Von Matthias
Bosenick (22.01.2020)
War die Erstausgabe des Festivals
„Shake Up The Monster“ vor fünf Jahren in Groß Oesingen noch
vom Geist der Nostalgie beseelt, dominierten bei der Fortsetzung eine
kraftvolle Gegenwartsverankerung bei den UK Subs und ein in die
Zukunft gerichteter Blick bei den Gastgebern Hoax. Geblieben sind die
Klassentreffenatmosphäre, ein hochgradiger Partyspaß bei
fantastischer, vom Punk ausgehender Musik sowie die Ungläubigkeit
über die Tatsache, dass 500 Leute mitten in der Woche den Weg in die
Provinz fanden – ins Schützenhaus in Schweimke, Gemeinde
Obernholz, Samtgemeinde Hankensbüttel, Landkreis Gifhorn, südliche
Lüneburger Heide, zwischen Wierstorf und Bottendorf, knapp dort, wo
sich das Meer von der Erdkante ins All stürzt.
Archiv des Autors: Van Bauseneick
Underworld – Drift Series 1 – Caroline International 2019


Von Matthias
Bosenick (14.01.2020)
Kann man mal machen: mal eben sieben
Stunden neue Musik am Stück veröffentlichen. Wobei, so richtig
korrekt ist das nicht, sammeln Underworld doch auf „Drift Series 1“
diverse EPs, die sie das ganze Jahr über schon digital unter die
Leute warfen. Und wie das so ist bei einem solchen Output, klingen
nicht alle Tracks wie voll ausformuliert: Da hätten sie die Menge
der Ideen auf weniger Stücke verteilen sollen. Für den schmalen
Geldbeutel gibt es ein Konzentrat als Ein-CD-„Sampler Edition“,
die man in Kenntnis sämtlicher Tracks für sich vermutlich latent
anders zusammengestellt hätte. Es bleibt ein rekordverdächtiges
Mammutwerk (nur verdächtig, Autechre etwa veröffentlichten mit den
„NTS Sessions“ etwas mehr auf einen Schlag) mit
neunzigerbezogenen Technotracks und diversen, auch jazzigen
Spielereien abseits des Weges.
AVA Trio – Digging The Sand – Marocco Music 2019

Von Matthias
Bosenick (13.01.2020)
Mediterrane Folklore und freier
Jazz: Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Musik des AVA
Trio, und das ist verwirrenderweise in den Niederlanden angesiedelt.
Aber die Musiker selbst stammen aus Mittelmeerregionen, aus der
Türkei und aus Italien nämlich. Der europäischen und
orientalischen Folklore entnimmt das Trio das Rhythmische, dem Jazz
das Freie: „Digging The Sand“, das zweite Album der Band, ist
zugänglich und warmherzig, experimentell und groovend.
Knives Out (Mord ist Familiensache) – Rian Johnson – USA 2019

Von Matthias
Bosenick (08.01.2020)
Hollywood versucht sich mit „Knives
Out“ an einer britischhumorigen Agatha-Christie-Kriminalgeschichte
mit Starbesetzung. Das Ergebnis ist trotz Überlänge turbulent und
kurzweilig, aber bei Weitem nicht so gelungen wie und auch viel
amerikanischer, als die Macher wohl glauben. Solide Unterhaltung zum
Mitermitteln mit diversen überraschenden Wendungen.
Dan Scary – Wohnhaft in der Leckt-Mich-Allee – Dan Scary 2019

Von
Matthias Bosenick (06.01.2020)
Der Düsterpunk ist
gnatzig, und die Gegenwart gibt ihm Recht dazu. Auf seiner neuen EP
„Wohnhaft in der Leckt-Mich-Allee“ zieht er das Tempo und die
Aggressivität seines gothicbefeuerten Elektropunks an, und textlich
zieht er einen Kreis um sich herum, besser: um die rechtsgerückte
Welt um sich herum. Dies vollbringt er weniger anklagend als
beschreibend und vergisst dabei nicht, dass man dazu auch pogen, mit
dem Kopf nicken oder drei Schritte vor und drei zurück gehen können
sollte.
Alcest – Spiritual Instinct – Nuclear Blast 2019

