Dominic Razlaff – Gentle – Beluga 2017

Von Matthias Bosenick (03.09.2017)

Wie jemand im Grunde mit nur einem einzigen Sound derart viele verschiedene Stimmungen erzeugen kann: Das ist die große Kunst im Ambient. Dominic Razlaff alias DR aus Braunschweig kann das. „Gentle“ ist eines seiner jüngsten Produkte (das wie vielt jüngste, weiß man bei dem Vielveröffentlicher nie so genau), und es erscheint als Kassette mit nur einem fast 20 Minuten langen Track. Man könnte es als Einschlafmusik bezeichnen, das funktioniert bestimmt ganz gut, aber dann versäumt man einen schieren Atlas an akustischen Landschaften.

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The Eden House – Songs For The Broken Ones – Jungle Records 2017

Von Matthias Bosenick (31.08.2017)

Trip Goth! Allein dafür, dass es gelingt, auch im neuen Jahrtausend noch neue schlüssige Genrebezeichnungen zu finden und mit nachvollziehbar abtrennbarem Inhalt zu füllen, gebührt The Eden House aller Respekt. Und dann ist deren Trip Goth auch noch gut, auch auf dem dritten Album in fast zehn Jahren. Sowohl das Trippige als auch das Gothige kommt vom selben Instrument, nämlich vom Bass, und den Rest strickt die Band mit 50 Mitgliedern passend drumherum, nämlich wavige Melodien und Tempi, hymnisch-pathetische Harmonien und ausschließlich weibliche Stimmen. Als Referenz seien hier die Fields Of The Nephilim genannt, und das nicht ohne Grund, spielen die bei The Eden House doch wesentlich mit.

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Nektar – Live In Bremen – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (28.08.2017)

Ist Siebziger-Jahre-Progrock aus Deutschland eigentlich automatisch Krautrock? Auch, wenn er von Engländern gespielt wird? Die Band Nektar starteten diverse Briten 1969 in Deutschland, mit allem, was dazugehört: Weltraum- und Fantasy-Themen, ausuferndes Gegniedel, Soli mit allen verfügbaren Instrumenten inklusive Orgel, Tracklängen um die 20 Minuten. Nach einer zwanzigjährigen Pause bis zum Jahr 2000 waren sie seitdem bis 2016 aktiv, zumindest noch mit zwei Gründungsmitgliedern. „Live In Bremen“ beinhaltet einen Auftritt aus dem Jahr 2015, der alle Qualitäten und Epochen der Band abbildet, bloß etwas dünner. Wüsste man nicht, dass das Material authentisch ist, wäre das Album langweilig. So ist es ein Dokument.

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Dead Cross – Dead Cross – Ipecac 2017

Von Matthias Bosenick (27.08.2017)

Als Metal-Supergroup mit Mike Patton und Dave Lombardo (beide auch bei Fantômas) sowie zwei in dem Genre eher Unbekannten werden Dead Cross im Internet und in der Fachpostille vermarktet. Na ja: Das Tempo ist hoch, das stimmt, aber die Gitarren sind es auch, und das lässt vielmehr an Punk oder harten Rock denken als an Metal. Und dann stellt man fest, dass die vermeintlichen Unbekannten Mike Crain und Justin Pearson genau aus der Punk-Hardcore-Ecke kommen, von The Locust unter anderem. So wird ein Schuh draus, und den trägt man gern: Melodien, Geschrei, Riffs, Groove, alles drin, was Spaß macht. Man muss sich nur von dem Irrtum lösen, es ausschließlich mit Metal zu tun zu haben.

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The Claypool Lennon Delirium – Lime And Limpid Green – ATO Records 2017

Von Matthias Bosenick (25.08.2017)

Die Verknappung einer Veröffentlichung mit einer Wiederveröffentlichung aufheben ist gut, doch diese ebenfalls verknappen ist ein Witz: Die Cover-10“ „Lime And Limpid Green“ brachten Les Claypool und Sean Lennon ursprünglich zum jüngsten Record Store Day heraus und legten sie jetzt für den freien Markt neu auf. Der Unterschied: Das Vinyl ist jetzt transparent mit grünen Splattersprengseln, einige Tippfehler auf der Hülle sind korrigiert. Die Musik: Das psychedelische Duo spielt vier mehr oder weniger psychedelische Standards im eigenen Sound nach. Ist okay, aber weniger Reizvoll als das gemeinsame Album.

