Marcel Pollex – Me Marcel And I – KatzeBullshit 2017

Von Matthias Bosenick (17.07.2017)

Ein Mixtape ist die Bezugsgröße für das neue Spoken-Word-Produkt von Lesebühnenautor und Slammer Marcel Pollex, jedoch keines nach Art der C90-Kassette, sondern des zeitgenössischen Hip-Hop-Podcasts. Der sieht vor, dass Tracks zusammengemixt werden aus unterschiedlichen Quellen, in unterschiedlichen Soundqualitäten und außerdem teilweise technisch verfremdet, und genau so macht es Pollex mit seinen mitgeschnittenen Leseauftritten und Studiosessions auch. Inhaltlich kommt er, um sich zu beschweren, also um das zu liefern, was man von ihm kennt. Neu ist hier eben die Darreichungsform, die sich vom klassischen Hörbuch abhebt. Spannend, auf beiden Ebenen.

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!!! – Shake The Shudder – Warp 2017

Von Matthias Bosenick (29.06.2017)

Was spätestens mit „As If“, dem Vorgängeralbum, leider abzusehen war, bewahrheitet sich auf „Shake The Shudder“: !!! werden synthetisch und geben damit ihr Alleinstellungsmerkmal ab, schweißtreibende Tanzmusik mit der Hand zu spielen. Die Songs auf dem siebten Album sind okay, gelegentlich hört man den typischen Discofunk der Wahl-New-Yorker heraus, doch fehlen die Haken, mit denen sich !!! bis dato ins Ohr bohrten. Not every day is like Yadnus. Trotzdem fließt Schweiß.

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The Twang – Wüste Lieder – Riptide Recordings/Cargo 2017

Von Matthias Bosenick (26.06.2017)

Eines machen The Twang als Countryfizierungserfinder als einzige besser als alle anderen, allen voran ihre sämtlichen Epigonen: Sie spielen nicht billig die bereits existierenden Hits in ihrem Stil nach, sondern erschaffen Neukompositionen. Bis auf den Text ist alles anders, auch die Melodien; damit verweigern sie den stumpfen Mitgrölfaktor, vielmehr fordern sie den Partygast zur fröhlichen Auseinandersetzung auf. Dieses Konzept behalten sie auch nach 20 Jahren und auf ihrem ersten deutschsprachigen Album „Wüste Lieder“ bei. Diskutierbar ist hier höchstens die Auswahl der Originale, die Twang-Musik selbst ist unantastbar.

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Perma F – Gravity – Perma F 2017

Von Matthias Bosenick (24.06.2017)

Gravity“, das zweite Album von Perma F aus Malmö, schlägt eine Brücke zwischen den neuen, eher elektronischen Songs, die Leif Ekman unter diesem Projektnamen bislang produzierte, und seiner Vergangenheit mit der in Schweden einigermaßen populären Postpunk-Wave-Band Unter Den Linden: Zwar entstanden die Songs hörbar am PC und transportieren zeitgemäße Synthiepopstrukturen, doch bratzen die Gitarren und schleppen sich die Beats wie weiland bei den Gruftmuckeerfindern. Höhepunkt ist das an schwedische Traditionals gelehnte und von Birgitta Ekman gesungene „Ho Rollur“.

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Erasure – World Be Gone – Mute 2017

Von Matthias Bosenick (07.06.2017)

Da knüpft das Synthiepopduo doch tatsächlich endlich an sein eigentliches Meisterwerk an, 22 Jahre später, am selbstbetitelten Album, das den Blick vom Club löste, von den Charts gar, und beinahe experimentell für Erasure neue Songstrukturen auslotete, inklusive zweier Gastbeiträge von Diamanda Galás. Ganz so ausufernd ist „World Be Gone“ zwar nicht geworden, aber so reflektiert, nach innen gewandt, mutig. Es ist tatsächlich das beste Erasure-Album seit 1995.

