Guido Dörheides Rest von 2023 oder „Alben, über die ich nicht geschrieben habe, aber gerne hätte“

Von Guido Dörheide (14.01.2024)

Trotz aller obwaltenden äußeren Umstände (Putin, Hamas, AfD usw. usf.) habe ich 2023 als eins der schönsten Jahre erlebt, die ich persönlich miterlebt habe. Danke dafür an alle (und ganz besonders an eine), die daran einen mächtig gewaltigen Anteil hatten. Darüber hinaus sind in diesem Jahr über 100 Alben erschienen, die mein Interesse geweckt haben, über um die 60 davon habe ich hier geschrieben (um die jungen Leute was zu lernen) und den Rest habe ich einfach nicht mehr geschafft. Deshalb handele ich sie jetzt hier in aller Kürze ab, wie bereits im letzten Jahr nicht nach den Regeln der Kirche des Musikjournalismusses, sondern teilweise etwas schnoddrig und immer aus dem Bauch heraus. Viel Spaß damit!

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Echofield – Echofield EP – Headstrong Music 2023

Von Guido Dörheide und Matthias Bosenick (13.01.2024)

Klar, „EP“ steht für „Extended Play“, und extended ist alles über sagen wir mal drei Minuten. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Und so nimmt es nicht wunder, dass das Debüt der braunschweigischen Progrockband Echofield als EP betitelt wird und sagenhafte 44 Minuten Spielzeit aufweist. „Das trifft auf die ‚The Power Of Lard‘-EP genauso zu“, raunt mir mein innerer Matthias Bosenick ins Ohr, und ich will kontern mit „Jahaa! Aber nicht mit nur vier Stücken!“, und dann fällt mir ein, dass Lard seinerzeit nur drei Stücke gebraucht hatten. „Jahaahaaaaa!!! Aber bei Echofield ist der letzte Song nicht 32 Minuten lang!“, brülle ich meinem inneren Matthias Bosenick hinterher, aber der sitzt schon längst wieder in seinem Auto und rast gen Riddagshausen.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Conrad Schnitzler: Sauerkraut nicht Amaranth

Von Onkel Rosebud

Wenn Musik zirpt, blubbert und tiriliert, wenn sie zwitschert, ziept und quiekt, wummert und stampft, dann ist das heute ohne das Vermächtnis des Conrad Schnitzler in Betracht zu ziehen nicht vorstellbar. Denn bis heute wird Schnitzler (geboren am 17. März 1937 in Düsseldorf, gestorben am 4. August 2011 in Berlin an den Folgen einer Magenkrebserkrankung) weltweit als ein Vorreiter der elektronischen Musik verehrt, obwohl er selbst gar keine Musik machen wollte und die kommerzielle Vermarktung seiner Arbeiten strikt ablehnte. Der gelernte Maschinenbauer und Schüler von Joseph Beuys gründete 1969 die Band Kluster, die mit ihm zwei Jahre existierte, und war 1970 Mitglied der zweiten Formation von Tangerine Dream. Er besorgte Kraftwerk den ersten Synthesizer, einen tragbaren Synthi-A der Firma EMS, bekannter unter dem Namen VCS 3.

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Filter – The Algorithm – Golden Robot Records 2023

Von Matthias Bosenick (10.01.2024)

30 Jahre Filter! Und weil sich manche Genres irgendwann aufbrauchen und gestrig wirken, biegt Richard Patrick, Bruder des Terminator-Darstellers Robert Patrick, seinen Neunziger-Industrial-Metal US-amerikanischer Art vom Elektronischen mehr in Richtung Metal, behält aber den Pop im Ohr. Man hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass der einstige Gitarrist von Nine Inch Nails sein Projekt nach sieben Jahren vermeintlicher Pause überhaupt reaktivieren würde, da erscheint das achte Album „The Algorithm“, an dem auch Filter-Mitgründer Brian Liesegang nach 25 Jahren wieder mitwirkte. Es hat einige Härten, unerwartete Effekte und anhaltende Hymnen – und wirkt trotz des Schubs in Richtung härterer Rockband etwas veraltet und reichlich auf Breitenwirksamkeit getrimmt.

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The Crotals – Conjure – Argonauta Records/Cold Smoke Records 2023

Von Matthias Bosenick (09.01.2024)

Wenn man zwischen zwei Alben seinen Bandcorpus um eins auf vier Mitglieder aufstockt und dieses neue Mitglied lediglich für eine zusätzliche Stimme an Bord ist, sagt das einiges aus – über das vokale Sendungsbewusstsein einerseits und über das Vertrauen in die musikalische Intensität andererseits. Zu Recht: The Crotals aus Lausanne kombinieren auf „Conjure“ alle erdenklichen im Metal oder Punk angesiedelten Genres, die unkonventionell, dreckig und noisy sind, wie Hardcore, Sludge, Black Metal, Noisecore, Doom und was die Palette dazwischen noch alles hergibt. Und als wäre ein zweiter Schreihals nicht schon ausreichend, laden sich die vier für ihr drittes Album auch noch Gastsänger ein. Und – einen Trompeter. Dafür verzichten sie halt auf den Bass und lassen dessen Frequenzbereich die Bariton-Gitarristin übernehmen.

