René Seim – Einen Tisch in Falten schlagen – Windlustverlag 2022

Von Matthias Bosenick (07.10.2022)

Lyrik, auf ewig eine Literaturgattung, die sich dem Rezensenten nicht einmal ansatzweise umfassend erschließen wird. Ich kann mich also Lyrik nur distanziert und behutsam nähern, mit dem Blick des Uneingeweihten, und Dichter René Seim erweist mir trotzdem einmal mehr die Ehre, an seiner Lyrik teilhaben zu dürfen. „Einen Tisch in Falten schlagen“ heißt sein neues Buch, das er im eigenen Windlustverlag veröffentlicht; der vierte Gedichtband des umtriebigen Dresdners, der auch Schallplatten herausbringt, Radio macht, auflegt, Lesebühnen veranstaltet und wer weiß was noch. Es mag an der der Lektüre vorausgegangenen Begegnung mit dem Dichter in der Äußeren Neustadt liegen, dass ich zu diesem Buch einen besseren Zugang finde, sehr oft laut loslache, häufig mitfühlen nicke, hinter politischen Statements einen inneren Haken setze, an Seims Sprache meine Freude habe, also viel unmittelbarer ein Gefühl dafür bekomme, ihn zu verstehen, als zuvor, und doch bleibt ein Rest Unverständnis erhalten. Das wäre ja auch zu viel erwartet, wenn der Vorhang plötzlich komplett zur Seite geschoben wäre, oder? Meine Freude an diesem Buch ist ja trotzdem immens!

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Spezial: Sireena Records/Shack Media aus Ostenholz-Scharmbeck

Von Matthias Bosenick (04.10.2022)

Fünf Alben aus dem Hause Sireena Records und Shack Media landeten innerhalb kürzester Zeit im Briefkasten: „A Floating City“ von Nautilus, „Live in Haldern 1985 & 1986“ von The Radio, „Waiting For The Daylight“ von Erja Lyytinen, „The Universe By Ear III“ von The Universe By Ear und „Saba“ von The Electric Family. Also Ambient, Achtzigerrock, Bluesrock, Progrock und Indie.

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Lewis Trondheim – Die neuen Abenteuer von Herrn Hase (6) Beim Teutates! (Les nouvelles aventures de Lapinot: Par Toutatis!) – Reprodukt 2022

Von Matthias Bosenick (02.10.2022)

„Dies ist kein Asterix-Album!“, steht extra auf dem Cover des neuen neuen Abenteuers von Herrn Hase, das nämlich in Asterix‘ Dorf spielt. In „Beim Teutates!“ deckt Lewis Trondheim so einige Untiefen der frankobelgischen Comicserie auf, kommentiert manche Eigenheiten und bettet sein Duo Herr Hase und Richard, der gelbe Kater, in ein komplexes Abenteuer ein, in dem der bretonische Gott Teutates hinter das Geheimnis des Zaubertranks kommen will und die Geschichten von Albert Uderzo und René Goscinny plötzlich mit der Realität konfrontiert werden. Das Buch funktioniert glücklicherweise auch, wenn man Trondheims Serie nicht kennt. Der grob und viel zeichnende Franzose nähert sich den Unbeugsamen gleichsam respektvoll und respektlos, die Lektüre macht Spaß. Und ist besser gelungen als vieles von dem, was Didier Conrad und Jean-Yves Ferri im Rahmen der Hauptreihe präsentieren – vielleicht sollte man analog zu Lucky Luke und vor allem Spirou & Fantasio (für die Trondheim auch schon aktiv war) über eine Parallel-Reihe mit wechselnden Gastautoren nachdenken, dieses wäre ein schöner Auftakt.

