Pet Shop Boys – Electric – X2/Rough Trade 2013

Von Matthias Bosenick (27.07.2013)

Na, hör an. Nach „Elysium“ dachte man ja beinahe, die Pet Shop Boys an die Altherrenlangeweile verloren zu haben. Stattdessen holten die beiden nur Luft für „Electric“, ein reines Dance-Album, in eigener und – wie immer – auch zeitgenössischer Herangehensweise. Der Unterschied zu ihnen selbst ist, dass die Sounds bisweilen so klinisch klingen, wie sie wahrscheinlich erzeugt sind, und dass sie auf der anderen Seite eine Härte an den Tag legen, wie sie sie lange nicht mehr zeigten. Macht insgesamt ein ganz geiles Album.

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!!! – Thr!!!er – Warp 2013

Von Matthias Bosenick (29.04.2013)

„Thr!!!er“ ist wahrscheinlich schon jetzt der beste Albumtitel des Jahres, der beste für die Disco-Punk-Band !!! ist es auf jeden Fall. An das Album muss man sich als langjähriger !!!-Fan jedoch zunächst gewöhnen. Bestanden die alten Stücke zumeist aus langen organischen filigranen handgespielten Grooves, sind die neuen synthetischer und kompakter ausgefallen. Damit büßen !!! zwar etwas von ihrer Einzigartigkeit ein, sind aber als Tanzkapelle nicht weniger mitreißend.

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Dead Can Dance – In Concert – PIAS/Rough Trade 2013

Von Matthias Bosenick (29.04.2013)

Eine Armee lebender Toter überrollt die Welt. Zurzeit veröffentlichen längst dahingeschiedene Bands allerorten erste und zweite Alben nach jahrzehntelanger Pause, nach ebensolangen „Wir kommen niemals wieder“-Beteuerungen, nach Hickhack und internen Streitereien, nach erfolglosen Soloversuchen und Drogenentzugsprogrammen. Auch Lisa Gerrard und Brendan Perry von Dead Can Dance stritten und kloppten sich, wo es nur ging. Indes waren sie auch solo mehr oder minder erfolgreich und hatten die mehrfach dementierte Wiedervereinigung finanziell offenbar eigentlich gar nicht nötig. Dann gab’s da aber doch mal eine Tour (mit rund zwei Dutzend limitierter Livealben dazu), dann gab’s da mit „Anastasis“ ein neues Studioalbum, dann gab’s noch mehr Touren und dann gab’s ein Livedokument. Darauf zelebrieren die Streithähne ihre wundervolle Mischung aus Ethno, Historik und Groove, allerdings weniger voluminös als auf dem anderen Live-Album „Toward The Within“ und den Studioalben. Und dennoch, warum haben all diese Untoten plötzlich so einen Zulauf? Liegt es vielleicht daran, dass selbst die mediokren Comebackalben abgehalfterter Altstars immer noch besser sind als das Gewurste der unerfahrenen Epigonen?

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How To Destroy Angels – Welcome Oblivion – Sony Music 2013

Von Matthias Bosenick (30.03.2013)

Ein mehr als zwiespältiges Werk, dieses verschleppte Debüt von How To Destroy Angels. Es kommt nach der Meldung, dass Trent Reznor seine Nine Inch Nails reaktivieren will, und macht sich selbst damit noch redundanter. Denn es klingt ohnehin wie eine Resteverwertung von NIN-Sounds mit gelangweiltem Frauengesang, was man vermutlich höher bewertet hätte, wäre da nicht die Aussicht auf das Bessere, nämlich NIN pur.

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Anthrax – Anthems – Nuclear Blast 2013

Von Matthias Bosenick (26.03.2013)

Die Cover-Könige des Thrash Metal veröffentlichen nun also als zweites neues Werk mit dem früheren Sänger Joey Belladonna eine EP mit, nun, Coverversionen. Die Auswahl ist recht traditionell, das Ergebnis ebenso. Man möchte fast sagen: Eigentlich hätte es diese EP gar nicht gebraucht. Was die Altgewordenen ansonsten noch hinbekommen in Sachen Groove und Dynamik, zeigt der hinzugefügte Track „Crawl“ vom Vorgängeralbum „Worship Music“. Dabei ist der Erwerb ebenjenen Albums eigentlich moralisch schon nicht vertretbar.

