Everything Everywhere At Once – Daniel Scheinert & Daniel Kwan – USA 2022

Von Matthias Bosenick (18.05.2022)

Zweieinhalb Stunden opulentes und technisch überbordendes Kreativitätsgeballer! Dabei lässt sich die Handlung in einem Satz zusammenfassen: Mutter versöhnt sich mit Tochter. Dafür muss sie nur in unendlichen Parallelwelten gegen eine böse Widersacherin und eine kaum weniger böse Steuerbeamtin kämpfen, den wahlweise weisen und uneingeweihten Ratschlägen ihres die Scheidung ins Auge fassenden Gatten folgen, die heile Welt ihres in die Jahre gekommenen Vaters bewahren und alles in Allem einfach nur endlich als Mensch reifen. In Sekundenbruchteilen flackernde Alternativuniversen, Martial-Arts-Kämpfe, Drama, Humor, Warmherzigkeit, innere und äußere Querverweise, grandiose Schauspielende und eine soghaft erzählte komplexe Geschichte lassen diese zweieinhalb Stunden im Rausch vergehen.

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Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – Andreas Dresen – D/F 2022

Von Matthias Bosenick (11.05.2022)

Rabiye Kurnaz alltagt den ganzen Scheiß einfach weg. Mit einer unbändigen Energie und ihrem sehr persönlichen Humor stellt sich die Bremer Hausfrau gegen den Umstand, dass man ihren Sohn Murat als potentiellen Taliban irgendwo in der Welt ohne Rechtsgrundlage inhaftiert, zuletzt in Guantánamo. Mit ihrer beinahe ignoranten Hartnäckigkeit findet sie in Anwalt Bernhard Docke einen Verbündeten, der mit ihr die unwahrscheinlichsten Instanzen abschreitet, um für Murat Gerechtigkeit walten zu lassen. Klingt wie ein Märchen? So inszeniert es Andreas Dresen auch, und doch orientiert sich diese Geschichte an der Realität. Dresen suggeriert, dass es im Kampf gegen diffuse Gegner nur gute Menschen auf der Welt gibt – und gerade in solch bitteren Zeiten tun Filme wie dieser echt gut. Und trotz aller Menschenrechtsthemen ist dies nicht vordergründig die Geschichte des juristischen Sieges über George W. Bush, sondern vielmehr ein Porträt von Rabiye Kurnaz.

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Parallele Mütter (Madres paralelas) – Pedro Almodóvar – E 2021

Von Matthias Bosenick (06.04.2022)

„We should all be feminists“ steht auf einem T-Shirt, das Penélope Cruz in einer Szene des Films „Parallele Mütter“ trägt, und damit bringt Regisseur Pedro Almodóvar viel Grundsätzliches in seiner Weltsicht zum Ausdruck. In Haltung und Farbe ist „Parallele Mütter“ ansprechend warmherzig geraten, dabei bedient sich Almodóvar klassischer Suspense-Methoden, um sein Beziehungsdrama, das weit mehr ist als das, zu erzählen, gemessenen Schrittes und mit mehr Vergebung, als die Menschheit an sich aufzubringen in der Lage ist. Einmal mehr mit Mutterschaft als ewigem Thema Almodóvars; und zwei Stunden großartiges Kino.

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Annette – Leos Carax – F/USA 2021

Von Matthias Bosenick (22.12.2021)

Streicht man das Brimborium weg, bleibt: ein Drama um Schuld und Nicht-Vergebung, und zwar ein zähes, anstrengendes, langweilig gefilmtes. Dieses Brimborium nun rettet zwar einiges, macht aber leider keinen guten Film aus „Annette“: Die Mael-Brüder Run und Russell, als Pop-Duo seit Jahrzehnten unter dem Namen Sparks weltbekannt und gefeiert, schrieben das Drehbuch für dieses Musical, das „Holy Motors“-Wahnsinnsknabe Leos Carax mit Marion Cotillard und Adam Driver umsetzte. Eine grandiose Ausgangslage, die nach dem brillanten Intro leider verpufft. Viele bemerkenswerte Details retten diese bald zweieinhalb Stunden Elend nicht.

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Helden der Wahrscheinlichkeit (Retfærdighedens Ryttere) – Anders Thomas Jensen – DK 2020

Von Matthias Bosenick (07.10.2021)

Alles beginnt mit einem gestohlenen Fahrrad: Aus einer Verkettung von Zufällen geraten drei Nerds und ein Soldat mit Rockern aneinander. Was Anders Thomas Jensen aus dieser Gemengelage macht, sprengt alle Genregrenzen und ist, gottlob, weitab davon, so peinlich zu sein, wie es das Plakat suggeriert und wie es Jensens voriger Film „Men & Chicken“ war. Humor und Tragik, Drama und Action, Emotionen und Blutbad: Perfekt ausbalanciert, auf den Punkt, sympathisch absurd, filmisch hochwertig und enorm seriös liefert der Däne einen der überraschendsten Filme der letzten Jahre. Und eine Vielzahl an Onelinern, für die allein man den Film schon öfter gucken muss.

