Jahresrückblick der drei KrautNick-Autoren: 2023 in Ton, Wort und Bild

Von Onkel Rosebud, Guido Dörheide und Matthias Bosenick (30.12.2023)

Seit mehr als einem Jahr wird KrautNick von drei Schreibenden gestaltet: Guido Dörheide, Onkel Rosebud und dem Herausgeber Matthias Bosenick, der sehr glücklich darüber ist, dass die anderen beiden beständig so wunderbare Beiträge liefern. Daher regte der Onkel an, dass wir drei uns nach von ihm vortrefflich ausgewählten Kategorien rückblickend mit dem Jahr 2023 befassen:

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Chicken Run: Operation Nugget (Chicken Run: Dawn Of The Nugget) – Sam Fell – GB/Netflix 2023

Von Matthias Bosenick (29.12.2023)

Nett. Ganz nett, doch. 23 Jahre nach „Chicken Run – Hennen rennen“ lässt das Knetgummifilmstudio Aardman, eben das mit „Wallace & Gromit“ und „Shaun, das Schaf“, seine Hühner abermals rennen, dieses Mal mit umgekehrten Vorzeichen: Es geht darum, in eine hochmoderne Hühnerfarm einzubrechen. Ganz zeitgemäß ist die Hauptfigur ein junges Mädchen, und zwar die Tochter des Geflügelpaars aus dem ersten Teil. Die Analogien zu Hollywoodfilmen sind Teil des Konzeptes, werden hier aber so sehr bedient, dass man sich mehr britischen Humor und mehr Punkrock wünscht. Solide Unterhaltung ist es allemal. Und streckenweise angenehm brutal.

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Sounds Of New Soma – Fluxus 2071 – Tonzonen Records 2023

Von Matthias Bosenick (28.12.2023)

Es dronet zwischen chillig und aufreibend, was das Duo Sounds Of New Soma auf seinem bereits zwölften Album „Fluxus 2071“ erstellt. Die Krefelder schicken die Hörenden auf eine auf weiten Strecken beatlose Reise, aus der die wenigen Tracks mit Beats wie Wegmarken herausstechen. Saxophon und zurückgelehnte Gitarre bauen Wärme in die ansonsten kalten Synthiesounds ein, in Ausnahmen erinnern Elemente an Düsseldorf und Berlin, Birmingham und Manchester, vorrangig bleiben die SONS, wie Alex Djelassi und Dirk Raupach ihr Projekt abkürzen, ganz bei sich selbst. Der Titel führt indes etwas in die Irre: Bei „Fluxus“ steht das Tun über dem Werk, und ohne das entginge einem ein schönes Stück Entspannmusik mit Kopfnickfaktor.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Der wahre Elvis – Elvis Costello

Von Onkel Rosebud

Elvis Costello (*1954) ist einer der bekanntesten nichtbekannten Musiker. Er gilt als Genie und Erneuerer populärer Musik. Die Wenigsten kennen jedoch mehr als den einen oder anderen Song. Sein Oeuvre umfasst seit 1977 34 Studioalben und ist so kreativ und universell, dass es im Rahmen dieser Kolumne unmöglich erscheint, einen Überblick zu geben. Neulich fragte mich aber meine Freundin, ob ich schon mal was von Elvis Costello gehört hätte. Dabei drückte sie auf ihr Endgerät und aus der Bluetoothbox ertönte „Radio, Radio“ (aus dem Album „This Year’s Model“ von 1978). Der Algorithmus einer grünlichen Musikplattform hätte ihr diesen Titel vorgeschlagen, meinte sie noch, das könnte mich doch auch interessieren… daraufhin hob ich an zu folgendem Kurzvortrag:

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Lagern – Motion – Cold Smoke Records 2023

Von Matthias Bosenick (22.12.2023)

Zu dritt und ohne Gesang machen Lagern aus Fribourg in der Schweiz einen Indierock, wie er in den Neunzigern groovte, nur dass sie ihn hier – nun – progressiv aufmöbeln. Auf dem Debütalbum „Motion“ geschehen Dinge, die so im Alternative-Bereich vor 30 Jahren nicht möglich waren (dafür andere, hier nicht mit drin sind nämlich verzerrte Heavyness und noisige Zerstörung): sprunghafte Verschachtelungen, filigrane Breaks, dudelfreie postrockartige Chillout-Passagen, abrupte funky Eruptionen. Das Trio musiziert dergestalt abwechslungsreich und packend, dass man den Gesang gar nicht vermisst.

