Ben Aaronovitch – Ein weißer Schwan in Tabernacle Street (False Value) – DTV 2020

Von Matthias Bosenick (09.11.2020)

Hat er gut gemacht! In den vergangenen fast zehn Jahren schien es, als habe Ben Aaronovitch zuletzt das Ziel verfolgt, so viel wie möglich aus seiner zum Kult erhobenen „Die Flüsse von London“-Serie um den Zauberpolizisten Peter Grant herauszuquetschen, koste es, was es wolle, und seien es Qualität oder Verständlichkeit. Im achten Band der Reihe hat er sich offenbar wieder gefangen: Die Story ist nachvollziehbar, die Nebenhandlungen fügen sich in die Hauptgeschichte ein und lenken nicht von ihr ab, die Vorbereitung auf die Lösung schließt etwas Neues mit ein und die ausreichend diffuse Lösung ist dann doch nicht vorhersagbar. Inklusive Humor und Ermittlungsarbeit ist alles drin, was man sich wünscht. Nur der Preis ist frech, aber dafür kann Aaronovitch wohl weniger.

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Erasure – The Neon – Mute 2020

Von Matthias Bosenick (26.10.2020)

So neonbunt, wie Erasure ihr neues Studioalbum selbst anpreisen, ist es gottlob gar nicht ausgefallen: Ein fröhlicher Kontrapunkt zu düsteren Zeiten soll es sein, und die Helden des Sythiepops der Achtziger wären dies nicht, wenn sie auch damals schon nur fröhliche Musik gemacht hätten. Dem guten Synthiepop liegt immer ein gerüttelt Maß an Melancholie inne, und so verhält es sich mit „The Neon“ auch, und das steht dem englischen Duo einfach mal so richtig gut. Kein Retroalbum, kein cheesiges Fremdschämen, nicht mal House oder aktuelle Chartselemente, einfach Erasure ohne Schnickschnack, mit entspannten Sounds und einnehmenden Melodien; allerdings wären ein paar mehr mutige Experimente schick gewesen.

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Spezial: addicted/Noname Label aus Moskau, Teil 6

Von Matthias Bosenick (23.10.2020)

Drei Veröffentlichungen empfehlen die Freunde vom Moskauer Label addicted/No Name dieses Mal: „Бельмо“ alias „Nebula“ von Бром, Free Jazz mit dem Willen, den Jazz noch freier zu gestalten, das spacige Mini-Album „Гелиакические восходы Сириуса“ der Schauspielerin Inna Pivars und ihrer Band The Histriones, das auf den Spuren Syd Barrets und des französischen Chansons hippiesk ins All dreht, sowie die EP „Прелюдия“ des Trios Рудольф, das in der Besetzung Schlagzeug, Bass und Plattenspieler unerhörten Lärm macht.

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Akasha Project – Einsteigen, bitte … – Akasha Project 2020

Von Matthias Bosenick (22.10.2020)

Einen Spagat zwischen einst und jetzt macht der Braunschweiger Barnim Schultze mit seinem jüngsten Studioalbum „Einsteigen, bitte …“: Mit den Mitteln seiner gegenwärtigen Ambientalben und auf deren wissenschaftlicher Grundlage generiert er vier Tanztracks wie zu Anfangszeiten seiner Arbeit unter dem Alias Akasha Project, als er sich in Goa und Psy-Trance einen Namen machte. Das passt gut, denn auch in seinen Liveperformances und den Ambientalben bringt er gern tanzbare Elemente unter; diese nun einmal wieder in den Vordergrund zu bringen, ist nur konsequent. Damit bestätigt sich der Braunschweiger musikalisch als der bessere Querdenker.

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Dizzy Mizz Lizzy – Alter Echo – Columbia 2020

Von Matthias Bosenick (21.10.2020)

Was kommt nach dem jugendlichen Sturm und Drang, wenn dieser bereits 25 Jahre zurückliegt? Schwermut, Wehklagen und ein gewisser Starrsinn? Dizzy Mizz Lizzy klingen auf ihrem vierten Album, dem zweiten nach zwei Jahrzehnten Studiopause, im Grunde wie früher, nur: nicht mehr so komplex, nicht mehr so latent heavy auf den Punkt gespielt, dafür raumgreifend, man könnte sagen: kitschig, und schmerzvoll, man könnte sagen: jammernd. Ihren unterschwellig progressiven Indierocksound haben sie beibehalten, man erkennt das Dänische Trio also allein am Sound sofort wieder. Doch als so richtig erforderlich empfindet man „Alter Echo“ leider nicht, es wirkt wie unter Zwang eingespielt.

