Yo La Tengo – This Stupid World – Matador 2023

Von Matthias Bosenick (14.03.2023)

Zuverlässig wie ein Nähwerk tackert das Schlagzeug, und ebenso zuverlässig bringen Yo La Tengo aus Hoboken, New Jersey fortwährend neue Alben heraus, die nicht nur qualitativ nie unter Höchstniveau liegen, sondern dazu auch noch experimentell, emotional, noisy, stoisch, variantenreich, zart, durchgeknallt und wunderschön sind. „This Stupid World“ reiht sich da ein, je nach Zählung Studioalbum Nummer 17 bis 564.194 in fast 40 Jahren. Der Indierock des Trios ist seit jeher durchsetzt von Herumprobieren, Lärm und tiefster Schönheit, diese Art zu Mausen lässt die Katze nimmermehr. Das Doppel-Vinyl ist dreiseitig kreditiert, aber vierseitig bespielt und transparent blau, also ebenso experimentell und schön wie die Musik darauf.

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Die Müller-Verschwörung – Versuch und Irrtum Vol. 1: Alles auf Plan B – Die Müller-Verschwörung 2023

Von Matthias Bosenick (13.03.2023)

Als erste von drei geplanten EPs zum Thema „Versuch und Irrtum“ wirft Die Müller-Verschwörung „Alles auf Plan B“ als 12“ in die Runde. Diese vier Songs decken die ganze Palette der Müller‘schen Eigenschaften ab, wie Polyrhythmik, Rock’n’Roll, Jazzpop, Humor, Melancholie, Tiefsinnigkeit, Plakativität sowie hochgradige kompositorische und spielerische Fähigkeiten. Einige der Songs kennt man bereits live und kann sich bestens vorstellen, dass der Rest der EP ebenso mitreißend auf der Bühne funktioniert. Nur eines fehlt: Die Stimme des Chefs.

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slowthai – UGLY – Method Records 2023

Von Guido Dörheide (12.03.2023)

Haaach – was ist das für 1 Jahr! Gerade mal knapp mehr als zwei Monate dran am seien, und schon neues Material von zwei meiner liebsten dedicated followers of the UK: Eine Woche vor „UK GRIM“ von Sleaford Mods veröffentlicht slowthai als weiterer Chronist des decline of the British Empires sein drittes Album und lässt wiederum kein gutes Haar an den rauchenden Trümmern desselben.

YNWA – You‘ll never walk alone. Das kennen wir. Und nun lernen wir: UGLY – You gotta love yourself. So heißt slowthais neues Album nämlich ausgeschrieben. Tyron Kaymone Frampton, wie slowthai mit bürgerlichem Namen heißt, begeisterte mich im Jahr 2019 mit „Nothing Great About Britain“ zutiefst, schoss sich dann Anfang 2020 mit einem missglückten und glücklicherweise schnell verziehenen Auftritt bei den NME Awards zunächst ab, um dann ein Jahr später mit „Tyron“ ein Brett von einem Doppelalbum herauszubringen, das mehr als neugierig auf sämtlichen weiteren Output machte.

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Sleaford Mods – UK Grim – Rough Trade 2023

Von Guido Dörheide (12.03.2023)

Haaach – was ist das für 1 Jahr! Gerade mal knapp mehr als zwei Monate dran am seien, und schon neues Material von zwei meiner liebsten dedicated followers of the UK: Erst slowthai und dann Sleaford Mods veröffentlichen innerhalb einer Woche ihre neuen Alben und lassen wiederum kein gutes Haar an den rauchenden Trümmern des British Empire.

Sleaford Mods, das sind Jason Williamson und Andrew Fearn aus Nottingham, East Midlands, UK. Und so hören sie sich auch an: Williamson kotzt sich im wunderschön anzuhörenden Dialekt seiner Heimat über die Missstände in seiner Heimat aus und spart dabei wie immer nicht an Kraftausdrücken. Unter diese herrlichen Tiraden mischt Fearn wie gewohnt elektronische Beats, die sich immer ein wenig anhören wie auf einer leicht defekten alten Snaredrum eingespielt, sowie zahlreiche elektronische Effekte, Keyboardsounds und vieles mehr. So oder so ähnlich bereichern Sleaford Mods schon seit ihrem Debütalbum im Jahr 2007 das Leben all derer, denen das Vereinigte Königreich und eine nennenswerte Zahl an dessen Einwohnern (zuvorderst sei hier ein wunderbares und mehr als liebenswürdiges schottisches Ehepaar genannt, das mir persönlich bekannt ist) sehr am Herzen liegt und die dessen Niedergang kaum mit ansehen können.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Die Band mit dem Video, wo die Frau die Straße runtergeht.

Von Onkel Rosebud

In dieser Folge wollen wir Abschied nehmen von der Großartigkeit des Klangkörpers Massive Attack. Die sind natürlich kein Phil Collins, den man immer gnadenlos damit konfrontieren muss, sich endlich um seinen Garten zu kümmern, statt zu singen und Musik herzustellen. Ich muss jedoch vorausschicken: Ich war richtiger Fan von Massive Attack. Ich besitze alle Singles. Elf Stück! Und alle Platten natürlich auch. Das kann ich sonst nur noch von einer Überband vorweisen, deren Namen jetzt hier nicht hingehört.

