Goscinny & Sempé – Der kleine Nick: Wie alles begann – Diogenes 2018

Von Matthias Bosenick (09.11.2018)

Erstaunlich, was vom kleinen Nick noch alles irgendwo auf Dachböden dümpelt, und noch erstaunlicher, wenn es sich dabei um bereits veröffentlichtes Material handelt, das selbst der noch lebende der beiden Erschaffer offenbar vergessen hat. Jedenfalls erinnerte sich Zeichner Jean-Jacques Sempé urplötzlich daran, dass die Prosafigur des kleinen Nicks eine Comicvorgeschichte hat, die er mit dem 1977 verstorbenen Texter René Goscinny Mitte der Fünfziger beinahe ein Jahr lang in einer Zeitung veröffentlichte, weit bevor das Duo daraus die bekannten Texte zauberte. Wie auch immer: Jetzt liegen diese Panels auch auf Deutsch vor und geben einen hübschen und humorvollen Einblick in die kreative Evolution des fidelen Kindes und in eine Gesellschaft, die sich seit einem halben Jahrhundert erschreckend wenig verändert hat.

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Tri Atma – Tri Atma – Sireena 1979/2018

Von Matthias Bosenick (06.11.2018)

Jens Fischer. Ein Name wie… nun: Fischer ist Gründungsmitglied von Tri Atma, der Indisch-Deutschen Kraut-Prog-Weltmusikcombo, und er war und spielt in diversen anderen Bands und für andere Leute – darunter Eberhard Schoener – seine Gitarre. Sireena veröffentlicht dieser Tage nun dieses Debüt neu und ermöglicht damit auf CD die Nach- oder Neuentdeckung dieses chilligen und krautigen Sitartrips, der jedem Afghanenshop gut zu Gesicht stünde. Übrigens: Gegründet haben Fischer und sein indischer Compagnon Asim Saha das Projekt Tri Atma in Hannover!

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Einstürzende Neubauten – Grundstück – Potomak/Indigo 2005/2018

Von Matthias Bosenick (03.09.2018)

Was soll man als Supporter davon halten? Mit einer Menge Geld, die weit über dem liegt, was man ansonsten für ein Album auszugeben bereit gewesen wäre, unterstützte man in den Nullerjahren die Einstürzenden Neubauten vorab darin, neue Alben zu produzieren. Der Erlös bestand daraus, Besitzer eines exklusiven Tonträgers zu sein. Diese Exklusivität beenden die Neubauten nun, indem sie das zweite Supporter-Album „Grundstück“ für den Handel neu veröffentlichen. Inklusive einer Bonus-DVD mit Material, das auch der Supporter noch nicht hat, ihn mithin zum erneuten Erwerb zwingt. Da vergisst man grollend, wie gut das Album eigentlich ist.

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Witthüser & Westrupp – Der Jesuspilz – Live! – Sireena 2018

Von Matthias Bosenick (13.06.2018)

Man muss wohl dabeigewesen sein oder noch heute gern Pilze essen, um das Werk von Bernd Witthüser und Walter Westrupp uneingeschränkt feiern zu können. Hervorgegangen aus der Essener Folkloreszene, schoben die Liedermacher ihre Lieder bald ins Psychedelische, musikalisch wie inhaltlich. Die Umdeutung der Bibel zum Brösel als göttlichem Funken war eine beinahe logische Konsequenz, der Erfolg dafür umso überraschender. Die Generalprobe zur Uraufführung dieses Evangeliums aus dem Jahr 1971 legt Sireena nun als Live-CD vor. Heute wundert man sich über diese Mischung aus Krautrock und Klimbim.

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The Perc Meets The Hidden Gentleman & The Lavender Orchestra – Praha – Tribal Stomp/Shack Media 2018

Von Matthias Bosenick (17.12.2017)

Der ansonsten den angenehm in Schieflage geratenen Indierock mit Wavewurzeln bevorzugende Perc mit seinem Hidden Gentleman untermauert den Ruf seiner Vielseitigkeit mit dieser Live-CD: Mitgeschnitten bereits vor 25 Jahren, dringt hier die Vorliebe der beiden Hauptmusiker für progressiven und krautigen Rock deutlich durch. Auf seinem eigenen Label bringt Perc Tom Redecker dieses ursprüngliche Bootleg jetzt mit einem Song mehr und digital überarbeitet neu unter die Leute. Zu Recht!

