Von Matthias Bosenick (24.10.2023)
Von jemandem namens Maurizio Vitale erwartet man eine etwas lebensbejahendere Musik als die auf „St. Lola“, dem Debüt seines seit sieben Jahren in Berlin vor sich hin schwelenden Projektes mit dem zweifelhaften Namen Lolita Terrorist Sounds. Unter anderem bei den Swans geborgte Mitmusiker (Christoph Hahn) generieren mit ihm eine unter anderem bei den Swans in Schule gegangene schleppende Industrial-Noise-Musik, aber eben nicht nur: In Vitales Dunkelheit liegt Schönheit, seine noisigen Effekte übertüncht er mit warmen Melodien, unter anderem generiert von Cellistin Anke Brauweiler und Pianist Roderick Miller. Laut Info ist dieses spartanisch aufgenommene Album außerdem das Vermächtnis des Performancekünstlers Robert „Bob“ Rutman.
Archiv des Autors: Van Bauseneick
The Spacelords – Nectar Of The Gods – Tonzonen Records 2023
Von Matthias Bosenick (23.10.2023)
Wo kommen wir eigentlich so hin, wenn man sich als Band nach einem Song seiner Lieblingsband benennt? Fragen wir nach bei Radiohead, The Sisters Of Mercy, Machine Head oder, ähm, Motörhead. Oder bei The Spacelords, die psychedelische Kiffer-Rockmusik machen, ganz wie es der an Monster Magnet angelehnte Name erwarten lässt. Doch vermeiden die Reutlinger gottlob einen kapitalen Fehler: Sie kopieren nicht den Sound ihrer Vorbilder, sondern reihen sich allerhöchstens grob in der gleichen Schubladengegend ein. Ihr sechstes Album „Nectar Of The Gods“ spielten The Spacelords abermals instrumental als Trio ein und verlegen sich darauf auf episches Gniedeln, von dem man allein schon bekifft wird: spacig, eskapistisch, der Fahrschein zum Abtauchen.
Polly Jean kann gut mit Vögeln – PJ Harvey – Live im Velký Sál, Lucerna Prag, 19. Oktober 2023






Von Onkel Rosebud (20.10.203)
Einer regelmäßigen Tradition folgend wird sich bei uns nach Schichtschluss zur Gruppe formiert, ins Auto gesetzt und dann geht es ab in die historische Hauptstadt Böhmens. Der erste Haltepunkt so eines Kurzausrittes ist immer ein Hostinec, um einheimische Spezialitäten einzunehmen. Dieses Mal wählten wir das Pivnice U Sadu in Vinohrady, Prag 3, ein Ort, der für sein Pissoir ähnlich legendär ist, wie die nächste Haltestelle, der Veranstaltungsort Lucerna-Palast. Das ist ein Vergnügungskomplex am Wenzelsplatz, der – wenn es nach dem Willen des Vaters von Václav Havel gegangen wäre – eigentlich ein Eishockey-Stadion geworden wäre. Nachdem sich zu Beginn der Bauarbeiten herausgestellt hatte, dass die Halle für diesen Zweck nicht geeignet war, wurde sie zu einem großen Ballsaal umgeplant. Und wir hatten uns in Schale geschmissen, um in eben dem Polly Jean Harvey aus der südwestenglischen Grafschaft Dorset darbieten zu sehen.
WeiterlesenCalle Claus/Christopher Tauber – Die drei ???: Hotel Bigfoot – Kosmos 2023
Von Matthias Bosenick (20.10.2023)
Ein merkwürdiger „Fall“, der auf weite Strecken eigentlich gar keiner ist, sondern eine Vision des Autoren-Zeichner-Gespanns Calle Claus und Christopher Tauber davon, wie es zwischenmenschlich bei den Drei Fragezeichen sowie Justus Jonas‘ Ex-Freundin Lys de Kerk und ihrem Bruder Yan so aussieht. Die Dynamik bekommen sie glaubhaft gemeistert und betten sie dann doch in kriminelle Geschehnisse ein, die um Kryptozoologen und Hollywood-Business kreisen und in einen Massenmordanschlag münden. Hier ist einiges besser gelungen als im vierten Comic mit den Wrestlern – und als in der Hauptserie sowieso. „Hotel Bigfoot“ ist eine wohlige Herbstlektüre, die über die nicht immer überzeugenden Zeichnungen hinwegsehen lässt.
