Tobi Morare – Urban Heat – Separated Beats 2023

Von Matthias Bosenick (20.09.2023)

Soundtüftler Tobi Morare kategorisiert seine neue EP „Urban Heat“ als Hip Hop, womit er grundsätzlich selbstredend richtig liegt, doch ist sein Horizont weiter als das, weshalb er in der knappen Viertelstunde Musik noch ganz viele andere Sounds der Neunziger unterbringt, Kruder-&-Dorfmeister-Downbeat oder Reggae etwa. Seine samplebasierten Tracks kommen ohne Stimme aus und eignen sich bestens dazu, in der brütenden Sommerhitze mit dem heruntergekurbelten Fenster durch die Stadt zu juckeln. Chillig am Strand lümmeln mit einem farbenfrohen Getränk in der Hand geht auch. Und der Kopf beginnt sofort zu nicken.

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The Arch – Sanctuary Rat – Dryland Records 2023

Von Matthias Bosenick (19.09.2023)

„Babsi ist tot“, behauptete die Band The Arch 1986 auf ihrer Debüt-12“ „As Quiet As“, und wer die Band nun in den Grufticlubs als One-Hit-Wonder abtut, übersieht den zweiten Hit „Ribdancer“ aus dem Jahr 1990 – und den Umstand, dass die Belgier seitdem kontinuierlich Alben herausbringen, wenn auch in gebührlichem Abstand. „Sanctuary Rat“ ist das siebte Album in 27 Jahren, und darauf eint das Quartett die Elemente, die es berühmt machten, aber transferiert in die Gegenwart: elektronische Sounds, darin eingebettete E-Gitarren, dramatischen männlichen Gesang, zudem eine Musik, die so ähnlich auch in den Neunzigern hätte erstellt werden können, also eher retro erscheint, was insofern nicht schlimm ist, als dass es sich bei The Arch nicht um Newcomer handelt, die die Plattensammlung ihrer Eltern plünderten und nachspielen; eine Musik, die gleichzeitig taufrisch produziert ist und klarer klingt, als es in den frühen Neunzigern möglich gewesen wäre.

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Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Aussie-Power: Die Newsreader

Von Onkel Rosebud

Die Achtziger gehen immer. Das sieht auch meine Freundin so. Nichts ist so schön verklärt wie die eigene Jugend. Unsere Tochter meinte neulich, dass sie ein klein wenig neidisch darauf ist, dass wir in diesem Jahrzehnt unser „Coming of Age“ hatten. Da wäre der Soundtrack des Lebens um so viel besser gewesen als der Spotify-Algorithmus, der ihr heute das Dasein untermalt.

Wer die Serie „Die Newsreader“ ohne Vorinformationen schaut und die fantastische Hauptdarstellerin Anna Torv nicht schon aus „Fringe“ kennt, wird den Sechsteiler für ein Produkt der Achtzigerjahre halten, so authentisch sind Kameraarbeit, Farbgebung und Requisiten. Gedreht aber wurde er 2021. Folge 1 startet mit einer genauen Datumsangabe: 24. Januar 1986. Die Touristenwerbespots von Paul Hogan für Australien haben Furore gemacht. Sein Spielfilm „Crocodile Dundee“ ist in Vorbereitung. Gerade wurde Hogan zum Australier des Jahres gekürt. Ein Thema für die Sechs-Uhr-Nachrichten. Aber im Schneideraum gibt es Bandsalat. In fünf Minuten beginnt die Sendung. Produktionsassistent Dale Jennings (Sam Reid) mobilisiert ein Team und dreht in aller Eile einen Einspieler, während die Nachrichtensprecher Helen Norville (Torv) und Geoff Walters (Robert Taylor, auch großartig in der Neowesternserie „Longmire“) bereits auf Sendung sind.

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Der Autor und der Comic-Held: Eine Begegnung mit einem Autor und einem Comic-Helden in der Braunschweiger Innenstadt

Von Guido Dörheide (12.09.2023)

Letztes Wochenende war Papa-Tochter-Wochenende. Also bin ich am Sonnabend mit meiner Jüngsten mit dem Fahrzeug in die Schlossattrappe gefahren – die Tochter sollte nicht zu weit zu Fuß gehen müssen, immerhin wollten wir am Nachmittag noch das Magnifest besuchen.

Wir stellten also den Wagen ins zweite Parkdeck (das mit dem gegenüber dem ersten Parkdeck spiegelverkehrten Einbahnstraßen) und gingen erstmal zu Thalia. Töchterchen sollte sich dort eine DVD aussuchen, aber so weit kamen wir nicht: Vor dem Regal mit den Braunschweig-Krimis gab es Tumult. Augenscheinlich waren sich zwei Herren im fortgeschrittenen Alter in die Haare geraten, herrschten sich an, alsbald ergab sich ein Handgemenge.

Das wollten wir uns aus der Nähe ansehen, also pirschten die Tochter und ich uns vorsichtig an den Ort des Geschehens heran. Da stand, mit wirrem Haar und den Revolver im Anschlag, ein Autor und knurrte: „Gib mir mein Buuuuuuch zurrrück!!!“

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Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Shakespeare im 21. Jahrhundert: Succession

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin pflegt einen sehr entspannten Umgang mit Geld. Aber klar ist auch ihr schon mal in den Sinn gekommen, sich über dessen Beschaffung gern in Zukunft keine Gedanken mehr machen zu müssen. Also einfach reich sein und alle Probleme mit Kohle, Schotter, Mäusen, Kies, Asche, Kröten, Ocken, Penunzen, Piepen, Moneten, Zaster, Moos und Radatten zu lösen. Natürlich ist das so einfach nicht. Geld verdirbt bekanntlich den Charakter. Damit sind wir beim Thema dieses Aufsatzes und willkommen beim „Wir schwimmen in der Scheiße“-Komitee, bei der Familie Roy, die nicht nur reich, sondern stinkreich ist.

