Reichenhall – Motormorla – Iapetus Media 2025

Von Matthias Bosenick (15.01.2026)

Die Geschichte hinter „Motormorla“, dem drölfzehnten Album der Berliner Band Reichenhall in gefühlt drei Komma neun Monaten, ist großartig: Bei der titelgebenden Kreatur handelt es sich nämlich um ein mystisches Wesen, das in einem ewigen Stau gefangen ist und über ein altes Autoradio Sounds, Stimmen und Geschichten der sich Vorbeiquälenden aufsaugt. Damit ist dieses Album eine Kombination aus Ambient, Krautrock, IDM, Hörspiel und Avantgarde-Experiment, das nicht nur am Rande der Kreuzung von A1 und A2 zu unterhalten weiß.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne (DDR-Spezial): Techno in der Zone

Von Onkel Rosebud

Kurze, klare Antwort: Gab‘ es nicht. Euer Onkel Rosebud. Aber halt, in der DDR gab es eine mittelmäßig interessante und in sich geschlossene Elektromusik-Szene, die mit Techno allerdings nichts zu tun hatte. Die Protagonisten hießen Hans-Hasso Stamer, Reinhard Lakomy, Rainer Oleak, Jürgen Ecke, Wolfgang Paulke, Jörn Kanitz, Julius Krebs sowie Pond (nicht die Psychedelic-Rock-Band aus Australien, dafür die mit dem veritablen Hit „Planetenwind“ von 1982) und fanden beim staatlichen Label Amiga in begrenzten Möglichkeiten Verbreitung. Zumeist waren das Hochschulabsolventen, die inspiriert durch Jean-Michel Jarre oder Tangerine Dream, anfingen Synthesizer zu malträtieren, um nicht zu sagen, ähnlich klingen zu wollen.

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Argus Megere – Cerburea apusului – Loud Rage Music 2025

Von Matthias Bosenick (14.01.2026)

Wenn Atmospheric Black Metal sich so verzweigt darstellt wie auf „Cerburea apusului“, „Das Leuchten des Sonnenuntergangs“, dem neuen Album der Band Argus Megere aus Timișoara in Transsilvanien, dann steht nicht zu befürchten, dass dem Genre die Puste ausgeht. Die Rumänen verbinden Alcest-Ruhe mit klassischer Black-Metal-Brutalität, Pop-Transparenz und Folklore-Elementen und versehen selbst die bösen Passagen noch mit herzerwärmender Schönheit. Nächstes Jahr wird die Band 30 Jahre alt, da steckt also eine Menge Erfahrung in diesem Album, und das hört man.

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Faz Waltz – Strike Ten – Head Perfume Records/Melody Bunker 2025

Von Matthias Bosenick (13.01.2026)

„Strike Ten“ ist tatsächlich bereits das zehnte Album der brennbaren Rock’n’Roll-Konservatoren Faz Waltz aus Cantù in Italien. Seit 2007 zieht das Trio, angeführt von Faz La Rocca, sein Konzept durch: pianogetriebener Rock’n‘Roll wie aus den Fünfzigern und Sechzigern, alle damaligen Spielarten abdeckend, bisweilen garagig übersteuert. Man wähnt sich auf Zeitreise: Der Geist von Tupelo weht über den Gewässern, der sämtlicher weiterer Rock’n’Roll-Erfinder hinterdrein.

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Juan Dahmen – Ad astra – Iapetus Media 2025

Von Matthias Bosenick (12.01.2026)

Da sitzt der Mann allein mit seiner Gitarre und einem Effektgerät in der Gegend herum, dehnt Töne ins Unendliche und macht daraus ein Album. „Ad astra“ nennt Juan Dahmen aus Albacete in Spanien sein neues Album, das komplett aus Ambient besteht, der gar keine Konturen mehr hat, sondern wie vertontes Licht klingt. Es ist wie die Reise in eine bessere Welt: Hier ist alles gut.