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Vintermørke/Mountain Hermit – Una Faccia, una Razza – Mountain Hermit 2020

Von Matthias Bosenick (19.10.2020)

Das geht weit zurück in die Anfänge des Black Metal, zeitlich nach Venom und örtlich nach Norwegen: Nicht ohne Grund nennt der griechische Musiker Paranøia sein Projekt Vintermørke, was Norwegisch oder Dänisch für Winterdunkelheit ist. Für diese EP schließt er sich mit dem italienischen Projekt Mountain Hermit alias Ali zusammen: „Una Faccia, una Razza“ ist ein unproduziertes Drei-Track-Gebräu aus Tempo, Gekeife, Atmosphäre, Roheit und Humor. Abwechslungsreich und anstrengend, also herausfordernd. Und mit Orgel.

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Matthias Hufnagl – Interim. Gineitel Lichtorgeln – Windlust-Verlag 2020

Von Matthias Bosenick (15.10.2020)

O Lyrik, du ungnädige Literaturgattung! Wer nicht sowieso einen Zugang zu dir hat, tut sich auch mit dem Gedichtband „Interim. Gineitel Lichtorgeln“ von Matthias Hufnagl schwer. Zunächst zumindest: Man muss sich reinknien, muss es wirken lassen, sich den Bildern hingeben, den sprachlichen wie den tatsächlichen, die der Berliner DJ, Dichter und Hobbyfotograf mit Wurzeln in Dresden seinen minimalistischen Betrachtungen zur Seite stellt. Dann bekommt man einen Eindruck von Nachtleben, Fernweh, Wehmut und dem Gefühl dafür, wie schwer ein Leben ist, indem man seine Position noch nicht gefunden hat. Und davon, wie die Texte im Livevortrag wohl wirken mögen.

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ReMission International – TOS2020 – SPV/Oblivion 2020

Von Matthias Bosenick (13.10.2020)

Wayne Hussey steht nackt im Wind: Anlässlich der übermenschlichen Leistungen, die Pflegekräfte, Gesundheitsdienste und sonstige caritative Einrichtungen im Zuge der Coronakrise zu erbringen haben, fühlt sich der The-Mission-Chef dazu angespornt, den gebeutelten Protagonisten monetäre Hilfe zukommen zu lassen, und generiert die Gelder aus dem Erlös einer Charity-Single. Dafür lässt er seinen alten Hit „Tower Of Strength“ von weltberühmten Kumpels aus der Szene neu einspielen, einsingen oder remixen, nennt das Projekt ReMission International und den Song nunmehr „TOS2020“. Das Ergebnis lässt sich hören, die Opulenz des Gothic-Rock-Hits bleibt erhalten, und doch kommen Ahnungen von „Do They Know It’s Christmas?“, „Ferry Cross The Mersey“, „Sun City“, Ferry Aid oder „We Are The World“ auf, wenn sich die Singenden die Mikroklinke in die Hand geben.

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Carnival Crash – It Is A Happy Man – Obelisk Records 2020

Von Matthias Bosenick (08.10.2020)

Tief in die Historie des New Yorker Untergrunds der frühen Achtziger geht es mit „It Is A Happy Man“: Diese CD bündelt die weitgehend unveröffentlichten Aufnahmen der Band Carnival Crash, die im vom Punk und Post Punk ausgelösten kreativen Prozess entstanden und ahnen lassen, wohin die Reise für die vier hernach prominenten Musiker gehen sollte – Swans, Ritual Tension, Chavez und Live Skull, unter anderem. Die sieben Stücke sind klar im Stil der Zeit und des Ortes entstanden und trotzdem überraschend zeitlos. Und großartig!

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Mrs. Piss – Self-Surgery – Sargent House 2020

Von Matthias Bosenick (04.10.2020)

Noch so ein herausragendes Beispiel dafür, welche Wucht die Musik von nur zwei Leuten haben kann: Mrs. Piss sind Chelsea Wolfe und Jess Gowrie, die mit „Self-Surgery“ ein unmittelbares Minialbum auf die Fressen der Hörer loslassen. Jeder der acht Tracks bedient ein anderes Genre, einig ist ihnen, dass keiner Fröhlichkeit ausstrahlt – alles ist Wut, Wucht, Wumms. Das Vinyl ist dem wenig goutierbaren Bandnamen und dem trefflich geschmacklosen Cover entsprechend in schwarzgelbem Splatter gehalten mit einem Etching auf der B-Seite versehen – als wäre die Musik nicht schon Kaufgrund genug.

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