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Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Fremdschäm-Komödien

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin lässt manchmal eine unangenehm boshafte Menschenkenntnis durchblicken. Wahrscheinlich färben die dominanten Charaktereigenschaften von Paaren über die Jahre aufeinander ab. Heheh! Als sie mir neulich sinngemäß erklärte, dass Wahrheit in Beziehungen meistens ganz wenig mit Fakten zu tun hat, sondern eine Art gefühlte Wahrheit sei, hielt ich ihr vor, dass das Bernd Stromberg in der gleichnamigen Serie vor mehr als 10 Jahren auch schon so gesehen hat – unter satirischen Gesichtspunkten. „Lirumlarum, Pipapo“ antwortete sie, ich würde mit meinem popkulturellen Blödsinn-Wissen nur ablenken vom eigentlichen Problem.

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Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Lifjord – Bada-Bing und Thixotropie

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin mag Serien, die jenseits von 66° 33′ 55″ nördlicher Breite stattfinden. Wenn bei uns die Moderatorin im Radio am Morgen flötet: „36 Grad. Das ist ein SSSupersssommer!“, dann bekommt sie wenigstens am Bildschirm kalte Füße. Deshalb war der norwegische Serien-Klassiker „Lifjord“ für sie ein Muss. Und darum geht’s:

Gespannt wartet die Party auf die Landung des Hubschraubers. Er soll die Vertreter einer chinesischen Firma in das norwegische Nest Lifjord bringen, wo eine von der Insolvenz bedrohte Firma auf neue Investoren hofft. Der Bürgermeister und die Geschäftsführerin Eva lächeln den Besuchern entgegen. Doch als sie den letzten aus der Maschine steigenden Ankömmling erkennt, gefriert ihr Blick: Es ist Aksel, der Mann, den sie für den Mörder ihrer Tochter hält. Er war nach der Tat vor 20 Jahren freigesprochen worden, hatte seine Heimat verlassen, sich in Asien eine Karriere aufgebaut und kehrt nun als Investor zurück. Das ist die Konstellation der norwegischen Serie „Lifjord – Der Freispruch“.

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Kaamosmasennus – Le jour ne se lève plus – Bitume Prods 2023

Von Matthias Bosenick (23.08.2023)

So ein Winter in Finnland ist für uns Mitteleuropäer kaum zu imaginieren: Sind wir schon bei dezemberlichen Tageslichtzeiten von nur acht Stunden von Winterdepressionen bedroht, wie soll es einem dann weiter nördlich sein, womöglich jenseits des Polarkreises, wo sich die Sonne gar nicht über den Horizont wagt! Auf „Le jour ne se lève plus“ („Der Tag erhebt sich nicht mehr“) findet sich Julien J. Neuville unter seinem neuen Alias Kaamosmasennus („Jahreszeitliche Depresssion“) genau in diese Situation ein und vertont einen Winterspaziergang in Finnland, mit allem, was dazugehört, Schwermut und Lobpreisung, und zwar als variantenreich ausformulierten Funeral Doom Metal, wie passend. Vier Tracks in 40 Minuten, die wahrhaftig eine dunkle, winterliche, melancholische Atmosphäre verbreiten. Auf diesem Spaziergang begleitet man den Musiker mit deutlich mehr Bereitschaft als zu „Le voyage nocturne“, Neuvilles Drogentrip durch Mexiko, den er kürzlich als Salaman Isku wiederveröffentlichte: Beides zwar geile Alben, aber Kaamosmasennus klingt weniger schädlich für den Körper.

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Spear Of Destiny – Ghost Population – Easterstone 2022/2023

Von Matthias Bosenick (22.08.2023)

Kirk Brandon macht einfach verlässlich gute Musik, egal, mit welchem Projekt, ob Theatre Of Hate, Dead Men Walking oder Spear Of Destiny. Von letzterer Band gibt’s aktuell mit „Ghost Population“ eine neue LP, mit Rockmusik, melancholisch und kraftvoll, sehr melodisch und gesanglich inbrünstig, der Mann hat aber auch eine unverwechselbare, ausdrucksstarke hohe Stimme. Man kann es nicht weniger lieben als jedes andere Stück Musik, an dem Brandon beteiligt ist. Und so recht musikalisch voneinander trennen kann man seine Projekte auch nicht, aber das macht nichts, man bekommt immer Qualitätsmusik aus dem Londoner Postpunk-Waverock-Umfeld. Er hat ja auch immer versierte Leute mit dabei.

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Rouge Brulé – Rouge Brulé – db2fluctuation 2023

Von Matthias Bosenick (18.08.2023)

Angekündigt als vielversprechender neuer Act auf dem gemeinsamen Label von Daniel Bressanutti und Dirk Bergen, den beiden Mit-Gründern der belgischen EBM-Erfinder Front 242, ignorierte der Rezensent das Debüt des anonymen Projektes Rouge Brulé, man muss ja hauszuhalten lernen und die Bude ist doch schon so vollgestopft, Allessammler hin oder her. Doch schützt Alter bekanntlich vor Torheit nicht: Einige Wochen nach der Veröffentlichung offenbart der fast 70jährige Bressanutti, dass er selbst es war, der das Doppel-Album einspielte und fast zwei Monate nach dem 1. April veröffentlichte, der Scherzbold. So viel Platz ist dann natürlich noch im Regal, zu Recht: Dieses Mal kombiniert der Experimentator den Jazz in seinen dystopischen Ambient. Hatten wir noch nicht von ihm.

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