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Trash Pillow – Raw – Trash Pillow 2026

Von Matthias Bosenick (09.01.2026)

Wenn im noisigen Fuzzrock noch genug Platz für eine Akustikgitarre ist, läuft etwas ganz gut. So auf „Raw“, der Antikriegs-EP der Berliner Politaktivisten Trash Pillow. Vier knappe Songs aus der Garage, versetzt mit einer amtlichen Ration Pop-Appeal und trotzdem so „Raw“, wie es der Titel verspricht. Und mit Botschaften gegen Krieg, auf Englisch ganz zufällig „Raw“ rückwärts.

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Green Eyes Of Darkness – Fire Waves – Loud Rage Music 2025

Von Matthias Bosenick (08.12.2026)

„Symphonic Gothic Doom Metal“ steht auf der Schublade, in die Green Eyes Of Darkness ihr Debüt-Album „Fire Waves“ stecken. Reicht eigentlich schon, weiterskippen. Aber nee: Das Etikett verschweigt den Death Metal, der hier die Oberhand zu gewinnen sucht – zumindest eingangs. Über diverse weitere Metal- und andere Spielarten landet die personell offene Band aus Bukarest dann irgendwann doch beim Kitsch – und am Ende ist man froh, dasselbe erreicht zu haben.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne (DDR-Spezial): Ich such‘ die DDR und keiner weiß, wo sie ist

Von Onkel Rosebud

Eine der schillerndsten Figuren der musikalischen Subkultur der DDR war quasi ein Wessi namens Aljoscha Rompe (* 1947). 1980 beantragte und erhielt er einen Schweizer Pass, da sein leiblicher Vater Schweizer und auch seine Mutter durch Heirat Schweizer Staatsbürgerin geworden war. Mit 14 hatte er zwar den Personalausweis der DDR bekommen und wurde als sogenannter Doppelstaatler bei den Behörden geführt. Er war aber nie offiziell DDR-Staatsbürger. Die Reisefreiheit nutzte Aljoscha später immer wieder, um Instrumente und Ausrüstung aus West-Berlin in die DDR einzuführen. Sein Stiefvater Robert Rompe war als hochrangiger Wissenschafts-Funktionär und angesehener Professor für Physik Mitglied im Zentralkomitee der SED. Auch Aljoscha war vor seiner Musikkarriere als Physiker tätig, verbüßte aber schon 1978 eine dreimonatige Haftstrafe wegen der Mitarbeit an einer oppositionellen Publikation, die ihm den Startschuss für eine lange Beziehung mit der Stasi einbrockte, wobei er selbst nie zum IM wurde.

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Tineke De Meyer – Inland Island – Antibody Label 2025

Von Matthias Bosenick (07.12.2026)

Die Tonspur zu einer Kunstinstallation: „Inland Island“ braucht einen Kontext, damit man es voll erfassen kann, doch der unvoll erfasste Eindruck ist auch schon eindrucksvoll. Eigentlich war „Inland Island“ eine von der Ghenter Künstlerin Tineke De Meyer konzipierte Mischung aus Performance und Installation, bei der eine Handvoll Menschen mit Kopfhörern um einen selbstleuchtenden Tisch herum saßen und den Anweisungen einer körperlosen Stimme folgten. Das kann die Hörerschaft nun tischlos mithilfe dieser Audiospur nachvollziehen, die die artifizielle Stimme und die kaum weniger virtuelle Musik des Duos Zonderwerk beinhaltet.

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Bill Leeb – Machine Vision – Metropolis 2025

Von Matthias Bosenick (06.12.2026)

Ein erstes Solo-Album von Bill Leeb? War nicht „FLAvour Of The Weak“ von Front Line Assembly 1997 eigentlich bereits ein Solo-Album, nur unter seinem Namen? Schließlich ist er der Bandkopf, so sehr der vor 25 Jahren aus- und zwischenzeitig wieder eingestiegene Rhys Fulber als vollwertiges Mitglied gelten mag. Der trägt drei von fünf Remixen auf der Begleit-EP „Machine Vision“ bei und rückt diese 12“ dadurch wieder näher in Richtung dessen, was man von Front Line Assembly erwartet. Die anderen – wären teilweise nicht nötig gewesen. Es zeigt sich einmal mehr, dass der EBM-Electro-Erneuerer (von Industrial sprechen hier nur Nordamerikaner) aus Vancouver in jüngerer Zeit die Muse verlor.

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