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The Cosmic Gospel – Cosmic Songs For Reptiles In Love – Bloody Sound 2023

Von Matthias Bosenick (08.01.2024)

Psychedelische Popmusik mit Fuzz macht Gabriel Medina auf seinem halbstündigen Solo-Debüt „Cosmic Songs For Reptiles In Love“ unter seinem Alias The Cosmic Gospel. Die Info verrät, dass er aus Italien kommt und zuvor in anderen Bands spielte, aber selbst damit ist dem offenbar jungen Mann per Google nicht beizukommen. Bis auf den Korg spielte Medina auf seinem Album alle Instrumente selbst ein und sang dazu, worüber man nur staunen kann, so gelungen sind diese acht Songs. Einzusortieren zwischen The Flaming Lips, Beck und Sechziger-Psychedelik.

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6Exhance – Et In Cacophonia Ego – P.O.G.O. Records 2023

Von Matthias Bosenick (04.01.2024)

Yeah, in die Fresse! Nur wenig mehr als eine halbe Stunde lang ist „Et In Cacophonia Ego“, das Debütalbum des belgischen Lärmtrios mit dem unaussprechlichen Namen 6Exhance, aber es springt einem vom ersten Moment an ins Gesicht. Drei Leute, vier Instrumente: Gitarre, Bass, Saxophon und Schlagzeug, dazu alternierend Gegrunze und Gekeife, irrsinniges Tempo, riffige Brutalität, Getröte und Gemoste. Man hört heraus, dass sich die drei Brüsseler bereits mit ähnlich gelagerten Bands wie Zu, Zeni Geva, Caspar Brötzmann Massaker und Melt-Banana herumschlugen. Für ihr Debüt komprimieren sie ihre Erfahrungen und Einflüsse zu einem eigenständigen Brachialbrocken, der so heftig ist, dass man sich über die eher kurze Spielzeit freut – man muss ja auch mal wieder zu Atem kommen. Und es dann gleich nochmal anmachen.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Mein Ablageproblem mit Jah Wobble oder wie ich die Wölbbrettzither entdeckte

Von Onkel Rosebud

Ein Geezer ist laut Oxford-Dictionary „a man, often old or unusual in some way”, also ein zwielichtiger Zeitgenosse. In dieses Schema passt John Joseph Wardle (geboren am 11. August 1958), bekannt unter dem Künstlernamen Jah Wobble, der praktischerweise schon im Titel seiner Autobiografie „Memoirs Of A Geezer“ (Serpent’s Tail Books, London, 2009) auf die ihm eigens inneliegende Merkwürdigkeit anspielt. Ein breiteres Publikum könnte schon mal von der Band Public Image Ltd (PIL) gehört haben. Da war er Gründungsmitglied und in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren als Bassist und Schlagzeuger tätig. John Lydon (Johnny Rotten) und John Simon Ritchie (später Sid Vicious) waren seine Schulkumpels im Londoner East End. Eine Anekdote besagt, dass er von letzterem den Künstlernamen erhielt, als dieser stark betrunken versuchte, seinen Nachnamen auszusprechen.

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Oslo Tapes – Staring At The Sun Before Goin‘ Blind – Peyote/Sound Effect/Echodelick/Grazil 2023

Von Matthias Bosenick (03.01.2024)

Anders, als es der Name Oslo Tapes vermuten lässt, kommt diese Band aus Italien, aber auf Tape gibt es deren viertes Album „Staring At The Sun Before Goin‘ Blind“ unter anderem auch. Zu hören bekommt man wunderschönen Postrock, Shoegaze, Wave, psychedelische Hacienda-Musik, zumeist wattiert und im verminderten Tempo gehalten, dennoch durchgehend groovend und mit dezenten Ausflügen ins Bratzige. Reichlich retro, aber wunderschön zusammengefügt.

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Real – Rückzug – Nagelwork 2023

Von Matthias Bosenick (02.01.2024)

Nicht alles, was elektronisch ist, muss Techno oder EBM sein, nicht alles, was Sprechgesang ist, muss Rap sein, und nicht alles, was hart ist, muss schnell sein: Auf „Rückzug“, dem zweiten Album von Jens Nagels neuem Projekt mit dem nicht googelbaren Namen Real, findet sich alles davon, in allen Ausrichtungen, sehr minimalistisch und dennoch überraschend eingängig, dabei theatralisch, zynisch, hoffnungslos. Nagel gibt der Menschheit wenig Überlebenschance – widersprechen mag man ihm nicht, aber wenn der Soundtrack zum Untergang so großartig ist, erlebt man den eben gern mit.

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