Cyberaktif – Tenebrae Vision/Endgame – Wax Trax!/Artoffact Records 1991/2024

Von Matthias Bosenick (13.02.2024)

Vancouver, Kanada, 1990. Seit bis zu acht Jahren mischen EBM-Bands wie Skinny Puppy und Front Line Assembly die Szene auf, mit eigenen Sounds, die sich von denen der europäischen Vertreter reichlich unterscheiden: trotz harmonischer und poppiger Anteile harscher, härter, räudiger, monotoner, düsterer, brutaler. Die einen sind im Grunde ein Seitenarm der anderen: Bill Leeb gründete Front Line Assembly 1986, nachdem er Skinny Puppy verlassen hatte. 1990 also tun sich deren Musiker Cevin Key (der heute Geburtstag hat) und Dwayne R. Goettel mit ihrem Ex-Kollegen Bill Leeb zusammen und formieren für zwei 12“es und das Album „Tenebrae Vision“ das Projekt Cyberaktif. Parallel erscheinen die wegweisenden Alben „Caustic Grip“ von Front Line Assembly und „Too Dark Park“ von Skinny Puppy und binden die Energien für die jeweiligen Kreativitäten und somit die Karrieren – für die nächsten rund 30 Jahre. Jetzt jedoch löst Cevin Key Skinny Puppy zum zweiten Mal auf und vertändelt Bill Leeb seine Energien in weniger substanziellen FLA-Alben, da kreuzen sie abermals ihre Schwerter – und präsentieren „Endgame“, von dem man sich indes deutlich mehr Wumms erhofft hätte. Das Album ist so weich, dass es eher enttäuscht. Parallel gibt’s „Tenebrae Vision“ als Doppel-CD mit sämtlichen 12“-Tracks neu, davon hat man deutlich mehr und es klingt sogar frischer.

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Steel Pole Bath Tub – The Skull Tapes – SPBT/No Coast 1987/2023

Von Matthias Bosenick (06.02.2024)

Kaum erheben sich die Noiserockhelden Steel Pole Bath Tub nach rund 20 Jahren Pause wieder von ihren Sofas, erinnern sie sich an kurz nach wie es damals begann, 1987, als Dale Allan Flattum, Mike Morasky und Dorothy Kent alias Darren K. Mor-X alias Darren Kent Morey ihre zweiten Demos als „We Own Drrrills“ auf Kassette herausbrachten, und schicken diese fünf Songs nun überarbeitet als vielfach divers gefärbte 12“ mit Original-Artwork von Flattum alias Tooth zurück ins Weltgeschehen. Der Sound ist sowas von vertraut, man fühlt sich sofort zu Hause: schräge Gitarren, ungenaue Melodien, Gequatsche aus dem Fernseher, mitreißende Rockmusik zwischen Space, Psychedelic, Surf und dem, was dereinst sowohl den Indierock als auch den Grunge zutiefst beeinflussen sollte. Jetzt fehlt noch das allererste Demo aus dem Vorjahr und eine Compilation mit allen 7“es und Raritäten!

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Fra Lippo Lippi – From Nesodden to Manila (and back)

Von Onkel Rosebud

Was haben die Bands Tokio Hotel, Sixto Rodríguez und Fra Lippo Lippi gemeinsam? Sie haben, von ihrem jeweiligen Heimatland aus gesehen, an einem ganz anderen Ende der Welt Kultstatus. Die Loitscher Jungs in Japan, Sixto Rodríguez aus Detroit in Südafrika (der dazugehörige Film „Searching For Sugar Man“ ist eine unbedingte Guckempfehlung) und Fra Lippo Lippi aus Nesodden, Norwegen, auf den Philippinen.

