Sibylle Schreiber – Ich wollte immer mal einen Liebesbrief schreiben… – Formidabel-Verlag 2016

Von Matthias Bosenick (28.01.2017)

Jetzt also doch noch: Das zweite Buch von Sibylle Schreiber, in dem sie wieder schwarze Kurzgeschichten sammelt. Man braucht einiges an Hartgesottenheit, um jeweils gegen Ende der Geschichten nicht durchzudrehen: Die meisten Texte beginnen nämlich in einem vertrauten Setting, kippen dann aber kurz vor Schluss in etwas teilweise Abscheuliches. Diese Abscheulichkeiten offenbaren dabei weniger die schwarze Seele der Autorin, sondern vielmehr die Abgründe der Gesellschaft, die Schreiber beschreibt. Sprachlich und inhaltlich wiegt Schreiber den Leser in Sicherheit und schlägt dann erbarmungslos in die Magengrube. Hier fließt – wie auf dem Cover – Blut aus dem Liebesbrief.

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Dwiki Dharmawan – Pasar Klewer – MoonJune Records 2016

Von Matthias Bosenick (21.01.2017)

Wenn auch im noch so freien Jazz alles seit 75 Jahren weitgehend auserzählt ist, gibt es wie in jedem Genre immer noch die Möglichkeit, dadurch etwas Neues zu kreieren, indem man ein Kreuzüber anzettelt. Im Jazz heißt das Fusion und beim Pianisten Dwiki Dharmawan heißt das, dass er musikalische Einflüsse aus seiner Heimat Indonesien integriert. In London scharte er für sein zweites Album haufenweise versierte junge Leute aus seiner alten und neuen Gegend um sich und ließ sie entspannt und gleichzeitig verfrickelt herumgrooven, indem sie Vertrautes und Fremdes progressiv durcheinandermixten. Klewer!

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Till Burgwächter – Die Wahrheit über S.E.X. – Verlag Andreas Reiffer 2016

Von Matthias Bosenick (08.01.2016)

Till Burgwächters Texte sind ein reines Vergnügen, sowohl selbst- als auch vorgelesen, besonders, wenn er mit seiner charmanten Kodderschnauze über Metal und Fußball spricht, also Themenfelder, die er selbstironisch und doch voller Zuneigung zerlegt. Sex hingegen… Ist ein so vielschichtiges und persönliches Thema, dass man es in der Reihe nicht zwingend sehen will. Sex im Humor driftet schnell in Schmuddelecken und flache Lacher, Sex als wissenschaftlicher Gegenstand ins Antiseptische, alles dazwischen ist Geschmackssache. An dieser Konstellation scheitert auch Burgwächter auf weiten Strecken, aber man kann sich bei der Lektüre sehr gut vorstellen, wie das Publikum einer Lesebühne dazu lacht. Schwieriges Experiment.

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Automat – Ostwest – Bureau B/Indigo 2016

Von Matthias Bosenick (06.01.2016)

Was bleibt eigentlich übrig, wenn man der Dubmusik den Dub langsam austreibt? Das Trio Automat begeht mit seinem dritten Album „Ostwest“ den Versuch. Das Ergebnis ist nicht weniger groovend, aber wegen der reduzierten Wiederholungseffekte deutlich minimalistischer. Es bleibt Tanzmusik für Menschen, die vor einem zur Schau gestellten Hedonismus Reißaus nehmen, sich aber doch mal rhythmisch bewegen wollen. Zudem soll „Ostwest“ auch was fürs Hirn sein, was aber bei Instrumentalmusik ein eher aufgesetztes Unterfangen bleibt. Festzuhalten ist: „Ostwest“ ist anders als die beiden Vorgänger und Stillstand ist der Tod.

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Micha-El Goehre – Straßenköter – Satyr-Verlag 2017

Von Matthias Bosenick (28.12.2016)

Dieses soll wirklich das Ende sein, der tatsächlich letzte Teil der „Jungsmusik“-Trilogie, sagt Metal-Slammer und „Legacy“-Kolumnist Micha-El Goehre am Ende des Buches. Dabei ließe sich das Setting sicherlich unendlich erweitern, aber er weiß, wann Schluss ist. Wie die Scorpions. Die Romanreihe erzählt aus dem Leben des trotz diverser Ungeschicklichkeiten moralisch überraschend gefestigten Taugenichts‘ Torben, der sich hier erneut mit den Plagen des Alltags herumschlagen darf, wie Scheidung, Jobwechsel, Schließung der Stammkneipe. Man erfährt, wie aus dem orientierungslosen Tunichtgut ein verlässlicher Tugut wird. Das wäre alles zwar sehr schön, aber recht mittelmäßig, wäre es nicht so metalmäßig.

