Freiwillige Selbstkontrolle – Topsy-Turvy – Buback 2023

Von Matthias Bosenick (17.01.2024)

Wie man das Abseitige und das Eingängige wundervoll in Einklang bringt, belegt die Freiwillige Selbstkontrolle immer wieder und so auch auf dem neuen Album „Topsy-Turvy“. Niemals ist ein Song der Münchener Institution auch nur ansatzweise vorhersehbar, niemals folgt die Komposition vertrauten Mustern, und doch sind die acht neuen Stücke herzerwärmend und eingängig. Und trotz einer 43 Jahre andauernden Erfahrung wirken ausgewählte Elemente auf eine einnehmende Weise amateurhaft, wenn mal ein Percussionbeat minimal dem Takt nachschlägt, der Chorsprechgesang wie von einer Laienschauspieltruppe vorgetragen wirkt oder der Gesang um einen Halbton die eingeschlagene Melodie verfehlt, aber scheiß drauf, oder besser: richtig so, glattgebügelt kann jeder, „Topsy-Turvy“ hat Seele und Charakter, obendrauf politische Haltung und Humor – und ist in keine Schublade einzuordnen. Ja, verdammt: Das ist Kunst!

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GusGus – DanceOrama – Oroom 2023

Von Matthias Bosenick (21.12.2023)

Der Titel passt, auch wenn er – nun – billig wirkt: „DanceOrama“, mit Binnenkapitale, als wäre es 1995 und das Wort eine Idee des Wolfsburger VW-Marketings. Das Cover des zwölften Albums der isländischen Analog-Deep-House-Soulband GusGus (auch Gusgus, gusgus oder Gus Gus geschrieben und Güsgüs gesprochen) repräsentiert dieses Billige, die Musik gottlob nicht: Man erkennt GusGus am Sound, und doch unterscheidet sich viel von dem, was man von ihnen bereits im Regal stehen hat. Das Kunstvolle und Kathedralige sind etwas zurückgenommen, nur vier der neun Tracks haben Gesang und GusGus wildern in Retro-Anmutungen, die bis ins Cheesige reichen. Nicht drauf ist das mit John Grant erstellte Fancy-Cover „Bolreo (Hold Me In Your Arms Again)“, aber das gab diese neue Richtung schon ganz gut vor. Es bleibt zunächst weniger Musik instant haften als noch beim Vorgänger „Mobile Home“, an diese Häutung muss man sich gewöhnen. Immerhin kann man dazu prima tanzen.

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Afsky – I stilhed – Vendetta Records 2022

Von Matthias Bosenick (15.12.2023)

Einer der vielen schönen Aspekte am Black Metal ist seine Vielseitigkeit. Gelang es der Kopenhagenerin Amalie Bruun alias Myrkur etwa damit, dass sie Kammerchöre und Folklore in ihre Variante von Black Metal einband, die aufgebrachte Hörerschaft zu verunsichern, legt ihr temporärer Mitmusiker Ole Luk alias Afsky damit nach, dass er mit „I stilhed“ eine EP mit Akustikversionen seiner Black-Metal-Stücke herausbringt. Ja: Er allein an der Klampfe. Die Kompositionen geben es her, dass diese Versionen nicht nah Lagerfeuer klingen, sondern die melancholische Schwärze auch im Minimalismus in sich tragen. Auf der B-Seite rotiert ein augenverdrehendes Muster mit, dem Vinyl liegt ein Heft mit den Akkorden bei. Veröffentlicht bereits im Sommer 2022, liegt es an der Unfähigkeit des Paketzustellers, die Adresse korrekt zu lesen, dass der Rezensent die EP erst jetzt in Händen hält.