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Dobbeltgjenger – The Twins – Apollon Records 2023

Von Matthias Bosenick (07.03.2023)

Fetzige Melancholie und melodische Tanzbarkeit als catchy Rockmusik, so kommen Dobbeltgjenger aus Bergen auf ihrem vierten Album „The Twins“ daher. Darauf mischt das Quartett Anlehnungen an guten Achtziger-Pop, den Dance Rock (offizielle Wikipedia-Klassifizierung) von !!!, den Funk von INXS und den Synthierock (ebenfalls Wikipedia) des Debüts der Dänischen Nachbarn Spleen United zu einer gutgelaunten Depressions-Verarbeitungs-Platte. „The Twins“ ist ungemein ohrwurmlastig und mitreißend, die Norweger kombinieren Rockinstrumente und Electroeffekte auf eine organische Weise zu einer Radiomusik, wie man sie sich 2023 viel viel lieber wünschte als die, die man stattdessen zu hören bekommt.

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Braunschweig‘sche Verbrechen – ein Abend in der KLAUE mit Hardy Crueger & Till Burgwächter (2. März 2023)

Von Guido Dörheide (05.03.2023)

Eine Lesung von Hardy Crueger und Till Burgwächter ist ein schönes Erlebnis, das man sich öfter gönnen kann und auch sollte, selbst wenn sich das Programm zwischendurch noch nicht geändert hat. „Braunschweig‘sche Verbrechen“ habe ich mir im vergangenen November in Begleitung der Liebsten und des Herausgebers dieser Seiten schon einmal angehört und -gesehen – damals in der Buchhandlung Benno Goeritz zu Braunschweig. Am 2. März haben die beiden Autoren dieses Programm in der bekannten braunschweigischen Metal-Kaschemme „KLAUE“ – Heimat des gediegenen Ambientes (samt Modern-Talking-Foto an der Wand), der in urst grandioser Weise mehr als hörbaren Musikbeschallung, des charmanten und freundlichen Personals und zuletzt aber nicht geleast der konsumentenfreundlichen Getränkepreise (jeder, der einmal in der KLAUE ein Bier bestellt hat, dachte hinterher, er wäre in eine minnichtsens 20 Jahre zurückreichende Zeitanomalie hineingeraten) – erneut zum Besten gegeben. Einige der vorgetragenen Geschichten wurden ausgetauscht, andere blieben gleich – Wurscht, Crueger & Burgwächter könnten auch die Halbzeitergebnisse der Rasen-Halma-Regionalliga verlesen, es würde sich nicht nur lohnen, dort hinzugehen, sondern Spaß hätte man noch obendrein.

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Oliver Schwartz, Sophie Guerrive & Benjamin Abitan – Spirou 54: Der Tod von Spirou (La mort de Spirou) – Carlsen 2023

Von Matthias Bosenick (03.03.2023)

Das ist jetzt also die Fortsetzung der Spirou-Hauptreihe nach sieben Jahren Pause? Das neue Autoren-Gespann, das sich dieser 1938 ins Leben gerufenen frankobelgischen Comic-Institution annimmt? „Der Tod von Spirou“ wird diesem Erbe nicht gerecht, sondern hätte besser als One-Shot – wie die ersten drei Bücher, die Zeichner Oliver Schwartz verantwortete – veröffentlicht werden sollen. Man sollte die Hauptreihe vielleicht einfach überhaupt beenden und sich komplett auf die Spezial-Ausgaben verlegen. Dieses Buch ist trotz guter Ansätze mehr retroselige Fanfiction mit enttäuschend teilnahmslosem Abgang als würdige Fortführung der Serie. Schwach!

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Spezial: addicted/noname Label aus Moskau, Teil 14

Von Matthias Bosenick (01.03.2023)

Ein kleiner Blick in die zurückliegenden Monate und wie sie sich auf das fabelhafte Moskauer Label addicted/noname auswirkten. Zu finden ist wie immer eine breite Palette an Stilen und Sounds: Flötendominierter Psychedelic Rock mit Бур, psychedelischer Doom mit Spaceking, tanzbarer Avantgarde-Indierock mit ЛАНЬ, vielseitiger Black Metal mit Gigrøma, melodischer In-die-Fresse-Thrash-Doom mit Crust und schleppender Hardcore-Sludge mit Erbo.

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Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Fünf Lektionen in Advanced-Open-Air-Surviveln

Von Onkel Rosebud

Liebe Zielgruppe, erinnert Ihr Euch noch an den 30.06.2000? Tatort Roskilde. Kurz vor Mitternacht sterben neun Menschen vor der berühmten „Orange Stage“. Sie werden zu Tode gequetscht. Oder gepfählt von Plateauschuh-Absätzen. Vielleicht wurden auch die Wirbelsäulen zermalmt. Die Lungen zerdrückt? Erstickung mitten in der Menge, Apneusis. Sucht Euch was aus. Furchtbar jedenfalls. Tragisch ganz nebenbei zum Ersten: Das passierte gerade bei Pearl Jam, einer Formation, die bei Konzerten immer darum bitten soll, dass jeder auf den anderen neben sich aufpasst (und – äh – deren letzten beiden Platten eher zum Schunkeln als zum Stürmen eingeladen haben). Zum Zweiten: Gerade in Roskilde passierte es, dem Festival, welches als das friedlichste, fröhlichste und schönste unter den europäischen Open-Airs galt, wo eigentlich ausnahmslos nette Menschen hin pilgern und keine derben Moschcombos aufspielen.

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