A Secret Revealed – When The Day Yearns For Light – Lifeforce 2021/2022

Von Matthias Bosenick (11.08.2022)

Eigentlich existiert dieses dritte Album von A Secret Revealed bereits seit Oktober 2021, nur dauerte es mit der Vinyl-Veröffentlichung aufgrund bekannter Probleme mit den Presswerken bis ins folgende späte Frühjahr. Jetzt ist es endlich da, und bunt wie das Vinyl ist auch die Musik, wenngleich man jener eine Neigung zum modernen Black Metal zugestehen muss, also der unbuntestmöglichen Spielart des Heavy Metal. Aber, und das ist das Besondere an diesem Würzburger Quintett: A Secret Revealed definieren Metal nicht nach Schubladen, sondern danach, worauf sie Bock haben. Da ist der gebrüllte Gesang eher dem Hard- bis Metalcore entnommen, da ist die Musik drumherum von allem mit heavy verzerrten Gitarren etwas und dabei so wenig genau konkreten Metal-Genres zuzuordnen, dass man allem guten Gewissens ein „Post-“ vorausschicken kann.

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Slime – Zwei – Slime Tonträger/Hulk Räckorz 2022

Von Guido Dörheide (10.08.2022)

Keine andere Band hat dem deutschen Punkrock so ihren Stempel aufgedrückt wie Slime in den 1980er Jahren. „Deutschland“, „Polizei/SA/SS“, „Bullenschweine“, „Linke Spießer“, „Störtebeker“ waren Statements gegen den damaligen Zustand der Republik und setzten in etwas roherer Sprache fort, was Ton Steine Scherben einst begonnen hatten. Gleich vorab muss ich klarstellen, dass ich – nicht nur, weil ich seit eh und je von unserem Staat überaus angemessen alimentiert werde – unsere Republik im Großen und Ganzen sehr in Ordnung finde und großes Vertrauen in die Stabilität unserer FDGO habe, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was unsere Regierenden den ganzen Tag so treiben.

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La Muerte – Headhunter – COP International 2022

Von Matthias Bosenick (10.08.2022)

Was ist der Remix einer Coverversion? Und dann noch: das Industrial-Rock-Cover eines EBM-Klassikers, das die Remixer wieder zurück ins Elektronische mixen? Hätten sie da nicht gleich das 1988er-Original remixen können? Vielleicht ja auch nicht dürfen – wer weiß? La Muerte, brachiales belgisches Underground-Rock-Urgestein, brachten 2017 zum Record Store Day ihre Version des Front-242-Floorfillers „Headhunter“ auf blutrotem Vinyl heraus – und jetzt neu als Quasi-Album mit eigenen Bonustracks und eben Remixen sowie mit nur einer Auslassung zur Tracklist der Original-12“. So heavy angerockt überzeugt der Hit sehr, kann man bringen, und auch die Eigenkompositionen von La Muerte machen neugierig auf den Rest des seit fast 30 Jahren angehäuften Opus‘. Remixe von Headhunter indes gibt es bereits unzählige, das nutzt sich etwas ab, wenngleich die Vorlage dieses Mal für andere Basissounds und unerwartete Ergebnisse sorgt. Front 242 selbst sind übrigens partiell und anteilig ebenfalls beteiligt.

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Imperial Triumphant – Spirit Of Ecstasy – Century Media 2022

Von Guido Dörheide (10.08.2022)

Ich mag Metal, auch und vor allem Extreme Metal, und ich mag Jazz. Wen also nimmt es wunder, dass mich Imperial Triumphant seit einiger Zeit tüchtig in ihren Bann schlagen? Oder ziehen? Prügeln? Die Kolleg:innen von metalinjection.net bringen es auf jeden Fall auf den Punkt: Rockmusiker spielen vier Akkorde für viertausend Leute, während Jazzmusiker viertausend Akkorde für vier Leute spielen. Imperial Triumphant machen eigentlich dasselbe, nur umgekehrt und für beide Arten von Publikum. Wenn man nun erreichen will, dass Imperial Triumphant auch endlich die Massen erreichen, müsste man nur die Gaststars aufzählen, die auf „Spirit Of Ecstasy“ versammelt sind: Allen voran Kenny G am Saxophon auf „Merkurius Gilded“, von seinem Sohn Max Gorelick an der Gitarre begleitet, außerdem sind unter anderem Alex Skolnick von Testament, Trey Spruance (u.a. Mr. Bungle) und Snake von Voivod mit von der Partie. Trotzdem kommt da nichts Eingängiges oder Massenkompatibles bei raus, sonder eher Erschreckendes/Verstörendes – vor allem Großartiges.

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Ghost:Whale – Echo:One – P.O.G.O. Records 2022

Von Matthias Bosenick (08.08.2022)

Das Album atmet langsam, aber es klingt angenehm ungesund: „Echo:One“ ist das Debüt der frisch gegründeten belgischen Stoner-Doom-Band mit dem vergnüglichen Namen Ghost:Whale. Mit der Eigenschubladisierung nimmt es das Brüsseler Trio nicht so genau, das macht die Musik so interessant; mit einem Schlagzeug und zwei Bässen, also ohne Gitarren, ist die Kategorisierung auch nicht so einfach, und viele der Einflüsse auf diesem Album resultieren aus dem, was einige der Musiker mit ihren vorherigen Bands so trieben: Industrial, Punk, Sludge – und Noise. Wer in seinem trocken verfuzzten Gemalme ein Saxophon unterbringt, stößt sowieso auf offene Ohren. Monotonie, Wiederholung, Geräusche – ein Tiefenrausch!

