Daniel.B.Prothese – 44.44.44 – db2fluctuation 2020

Von Matthias Bosenick (22.06.2020)

Daniel Bressanutti, der alte Scherzkeks! Packt mal eben einen Haufen analoger Geräuscherzeuger aus, knotet deren Kabel zusammen und schneidet eine Dreiviertelstunde lang mit, was für Geräusche dabei entstehen. Noch ein Scherz: Das Album hat nur einen Track, aber der heißt nicht wie das Album, das wiederum lediglich nach der Tracklänge benannt ist: „44.44.44“. Nach EBM oder Front 242 klingt das hier alles nicht, hier bekommt man Drone, düsteren Ambient, manchmal mehrstimmig, mit gelegentlich wechselnden Tonhöhen, aber keine Rhythmen, keine Melodien. Tanzen kann man dazu zwangsläufig nicht, und wer dazu einschlafen kann, hat mindestens eine höhere Bewusstseinsebene erreicht.

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Petrolio – GLVWXUER#DQVLD#JHQHUDOL]]DWR – HgM Music 2020

Von Matthias Bosenick (19.06.2020)

Oldschool-Industrial, der aus Störgeräuschen und Atmosphären besteht, ohne Gitarren und ohne plakative Samples: Petrolio verstört und zerstört auf seiner neuen EP mit dem programmatisch-sperrigen Titel „GLVWXUER#DQVLD#JHQHUDOL]]DWR“. So ungefähr klingen die vier Stücke auch. Nichts für die Electro-Disco, sondern fürs gepflegte Chillen daheim, wenn man ansonsten auch zu Free Jazz und Black Metal zu chillen in der Lage ist und gerade kein beklemmender Horrorfilm im Stream läuft. Diese EP des Italieners gibt‘s natürlich standesgemäß physisch nur als Tape!

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Frank Schäfer – Die Neuerfindung des Rock’n’Roll – Verlag Andreas Reiffer 2020

Von Matthias Bosenick (17.06.2020)

Seine persönlichen Betrachtungen zur elektrisch verstärkten Gitarrenmusik bündelt Frank Schäfer in diesem Bändchen der neu ins Leben gerufenen Edition Kopfkiosk des Verlags Andreas Reiffer. Eben dieses Persönliche macht die Lektüre so reizvoll, denn nicht nur seine gefühlten Tatsachen, sondern auch seine historischen Nacherzählungen offenbaren seine subjektive Gewichtung, etwa in den Auslassungen. Man kennt ja seinen Pappenheimer, und man feiert diese eigens aufgehübschten Essays für ihren vertrauten Zungenschlag. Man liest ihn einfach gern, den Schäfer, und hat dabei stets seine charakteristische Vorlesestimme im Ohr.

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Louise Patricia Crane – Deep Blue – Peculiar Doll Records 2020

Von Matthias Bosenick (10.06.2020)

Gruftmusik für Progrocker: Stark an die Ursprünge des Gothic Rock lehnt sich das neue Solo-Album von The-Eden-House-Sängerin Louise Patricia Crane an, nämlich an die experimentelle, folkige, progressive Rockmusik der Siebziger. Kein Wunder: Auf diesem angenehm chilligen Album gehen personell unter anderem die Fields Of The Nephilim, King Crimson und Jethro Tull eine wundervolle Liaison ein. Ein schönes, hymnisches, entspannendes Album, das trotz seines Kontextes als Seitenarm zu The Eden House gar nicht gruftig sein will, mit einem merkwürdig unpassenden Cover von einem renommierten Fotografen.

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Einstürzende Neubauten – Alles in Allem – Potomak 2020

Von Matthias Bosenick (04.06.2020)

Vom Schrottplatz in die Elbphilharmonie, aber wenn man „Alles in Allem“ hört, stehen die Einstürzenden Neubauten zu ihrem 40. Geburtstag eher dazwischen: Zwar ist silence sexy, aber Lärm auch, und beides zusammen ergibt eine blueslose Schönheit mit Poesie und Humor. Den Aspekt des Berlin-Albums sollte man dabei nicht überbewerten, man darf auch ohne Hauptstadtbonus Gefallen daran finden. Das Ergebnis der vierten Supporter-Phase funktioniert in der überteuren Deluxe-Version mit Bonus-Album am besten – und da tritt leider auch einiges an Kommerzknirschen der Neubauten zutage.

