Der Weg einer Freiheit – Finisterre – Season Of Mist 2017

Von Matthias Bosenick (19.09.2017)

Es ist fast ein innerer Zwang, der einen dazu treibt, „Finisterre“ immer und immer wieder zu hören. Der Weg einer Freiheit schlagen einen anderen Weg im modernen Black Metal ein als die Blackgazer: Bei ihnen dominiert die Härte über die reine Soundfläche, „Finisterre“ geht unablässig mitten ins Gesicht. Die Kunst besteht darin, trotzdem atmosphärisch, melodiös und progressiv zu sein. Es gibt also nett in die Fresse. Auch, wenn‘s ums Ende der Welt geht.

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F.S.K. – Ein Haufen Scheiss und ein zertrümmertes Klavier – Martin Hossbach/Kompakt 2017

Von Matthias Bosenick (18.09.2017)

Industrial Free Jazz Indierock Disco Ambient? Das alles in einem dreiviertelstündigen Track, auf zwei LP-Seiten aufgeteilt, servieren F.S.K., die Avantgardeinstitution aus München seit 37 Jahren. Im gemächlichen Midtempo, das zum Kopfnicken eher verführt als zum Abhotten, ackert sich das Quintett entspannt durch einen Querschnitt seiner Möglichkeiten. Wie so oft bei der Avantgarde erstaunt auch hier, wie eingängig das Experiment sein kann.

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Roberta Bergmann – Braunschweig: Das Aus- und Weitermalbuch – Verlag Andreas Reiffer 2017

Von Matthias Bosenick (14.09.2017) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Zwei erste Gedanken: Schon wieder ein Malbuch? Und: ausgerechnet über Braunschweig? Malbücher sind seit Jahren ein Trend und das Stadtmarketing ist wohl Wunschleser, denkt man – vor dem Blättern. Danach ist alles anders: Ein „Aus- und Weitermalbuch“ konzipierte Tatendrang-Designerin Roberta Bergmann, sie ließ inmitten der noch farblosen Attraktionen Leerstellen, die der Nutzer selbst zu füllen hat. Der Stadt ringt sie und dem Nutzer verlangt sie damit neue Perspektiven ab. Das macht das Heftlein für mehr als Kinder und entfernt lebende Verwandte attraktiv. Und lustig.

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Therapy? – Communion: Live At The Union Chapel – Therapy? 2017

Von Matthias Bosenick (13.09.2017)

Ein zweigleisiges Schwert, das Therapy? hier zücken: Sie feiern ihre eigene Jugend, indem sie alte Songs zelebrieren, und tun dies in neuen Versionen, akustischen nämlich. Da kommen beide Gefühle auf: Nostalgie und Ausverkauf. Die Songs sind gut, die Darreichungsform indes ist nicht immer angemessen. Das Geheminsvoll-Düstere der frühen Songs geht verloren, das Singalong hat einen faden Beigeschmack, und doch strahlen die Stücke eine vertraute Kraft aus, für die man die Nordiren seinerzeit zu lieben lernte. Sie werden alt? Oder man selbst?

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Human – Human – Sireena/Broken Silence 2017

Von Matthias Bosenick (12.09.2017)

Unter dem formidabel googlebaren Namen Human taten sich Vater und Sohn Hönig aus Hagen zusammen: Ein Krautrock-NDW-Gitarren-Veteran sowie ein Beatproduzent und Gastgitarrist bei Rappern. Liest sich seltsam, aber in dieser Kombination dominiert keine von beiden Prägungen, und das macht „Human“ wieder interessant. Es ist noch nicht einmal ein irgendwie gitarrenlastiges Album geworden. So richtig rockig wird es erst im dritten Track, vielmehr erzeugen die beiden Hönigs flächige Räume, in denen sie sich gegenseitig unaufgeregt, untertourig und repetetiv agieren lassen. Mit gelegentlichen Ausflügen ins All.