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Tankard – Pavlov‘s Dawgs – Reaper Entertainment 2022

Von Guido Dörheide (01.10.2022)

Ei gude, liebe Krautnick.de-Lesende! Deutscher Thrash Metal 2022: Erst Destruction, dann Kreator, auch das bereits 2020 erschienene neue Sodom-Album lässt unsere Trommelfelle noch immer erzittern, und nun liefert auch die Nummer 4 der Big Four of Teutonic Thrash ein neues Album (nicht No. 4, sondern bereits Nr. 18 in ihrer seit 40 Jahren andauernden Karriere) ab: Pavlov‘s Dawgs. Mit dem Cover-Artwork machen Tankard aus Frankfurt am Main wieder einmal aufs Neue deutlich, dass sie mutmaßlich den „Alcoholic [Thrash] Metal“ erfunden haben, auch der Refrain der Vorab-Single „Beerbarians“ geht in diese Richtung: „They’re calling us Beerbarians – Spreading out around the globe – We’re Cosmoproletarians“. Cosmoproletarians – sowelche Wortneuschöpfungen muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen, bzw. mit einem Pint Ebbelwoi runterspülen. Den Konsum weingeisthaltiger Erfrischungsgetränke zu glorifizieren geißele ich selbstredend als Teufelswerk und sowohl ich als auch Krautnick.de in seiner Gesamtheit lehnen sowas total ab – aber den wackeren Jungs um Andreas Fritz Johannes „Gerre“ Geremia nimmt man selbst den albernsten Blödsinn ab, ohne ihnen ernsthaft böse sein zu können.

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Teen Prime – No. 4 – Schneider Collaborations 2022

Von Matthias Bosenick (01.10.2022)

Gitarre und Schlagzeug, das klingt doch erstmal nach irgendeiner Art von Rock‘n‘Roll, oder? Nicht für Teen Prime: Das Duo zerlegt den Rock‘n‘Roll und macht auf dem irritierender- und erklärbarerweise „No. 4“ betitelten Debütalbum aus den Trümmern ein abstraktes Mosaik. Ganz frei von Harmonien ist das nun doch nicht, was Sebastian Fäth und Jörg A. Schneider hier improvisieren – auch ohne konkreten Rhythmus oder mitsummbare Melodien bekommt man auf dieser Schallplatte eine Musik, die man angenehm goutieren kann. Und kurz vor Schluss sogar mit Piano dazwischen, dann drängt sich spätestens noch mehr der Gedanke an ein anderes Genre auf: Jazz, und das sicherlich nicht zu Unrecht.

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Nikki Lane – Denim & Diamonds – New West Records 2022

Von Guido Dörheide (01.10.2022)

Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht Queens Of The Stone Age höre (die mit „QotSA“ eine der abstoßendsten Band-Abkürzungen haben, nur noch getoppt von „Very Wicked“ aus WOB, ich weiß aber nicht, ob es die noch gibt [im Grunde nicht, aber Sänger Marco Schrieber gründete mit Lars Conrad das Duo FleshTric (Red.)]), aber mit der Musik von Joshua Homme werde ich nicht warm. Der musikverarbeitende Teil meines Hirns wird geflutet mit einem tief empfundenen Gefühl der Langeweile, sobald Meister Homme zur elektrischen Gitarre greift. Und wenn er dann spielt, wird es nicht besser. Also erging es mir mit dem hier rezensierten Werk – und jetzt kommen wir endlich zum Thema, nämlich dem neuen Album der wundervollen Outlaw-Country-Singer/Songwriterin Nicole Lane Frady aus South Carolina, die unter ihrem Künstlernamen Nikki Lane mit „Denim & Diamonds“ ihr viertes Album seit 2011 veröffentlicht hat.

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Goethes Erben – Das gestohlene Konzert – Dryland Records 2022

Von Matthias Bosenick (30.09.2022)

