Alcest – Kodama – Prophecy/Soulfood 2016

Von Matthias Bosenick (15.11.2016)

Und dann gab’s da ja auch noch den Black Metal in der Biographie von Neige alias Stéphane Paut alias Alcest (alias weitere Projekte). Vom Puristen-Black-Metal wandte sich der Franzose ja schon als Teenager ab; heute spricht man bei seiner Musik von Post-Metal oder, sofern man Hipster ist, von Blackgaze. Heißt: Die Gitarren türmen sich zu, ähm, Türmen auf, Härte wird nicht mit Blastbeats oder Tempo erzeugt, der Pop gewinnt bisweilen Oberhand, der Sänger ist in sich gekehrt. Ist schön, aber man vermisst das vertraute Pfund im Sound. Immerhin ist „Kodama“ nicht mehr ganz so watteweich wie der Vorgänger „Shelter“.

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Ich, Daniel Blake (I, Daniel Blake) – Ken Loach – GB 2016

Von Matthias Bosenick (13.11.2016) / Auch erschienen auf Kult-Tour Der Stadtblog

Wenn ein Regisseur es schafft, mit seiner Geschichte die Zuschauer so sehr zu berühren, dass sie wahlweise in Tränen ausbrechen oder stinkwütend werden, muss er eine besondere Gabe des Erzählens haben. Ken Loach ist so einer, ein seltener Glücksfall. Mit „Ich, Daniel Blake“ macht er sich einmal mehr zum Sprecher der kleinen Leute, indem er dieses Mal das britische Sozialsystem als Grundlage nimmt, das im Wortsinne die Leute umbringt. Das ist Europa. Leider. Ein hochgradig berührender Film.

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The Childhood Of A Leader – Brady Corbet – USA 2016

Von Matthias Bosenick (12.11.2016)

Stanley Kubrick verfilmt das „Nesthäkchen“: Ein Junge, der aussieht wie ein Mädchen, terrorisiert in Zeiten des ersten Weltenbrandes angesichts autoritärer Eltern sein Umfeld. Fazit: Arschlöcher zeugen Arschlöcher. Als Erklärung für politische Führerfiguren ist das reichlich kurz gedacht und als Film reichlich langatmig. Auch der wohlgepriesene Soundtrack von Scott Walker erzeugt bei Leuten, die schon mal avantgardistische Musik gehört haben, nur für Schulterzucken. Immerhin, die Bilder sind ansprechend und manche One-Liner erinnerungswürdig. Ansonsten wundert man sich, warum Brady Corbet daran zehn Jahre lang gearbeitet haben will.

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The Tiger Theory (Teori tygra) – Radek Bajgar – CZ 2016

Von Matthias Bosenick (12.11.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Ah, das ist endlich mal wieder europäisches Kino ohne Weichspüler: Der Humor hier unterscheidet sich stark von der französischen Komödie und vom Hollywood-Strandard. „The Tiger Theory“ ist sarkastisch und lakonisch, schwarzböse mithin, und das so beiläufig, dass die Dialoge doppelt sitzen. Veterinärveteran Jan hat nach 40 Jahren Ehe die Schnauze voll von heiler, aber fremdbestimmter Welt und lässt sich angesichts kastrierter Kater und fehldiagnostizierter Gedächtsniskrankheiten bei Graupapageien erfolgreich dazu hinreißen, seiner Familie Alzheimer vorzugaukeln. Spannend sind hier die vielen Charakterentwicklungen, kollidierenden Lebenswelten und beratungsresistenten Stillstände sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Charaktere. Da rückt die nur wenig ausgefeilte Bildsprache in den Hintergrund: Der Film ist gut.

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DeXit – Lars Jordan – D 2016

Von Matthias Bosenick (11.11.2016)

Ist das ernst gemeint? Der Autor muss zugeben, zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Kino vorzeitig verlassen zu haben. Das gibt zu sehr in Richtung fremdschämen. Da nun kaum mehr als eine halbe Stunde Film, also gut ein Viertel des Gesamten, als Grundlage für eine Besprechung nicht ausreichen, soll hier Schweigen sein.

