Ministry – The Squirrely Years Revisited – Cleopatra Records 2025

Von Guido Dörheide (02.04.2025)

Der wunderbare taz-Cartoonist ©Tom hatte vor über 20 Jahren mal einen Comicstrip veröffentlicht, den ich nie vergessen habe: Ein offenkundiger Hipster mit rechteckiger Sonnenbrille, schütterem Haar und feschem Bärtchen sitzt in einem Café und liest eine Zeitschrift namens „Kohle“. Das hätte eigentlich allein schon ausgereicht, um mich vor Lachen vom Stuhl zu hauen, aber es ging ja noch weiter. Auf die Frage „Ja?“ der Kellnerin antwortete er mit „Ah – bringen Sie mir eine Latte und ein Hörnchen!“ Und ich wieder so „Pruuuust, gacker!!!“, weil mir dieses „‘ne Latte“ für irgendein italienisches Getränk mit Milch drinne damals komplett auf den Zeiger ging. Zu oft hatte ich auf österreichischen und süddeutschen Autobahnen diese silbrig glänzenden, phallisch anmutenden Tanklastzüge mit der Aufschrift „Transporto Latte“ gesehen, um zu vermuten, dort könnte irgendetwas anderes transportiert worden sein als Milch. Und im dritten Bild sitzt der Typ mit blödem Blick da und hält eine Dachlatte in der Linken und ein Eichhörnchen in der Rechten. Touché!

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Trigger Cut – A History Of Junk – DIY Records 2025

Von Matthias Bosenick (03.04.2025)

Der gute, alte Neunziger-Noiserock kann immer noch was, und er muss dabei gar nicht altbacken klingen. Zum vierten Mal bescheren uns Trigger Cut aus Stuttgart mit „A History Of Junk“ auf Albumlänge ein zeitgenössisches Update dieser Rock’n’Roll-Spielart, die sich an keine Regeln hält und gerade damit Raum lässt für unerwartete Spielereien, abseitige Strukturen und einen enormen Schwung an Energie. Und das nur zu dritt!

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Was meine Freundin gerne liest – die Literaturkolumne: Ich immer sprechen hübsch.

Von Onkel Rosebud

Ich möchte mich festlegen. Der lustigste Satz, den ich je in einem Buch gelesen habe, steht in einer Kurzgeschichte von David Sedaris und lautet: „Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen.“ So lautet jedenfalls die Übersetzung aus dem Amerikanischen, wie es immer so heißt. Rätselhaft erscheint mir in dem Zusammenhang die Frage, sprechen Amerikaner nicht mehr oder weniger Englisch? Anyway, die Übersetzung ist von großen Harry Rowohlt. Im Original ist der Satz aber ganz genau so lustig: „You look like I need a drink.“

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Demonographer – The Angels Which Kept Not Their First Estate – Srogi Mroczek 2025

Von Matthias Bosenick (02.04.2025)

Demonographer ist weit mehr Black-Metal-Disco als Xoltergeist, zumindest liegt dem Mini-Debüt-Album „The Angels Which Kept Not Their First Estate“ des als Black Metal ausgewiesenen Quintetts um US-Tausendsassa Srogi Mroczek ein Groove inne, den das Genre ansonsten eher verweigert. Dafür bedient es andere Aspekte des Genres und lockert diese mit den vntrven Anteilen ordentlich auf.

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Sacred Son – Grief Commodity – Sacred Son 2025

Von Matthias Bosenick (02.04.2025)

Der Mann, der Stilbrüche zum Stil erhob, der aus der Kombi aus Genretreue und –untreue eine eigene Kunstform erhob, arbeitet diese auf seinem neuen Album „Grief Commodity“, das er unter seinem Solo-Black-Metal-Moniker Sacred Son herausbringt, noch breiter aus. Hier ist der Londoner Dane Cross wahrhaftig wieder solo unterwegs, nicht mit der Quartettbesetzung seiner vorherigen Alben, und zwar derart solo, dass er die Stücke auf der Voice-Memos-App seines iPhones aufnahm. Das ist quasi das Lofi-BM-Trve des dritten Jahrtausends. Und es funktioniert.

