° Lunar Halo – Krúnk 2019

Von Matthias Bosenick (13.08.2019)

Erst nur für den Records Store Day im April veröffentlicht, nun für alle zugänglich, wenn auch nicht preisgünstiger: Zwei experimentelle Schallplatten der ätherischen Postrocker Sigur Rós füllen die Lücke seit dem letzten richtigen Album „Kveikur“ von vor sechs Jahren. Auf zusammen vier Seiten der beiden LPs „Variations On Darkness“ und „22° Lunar Halo“ präsentieren sich die Isländer von einer eher ungewohnten Seite, indem sie auch mal harsche, harte Elemente in ihre Wattewolken packen und von Songstrukturen jeden nur möglichen Abstand nehmen, dabei aber in ihren Sounds wiedererkennbar bleiben. Spannend!

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Jambinai (잠비나이) – Onda (온다) – Bella Union 2019

Von Matthias Bosenick (29.07.2019)

Der sicherste Anwärter auf den Posten „Album des Jahres 2019”: Auf ihrem dritten offiziellen Album „Onda“ entwickeln Jambinai ihren ohnehin schon eigenständigen Stil weiter, verfeinern ihn, fordern die Hörer noch mehr heraus. Einsortiert unter Metal, steuert die Band aus Seoul heuer vielmehr in Richtung Post Rock – und gibt den traditionellen Südkoreanischen Instrumenten noch mehr Raum als zuvor. Wer moshen will, muss zuhören können. Und wer das tut, erlebt ein musikalisches Abenteuer, wie es kompromissloser ist als so viele andere.

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Spezial: Addicted/noname Label aus Moskau, Teil 2

Von Matthias Bosenick (16.07.2019)

Einen ganzen Stapel CDs aus dem Oeuvre des Labels Addicted oder noname oder abhängig oder wasauchimmer aus Moskau schickte Anton Kitaev quer durch Osteuropa nach Braunschweig. Was da an Perlen in Sachen Psychedelik, Doom, Stoner, Prog und Experiment alles so drinsteckt, das ansonsten kaum den Weg in überregionale Lautsprecher findet! Ein zweiter Überblick, zwischen sechs Jahre alt und topaktuell:

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