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Devin Townsend – Infinity 2023/Devolution Series 3: Empath Live In America – InsideOut Music 2023

Von Matthias Bosenick (12.12.2023)

Mit „Christeen“ und „Bad Devil“ warf Devin Townsends Solo-Album „Infinity“, das er nach seiner Bipolare-Störung-Diagnose erstellte, 1998 zwei gutgelaunte Power-Metal-Bretter ab, das ganze Album war überhaupt voller Mosthymnen – sowie Zappaesken und Ambienttracks. Weil er aber damals vom Label zu Eile gedrängt war, schafften es nicht alle seiner Songskizzen aufs Album; einiges erschien auf der „Infinity EP“, wieder andere Sachen als Bonus auf einer zweiten Auflage der CD. Bei Devin Townsend ist ziemlich klar, dass Songs, die er als Demo kennzeichnet, oftmals besser ausgearbeitet sind als andere Leute fertigproduzierte Alben, so auch hier. 2023 remastert Devin nun das Album, posiert abermals nackig fürs Cover – und bringt die verteilten Bonus-Tracks als gebündelte Bonus-CD heraus. Ein sammlerfreundlicher Fanservice, den er gern mit späteren verstreuten Songs ebenfalls vornehmen darf.

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Leda Atomica – Leda Atomica – Exil/Roy II 1986/Atypeek 2023

Von Matthias Bosenick (08.12.2023)

In Marseille etablierte sich in den Achtzigern ein musikalisches Kunstprojekt, das bis vor wenigen Jahren aktiv war und unendliche Alben und Nebenarme abwarf. Eines der frühesten musikalischen Dokumente ist das 1986 erschienene selbstbetitelte Tape „Leda Atomica“, auf dem das Kollektiv synthetisch unterfütterte Kunst machte, minimalistisch, stimmlastig, expressionistisch, theatralisch, experimentell. Bei dieser Synthiemusik geht es nicht um Beats und Tanzbarkeit, hier geht es ums Zuhören und, ja, Genießen des Ausdrucks, den die Künstler suchten. Musik wie diese sah sich seinerzeit und auch heute noch vornehmlich an gruftigen Genres wie Darkwave oder Minimal-Synth angedockt, die Band selbst schlug hernach aber ganz andere Wege ein. Das nach einem Gemälde von Salvador Dalí benannte Projekt lässt mit diesem nun digitalisiert verfügbaren Tape tief in die französische Experimental-Geschichte eintauchen.

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New Order – Substance 2023 – Factory/Rhino Records 2023

Von Matthias Bosenick (05.12.2023)

It seems like I’ve been here before: Was machen einst erfolgreiche Musizierende, sobald ihr Zenit überschritten scheint? Compilation- und Live-Alben herausbringen, und sobald noch mehr Zeit vergeht, mit erweiterten Reissues der Erfolgsalben aufwarten. Die für Puristen faktisch schon wieder nicht mehr existierenden New Order absolvieren hier alles gleichzeitig: Sie bringen ein Reissue einer Compilation heraus mit einem Live-Album als Bonus. Nun war „Substance“ – den Titel übernahmen sie 1988 für eine Compilation von Joy Division – 1987 wegweisend und die einzige Möglichkeit, den Überhit „Blue Monday“ in Albumform zu erwerben; auch, wer alle Studioalben hat, braucht „Substance“, und auch, wer „Substance“ hat, braucht dieses Reissue, weil die damals nur auf Tape erschienenen Extra-Tracks hier endlich remastert als dritte CD zugänglich sind. Hier lässt sich dreimal der Weg der Joy-Division-Nachfolger vom Wave und Postpunk zur Synthiepop-Disco nachverfolgen. Übergroß, und das, obwohl Bernard Sumner nicht singen kann.

