Ich war immer skeptisch, was die Hu anbetrifft, konnte ich mich doch noch gut an den Hype um eine mongolische Rock- bzw. Metalband vor einiger Zeit erinnern und auch, wie ich damals dachte, „Vertraue nie dem Hype“, und so immer einen Bogen darum gemacht habe, mir „The Gereg“ (2020) einmal anzuhören.
Sonntagabend in Dresden. Der bisher heißeste Tag des Jahres (32°C) geht mit einem reinigenden Gewitter dem Ende zu. Heerscharen von Touristen schauen auf die Carolabrücke, wie sie langsam zu Staub zerfällt. Die Stadt macht sich bereit für Freiluftgedöns und Erregung öffentlicher Langeweile bei den Filmnächten am Elbufer. Dieses Jahr haben sich die Veranstalter gedacht, Ski Aggu, Nina Chuba, Johannes Oerding, Provinz, Die Vier Komischen Fünf aus Stuttgart und Sido wären als Pentobarbital-Substitut für die Masse eine gute Idee. Deshalb freut es meine Konzertgruppe und mich umso mehr, dass der altgediente Indie-Schuppen mit dem Siegel für Geschmackssicherheit namens Beatpol, formerly known as Starclub, nach der Corona-Zeit wieder mit einem Programm in alter Stärke aufwartet. Dieser reine Konzertklub ist eine Instanz dieser Stadt, hat seit Anfang der Neunziger für uns quasi das Wohnzimmer verlängert und diverse Sternstunden der Daseinsbewältigung inklusive Melancholie bis zur existentiellen Erschöpfung bereitgehalten, wie zum Beispiel den Auftritt von NoMeansNo anno 2016.Wowee Zowee, war der schön.
Schlagzeug und Bass überholen alle anderen, da kommen selbst die Gitarren kaum mit. Zur Abrundung gibt’s Growlen obendrauf. „Void“, das zweite Album der Bottroper Hatred Inherit, ist im Death Metal angesiedelt, allerdings kann man bei dem Tempo auch den Black Metal annehmen. Oder auch mal zwischendurch zu Thrash Metal entspannt mit dem Kopf nicken, der Nacken bekommt noch früh genug wieder sein Fett weg. Und Melodien können die fünf auch! Nur eines nicht: gute Laune – zum Glück.
Der Titel passt wie die Faust aufs Butterbrot: „Hard Anger“ knallen einem Agabas aus Trondheim um die Ohren, als Amalgam aus irgendwie Hardcore, irgendwie Metal und irgendwas mit Saxophon. Ausgehend von Oldschool-Elementen, preschen und dreschen die sechs Norweger einem ihre eigene Vision dessen ins Antlitz, wie man sich künftig musikalisch die Rübe einkloppt. Jedes Break sitzt, das Screamo-Geschrei passt, das Saxophon führt sich auf wie ein natürlicher Bestandteil von allem, was brutalst das Gesicht eindrückt. Zurückhaltung, Wiedererkennbarkeit und Struktur sind Agabas dabei auch nicht fremd, damit runden sie dieses Album ab.
Von den Young Gods aus der Schweiz habe ich – damals als Kind – zuerst gelesen, dann ihre dritte Veröffentlichung „Play Kurt Weill“ (mit wunderbaren Industrial-Versionen von Songs aus der „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“) gehört, bei meinem Gifhorner Freund Klaus, dem ich ohnehin einen großen Teil meiner musikalischen Sozialisierung zu verdanken habe.