Jemek Jemowit – Zemsta – Fabrika/Atypeek 2011/2023
Von Matthias Bosenick (19.10.2023)
Jemek Jemowit muss seit 2011 einiges an Gefolgschaft gewonnen haben, dass man sein Debüt „Zemsta“, das 2011 auf einem kleinen griechischen Label erschien, zwölf Jahre später erneut veröffentlicht – denn für eine erwartbare breite neue Hörerschaft ist es sicherlich nicht bestimmt, dafür ist es viel zu freakig. Wie der ganze Typ, der wiederum genau deshalb für Aufmerksamkeit sorgt, zumindest in Berlin, und was da passiert, ist ja seit jeher global relevant. Mit klar an den Achtzigern orientierten Synthie-Sounds kreierte Jemowit mit „Zemsta“ ein satirisches Album zwischen Proto-NDW, Minimal-EBM, Düster-Techno und Gruft-Rap. Wären die Beats fetter, fielen einige der Stücke in Ihrer favorisierten Gothic-Disco sicherlich gar nicht weiter auf. Bitte Zwischen DAF, Kraftwerk, Laibach und Die Trottelkacker einsortieren.
Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Friesland: Heiter bis tödlich – Hinterm Deich lauert das Seemannsgarn
Von Onkel Rosebud
Der Lieblingswitz meiner Freundin während Corona ging ungefähr so: Die Bewohner Norddeutschlands fordern die Abschaffung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes. Sie wollen ihren alten Abstand von drei Metern zurück.
Diese Art Humor fasst gut zusammen, was den nordisch-spröden Witz, der mittlerweile seit dem Jahr 2014 in siebzehn im ZDF erschienenen „Friesland“-Filmen ausmacht: Die kleine Welt der Ostfriesen und ihr leiser Humor, der im Möwengekreisch untergeht. Die Serie gehört in die Rubrik „Lustiges aus der Provinz“. Für sie wurde das Unwort „Schmunzelkrimi“ erfunden. Und für gebührenfinanziertes Fernsehen made in Germany ist es nahezu ein großer Wurf: Die Geschichten sind unaufgeregt erzählt, liebevoll inszeniert, launig, mit einer gut bemessenen Dosis Tragik gewürzt. Meistens plätschert die Handlung tempoarm vor sich hin, um jäh von Kurzweiligkeit abgewechselt zu werden. Aber vor allem sind die Filme durchweg nicht langweilig. Das macht sie schon mal zu einem hiesigen Qualitätsprodukt und die Einschaltquoten bestätigen das. Samstagabend zur besten Sendezeit haben die bisher erschienenen „Friesland“-Episoden im Durchschnitt einen Marktanteil von über 22%, Tendenz steigend. Für lineares Fernsehen ist das heutzutage eine Sensation. Disney+ hat das auch mitbekommen und einige Folgen in das Portfolio aufgenommen.
