Von Matthias Bosenick (05.12.2023)
It seems like I’ve been here before: Was machen einst erfolgreiche Musizierende, sobald ihr Zenit überschritten scheint? Compilation- und Live-Alben herausbringen, und sobald noch mehr Zeit vergeht, mit erweiterten Reissues der Erfolgsalben aufwarten. Die für Puristen faktisch schon wieder nicht mehr existierenden New Order absolvieren hier alles gleichzeitig: Sie bringen ein Reissue einer Compilation heraus mit einem Live-Album als Bonus. Nun war „Substance“ – den Titel übernahmen sie 1988 für eine Compilation von Joy Division – 1987 wegweisend und die einzige Möglichkeit, den Überhit „Blue Monday“ in Albumform zu erwerben; auch, wer alle Studioalben hat, braucht „Substance“, und auch, wer „Substance“ hat, braucht dieses Reissue, weil die damals nur auf Tape erschienenen Extra-Tracks hier endlich remastert als dritte CD zugänglich sind. Hier lässt sich dreimal der Weg der Joy-Division-Nachfolger vom Wave und Postpunk zur Synthiepop-Disco nachverfolgen. Übergroß, und das, obwohl Bernard Sumner nicht singen kann.
Archiv des Autors: Van Bauseneick
Ni – Fol Naïs – Dur & Doux 2023
Von Matthias Bosenick (04.12.2023)
Wer braucht schon Stimmen, wenn die Instrumente stimmen? Bei Ni – Eigenschreibweise ni und nicht etwa Ekke Ekke Ekke Ekke Ptang Zoo Boing – handelt es sich um ein Quartett aus Bourg-en-Bresse irgendwo in den Alpen zwischen Lyon und Genf. Für ihr drittes Album mit dem altfranzösischen Titel „Fol Naïs“ – „verrückt geboren“ wie der Narr am Königshof, und außerdem „voll nice“ – warfen die vier Musiker einen direkten Blick auf Metal und Tempo und reicherten ihren ohnehin schon hochkomplexen jazzigen Mathcore damit an. Für einen Gesang wäre da wahrlich kein Platz, jedenfalls nicht, wenn man nicht Frank Zappa ist. Der hinterließ hier ebenso sehr seine Spuren wie Fantômas, Meshuggah, Aphex Twin, Mr. Bungle und System Of A Down. „Fol Naïs“ ist Kunst, zu der man gleichzeitig headbangen und staunen kann.
MT Gemini – Conquering Ruler – Antibody Label 2023
Von Matthias Bosenick (01.12.2023)
Das kann man sich gar nicht vorstellen, dass der Brüsseler Yannick Franck sein Alias MT Gemini dafür ins Leben rief, um seine Einflüsse Jamaikanischer Musik zu verarbeiten, also Dub, Reggae, Rocksteady, Ska, denn was er auf seinem neuen Mini-Album „Conquering Ruler“ präsentiert, würde man eher im Industrial, Dark Ambient und Experimental-Noise verorten. Doch wer genau hinhört, entdeckt in diesen abgrundtief dunklen Horror-Soundscapes vereinzelte Offbeat-Samples. Heißt also, dass Franck die altvertrauten karibischen Rhythmen als Vorlage nimmt, um sie weiterzuentwickeln, und zwar deutlich weiter, als es der Gute-Laune-Anschein der Originale vermuten lässt: „Conquering Ruler“ ist eine akustische Herausforderung, die das Hören zwar zum Genuss, aber nicht zum Wohlfühlmoment macht.
Schneider Collaborations – Sechs, sieben Veröffentlichungen – Schneider 2023
Von Matthias Bosenick (30.11.2023)
Lediglich sechs Platten bringt der hyperaktive Zauberschlagzeuger Jörg A. Schneider im Oktember heraus, doch während dies eine Niederschrift erfährt, verschickt er schon die siebte. Seine Improvisations-Kollaborateure sind dieses Mal Gitarrist Thomas Kranefeld, Gitarrist N, Gitarrist Mikel Vega, Gitarrist Barley Rantilla, zum zweiten Mal Gitarrist Michel Kristof sowie unter dem Alias The Nude Spur abermals Thomas Kranefeld. In Zustellung befindet sich zudem das zweite Album mit dem verräterischen Titel „Dos“ des Projektes Glimmen. Falscher Name eigentlich: Der Mann glimmt nicht, er brennt – wie die Feuer auf den Plattencovern.
Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Epic-Fails – Musikwünsche an den DJ – Folge 2
Von Onkel Rosebud
Das Buch „plus minus acht. DJ Tage, DJ Nächte“ (Kiepenheuer & Witsch, 2003) des grundsympathischen Oberlippenbarträgers Hans Nieswandt aus Mannheim ist ein Standardwerk der DJ-Techno/House/Disco-Culture der 80er/90er Jahre. Darin gibt es ein Kapitel zum Thema Hörerwünsche, welches ich als genreübergreifender Plattenaufleger auch hätte so schreiben können. Dieser Text ist 20 Jahre später eine Aktualisierung mit meinen Erfahrungen. Ein Remix sozusagen.
WeiterlesenPlanète Magnifiée/Fantastic Planet: Hommage à Failure – Bitume Prods 2023
Von Matthias Bosenick (29.11.2023)
So bekommt man den Horizont erweitert: Bei Failure handelt es sich um eine US-Indierockband, die in den Neunzigern einige Alben und Singles herausbrachte, sich auflöste und wie fast alle Indiebands im neuen Jahrtausend einen Neustart absolvierte. Man kann ja nicht alles kennen, obschon einige Failure-Musiker später bei diversen Tool-Projekten aufschlugen, da hilft eine Tribute-Compilation schon weiter: „Planète Magnifiée“ wird zweigeteilt vom französischen Label Bitume Prod herausgegeben. Der erste Teil mit 19 Bands liegt bereits vor: Die darauf enthaltenen Coverversionen wecken zum Teil den Geist des Neunziger-Indierock, wie man ihn seinerzeit auf MTV zu lieben lernte, obwohl viele Songs von nach der Reunion dabei sind, verharren aber nicht bei der schnöden Reproduktion. Die Kompilatoren rekrutierten Beitragende aus den unterschiedlichsten Genres, Stoner, Punk, Doom, Electro-Rock, Noisecore, Synthiepop und natürlich Indierock, und erstellen ein breites Portfolio an unbekannten Bands, die einer auch nicht so bekannten Band huldigen. Auch ohne Kenntnis der Originale ist diese Zusammenstellung eine Erkundung wert.
WeiterlesenDittsche – das wirklich wahre Leben. Olli Dittrich live in Hannover (Theater am Aegi, 24.11.2023)