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Fraktus – Millenium Edition – Staatsakt 2012

Von Matthias Bosenick (19.11.2012)

Natürlich ist „Millenium Edition“, stilecht mit falsch geschriebenem lateinischen Jahrtausend, kein gutes Album im musikkritischen Sinne. Dafür ist es zu sehr Witz, das aber auf einem wiederum hohen musikalischen Niveau, wie es die drei Studio-Braun-Mitglieder Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger in ihrer langjährigen Karriere auch hinter grobem Unfug versteckt immer wieder unter Beweis stellten. Diese Wiedersprüchlichkeit unterscheidet den Studio-Braun-Witz von Comedy, also fast dem ganzen Rest der deutschsprachigen humorschaffenden Welt. Und Widerspruch als solcher ist auch der Kern dieser Veröffentlichung, die den Film „Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ begleitet.

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Neneh Cherry & The Thing – The Cherry Thing – Smalltown Supersound 2012

Von Matthias Bosenick (10.10.2012)

Das ist das wahrscheinlich ungewöhnlichste und besonderste Album des Jahres. Neneh Cherry, die mit ihren Hits in allen möglichen Musiksparten mit dem Suffix Hop bekannt ist, springt in eine Richtung weiter, mit der man auch mit dem Wissen um ihre Post-Punk-Vergangenheit nicht rechnet: Free Jazz. Die schwedische Indianerin verbrüdert sich mit dem schwedisch-norwegischen Free-Jazz-Trio The Thing und covert munter noch viel unerwartetere Songs. Das noch viel ungewöhnlichere daran ist, dass das Album fantastisch geworden ist.

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Devin Townsend Project – Epicloud – InsideOut/EMI 2012

Von Matthias Bosenick (04.10.2012)

Devin-Fans brauchen dieser Tage ganz viel Geld. Zum einen wegen der verschiendenen Versionen des neuen Devin-Townsend-Project-Albums „Epicloud“, zum anderen wegen der vier vorherigen Project-Alben, die es in zwei verschiendenen Boxformen gibt. Indes: Die Frage, ob sich Devins Alben noch lohnen, nachdem er seine manische Depression überwand und sich in der Folge musikalisch zu geringerer Komplexität veränderte, stellt sich ja auch noch. Die Antwort muss nüchtern ausfallen: Fans bekommen mit „Epicloud“ zwar etwas durchaus Tolles, Gelegentlich-Hörer sind mit diversen älteren Alben allerdings deutlich besser bedient.

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Sigur Rós – Valtari – Parlophone/EMI 2012

Von Matthias Bosenick (26.06.2012)

Vor „Valtari“ musste man als Sigur-Rós-Fan Angst haben. Nachdem sich Sigur Rós beständig und nachvollziehbar von der musikalisch schwer greifbaren, aber emotional mitreißenden Ambientband zur Tanzkapelle entwickelten, zerfaserten die Isländer. Denn nach dem bislang letzten Album „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ und der dazugehörigen Tour stoppte das Quartett 2008 die gemeinsamen Aktivitäten. Sänger Jónsi veröffentlichte danach ein leicht nerviges, wildes und stumpfes Solo-Album, die Band selbst mit „Inni“ einen rumpeligen Konzertmitschnitt von der letzten Tour. Sollte das der vorgegebene Weg der Band sein, musste „Valtari“ enttäuschen. Doch dann die Überraschung: „Valtari“ klingt mitnichten nach der Walze, die der Titel bedeutet, und macht musikalisch sogar einen Schritt um zehn Jahre zurück. Und wirft damit die Frage auf, wie relevant die Band dann noch ist.

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Die Ärzte – auch – Hot Action Records 2012

Von Matthias Bosenick (28.05.2012)

Ach ja, Die Ärzte. 50-Jährige mit Teenagern als Zielgruppe. Aufklärerisch behandeln sie lauter persönliche Entwicklungsschritte, die in die Generation ihrer Kinder gehören und nicht in ihre eigene. Im Gegenteil, ein Stück wie „Junge“ vom Vorgängeralbum „Jazz ist anders“ richtet sich im Grunde gegen sie selbst und macht sie damit unglaubwürdig. Noch schlimmer war nur „Lasse redn“ mit der Kindermelodie, die jeder Besoffene mitträllern kann. Was mit „Ein Schwein namens Männer“ 1998 ein Zufallstreffer war, begannen Die Ärzte nun immer wieder mal künstlich zu erzeugen: Ballermann- und Bravo-Hits („Manchmal haben Frauen“). „M + F“ vom neuen Album ist auch so einer, das Geschlechter-Thema sattsam gehasst dank Mario Barth, die Melodie ebenso sattsam bekannt aus dem Kindergarten. Auch musikalisch richtet sich das Oeuvre der Ärzte seit „Jazz ist anders“ zuvorderst an Jugendliche, indem das Trio in jeder aktuellen Strömung aalglatt mitschwimmt. Dabei können sie alles auch anders, sowohl den Humor als auch die Musik, wie die Economy-Edition von „Jazz ist anders“ bewies.

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