Tri Atma – Tri Atma – Sireena 1979/2018

Von Matthias Bosenick (06.11.2018)

Jens Fischer. Ein Name wie… nun: Fischer ist Gründungsmitglied von Tri Atma, der Indisch-Deutschen Kraut-Prog-Weltmusikcombo, und er war und spielt in diversen anderen Bands und für andere Leute – darunter Eberhard Schoener – seine Gitarre. Sireena veröffentlicht dieser Tage nun dieses Debüt neu und ermöglicht damit auf CD die Nach- oder Neuentdeckung dieses chilligen und krautigen Sitartrips, der jedem Afghanenshop gut zu Gesicht stünde. Übrigens: Gegründet haben Fischer und sein indischer Compagnon Asim Saha das Projekt Tri Atma in Hannover!

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Paul Weller – True Meanings – Parlophone/Warner 2018

Von Matthias Bosenick (05.11.2018)

Ungewöhnlich ruhig lässt es der Modfather Paul Weller auf seinem jüngsten Album angehen. Die Zeit der Experimente, denen seine Gefolgschaft nicht folgen konnte, beendet er mit einem beinahe akustischen Werk, dem deshalb seine Gefolgschaft nicht folgen kann. Großartiger Typ, der immer weiß, wie er mit dem, was er gern mag und macht, die Engstirnigen vor selbige stößt. „True Meanings“ ist ein schönes Album geworden, das zwar Ecken und Kanten vermeidet, aber Widerhaken dennoch zulässt: Die Musik bleibt hängen, auch ohne vordergründigen Rock’n’Roll. Die Remixe der Deluxe-Version sind behutsam und gelungen.

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Aphex Twin – Collapse EP – Warp/Rough Trade 2018

Von Matthias Bosenick (02.11.2018)

Da bringt der lustige Spaßvogel mit dem unüberblickbaren Output nach zwei Jahren Scheinstille lediglich eine EP heraus. Mit den je nach Format vier bis fünf Tracks zeigt sich Richard D. James von seiner erwachsenen Seite, die er seit dem Album „Drukqs“ hegt und pflegt: weniger Fläche, mehr Verschachtelung, weniger Geradlinigkeit, mehr Experiment, trotz der Künstlichkeit erfreulich warm – IDM auf der Höhe der Zeit und abseits aller Erwartungen. Man kann Aphex Twin einfach nicht vorhersagen, da fällt nachvollziehen schon schwer. Großes Kleinformat!

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Neneh Cherry – Broken Politics – Smalltown Supersound 2018

Von Matthias Bosenick (01.11.2018)

Musikalisch ruhiger als der Vorgänger „Blank Project“, teilt das neue Album „Broken Politics“ mit jenem die Initialen und den Produzenten, nämlich Kieran Hebden alias Four Tet. Mit ihm will Neneh Cherry eigentlich den Sound aus Bristol von vor 20 Jahren fortsetzen, ihren eigenen zu Zeiten ihres Albums „Man“ mithin, und holt sich dafür sogar 3D von Massive Attack an Bord, aber zum Glück gelingt ihr das nicht, sondern etwas Anderes, Eigenes: Ein Protestalbum gegen die Zustände dieser Zeit mit einem ruhigen, minimalistischen, nicht wirklich trippigen, aber schönen Dutzend Songs, die nur selten die akustische Keule auspacken, dafür aber beständig die inhaltliche.

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Axel Klingenberg – Die Wahrheit über Wolfenbüttel – Verlag Andreas Reiffer 2018

Von Matthias Bosenick (25.10.2018)

Stimmt, das fehlte sogar noch: Ein Buch mit 111 Gründen für „Die Wahrheit über Wolfenbüttel“. Und wer wäre dafür besser geeignet, als Braunschweigs Lokalliterat Nummer Eins, Axel Klingenberg? Mit dieser kurzweiligen Zusammenstellung historischer Ereignisse und Personen aus der kleinen Nachbarstadt verabschiedet sich der Punk aus dem Literaturbetrieb, wie er sagt. Bauen wir auf den Scorpions-Moment, nicken das kurz ab und widmen uns dem Kompendium, das anlässlich des 900. Geburtstags Wolfenbüttels entstand. Wolfenbüttel in einem Wort: Lessing! Jägermeister! Also in zwei Worten, okay. Nein, Klinge findet noch einige mehr und trägt sie akribisch und unterhaltsam zusammen. Das ist sicherlich auch für die meisten Wolfenbütteler ansprechend lehrreich.