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Mombasa – Shango Over Devil’s Moor – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (29.05.2017)

Der Bandname weckt Assoziationen: Fela Kuti, Rumble In The Jungle, Jazz, Funk, Afrobeat, Gute-Laune-Krawallmusik mit Seele. Und „Shango Over Devil’s Moor“ bietet: genau das alles. Das Album ist ein Livemitschnitt aus Stagge’s Hotel aus dem Jahr 1976, hat also satte 41 Jahre auf dem Buckel, aber wenn man sich vergegenwärtigt, wer alles an Neo-Hipstern in den vergangenen Jahren Vergleichbares in seine Mucke integrierte, klingt „Shango“ beinahe zeitgemäß, zeitlos mithin. So ganz verleugnen lässt sich die Entstehungszeit auf Spieldauer natürlich nicht, aber auch das ist reizvoll. Ein spannendes Stück Musikgeschichte aus Osterholz-Scharmbeck.

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Alessandro Baricco – Mr. Gwyn – Atlantik 2017

Von Matthias Bosenick (15.05.2017)

Mit sechs Jahren Verspätung ist der trotzdem noch jüngste Roman (eigentlich sind es sogar zwei Bücher in einem) von Alessandro Baricco endlich auch auf Deutsch erhältlich. „Mr. Gwyn“ ist nichts für Happy-End-Fetischisten, die Geschichte zerrinnt einem wohlig zwischen den Fingern. Das kennt man so ähnlich von Paul Auster, und wer mit dessen Erzählweise zurechtkommt, hat zu „Mr. Gwyn“ leichteren Zugang. Baricco lässt seine Figuren dieses Mal in London agieren, in einer vertrauten Gesellschaft, doch garniert er die Begebenheiten mit einer sprachlich entzückenden poetischen Philosophie. Es ist ein Fest, dieses Buch zu lesen.

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Tamikrest – Kidal – Glitterbeat Records 2017

Von Matthias Bosenick (09.05.2017)

Was wären Tamikrest nur ohne The Velvet Underground? Auf ihrem vierten Album verhehlen die Musiker aus Mali diesen Einfluss nicht, sollte er es denn überhaupt bis zu ihnen in die Wüste geschafft haben. Doch liegt der Schwerpunkt dieser Band wie stets bei ihren Tuareg-Wurzeln, die sie mit westlichem Instrumentarium bearbeitet. Auf „Kidal“ gerät dies etwas weniger druckvoll und kräftig als zuvor; hier gönnen sich Tamikrest mehr Zwischenräume und Reflexion. Und politische Botschaft.

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Guardians Of The Galaxy Vol. 2 – James Gunn – USA 2017

Von Matthias Bosenick (01.05.2017)

30 Jahre Hollywood-Bausatzkino! Alles ist vorgefertigt: Hier müssen Sie lachen, jetzt weinen, dort ist es spannend, nun wird es niedlich, gleich romantisch. Dazu kunterbunte Spezialeffekte, dudelnder Streicherkleister und ein paar ausgenudelte Lebensweisheiten. Die Geschichte ist so alt wie das Drama und daher so beliebig, dass es gar nicht groß auffällt. Ein paar unkonventionelle Figuren durchmengen die Heldengruppe, mit der sich der Durchschnittszuschauer identifizieren soll. Hier kann man also abschalten und verpasst doch nichts. Die Disneyisierung der Welt. Also eigentlich strunzlangweilig – aber es funktioniert dann doch wieder irgendwie.

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Gimme Danger – Jim Jarmusch – USA 2016

Von Matthias Bosenick (27.04.2017)

Dieser Film erzählt eine Geschichte, deren Botschaft es ist, keine Botschaft zu brauchen. Grob gesagt. Natürlich stimmt das nicht bis ins Äußerste, aber The Stooges stehen nicht wie andere Bands für eine Ideologie, eine Mythologie oder gar für ein Genre, denn das, wie man sie nachträglich kategorisierte, existierte vor 50 Jahren noch gar nicht, gerade einmal zögerlich die Grundhaltung dahinter. Den Regisseur Jim Jarmusch indes erkennt man in diesem seinem Film zwangsweise nicht am Visuellen, sondern an den kulturellen Querverweisen, die sein Freund Iggy Pop mitbringt. Jarmusch kreiert eine Musikerdoku, die dem reinen Stil entsagt und damit seiner eigenen Botschaft Folge leistet: Die Geschichte steht über der Mission.

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