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Die drei ???: Böser die Glocken nie klingen – Europa/Sony Music 2023

Von Matthias Bosenick (08.12.2023)

Zum fünften Mal versuchen sich die Autoren der Drei Fragezeichen an einem Adventskalender-Fall, der sich also über 24 Türchen erstreckt. Im Falle von „Böser die Glocken nie klingen“ bedeutet dies: dreieinhalb Stunden auf sechs LPs, die Box ist teurer als alles, was es bisher von den drei Detektiven als Hörspiel zu kaufen gab. Den Fall erdachte André Minninger, der seit über 20 Jahren als Skriptautor die Hörspiele versaut, und genau so gestaltet sich dieser Fall auch: langatmig, labernd und konfus. Positiv ist: Die Box sieht geil aus, jede LP hat ein eigenes Sleeve, schick! Aber: Man darf sich vor der regulären Folge 225, „Der Puppenmacher“, im Januar nur fürchten: Es werden fünf LPs. Mit Minninger ist da leider einiges an Langeweile zu befürchten, denn so lang ist das Buch dazu ja gar nicht.

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Sâver – From Ember And Rust – Pelagic Records 2023

Von Matthias Bosenick (06.12.2023)

Härte ohne Tempo, Schönheim im Lärm: Die Herausforderung, das schwierige Album nach der großen Aufmerksamkeit zu erstellen, meistert das Sludge-Doom-Trio Sâver aus Oslo damit, dass es sein zweites Album „From Ember And Rust“ einfach mal extrem geil sein lässt. Erwartungshaltung, Erfolgsdruck, scheiß was drauf, die drei machen einfach, worauf sie Bock haben, und das ist ohnehin die allerbeste Kreativitäts-Erfolgsformel. Dem kommt wohl zugute, dass alle drei Musiker bereits auf langjährige Erfahrung zurückblicken können – sie bündeln ihre Kompetenzen in Sâver und beglücken eine wachswende Gefolgschaft, die sich nach „From Ember And Rust“ noch vergrößern dürfte. Denn Sâver erweitern das Spektrum: Den neu für sich entdeckten Moog von der „Emerald“-Split-EP mit Psychonaut haben sie auf diesem Album auch untergebracht.

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Schneider Collaborations – Sechs, sieben Veröffentlichungen – Schneider 2023

Von Matthias Bosenick (30.11.2023)

Lediglich sechs Platten bringt der hyperaktive Zauberschlagzeuger Jörg A. Schneider im Oktember heraus, doch während dies eine Niederschrift erfährt, verschickt er schon die siebte. Seine Improvisations-Kollaborateure sind dieses Mal Gitarrist Thomas Kranefeld, Gitarrist N, Gitarrist Mikel Vega, Gitarrist Barley Rantilla, zum zweiten Mal Gitarrist Michel Kristof sowie unter dem Alias The Nude Spur abermals Thomas Kranefeld. In Zustellung befindet sich zudem das zweite Album mit dem verräterischen Titel „Dos“ des Projektes Glimmen. Falscher Name eigentlich: Der Mann glimmt nicht, er brennt – wie die Feuer auf den Plattencovern.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Epic-Fails – Musikwünsche an den DJ – Folge 1

Von Onkel Rosebud

Wie im Verlauf dieser kolumnistischen Retrospektive einer jahrzehntelangen DJ-Karriere schon das eine oder andere Mal durchsickerte, ist dem Autor Misanthropie nicht ganz fremd. Nun liegen bei mir nicht Bücher von Thomas Jelinek und Elfriede Bernhard auf dem Nachttisch, dafür von Max Goldt oder Peter Stamm. Von Ersterem ist aus dem Buch „Quitten“, Kapitel „Alte Pilze“, Vers „Hyppytyyny Huomiseksi“, überliefert, dass ein DJ maximal herausgefordert und erniedrigt werden kann, wenn man sich bei ihm Billy Joel mit dem Song „Uptown Girl“ wünscht. Ich habe sofort verstanden, was mein großes Vorbild, Onkel Max, bekannt für seine Kolumnen in „Ich und mein Staubsauger“, dann in der „Titanic“ und natürlich als Frontmann der besten NDW-Band der Welt, Foyer des Arts, damit meint: Der Schallplattenunterhalter, der dieses Lied spielt, wird einsam sterben.