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Dan Scary – Leichenwetter EP – Dan Scary 2017

Von Matthias Bosenick (15.08.2017)

Schwarzgefärbtes aus der DIY-Garage: Mit Recht beschreibt Dan Scary seine Musik als einen Mix aus Gruft und Punk. Alle Instrumente spielt er selbst, das Schlagzeug programmiert er, die Texte sind davon geprägt, dass ihn das, was er um sich herum wahrnimmt, mindestens anwidert. Seinen Protest drückt er nicht nur mit Wut, sondern auch mit von Wut geprägtem Humor aus. Musikalisch ist er deutlich in den Achtzigern sozialisiert; den Sound bekommt man heute eher selten noch zu hören. Zeitgemäß oldschool.

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Sqürl – EP#260 – Sacred Bones Records 2017

Von Matthias Bosenick (08.08.2017)

Den Rausch ausleben, nicht ausschlafen! Konturen sind was für Anfänger und Remixer, damit halten sich die drei Musiker inklusive des Regisseurs Jim Jarmusch mal gar nicht auf, jedenfalls nicht in den ersten sechs Minuten dieser EP in Über-„Reign In Blood“-Länge. Es schleift und dröhnt, bevor es dezent zu wummern beginnt. Die Musik ist so dunkel und verrätselt, wie es manche Elemente in Jarmuschs Filmen sind.

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Baby Driver – Edgar Wright – GB/USA 2017

Von Matthias Bosenick (01.08.2017)

Edgar Wright scheitert am Genre. Er ist immer dann am besten, wenn er darauf pfeift, und das unterlässt er bei „Baby Driver“ leider. Die Folge ist, dass das Drehbuch keine Haken schlägt, sondern konventionell den verfolgungsjagdlastigen Actionfilm um einen juvenilen gutherzigen Zufallsbeteiligten bedient. Auch vermisst man Wrights typischen Filmstil, den er hier indes gegen in der Tat großartig komponierte Choreografien tauscht: Der Film geschieht im Takt der Musik, die die Titelfigur und damit der Zuschauer unablässig im Ohr hat. Immerhin gut gemacht, aber ansonsten Stangenware.

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Valérian – Luc Besson – F 2017

Von Matthias Bosenick (21.07.2017)

Regisseur Luc Besson verfestigt seinen kreativen Niedergang. Sein letzter richtig guter Film ist 23 Jahre alt: „Léon – Der Profi“. Mit „Valérian“ verfilmt er eine frankobelgische SciFi-Comicserie aus den Sechzigern; wer die nicht kennt, sieht den Film für sich stehend und kann sich nur wundern, wie flach, banal, belanglos, stereotyp der ist. Es gibt in den 140 Minuten keine einzige eigene Idee. Aus dem Kino kommen und vergessen.

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Solbrud & Wildernessking – Live in der Astra-Stube in Hamburg am 18. Juli 2017

Von Matthias Bosenick (19.07.2017)

Der erste sonnige Tag im Juli, und wir gucken Black Metal. Trve! Auf der kleinen Bühne in der winzigen Hamburger Astra-Stube müssen die Musiker von Solbrud aus Kopenhagen und Wildernessking aus Kapstadt nebeneinander stehen. Beide Bands sind Vertreter des modernen Black Metal, der sich in Sachen Gebretter und Geschrei für Atmosphären, Post Rock, Ambient und Progressivität geöffnet hat. Die Musik ist so trve wie die Location in direkter Schanzenviertelnachbarschaft: Über der Bühne steht „Flora bleibt“. Und für den Rezensenten ist es eine Riesenfreude, die vier jungen Dänen zwei Jahre nach ihrem Gig Leipzig wiederzusehen – und wiedererkannt zu werden.

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