WeiterlesenCrabe – Visite du temple inné – Les Disques Dure Vie 2023
Von Matthias Bosenick (18.10.2023)
Eine Vorstellung, die hämisch kichern lässt: Leute hören den Song „Je ne peux pas te dire je t’aime“, der an fröhliche Neo-Folk-Popsongs à la Momford & Sons erinnert, und kaufen sich das dazugehörige Album „Visite du temple inné“ des Duos Crabe aus Montréal. Und bekommen den Gegenentwurf zu Teenage-Wohlfühl-Indie-Tralala um die Ohren geschallert, dass diese nur so bluten: Ein aufgekratzt auf der Basis von Punk durchgedrehter Mix aus Mathcore, Metal, Kirmes, Synthiezeug, Swing, Pop und lauter unbenennbaren Elementen, die deshalb unbenennbar sind, weil es für so einen kreativen Krach einfach noch keine Bezeichnungen gibt. Das offenbar achte Album von Crabe ist ein vertontes Kettenkarussell, das irrsinnig eiernd auf einem unsortierten Schrottplatz rotiert. Mon dieu!
Hidden Orchestra – To Dream Is To Forget – Lone Figures 2023
Von Matthias Bosenick (17.10.2023)
So versteckt ist das Orchester von Joe Acheson aus Edinburgh gar nicht: „To Dream Is To Forget“ ist mindestens das sechste Album des Hidden Orchestra seit 2010, und darauf ist auch die Musik nicht versteckt. Obschon das Projekt eher im getragenen Tempo operiert, verharrt es nicht in Stille, die instrumentalen Tracks sind deutlich wahrnehmbar und zwischen Neo-Klassik, Jazz und Electro-Downbeat verortet, mal abwechselnd, mal vermengt dargeboten. Tempo kommt mit den eingebauten Elementen in die Tracks, an vielen Stellen neigt die Musik zum Zappeln und der Hörende gleich mit, dass der Chantré nur so im Schwenker schwappt. Ein Traum!
The National – Laugh Track – 4AD 2023
Von Guido Dörheide (16.10.2023)
Fun Facts vorab: Die fünf Mitglieder von The National haben insgesamt nur drei Mütter und drei Väter und nur vier verschiedene Geburtstage. Neben Matt Berninger (Gesang) besteht The National aus den beiden Brüderpaaren Bryce (Gitarre, Keyboards)/Aaron (Gitarre, Bass, Keyboards) Dessner und Bryan (Drums)/Scott (Bass, Gitarre) Devendorf, wobei es sich bei den Dessners um Zwillinge handelt.
Aaron Dessner bildet zudem mit Justin Vernon von Bon Iver das Indie-Rock-Duo Big Red Machine. außerdem war er am Songwriting und an der Produktion für Taylor Swifts beiden Folk-Alben „Folklore“ und „Evermore“ beteiligt, und an letztgenanntem Album haben auch Justin Vernon, Matt Berninger und Bruder Bryce mitgewirkt. Aufzuzählen, in welchen Produktionen einzelne Mitglieder von The National noch überall ihre Finger drin haben, würde hier den Rahmen sprengen; auf jeden Fall sind The National in der kontemporären Populärmusik so weit verwurzelt, dass diese ohne sie nicht das wäre, was sie ist. Eine ganz tolle Sache nämlich, die glücklich macht und dem Leben einen Sinn gibt.
WeiterlesenAllah-Las – Zuma 85 – Innovative Leisure/Calico Discos 2023
Von Guido Dörheide (16.10.2023)
Böse Zungen, also in allererster Linie ich selbst, behaupten, dass ich in letzter Zeit hier nur Extreme Metal bespreche. Und sie haben Recht. Hier nun also, als lange fälliger Kontrastbeitrag, mal eine Neo-Psychedelic-Jangle-Pop-Rezension, über ein Album, das sich so nach und nach als apseluter Kritiker*innenliebling herauskristallisiert: „Zuma 85“, das vierte Album der Allah-Las. Wäh? Sommer 85 von À la Lars? Ja, bescheuerter Bandname hin, bescheuerter Albumtitel her, das Teil ist einfach klasse, und beim langsam in den Oberharz einbrechenden Winter (Winterreifen sind drauf seit Samstag! Hell yeah, fuck yeah!!!) ist „Zuma 85“ genau das, was wir jetzt brauchen können, um vom Sommer nun langsam in den Herbst hinübertreten zu können.
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