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Roji – The Hundred Headed Women – Shhpuma/Clean Feed 2016

Von Matthias Bosenick (27.12.2016)

Alle Jahre wieder: Kurz vor dem Jahreswechsel schiebt noch jemand einen Anwärter für die Top-Ten-Liste der Jahrescharts auf den Markt. Dieses Mal: Roji, ein Projekt, auf das ich ohne den Schlagzeuger nicht aufmerksam geworden wäre; Jörg A. Schneider kam mir erstmals vor 20 Jahren mit Les Hommes Qui Wear Espandrillos unter. Mit Roji macht er Jazz. Und zwar so freien, dass er für manche Hörer sicherlich kaum noch als Musik erlebbar ist. Die Musik besteht hier als Grundlage lediglich aus Schlagzeug, Bass und Loops, gelegentlich garniert mit – man muss es so sagen – Tröten. Berauschend, befreiend. Lärm.

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Nothing But Noise – eXistence oscillation Past – Wool-E Discs 2016

Von Matthias Bosenick (17.12.2016)

Ist das noch Fußball? Seit 13 Jahren gibt es von den EBM-Erfindern Front 242 keine neue Studiomusik mehr, aber dafür von haufenweise Nebenprojekten. Nothing But Noise ist eines davon, mit Daniel Bressanutti alias Daniel .B. sowie seinem Seitentritt Dirk Bergen, der sogar zur Gründerbesetzung von Front 242 gehörte. Als Nothing But Noise machen sie zum zweiten Mal auf Albumlänge Ambient, durchsetzt von typischen Post-EBM-Effekten, mit denen sie auch schon bei Front 242 für eine Abkehr alter Fans sorgten. Selbst Schuld, denn „eXistence oscillation Past“ sitzt genau in der höchstspannenden Lücke zwischen Drone und Goa: beatlos, aber hektisch. Ein aufregender Trip.

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Callin Tommy – Sweet Toxin – Callin Tommy 2016

Von Matthias Bosenick (14.12.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Groovig voranpreschender Indierock mit Frauengesang und blechbläsernen Überraschungen: Callin Tommy spielen sich mit ihrem Hybridsound in eine eigene Nische. „Sweet Toxin“ ist das zweite Album der Braunschweiger Band, und wenn schon ihre Studiomusik so extrem nach Party klingt, muss es live mal so richtig brennen. Ansprechend wie der Sound ist auch das Bild: Man kann auf dem Cover eine Menge feiner Ideen entdecken. Und Play drücken und jetzt hüpfen!

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Arjomi – Sturm – Arjomi 2016

Von Matthias Bosenick (10.12.2016) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Wer Ajomi kennt, weiß, dass sich die Musik dieses sich weltweit inspirieren lassenden Folklorequartetts nicht nur überhaupt von der anderer Bands unterscheidet, sondern auch je nach Auftrittsort differiert: auf dem Floß, in der Kirche, in der Kneipe, open air. Diese klangliche Vielfältigkeit im Studio einzufangen, ist ein entsprechend schwieriges Unterfangen, das nur eine einzelne Fassette Arjomis einfangen und abbilden kann, und zwar eine, die das Liveerlebnis ergänzt. Willkommen zur Freakhypnose.

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Project Pitchfork – Look Up, I’m Down There – Trisol/Soulfood 2016

Von Matthias Bosenick (08.12.2016)

Bei einem Preis von 50 Euro plus P&V für die limitierte Doppel-CD und mit Blick auf die eher mittelmäßigen Alben seit über zehn Jahren fragt man sich, ob man das neueste Album von Project Pitchfork wirklich braucht. Aus dem einst Skinny-Puppy-infizierten, geräuschlastigen Elektro ist längst wohlklingender Pop geworden, die Eigenständigkeit blieb nach zaghaften Erfolgen vor den Charts hängen. Andererseits sind solche limitierten Ausgaben von Project-Pitchfork-Alben recht schnell recht wertvoll. Na, gut, einmal noch. Und dann die Überraschung: Inmitten vertrauter Standardkompositionen funktioniert offenbar der Verzerrer wieder. Kann man gut hören, das Album. Châpeau!

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