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Kiev Stingl – Hart wie Mozart/Ich wünsch den Deutschen alles Gute – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (06.11.2017)

Kiev Stingl hat schlechte Laune und in Achim Reichel einen versierten Mann an der Seite, der seine Grantigkeit in Musik fassen lässt. Vier Alben nahm der Hamburger zwischen 1975 und 1989 auf, die beiden mittleren – „Hart wie Mozart“ (1979) und „Ich wünsch den Deutschen alles Gute“ (1981) – veröffentlicht Sireena Records jetzt kurz nach dem Debüt „Teuflisch“ ebenfalls auf CD. Erwartet man bei einem Protegé wie Reichel einen Sound zwischen Beat und Psychedelik, wundert man sich doch über die Songs, die vielmehr an Postpunk oder gar Wave Rock anlehnen. Dabei ging es bei den Alben hauptsächlich darum, den an die US-Beatpoeten angelehnten Texte Stingls ein musikalisches Gewandt zu verpassen. Eine gelungene Kombination.

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Lassigue Bendthaus – Matter – Dark Entries 2014 (Original 1991)

Von Olaf Krautwurst (30.06.2016)

Eigentlich wollte ich aus Zeitgründen keine Rezensionen mehr schreiben. Warum ich dies nun doch wieder mache, ist einfach erklärt. Ich habe angefangen, mir wieder Schallplatten, ja Vinyl, zu kaufen und da ich mich daran so erfreue, möchte ich euch hier ein paar Sahnestücke meiner Einkäufe vorstellen.

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Tribute – Terra Incognita – Sireena Records 2016 (Original 1990)

Von Matthias Bosenick (19.06.2016)

Nicht Totengräber, sondern Schatzsucher sind die Leute von Sireena: Hiermit veröffentlichen sie den Schwanengesang des schwedischen Progkonglomerats Tribute (ungeschickter Name aus der Prä-Google-Zeit). Interessanterweise klingen viele zeitgenössische Progalben so ähnlich, „Terra Incognita“ (nicht zu verwechseln mit dem grandiosen Debüt von Gojira) könnte genau so auch von heute sein. Das sagt einerseits etwas über das vermeintlich Neue im Biz dieser Tage aus und andererseits über die offenbar nicht flächendeckend ausgefallene Berücksichtigung der Band im weltweiten Progkosmos. Zumindest mir sind sie vorher nicht untergekommen. „Terra Incognita“ ist so abwechslungsreich, dass im Wortsinne für fast jeden etwas Ansprechendes dabei ist – aber auch etwas, das er vielleicht nicht so mag.

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Wonderland Band – No. 1 – Polydor 1971/Sireena 2016

Von Matthias Bosenick (23.02.2016)

Was es nicht alles gibt. Und was Sireena Records nicht alles ausgräbt. Und woran Achim Reichel nicht alles beteiligt war. Und was macht „die Klofrau“ mitten in „The Liberal John F. Baverstock“? „No. 1“ ist auch heute noch ein schräges Album, das mutig alle möglichen Stile und Sounds mixt. Mariachitrompeten im Progrock, Mittelaltergetröte im Bluesrock, melodische Avantgarde, was nicht alles. Weitab vom Pop, aber bei weitem nicht so unhörbar wie „Die grüne Reise“. Experimentell, aber schön. Verdient es, wiedergehört zu werden.

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The Perc Meets The Hidden Gentleman – The Fruits Of Sin & Labor (Rerelease) – Sireena/Broken Silence 2015

Von Matthias Bosenick (17.10.2015)

Ein Vierteljahrhundert später stellt sich beim Neu-Hören die Frage, ob es sich bei dem Album um Kult oder Trash handelt. Schwer zu sagen, im Idealfalle wertet man es als einen experimentellen Mix aus beidem, und selbst ohne Wohlwollen als einen gelungenen. Das Duo The Perc Meets The Hidden Gentleman war 1990 noch auf dem Sprung zu sowohl größerer Breitenwirkung als auch versierterer Musikalität. Diese überlange Mini-LP (mehr als 48 Minuten) in Mini-Auflage (seinerzeit nur 2000 Stück) bietet einen Stilmix von Folk über Dance, Kammermusik, Hörspiel, Wave, Minimal-Synth bis hin zum Industrial-Stampfer. In dieses sperrige historische Dokument muss man sich im Jahre 2015 erst wieder hineinhören. Um dann festzustellen, dass es heute selbst als Neuveröffentlichung erhebliche Relevanz hätte – weil es mutiger ist als die zeitgenössischen Produkte. Das latent dilettantisch Schräge darin jedoch muss man entweder ausblenden oder respektieren. Auf jeden Fall stellt das Album einen umfangreichen Einblick in die deutsche Indielandschaft vor 25 Jahren dar.

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