Von Guido Dörheide (29.11.2023)
Chefvisite – jetzt auch in Hannover. Seit 2004 verkörpert Olli Dittrich den letzten Universalgelehrten und Hamburger Alltagsphilosophen Dittsche – stets in einen gestreiften Bademantel und ebensolche Latschen („Schumiletten“) gewandet und mit dem bundesdeutschen Pendant zum Billa-Sackerl, gefüllt mit Leergut, bewaffnet. Ich bewundere seine – komplett improvisierten und vom WDR televisierten – Auftritte in Ingos Imbiss, der Eppendorfer Grill-Station, und hätte es mir nie träumen lassen, dieses Original einmal live zu sehen.
WeiterlesenBruno Karnel – Hic sunt dracones – Bitume Prods 2023
Von Matthias Bosenick (28.11.2023)
Musikalisch eine Hydra, gesanglich jedoch eher ein Grisù: Auf seinem neuen Album „Hic sunt dracones“ erkundet Bruno Karnel die von ihm bislang unerforschten Randgebiete der progressiven Rockmusik, die für eingegroovte Hörer progressiver Musik indes weit weniger unerforscht sind. Mit versierten Gastmusikern setzt Karnel, Musiker aus Meaux zwischen Paris und Reims, seine Visionen um, die er abermals auf Landkarten zwischen ewigem Eis in Skandinavien, der peruanischen Atacama-Wüste und dem historischen Mexico ansiedelt. Seine Musik ist zumeist von einer dominanten Leadgitarre getrieben, lässt auch Streichern und Orgeln Raum und transportiert den Grundlagen entsprechend wechselnde Stimmungen. Den Gesang indes hätte Karnel getrost ebenfalls anderen Leuten überlassen und sich ganz aufs Musizieren verlegen sollen: Seine Stimme ist nicht ganz treffsicher und versetzt dem Hörgenuss einen Stoß zwischen die Schulterblätter. Hic est Sifridus.
Les Shtauss – No Feeling – Closer Records/Atypeek Music 1989/2023

Von Matthias Bosenick (27.11.2023)
„No Feeling“ ist Doppel-Retro: Im Jahre 2023 gedenkt das Label Atypeek einer Band, die nur sieben Jahre lang existierte und zwischen 1987 und 1989 auf Closer Records eine Musik veröffentlichte, die damals schon aus der Zeit gefallen war. Dafür klingt die heute umso zeitloser, die Compilation könnte als aktuelles Album durchgehen: Rock’n’Roll, dreckig, energetisch, harmonisch, rauh, beseelt. Atmet den Geist von Jerry Lee Lewis ebenso wie den der Cramps, die ja ihrerseits retro sind, pendelt zwischen Garage und Surf und blickt in Richtung gegniedeltem Punk. Auf Vinyl hatte „No Feeling“ der Band aus Nantes sechs, auf CD acht, jetzt im Stream neun Songs, die die (Wieder-)Entdeckung wert sind. Nun gut, einer muss es schreiben: Willkommen bei den Shtauss!
WeiterlesenGuided By Voices – Nowhere To Go But Up – Guided By Voices Inc. 2023

Von Guido Dörheide (26.11.2023)
Mit der brandneuen Kritik zum brandneuen Album „Nowhere To Go But Up“ verfasst der Verfasser dieser Zeilen bereits den dritten Artikel in diesem Jahr, der sich mit einem neuen Album von Guided By Voices beschäftigt (dem insgesamt 39. seit 1987, also GbV-Album, nicht Krautnick-Artikel). Aber ist es wirklich eine Kritik, wenn jemand über eine Band schreibt, von der er noch nie etwas wirklich schlecht fand? Gehen wir bei und finden wir es heraus, vielleicht entpuppt sich das neue Werk ja auch als der größte Scheiß, den Robert Pollard aus Dayton/Ohio in seiner bereits endlosen und nicht enden wollenden Karriere abgeliefert hat. Bei meiner Internetrecherche nach Rezensionen habe ich sogar auf Anhieb eine gefunden, bei der das Album als ziemliche Enttäuschung – vor allem im Vergleich mit dem Vorgänger „Welshpool Frillies“ aus dem Juli dieses Jahres – eingeordnet wurde. O haue ha.
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