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The Laundryman (青田街一号, Qīngtián jiē yī hào) – Chung Lee – Taiwan 2015

Von Matthias Bosenick (11.11.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Diesen Film gesehen zu haben, war eine mindestens doppelte Herausforderung: Erstens behandelt er übersinnliche Themen, die dem gemeinen Mitteleuropäer fremd sind, und zweitens hing bei der Präsentation die Spur mit den englischen Untertiteln dem Film um eine halbe Minute nach. Die Geschichte ist – schön, aber konventionell gefilmt – diese: Ein Mann arbeitet als Auftragskiller für eine Wäschereibesitzerin und sieht sich bald von den Geistern seiner Opfer bedrängt. Ein Medium soll ihm helfen, sie loszuwerden, doch die Lösungen dafür sind nicht förderlich für andere Lebende. Man sieht sich mit einem recht abenteuerlichen Humor und einer ungewöhnlichen Geschichte konfrontiert.

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Aloys – Tobias Nölle – F/CH 2016

Von Matthias Bosenick (09.11.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Filmfest!!! Der einzige Grund, sich auf den November zu freuen. In der Reihe „Neues Deutsches Kino“ läuft „Aloys“ aus Frankreich und der Schweiz, weil die Sprache zumindest an den Reihentitel angelehnt ist. Mit Titelfigur Aloys mäandert der Film durch diverse Genres, je nach Zustand dieser Person: Familiendrama, Detektivfilm, Psychogramm, Horror, Fantasy, Liebesgeschichte; alles indes nicht dem Genre gemäß, sondern sorgsam um die Figur herumdrapiert. Und in Motiven dargeboten, die der klassischen Bildkomposition folgen und damit bewundernswert ästhetisch sind. Für den umfassenden Genuss ist es indes unerlässlich, dass man sich auch auf Filme ohne galoppierendes Tempo einlassen kann. Dann hat man seine Freude.

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Opeth – Sorceress – Nuclear Blast 2016

Von Matthias Bosenick (07.11.2016)

Vom „Windowpane“ zum „Windowpain“: Opeth haben im Retrodudeln ein behagliches Nest gefunden. Vom progressiven Death- und Black-Metal mit ausufernden milden Gitarrenpassagen und eingeflochtenem Schönklang blieb seit drei Alben lediglich das Progressive übrig, und zwar grob in der Form, wie es der Progressive Rock in den Siebzigern vorgab, also irgendwie willkürlich komplex rockend mit ganz viel Orgel und sonstiger Orgelei. Erschreckend, wie langweilig die Schweden geworden sind.

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Placebo – Life’s What You Make It – Elevator Lady/UMG Recordings Services 2016

Von Matthias Bosenick (06.11.2016)

Wenn die kolportierte Geschichte stimmt, ist sie lustig: Placebo begehen ihr zwanzigjähriges Bestehen mit einer Best-Of-Doppel-CD und vergessen beim kompilieren, dass sie in ihrem eigenen Repertoire einen Song namens „Twenty Years“ haben. Um das glattzuziehen und den einzigen exklusiven Song auch anderswo unterzubringen, schieben sie halt die 12“ „Life’s What You Make It“ nach. Darauf gibt’s „Twenty Years“ in zwei unterschiedlichen Liveversionen und vier neue Songs, darunter das titelgebende Talk-Talk-Cover. Die EP belegt, dass sich Placebo zu Recht in der indierockigen Lücke zwischen Mainstream und Eigensinn gut eingenistet haben.

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Pixies – Head Carrier – Pixies Music/Play It Again Sam 2016

Von Matthias Bosenick (03.11.2016)

Betreutes Rocken: Dafür, dass die Pixies vor 25 Jahren den Indierock und indirekt den Grunge erfanden, gestaltet sich ihre neue Musik nach der fragwürdigen Reunion als selbstplagiierender Aufguss. Die interessantesten Passagen sind Eigenkopien, der Rest eine Melange aus nett und langweilig. Da war das frühe Solowerk von Chefquerulant Frank Black alias Black Francis deutlich innovativer. Die nunmehr Erwachsenen tauschen das Subversive gegen die fröhliche Retromanie ein. Oh wie schön war Panama, als wir es entdeckten. So richtig schlimm an „Head Carrier“ ist indes, dass das Album der Jugend immer noch etwas vormachen kann. Wer kann, wende sich dennoch den alten Alben zu.

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