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Simple Minds – New Gold Dream: Live From Paisley Abbey – BMG 2023

Von Matthias Bosenick (23.11.2023)

Welche Aussage ist besser: „Live klingt es exakt wie auf dem Album“ oder „Live ist es komplett anders als das Album“? Das hängt von der Vorlage ab: Wenn Yo La Tengo oder Sonic Youth ihre komplizierten Lärmsounds live werkgenau und verlustfrei reproduziert bekommen, kann man nur staunen. Wenn dies bei The Faint geschieht, glaubt man an Vollplayback. Und der Nutzen, einen Liveauftritt als Konserve zu Hause zu haben? Ist eigentlich nur gegeben, wenn es einen künstlerischen Mehrwehrt zu belauschen gibt. Die Simple Minds reproduzieren „New Gold Dream (81-82-83-84)“, ihren Scheitelpunkt zwischen elektronisch-monotonem Untergrund-Punk und Stadion-Rock, 40 Jahre später in veränderter Besetzung – nur Sänger Jim Kerr und Gitarrist Charles „Charlie“ Burchill sind auf beiden Alben zu hören – und veröffentlichen den Mitschnitt aus der Paisley-Abbey-Kapelle als Tonträger. Der ist acht Sekunden kürzer als das Original, weicht in Details von der Vorlage ab und klingt natürlich abgeklärter als die jugendliche Vorlage.

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The Kinks – The Journey, Pt. 1 & 2 – BMG 2023

Von Guido Dörheide (22.11.2023)

„The Journey, Pt. 1“ (bereits im März erschienen) und „Pt. 2“ stellen mit insgesamt 70 Songs und über dreieinhalb Stunden Gesamtspielzeit alle bisherigen Greatest-Hits-Kompilationsalben der großartigen Band [The Kinks, Anm. d. Hrsgbr.] in den Schatten und sind darüber hinaus liebevoll remastered. Und bei „Lola“ heißt es auch „Coca Cola“ anstatt „Cherry Cola“, halt wie es sich gehört.

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Jane – Beautiful Lady – Sky/Sireena 1986/2023

Von Matthias Bosenick (01.11.2023)

Für solche Musik etablierte sich damals wohl der Begriff Schmockrock: Vorsichtig angerauhter Rockpop, im mitklatschtauglichen Midtempo gehalten, eingängige Melodien, vertraute Rhythmen, eingebaute Keyboards. Und das von einer Band, die seit den frühen Siebzigern in Deutschland den Krautrock mitdefinierte: Jane aus Hannover, hier wiederveröffentlicht das letzte Studioalbum ohne Präfix, „Beautiful Lady“ aus dem Jahr 1986, ein Quasi-Comeback und der Schwanengesang in einem, denn in den Jahren danach zerstritten sich die ohnehin ständig ausgetauschten Musiker nochmal extra. Handwerklich ausnehmend passabel gemacht, lässt sich an dem Album dennoch gut ablesen, warum die Bezeichnung „Hardrock“ in der Zeit einen herabwürdigen Beigeschmack erhielt. Das Album ist somit eher ein nostalgisches Zeitdokument als musikalisch relevant. Das Label Sireena bringt es mit einer Liveversion des Titeltracks auf CD neu heraus, also nicht mit dessen Maxi-Version wie das ursprüngliche Label Sky selbst vor 30 Jahren.

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Jemek Jemowit – Zemsta – Fabrika/Atypeek 2011/2023

Von Matthias Bosenick (19.10.2023)

Jemek Jemowit muss seit 2011 einiges an Gefolgschaft gewonnen haben, dass man sein Debüt „Zemsta“, das 2011 auf einem kleinen griechischen Label erschien, zwölf Jahre später erneut veröffentlicht – denn für eine erwartbare breite neue Hörerschaft ist es sicherlich nicht bestimmt, dafür ist es viel zu freakig. Wie der ganze Typ, der wiederum genau deshalb für Aufmerksamkeit sorgt, zumindest in Berlin, und was da passiert, ist ja seit jeher global relevant. Mit klar an den Achtzigern orientierten Synthie-Sounds kreierte Jemowit mit „Zemsta“ ein satirisches Album zwischen Proto-NDW, Minimal-EBM, Düster-Techno und Gruft-Rap. Wären die Beats fetter, fielen einige der Stücke in Ihrer favorisierten Gothic-Disco sicherlich gar nicht weiter auf. Bitte Zwischen DAF, Kraftwerk, Laibach und Die Trottelkacker einsortieren.

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