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The Perc – Electric Kindergarten Vol. 10: Chapters & Suites – Tribal Stomp 2025

Von Matthias Bosenick (01.04.2025)

Auf die mehrteiligen Stücke seiner diversen Bands und Projekte, also auf „Chapters & Suites“, konzentriert sich der vielseitige norddeutsche Indie-Künstler Tom Redecker alias The Perc im zehnten Teil seiner Archivreihe „Electric Kindergarten“. Aus fünf Alben zwischen 1989 und 2017 bedient er sich, vom Synthie-Projekt Taras Bulba, dem All-Star-Kraut-Ensemble The Electric Family, seiner Ur-Indie-Band The Perc Meets The Hidden Gentleman und einem freakrockigen Solo-Album. So divers ist der Mann, hier bekommt man einen eindrucksvollen Beleg dafür!

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Unalei – Fato Illacrimata Sepoltura – Unalei 2025

Von Matthias Bosenick (31.03.2025)

Eine ausnehmend kontrastreiche EP bringt Karim Federico Sanna unter seinem Alias Unalei heraus: Die nur drei kurzen Tracks auf „Fato Illacrimata Sepoltura“ kombinieren Klassik und Death Metal auf eine ungewöhnliche Weise. Wie ein Hase springt die Musik zwischen den Elementen herum und fesselt damit jede Aufmerksamkeit, dazu trägt der Römer seine Texte beinahe sakral intoniert vor, wo er sie nicht keift. Mit diesen knapp 13 Minuten Musik verarbeitet er die Coronazeit und verabschiedet sich von dem, wohin sich Italien seitdem entwickelte, lässt er wissen.

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Marshall Allen – New Dawn – Week-End Records 2025

Von Matthias Bosenick (31.03.2025)

Mit 100 Jahren sein Debütalbum herausbringen? Kann man machen. Nochmal so lange warten bis zum Nachfolger wird indes eher unwahrscheinlich. Debütant ist Marshall Allen allerdings lediglich als Solist, denn allein mit dem Sun Ra Arkestra ist der Saxophonist und Freejazzer unzählbare Male zu hören. Die größte Überraschung an seinem Album „New Dawn“ ist daher wohl, dass es sich weit weniger free oder spacig anhört, als es in dem Kontext zu erwarten wäre. Jazz ja, aber eher chillig-loungig oder beschwingt. Ohne den Beitrag der Tochter von Kumpel Don Cherry wäre es ein Instrumental-Album geworden, und Neneh veredelt den Titeltrack gekonnt. Allein die Streicher sind etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch mit ihnen macht das vorwiegend mit Arkestra-Freunden eigespielte Album eine Menge Spaß.

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Helmut Exner – Lilly und der Racheengel – EPV-Verlag 2025

Von Guido Dörheide (26.03.2025)

Er nu wieder: Nicht mal ein Jahr nach „Tammo – Wunderkind wider Willen“ erscheint Helmut Exners 22. Band aus der Fräulein-Lilly-Höschen-Reihe. Die pensionierte Lehrkraft aus Lautenthal muss mittlerweile 92 Jahre alt sein, ist, wie der Autor im vorliegenden Band selber feststellt, nicht totzukriegen und mischt sich nach wie vor in alles ein, was auch nur entfernt nach einem spannenden Kriminalfall riecht.

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Oddateee – Rabbit Season – Atypeek Music/KdB Records 2025

Von Matthias Bosenick (28.03.2025)

Die „Rabbit Season“ läutet eine Zeitreise ein: Diese gute halbe Stunde Hip Hop hätte so auch vor ungefähr 25 Jahren bereits erschienen sein können. Das ist kein Nachteil, im Gegenteil, es ist eine Freude, diesen dunklen, recht experimentellen Düster-Downbeat-Hip-Hop anzuhören. Dafür lud sich Host Oddateee alias Ricardo Galindez vier Features ins Studio, das er vor einiger Zeit von der Bronx nach Lyon verlegte, darunter Dälek. In dieses Rabbit Hole steigt man gern hinab.

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