Von Van The Man zu Ivan The Horrible oder um nicht zu sagen „Schorsch Ivan, hör auf am sabbeln, die Leute gucken schon!“, so stellte sich der Werdegang des gerade mal knapp über anderthalb Meter großen Nordiren seit Corona leider dar. Nun bricht man nicht einfach mal so eben mit dem Schöpfer von „Gloria“ und „Brown Eyed Girl“ sowie dem Interpreten von „It’s All Over Now, Baby Blue“, nein, sowas macht man sich schwer und hadert mit sich und versucht, Künstler und Kunstwerk zu trennen. Was im Falle von Schorsch Ivan nicht ganz so einfach ging, weil er ja sein Geschwurbel auch in seine Texte hat einfließen lassen. Dazu höre man sich gerne mal „What’s It Gonna Take?“ aus dem Jahr 2022 an, Kotztüten verschicke ich gerne auf Anfrage.
Hans Rosenthal, einer der Titanen der Rundfunk- und Fernsehunterhaltung der deutschen Nachkriegszeit, wäre am 2. April dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. Leider ist er schon im Februar 1987, kurz vor seinem 62. Geburtstag, in Folge einer Krebserkrankung verstorben. Mit „Dalli Dalli“ und „Rate mal mit Rosenthal“ hat er für zahlreiche Fernsehsternstunden meiner Kindheit gesorgt, mit seiner immer authentischen, warmherzigen Art – Rosenthal war jederzeit darauf bedacht, die Auftretenden in seinen Shows gut dastehen zu lassen und menschlich-sympathisch rüberzubringen – machte er mir deutlich, dass man sowohl prominent als auch bescheiden und menschlich sein konnte, und dann erzählte mir meine Oma, dass Rosenthal als Jude nur mit Mühe und Not das Dritte Reich überlebt habe.
Seine letzten fünf Veröffentlichungen teilt das Jazz-Label Nemu Records. In dieser Sparte gibt es keine Band- oder Projektnamen, hier heißen die Zusammenkünfte wie die Beteiligten, und ein Name taucht auf allen fünf Covern auf: Klaus Kugel, Schlagzeuger und Percussionist – und gleichzeitig einer von zwei Labelbetreibenden. Zu hören gibt es hier: „Live At FreeJazzSaar 2019“, „No ToXiC“, „Black Holes Are Hard To Find“, „Yamabiko Quintet“ und „Transitions – Transatlantic Five“.
Als Vidna Obmana – oder hier: vidnaObmana – geht Dirk Serries andere Wege als auf seinen aktuellen Solo-Alben: Diesen Ambient generiert der Antwerpener nämlich nicht allein mit der Gitarre, sondern allein mit einer Vielzahl anderer Instrumente, zudem lässt er es zu, seine himmlischen Soundscapes auch mal von leichten Rhythmen zu begleiten. Dieser zweite Teil der „Twilight Of Perception Redux“-Reihe weicht vom ersten dadurch ab, dass drei Viertel der 16 auf drei CDs verteilten Tracks bisher unveröffentlicht waren; beim ersten fiel die Quote weit geringer aus. Die Entstehungszeit zwischen 1995 und 2002 ist dabei beinahe unerheblich: Legt man die Alben auf, taucht man ganz im Hier und Jetzt in der Musik ab.
Meine Freundin kann sich noch gut an Montag, den 22. Februar 2021 erinnern. Da erschien auf ytb ein Video von Daft Punk. Irgendwann in der Mitte des dramatischen Acht-Minüters namens „Epilogue“ explodiert ein Mitglied des Duos mitten in der Wüste. Darauf folgte die Einblendung „1993 – 2021“. Sie zerrte mich vor den Bildschirm und bejammerte, dass die Helm-Dudes aus Paris hiermit offensichtlich mit ihr Schluss machten, und erklärte mir zum wiederholten Mal, dass Daft Punk mit „Get Lucky“ nicht nur den legendärsten Song der 2010er gemacht haben, sondern auch den, der in ihrem Leben stets gute Laune verbreitete. Als pensionierter DJ wusste ich natürlich, was sie meinte, konnte mir jedoch nicht verkneifen, auf den etwas ekligen Text hinzuweisen. Pharrell Williams, der Sänger im Song, stellt nämlich unmissverständlich klar, heute Nacht unbedingt noch einen wegstecken zu wollen – egal mit wem.