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Anuseye – Right Place, Wrong Time – Go Down Records/Vincebus Eruptum 2023

Von Matthias Bosenick (22.11.2023)

Geil, geht gleich los mit einem Bass-E-Gitarre-Groove, wie man ihn sich mitreißender im psychedelischen Stoner-Rock-Bereich nicht ausmalen kann: Mit „Right Place, Wrong Time“ holen Anuseye aus Bari den Kiffermuckefan nicht nur da ab, wo er steht, sondern bringen ihn auch da hin, wo er hingehört: in erweiterte Zustände, aber mit Feuer nicht nur am Ende des Joints, sondern auch unterm Hintern. Es braucht vier Songs, um erstmals in zugedröhnt-taumelige Sphären abzudriften, und fünf, um sich mal vor dem Kühlschrank herumlungernd auszuruhen, ansonsten mostet das Quartett meistens mächtig vorwärts. Auch wenn Anuseye dem Genre treu dienlich sind, hört man sie immer heraus; liege es an Claudio Colaiannis zurückgelehntem Gesang, an den ungewöhnlichen Akkordfolgen oder an den immerhin noch dezent eingestreuten Experimenten. Das Vinyl ist türkis, die drei fehlenden Songs der Streaming-Variante dieser wechselvollen Reise um die Welt gibt’s im Download obendrauf.

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Myrkur – Spine – Relapse Records 2023

Von Matthias Bosenick (10.11.2023)

Weiterentwicklung, so wichtig, um kreativ nicht auszubrennen oder sich grundlos zu wiederholen! Hört man sich durch das Oeuvre von Ammalie Bruuns Alter Ego Myrkur, bekommt man diesen Ansatz mehr als bestätigt: vom Ein-Frau-Black-Metal-Projekt über Kammerchor und Folklore zu – nun: Pop. Ein Zirkelschluss mithin, denn mit ihrer früheren Band Ex Cops machte Bruun bereits Rockpop, aber anders gelagert: Auf „Spine“ schwingen Abba mit, man mag es nicht glauben, und etwas Roxette vielleicht. Und Europe. Sehr schwedisch für eine Dänin! Und doch bei weitem nicht so glitzernd: Ihre Dunkelheit streift Bruun nicht ab, die Abgründe finden einen Platz in dieser schönen Musik, mit der sie ihre Mutterschaft bewältigt. Aber kurios ist die Entwicklung schon, an der auch noch Billy Corgan von den Smashing Pumpkins beteiligt ist. Um es ihrer Gemeinde trotzdem leichter zu machen, bringt sie außerdem auch sämtliche ihrer bisherigen Sounds auf „Spine“ unter, und es passt formidabel.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Analog ist besser.

Von Onkel Rosebud

Neulich im Plattenladen: Der Vinyldealer meines Vertrauens hat gerade, also 11 Uhr an einem Samstagvormittag, den Verkaufsraum der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Er redet eigentlich nicht gern viel. Heute hat er aber einen guten Tag, weil er weiß, dass ich gleich fast 400 € ausgeben werde. Ich habe eine Sammelbestellung mit beinahe vergriffenen Ausgaben aufgegeben, für die er sein ganzes Können aufbieten musste, um diese zu besorgen. Und ich zahle in bar. Das lockert die Zunge. Wir fangen munter an zu plaudern und irgendwann erzählt er von Musikern, die in unserer Stadt aufgetreten sind und sich die Zeit zwischen Soundcheck und Auftritt damit vertrieben, in seinem Laden vorbeizuschauen. Weil sein Laden „irgendwie im Lonely Planet angepriesen wird“.

Aber bevor ich ausplaudere, was diverse Helden der Popkultur bei ihm gekauft haben, folgt ein kurzer Exkurs über die schreckhafte Spezies der Vinyl-Connaisseure.

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