Man kann angesichts der für die Kulturszene haarsträubenden Coronapolitik natürlich eingeschnappt motzend auf die Straße gehen – man kann aber auch seine Chancen nutzen und trotzdem seine Meinung kundtun. Und das ganz ohne Kontakt zu Querdenkern. Oswald Henke beherrscht diese analytische Diskursfähigkeit. Er hält seine verbitterte Haltung nicht hinterm Berg, dass er sich als Teil der Kulturszene von der Politik verraten fühlt, und reagiert darauf andererseits auch damit, dass er seine Kunst für den Heimgebrauch umfunktioniert: Das ausgefallene Osterkonzert des Jahres 2021 seiner Band Goethes Erben führte er mit Kammerensemble trotzdem auf und bringt den Mitschnitt nun als DVD und CD unter seine Gefolgschaft. Begleitet an Cello, Flügel und Percussion, erfahren die vertrauten Stücke aus 30 Jahren Goethes Erben teilweise Neuarrangements – und Henke performt, als stünde er vor einer großen Menschenmenge. Das kann er, und dafür allein schon lohnt sich „Das gestohlene Konzert“.

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Moon‘s Mallow – Against All Gods/Long Lost – Gioia Coppola 2021/2022

Von Matthias Bosenick (26.09.2022)

Indierock ohne breite Beine, kann man sagen, groovend, spröde, gefühlvoll, gesangsstark, der volklosen Folklore so nah wie dem Anti-Britpop der Auteurs, mit einem Hauch Psychedelik: Moon‘s Mallow sind da, aus Bari ganz im Süden Italiens, wo sich Bandchef Gioia Coppola zunächst mit den brasilianischen Musikern Leila Isaac und Luís Marino sowie dem renommierten Bassisten Michele Rossiello zusammentat, um „Against All Gods“ aufzunehmen. Nachdem die beiden Brasilianer das Land aus beruflichen Gründen verließen, holte sich Gioia als Ersatz Damiano Ceglie und Claudio Colaianni dazu, um „Long Lost“ einzuspielen, das nicht wirklich den Eindruck erweckt, es zur Hälfte mit anderen Leuten zu tun zu haben. Moon‘s Mallow bleiben ohne Posen, eher im Dunkel der Nacht, nicht eben vor Fröhlichkeit sprühend, also überaus vortrefflich genießbar. Und nun gibt‘s beide Alben auf Vinyl.

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Till Burgwächter & Hardy Crueger – Braunschweig‘sche Verbrechen – Verlag Andreas Reiffer 2022

Von Matthias Bosenick (20.09.2022)

Endlich! Endlich bringt das dreiköpfige Duo infernale die Fortsetzung auf den Markt! Nach dem Aufmerksamkeit garantierenden „Braunschweig‘sche Weihnacht“ aus dem Prä-Corona-Jahr 2019 widmen sich Till Burgwächter und Hardy Crueger nun einem zeitgemäßen Trendthema: True Crime, begangen an der Oker. Wer die Arbeiten der beiden Autoren kennt, weiß, dass sie an diese Aufgabe nicht im gewöhnlichen Stil herangehen: Burgwächter betrachtet seine Ganoven mit lakonischem Zynismus, Crueger seine Protagonisten mit empathischer Akkuratesse. Diese Mischung macht‘s, denn nach den emotional aufwühlenden Crueger-Beiträgen freut man sich jeweils auf einige Seiten fundierten Lachens mit Burgwächter. Und was die beiden alles rund um die Umflutgräben ausgraben: Neben schockierend absichtlichen und irritierend versehentlichen Bluttaten auch gravierende bis scheinbar banale Delikte aus Fußball, (Bruch-)Straßenverkehr und Telefonterror. Man hört die beiden erprobten Autoren bei der Lektüre schon selbst lesen und freut sich auf die Live-Umsetzung. Und die Fortsetzung: Packt den Illustratoren Karsten Weyershausen bitte ein drittes Mal mit ein und bringt ein weiteres Thema in eurem Sound als Buch heraus!

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Blind Guardian – The God Machine – Nuclear Blast 2022

Von Guido Dörheide (09.09.2022)

Von Melodeath über Thrash hin zu Power Metal und Speed Metal – willkommen zu einer weiteren Metal-Rezension auf dieser einen und einzigartigen Seite im weltweiten Internetz. Dieses Mal will ich mich über „The God Machine“ von Blind Guardian auslassen – das neue Album der legendären Truppe um den Frontmann mit dem second most metal name of all time: Hansi Kürsch.

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