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The Smile – A Light For Attracting Attention – XL Recordings 2022

Von Matthias Bosenick (04.08.2022)

Was machen Radiohead heute? Pause irgendwie, mit „Kid A Mnesia“ auch mal Resteverwertung, seit sechs Jahren oder so. Dafür bauen Sänger Thom Yorke und Gitarrist Jonny Greenwood mit dem ausgeborgten Schlagzeuger Tom Skinner eben ein neues Projekt, um auch in der Pandemie ihre Version von progressiv-verschachtelter Electro-Rockmusik fortzusetzen. The Smile nennt sich das Trio und unterscheidet sich nicht so wesentlich vom Mutterschiff. Nach all den Jahren versteht man beim Durchhören von „A Light For Attracting Attention“ auch diejenigen, die Radiohead wegen des Gejammers nicht ertragen: Yorke kann das aber auch sehr. So richtig wert ist The Smile das Bohei nicht, das darum gemacht wird. Solide Arbeit, die in Details anstrengt, weil sie nervt. Mehr Rock wäre schön gewesen, so ist es streckenweise ermüdend – leider.

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Roji – Dual Gaia – Schneider Collaborations 2022

Von Matthias Bosenick (01.08.2022)

Noise? Avantgarde? Oder doch schlicht und einfach Jazz? Zum dritten Mal kam das Projekt Roji („Taubedeckter Boden“ auf Japanisch) zusammen, um ein Album einzuimprovisieren, mit Schlagzeug, Bass, Synthies, Saxophon und Trompete, also klassisch – nun: weder Rock noch Jazz, und das trifft auch auf die Musik zu, die ist komplett eigen. Und ein weiterer Beleg dafür, dass Schönheit auch im vermeintlich Unhörbaren liegen kann: „Dual Gaia“ ist arhythmisch, kakophonisch und in allen Aspekten ungewöhnlich – aber nicht stressig, lärmig, wenngleich sicherlich für ungeübte Hörende anstrengend. Miles Davis und John Coltrane hätten sicherlich ihre Freude daran, mitzuerleben, welche Haken man auf ihrem eingeschlagenen Pfad so schlagen kann, ausgehend von Hückelhoven.

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Sacred Son – The Foul Deth Of Engelond – Sacred Son 2022

Von Matthias Bosenick (28.07.2022)

England hat schon wieder die Pest, und der Londoner Dane Cross macht ein Album darüber. „The Foul Deth Of Engelond“ ist das zweite Album seines Projektes Sacred Son, auf dem er mit einer ganzen Band auftritt, und sein vormaliger One-Man-Black-Metal bekommt dadurch eine wohltuende Wärme. Nicht erst seit dem Solo-Debüt des Dawnwalker-Musikers ist klar, dass er mehr zu bieten hat als nur den in Black-Metal-Kreisen provokativen Lacher mit dem Cover, auf dem er mit Sonnenbrille am Strand zu sehen ist. Diese optische Leichtigkeit behält auch die Band Sacred Son bei, die musikalische Wucht und Schwere kommt hier sogar noch viel besser zur Geltung als auf den drei Alben davor. Fassettenreicher Black Metal, der die Genregrenzen gottlob sprengt. Und das pestfaulige England gleich mit.

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Spiritualized ® – Everything Was Beautiful – Fat Possum/Bella Union 2022

Von Matthias Bosenick (25.07.2022)

Ab ins All mit Spiritualized! Der Treibstoff dafür ist wie ehedem synthetisch und der Soundtrack einmal mehr wundervoll psychedelisch. Mit dem neunten Studioalbum „Everything Was Beautiful“ setzt Jason Pierce aus Rugby nicht nur seinen in jeder Hinsicht dichten, dazu epischen, repetetiven, gospelartigen, chilligen, noisigen, warmen Drogenrock fort, sondern auch noch zwei Ankerpunkte zu früheren Alben: Der Titel bildet die erste Hälfte des Kurt-Vonnegut-Zitats, das das Vorgängeralbum „And Nothing Hurt“ (2018) vervollständigt – Zeitparadoxien sind möglich –, und das Cover erinnert an die Pillenpackung des Erfolgsalbums „Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space“ (1997). Und das sind wir in der Tat immer noch.

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Die Cigaretten – Emotional Eater – Broken Silence 2021

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Von Guido Dörheide (21.07.2022)

Wie schon mein Großonkel Gerd immer sagt: „Man kann alt werden wie ne Kuh und lernt doch immer noch dazu!“ Onkel Gerd – wenn Du das hier liest: Herzlichen Glückwunsch zu deinem 94. Geburtstag am ersten Juli, ich hatte mehrmals versucht, Dir zu gratulieren, aber Du bist nicht rangegangen.

Seit ungefähr 1987 verbringe ich mit nichts so viel Zeit wie damit, mir gute Musik anzuhören, und seit ungefähr 2019 hatte ich den Eindruck, dass momentan eigentlich nichts, was mir gefällt, unter meinem Radar durchflöge, und ausgerechnet dann kommt mein Freund Frank um die Ecke, schickt mir einen Youtube-Link und sagt, wenn ich darüber mal was schreibe, würde auch er es lesen.

Alsdann, gehen wir es an: Der Link war „Vibe Ride“ (2019) von Die Cigaretten aus Hamburg, von denen ich tatsächlich nie zuvor etwas gehört hatte. Ja klar, von Zigaretten hatte ich schon mal was gehört und habe in der Tat ein Problem damit, widerstehe jetzt dennoch, aber sonst echt: Nichts gehört. Lieber Frank, ich hoffe, Du bleibst hier jetzt trotzdem am Lesen dran, auch wenn ich nicht „Vibe Ride“ rezensiere, sondern das letztjährige Werk „Emotional Eater“.

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