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GusGus – DanceOrama – Oroom 2023

Von Matthias Bosenick (21.12.2023)

Der Titel passt, auch wenn er – nun – billig wirkt: „DanceOrama“, mit Binnenkapitale, als wäre es 1995 und das Wort eine Idee des Wolfsburger VW-Marketings. Das Cover des zwölften Albums der isländischen Analog-Deep-House-Soulband GusGus (auch Gusgus, gusgus oder Gus Gus geschrieben und Güsgüs gesprochen) repräsentiert dieses Billige, die Musik gottlob nicht: Man erkennt GusGus am Sound, und doch unterscheidet sich viel von dem, was man von ihnen bereits im Regal stehen hat. Das Kunstvolle und Kathedralige sind etwas zurückgenommen, nur vier der neun Tracks haben Gesang und GusGus wildern in Retro-Anmutungen, die bis ins Cheesige reichen. Nicht drauf ist das mit John Grant erstellte Fancy-Cover „Bolreo (Hold Me In Your Arms Again)“, aber das gab diese neue Richtung schon ganz gut vor. Es bleibt zunächst weniger Musik instant haften als noch beim Vorgänger „Mobile Home“, an diese Häutung muss man sich gewöhnen. Immerhin kann man dazu prima tanzen.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Linie1 – A-Hip-hip-a-hippel-die-hip-hip – Alleinsein, Wein und Bier

Von Onkel Rosebud

Ungelogen, mit einem Text über das Musical bzw. den Film „Linie 1“ quäle ich mich schon eine Ewigkeit. Dabei will ich nur loswerden, wie toll ich den damals fand, und ein bisschen Erinnerungssport betreiben, damit dieses Kulturgut nicht in der Versenkung verschwindet.

Verfilmungen von Musicals sind ja so eine Sache. Auch wenn der Gedanke naheliegt, die Popularität solcher Bühnenspektakel ins Kino übertragen zu wollen, die Ergebnisse fallen doch sehr gemischt aus. Manche werden zu Hits, wie „Les Misérables“. Am anderen Ende des Spektrums findet sich das groteske Debakel „Cats“. Dazwischen tummeln sich zahlreiche Filme, die schnell in Vergessenheit geraten sind. Vor allem Werke, die nicht mit dem Broadway in Verbindung gebracht werden, tun sich zuweilen schwer damit, ein größeres Publikum anzusprechen. Allein deshalb schon war es bemerkenswert, dass „Linie 1“ 1988 in die Kinos kam – auch in der DDR (aber erst im Mai 1989).

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Autómata – Heart Murmur – Atypeek Music/Araki Records 2023

Von Matthias Bosenick (19.12.2023)

Kommt einem Spanisch vor, ist aber aus Paris: In Quartettbesetzung macht die möglicherweise nach einem spanischen SciFi-Film benannte Band Autómata, manchmal AutómatA geschrieben, vorrangig Postrock, also das trödelige Dudelzeug mit den flirrenden Gitarren, das seit Jahren existiert und seitdem Schwierigkeiten hat, sich selbst zu erneuern und zu erweitern. Gerade dann indes, wenn dies geschieht, wird „Heart Murmur“, das zweite Album der Franzosen, interessant: Sie setzen Elektronik nicht als Kleister ein, spielen die Gitarre manchmal wie im Achtziger-Wave und wehren sich nicht gegen Sprachsamples und Scratches.

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Rubber Tea – From A Fading World – Tonzonen Records 2023

Von Matthias Bosenick (18.12.2023)

Wie man dem alten Gaul Progrock noch immer eine neue Gangart abringen kann: Das Quintett Rubber Tea versetzt ihm auf seinem zweiten Album „From A Fading World“ einen Mix aus Jazz und Bigband, hippiesker Folklore und flötenden Lalo-Schifrin-Filmscores, Carsten-Bohn-Hörspielmusik und Streichern. Den Bremern gelingt es, die vielen Komponenten auf eine unaufgeregte, aber doch aufregende Weise zusammenzufügen: Hier entsteht kein Stress, obwohl so viele Bestandteile zu entdecken sind – und die Band groovt dabei auch noch. Kleine Abzüge gibt es für den Gesang: Vanessa Gross ist keine Inga Rumpf, ihre Stimme ist bisweilen etwas dünn.

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Afsky – I stilhed – Vendetta Records 2022

Von Matthias Bosenick (15.12.2023)

Einer der vielen schönen Aspekte am Black Metal ist seine Vielseitigkeit. Gelang es der Kopenhagenerin Amalie Bruun alias Myrkur etwa damit, dass sie Kammerchöre und Folklore in ihre Variante von Black Metal einband, die aufgebrachte Hörerschaft zu verunsichern, legt ihr temporärer Mitmusiker Ole Luk alias Afsky damit nach, dass er mit „I stilhed“ eine EP mit Akustikversionen seiner Black-Metal-Stücke herausbringt. Ja: Er allein an der Klampfe. Die Kompositionen geben es her, dass diese Versionen nicht nah Lagerfeuer klingen, sondern die melancholische Schwärze auch im Minimalismus in sich tragen. Auf der B-Seite rotiert ein augenverdrehendes Muster mit, dem Vinyl liegt ein Heft mit den Akkorden bei. Veröffentlicht bereits im Sommer 2022, liegt es an der Unfähigkeit des Paketzustellers, die Adresse korrekt zu lesen, dass der Rezensent die EP erst jetzt in Händen hält.

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