Von Matthias
Bosenick (02.01.2020)
Drei Jahre nach „Kodama” klingt
das Nachfolgealbum nicht nach seinem Titel, „Spiritual Instinct“:
Alcest kehren dem melodiösen Pop-Postrock häppchenweise den Rücken
und wenden sich wieder dem Metal zu. Die Genrebezeichnungen Blackgaze
oder gar Black Metal mag keiner der beiden Franzosen, doch sind sie
nicht ganz von der Hand zu weisen. Ein paar Pfund mehr auf den Rippen
stehen dem Sound jedenfalls gut. Spannend sind überdies die drei
Bonus-Tracks der Vinyl-Buch-Version: Da hält plötzlich industrielle
Elektronik Einzug.
The Russian Doctors – Das große Pratajev-Liederbuch II – Verlag Andreas Reiffer 2019

Von Matthias
Bosenick (23.12.2019)
Sergeij Waschowitsch Pratajev war
ein Zeitgenosse von Arnold Hau (mit mehr Gewicht auf „Genosse“
als auf „Zeit“), von ähnlicher Universalgelehrtheit, aber erst
ein halbes Jahrhundert später von Holger Oley und Frank Bröker
entdeckt. Dem trinkfesten Russen widmete das Entdeckerduo so manche
Veröffentlichung, und die jüngste bündelt die von Pratajev
inspirierten Texte zu den Alben, die es unter dem Namen The Russian
Doctors zwischen 2013 und 2020 herausgebracht haben wird, versehen
mit erläuternden Fußnoten. Eine handliche Reiselektüre, auch zur
Wandergitarre.
Simple Minds – Live In The City Of Angels – BMG 2019

Von Matthias Bosenick (17.12.2019)
Das Vierzigjährige feiert man als ausgewiesene Liveband natürlich mit einem Livealbum, das machen Killing Joke und The Cure auch so. Und mit einer Best-Of, das machen OMD auch so. Die Schotten Simple Minds knüpfen mit ihrer Konzertmitschnitt-Variante an ihr erstes Livealbum von 1987 an – und erreichen es trotz erweiterter Opulenz nicht annährend. Sie haben gute Songs, aber offenbar vergessen, dass sie auch Musiker sind, nicht nur Dienstleister. Die wenigen Besonderheiten hätten sich auch auf einer kürzeren Einzel-CD zusammenfassen können, der Rest ist verzichtbar, weil viel zu vertraut. Da gibt es weit bessere Livealben von denen.
Swans – Leaving Meaning – Mute/Young God Records 2019

Von Matthias
Bosenick (09.12.2019)
Die Swans sind wieder da! Einmal
mehr reaktiviert Michael Gira seine wundervolle monotone Lärmtruppe
und veröffentlicht als einer der wenigen Künstler überhaupt nach
einer Reunion relevante neue Musik. „Leaving Meaning“ skelettiert
den Sound, den die Swans bis vor dem jüngsten Split machten: Das
Album ist repetetiv und monoton, aber aufgrund vielzähliger
besonderer Elemente enorm einnehmend, und lässt dem Lärm nur noch
wenig Raum. Das Doppelalbum gehört in die Top-3 des laufenden
Jahres.
Die schönste Zeit unseres Lebens (La belle Époque) – Nicolas Bedos – F 2019

Von Matthias
Bosenick (06.12.2019)
Hinter diesem einfältigen deutschen
Titel verbirgt sich einer der brillantesten Filme des Jahres:
vielschichtig, komplex, schwarzhumorig, zynisch, romantisch,
herzenswarm, böse, einfallsreich, temporeich, lustig. Wer das
Drehbuch schrieb, verdient allen Respekt; allein das kurze
Nacherzählen ist schon schwierig. Liebesdrama mit inszenierter
Zeitreise, könnte man sagen, und wird diesem Knaller nicht gerecht.
Wichtig: Hitler kriegt aufs Maul! Franzosen können also auch
Komödien abseits des Mainstreams.