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Sky Sharks – Marc Fehse – D 2020

Von Matthias Bosenick (27.08.2021)

Ein hai-loses Durcheinander: An einen Film mit fliegenden Haien und Nazi-Zombies hat man Erwartungen, die „Sky Sharks“ vom sympathischen Braunschweiger Regisseur Marc Fehse leider nicht erfüllt. Bessere Dialoge und vor allem ein deutlich besserer Schnitt wären für diesen Film vonnöten, der sich womöglich nicht mal für künftige Trashfilm-Listen etabliert. Die Bilder sind ganz ansprechend, die Musik ist es auch (inklusive Wiederhören mit Fehses früheren Band Phase V im Abspann), die Idee und die Schauspielerriege nicht minder, aber das allein macht den bedauerlicherweise Film nicht zu einem Vergnügen. Dafür fehlt es neben Dramaturgie auch an Humor.

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Der Rausch (Druk) – Thomas Vinterberg – DK 2020

Von Matthias Bosenick (24.07.2021)

Großartige Schauspieler, interessante Inszenierung, lückenhaftes Drehbuch – ein typischer Vinterberg also: „Der Rausch“ berauscht nur so lang, wie man nicht darüber nachdenkt. Nicht ganz so schlimm wie bei „Die Jagd“ verbirgt Regisseur Thomas Vinterberg wesentliche Handlungselemente dergestalt vor dem Zuschauer, dass der deren Abwesenheit nicht sofort bemerkt. Zudem bezieht der Däne zu dem Thema, das er sich als Platzhalter für die Darstellung vierer Midlifekrisen ausgesucht hat, keine konkrete Stellung: Für Besonnene ist der Film vielleicht eine Warnung, für Leichtfertige aber eher eine Ermunterung. Mit seinen Plotholes und der expliziten Ermunterung, seine Minderwertigkeitskomplexe mit Alkohol auszugleichen, ist „Der Rausch“ leider keine uneingeschränkte Empfehlung wert.

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Nomadland – Chloé Zhao – USA 2020

Von Matthias Bosenick (11.06.2021)

Endlich Kino! „Nomadland“ ist eine Art Doku-Spielfilm mit hübschen Bildern und allem voran Frances McDormand, der man nur zu gern dabei zusieht, wie sie die haus-, nicht obdachlose Fern spielt, die mit ihrem Van namens Vanguard durch die USA juckelt, um etwas Geld zu verdienen, Menschen zu begegnen und nach dem Tod ihres Mannes und dem Verlust ihres Wohnsitzes überhaupt eine neue Richtung in ihrem Leben zu finden. Ein Mike Leigh hätte dem Film vermutlich mehr Drama gegeben, darauf verzichtet die gebürtige Chinesin Chloé Zhao, nicht aber auf Emotionalität, und wählt dabei eine unamerikanische Darstellungsweise, vermeidet also Kitsch und Pathos. Ein schöner Einstand ins neue Kinojahr.

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Tenet – Christopher Nolan – USA 2020

Von Matthias Bosenick (29.08.2020)

„12 Monkeys“ 2020: In diesem Zeitparadoxonfilm hat alles für den späteren Verlauf eine Bedeutung, und allein für das komplexe Drehbuch muss man „Tenet“ schon feiern. Auch wenn man nicht alles sofort erfasst, hinterlässt der Film doch den Eindruck, schlüssig zu sein, und das steigert den Genuss. Christopher Nolan mixt die Genres und wagt aberwitziges Neues in einem abgegriffenen Metier. Wer gut aufpasst, hat mehr davon, und wer dies nicht beherzigt, wird sich vermutlich langweilen. Für den aufmerksamen Zuschauer ist dies ein beachtliches Stück Hollywood.

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Sorry We Missed You – Ken Loach – UK/B/F 2019

Von Matthias Bosenick (05.02.2020)

Da hat sich der linke Antikapitalist Ken Loach aber etwas vorgenommen: In seinem neuen Film „Sorry We Missed You“ versucht er den Rundumschlag gegen alles, was ihn an der Moderne im Prä-Brexit-England stört, von Ausbeuterjobs über wachsende Gewaltbereitschaft, Pflegenotstand und miese Zukunftsaussichten bis hin zum Gesundheitssystem. Eine zarte Lösung bietet er zwar an, aber letztlich absolut keine Hoffnung. Der vielzitierte kleine Mann hat in Loachs Augen keine Chance, in diesem System zu bestehen, weder mit Zynismus noch mit schierer Willenskraft. Schwere Kost, kein Kinovergnügen, aber genau deshalb sehr wichtig.

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