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Soundtrack WOB: Auf den Spuren von Musik und Jugendkultur in Wolfsburg – Ausstellung im Stadtmuseum Wolfsburg vom 24. Oktober 2018 bis 3. März 2019 – Eröffnung am 23. Oktober 2018

Von Matthias Bosenick (24.10.2018)

Als ich 1993 nach Wolfsburg kam, um dort meine Ausbildung zu machen – ja, in genau jenem Betrieb –, da kam ich aus einer Gesellschaft, in der es normal war, anders zu sein, in der Diversität einigermaßen Standard war und es zum allgemeinen Umgang gehörte, sich von anderen inspirieren zu lassen, sich kritisch mit Geschichte und Politik auseinanderzusetzen, und sich aus der Menge der verfügbaren Kulturgüter das herauszusuchen, das einen persönlich ansprach; und ich kam in eine Gesellschaft, in der der Gleichtakt alles dominierte, von der Musik über Film, Literatur und Kunst über Mode bis zu Sprachgebrauch, Ausgehverhalten und Hobbys sowie der Verweigerung, sich mit der Grundlage für seine eigenen Entscheidungen auseinanderzusetzen oder das Allgemeingegebene zu hinterfragen. Schnell wurde ich zum Außenseiter – der es dadurch wiederum leicht hatte, die anderen Außenseiter zu finden. Die gibt es in Wolfsburg, und zwar schon immer, und denen widmet das Stadtmuseum jetzt eine Ausstellung, die sich vorrangig um die aus Wolfsburg stammende Musik dreht. Ein hochnotwichtiger Blick auf die Stadt, nicht nur für die Protagonisten, sondern auch sowohl für deren angepasste Bewohner als auch für Nichtwolfsburger, denn er zeigt ein Wolfsburg, das unter der polierten Oberfläche einen ganz eigenen Glanz abstrahlt.

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Schneider Collaborations – Vier Alben – Jörg A. Schneider 2018

Von Matthias Bosenick (22.10.2018)

Das ist mindestens ambitioniert, garantiert begeisternd und erzeugt nach erstem überraschtem Auflachen über die Menge an Musik ein nachhaltiges Staunen: Schlagzeuger Jörg Alexander Schneider aus Hückelhoven veröffentlicht in diesem Jahr so viel Musik wie schon lang nicht mehr – und unter dem Schlagwort Schneider Collaborations gleich vier LPs auf einen Schlag. Sein freies, dem Free Jazz angelehntes wild wirbelndes Schlagzeugspiel dient den beteiligten Musikern als Grundlage für ihre eigenen Experimente, und je weiter man sich vorarbeitet, desto tiefer taucht man sowohl in die Geschichte als auch in die mögliche Zukunft des mit dem Noiserock kombinierten Jazz ab. Unfassbar.

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Project Pitchfork – Fragment – Trisol 2018

Von Matthias Bosenick (19.10.2018)

Je weiter sich Peter Spilles von seinen Fähigkeiten als Komponist entfernt, desto größer wird sein Output – keine glückliche Entwicklung für Project Pitchfork. Viel hilft eben nicht viel, da wäre eine Pause angeraten, doch ist dies mit Ansage derzeit nicht in Aussicht, denn die Band befindet sich inmitten einer Albumtriologieveröffentlichung. Das aktuelle „Fragment“ setzt das neue Triptychon kaum ein Jahr nach „Akkretion“ fort und impliziert die baldige Fortsetzung. Die man nicht braucht, wenn die Pitchies die Tendenz beibehalten, von Album zu Album schlechter und beliebiger zu werden. „Fragment“ ist Düsterschlager mit Schunkelgarantie.

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Martin „Gotti“ Gottschild & Lukas Adolphi – Die Cops ham mein Handy: Das Hörbuch – Lukas Adolphi 2018

Von Matthias Bosenick (18.10.2018)

Sich unausweichlich mit dem kolportierten Elend konfrontiert sehen zu müssen, ist das Brutale an der Hörbuchversion von „Die Cops ham mein Handy“: Mit diesem Büchlein veröffentlichte Lukas Adolphi vor gut einem Jahr den SMS-Verlauf eines Kleinkriminellen, der Adolphis Mobiltelefon nach dem Diebstahl benutzte und vor dem Geschnapptwerden nicht wieder löschte. Diese Texte offenbaren eine Gesellschaft, die mitten in Deutschland existiert und mit der man nicht in Berührung kommen möchte – trotz aller vermeintlich witziger Dummheit, Schrägheit, Trotteligkeit, Geilheit und Lachhaftigkeit, die aus den Köpfen der Beteiligten quillt. Nicht der Herausgeber übrigens, sondern Martin „Gotti“ Gottschild von Tiere streicheln Menschen liest das Buch in einer guten Stunde komplett vor.

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Devin Townsend Project – Ocean Machine: Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv – HDR 2018

Von Matthias Bosenick (17.10.2018)

Warum nimmt man einen Keyboarder mit, wenn man sich ein Orchester und einen Chor in den Rücken stellt? Vielleicht, weil Devin Townsend selbst die Idee zu einem revolutionären Mix von Metal und Klassik am Ende doch nicht mehr so revolutionär fand – oder weil er sich im Komponieren brandneuer Partituren verhoben hat und die klassisch geschulten Musiker lieber im Hintergrund fiedeln lässt, damit das nicht so auffällt. So guckt man sich die vierte besondere Live-Veröffentlichung von Dev in Folge eben in Ruhe an und, zuckt mit den Schultern und versucht, sich die Perlen in den beiden Setteilen zu merken, die aus Fanwünschen und der Komplettaufführung des höchstguten Debüts „Ocean Machine“, jenes ohne Klassik, bestehen.

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