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The The – See Withount Being Seen – Cinéola 2020

Von Matthias Bosenick (29.05.2020)

How not to be seen: Es ist reichlich uneinfach, dieses Album zu reflektieren. Matt Johnson, einziges konstantes Mitglied des Projektes The The, nahm „See Without Being Seen” 1979 als Teenager im Kinderzimmer seines Elternhauses auf und veröffentlichte es als Tape. Mehr als 40 Jahre später restaurierte Johnson nun dieses Tape und ergänzte es um einige Bonustracks für die erste CD-Veröffentlichung dieses Albums. Das besteht aus rhythmischen Loops mit Stimme und Effekten, die musikalisch aus heutiger Sicht womöglich kaum wertvoll sind, dafür aber für die Historie von The The. Die CD richtet sich also an den Fan und Komplettisten, der bei Johnson ohnehin so seine liebe Not hat.

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Ziguri – Howgh Howgh Howgh – Adansonia/Moloko Plus 2020

Von Matthias Bosenick (26.05.2020)

Als „Trance Rock“ bezeichnen Ziguri ihre Musik selbst, und das trifft es nahezu perfekt, heute jedenfalls besser als die bei der Gründung 1987 gewählte Kategorie „Zen Punk“. Man könnte den Berlinern ohne zu lügen noch eine Nähe zum klassischen Krautrock zuschreiben, die der händisch geloopt eingespielten tanzbaren psychedelischen Mantrarockmusik zugrundeliegt. Überdies ist „Howgh Howgh Howgh“ der Tonträger-Einstand der Band als Quartett, schließlich stieß ein früheres Mitglied kürzlich zurück zum bisherigen Trio. Und: Man muss für die bewusstseinserweiternde Wirkung dieser überlangen Rock‘n‘Roll-Meditationen kein Meskalin nehmen, wie es der Bandname vorschlägt – man verfällt ihnen auch einfach beim Zuhören.

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Automat – Modul Remixes #1 & #2 – Compost 2020

Von Matthias Bosenick (22.05.2020)

Es ist etwas ins Leere gelauscht, wenn man Remix-EPs betrachten will, deren Originale man noch nicht kennt (weil das Album dazu wegen Corona noch unabgeholt im geschlossenen Plattenladen liegt). Dann muss es eben ohne gehen: Auf bislang zwei 12“es reflektieren Remixer vieler Couleur ausgewählte Tracks des vierten Automat-Albums „Modul“. Dabei steht der Dub wie bei den Originalen auch als Remixergebnis ganz weit vorn, das Trippige, Chillige, Repetetive bleibt erhalten und das Elektronische und Technoide halten Einzug in den ansonsten warmen organischen Sound des Trios.

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Flynotes – The Goddess Of Sunrise – Hærverk Industrier 2020

Von Matthias Bosenick (11.05.2020)

Und die sind wirklich nur zu dritt! Psychedelisch zum Schweben gebrachten Doom mit ganz viel Abwechslung und ohne Gesang machen Flynotes aus St. Petersburg. Das Trio plündert den Bestand und vermengt ihn zu etwas Eigenem, das sich nicht an Genregrenzen halten mag und genau damit überzeugt. Wenn Aurora das hören könnte!

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DJ Cramér – Wildblumenblues No. 1 & 2 – pkmuzik/Head Perfume Records 2014/2016

Von Matthias Bosenick (06.05.2020)

Die Samplerreihe zur Partyreihe, mit autobiografischen Kriterien zusammengestellt von DJ Cramér alias René Seim aus Dresden: Der „Wildblumenblues“ bietet auf zwei CDs oder LPs genau das, nämlich eine wild blühende Variante des Blues, der von der Garage über Country, Rock’n’Roll, No Wave, Psychedelic Rock, Stoner und Experiment bis zum Surpfunk reicht. Und weil Seim so gern Freunde unterstützt, legte er auch die Covergestaltung in ihm vertraute Hände. Seine eigene Band Todi versteckt er außerdem in dieser Sammlung. Macht mächtig Laune – und Neugier auf die dazugehörige Party in Dresden.

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