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Solbrud – Vemod – Vendetta Records 2017

Von Matthias Bosenick (04.09.2017)

Wenn die ersten zweieinhalb Minuten aus dunklem, klaren Gitarrenplingpling bestehen und man sich im Anlauf auf ein Gothic-Album wähnt, wenn die volle Instrumentierung dann das Genregefühl nicht wesentlich verändert, trotz malmendem Sounds, wenn es weitere zwei Minuten braucht, bis endlich das Tempo der Bassdrum anzieht: Dann steckt man mitten im modernen Black Metal und im dritten Album der jungen Dänischen Band Solbrud. Hier geht es nicht um Brutalität der Brutalität wegen, hier geht es um Atmosphären und Groove, ums Fallenlassen und ums Wegdriften. Hier geht man auf im geordneten Lärm. Vier neue Stücke, die Solbruds Größe untermauern.

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Dominic Razlaff – Gentle – Beluga 2017

Von Matthias Bosenick (03.09.2017)

Wie jemand im Grunde mit nur einem einzigen Sound derart viele verschiedene Stimmungen erzeugen kann: Das ist die große Kunst im Ambient. Dominic Razlaff alias DR aus Braunschweig kann das. „Gentle“ ist eines seiner jüngsten Produkte (das wie vielt jüngste, weiß man bei dem Vielveröffentlicher nie so genau), und es erscheint als Kassette mit nur einem fast 20 Minuten langen Track. Man könnte es als Einschlafmusik bezeichnen, das funktioniert bestimmt ganz gut, aber dann versäumt man einen schieren Atlas an akustischen Landschaften.

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The Eden House – Songs For The Broken Ones – Jungle Records 2017

Von Matthias Bosenick (31.08.2017)

Trip Goth! Allein dafür, dass es gelingt, auch im neuen Jahrtausend noch neue schlüssige Genrebezeichnungen zu finden und mit nachvollziehbar abtrennbarem Inhalt zu füllen, gebührt The Eden House aller Respekt. Und dann ist deren Trip Goth auch noch gut, auch auf dem dritten Album in fast zehn Jahren. Sowohl das Trippige als auch das Gothige kommt vom selben Instrument, nämlich vom Bass, und den Rest strickt die Band mit 50 Mitgliedern passend drumherum, nämlich wavige Melodien und Tempi, hymnisch-pathetische Harmonien und ausschließlich weibliche Stimmen. Als Referenz seien hier die Fields Of The Nephilim genannt, und das nicht ohne Grund, spielen die bei The Eden House doch wesentlich mit.

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Nektar – Live In Bremen – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (28.08.2017)

Ist Siebziger-Jahre-Progrock aus Deutschland eigentlich automatisch Krautrock? Auch, wenn er von Engländern gespielt wird? Die Band Nektar starteten diverse Briten 1969 in Deutschland, mit allem, was dazugehört: Weltraum- und Fantasy-Themen, ausuferndes Gegniedel, Soli mit allen verfügbaren Instrumenten inklusive Orgel, Tracklängen um die 20 Minuten. Nach einer zwanzigjährigen Pause bis zum Jahr 2000 waren sie seitdem bis 2016 aktiv, zumindest noch mit zwei Gründungsmitgliedern. „Live In Bremen“ beinhaltet einen Auftritt aus dem Jahr 2015, der alle Qualitäten und Epochen der Band abbildet, bloß etwas dünner. Wüsste man nicht, dass das Material authentisch ist, wäre das Album langweilig. So ist es ein Dokument.

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Dead Cross – Dead Cross – Ipecac 2017

Von Matthias Bosenick (27.08.2017)

Als Metal-Supergroup mit Mike Patton und Dave Lombardo (beide auch bei Fantômas) sowie zwei in dem Genre eher Unbekannten werden Dead Cross im Internet und in der Fachpostille vermarktet. Na ja: Das Tempo ist hoch, das stimmt, aber die Gitarren sind es auch, und das lässt vielmehr an Punk oder harten Rock denken als an Metal. Und dann stellt man fest, dass die vermeintlichen Unbekannten Mike Crain und Justin Pearson genau aus der Punk-Hardcore-Ecke kommen, von The Locust unter anderem. So wird ein Schuh draus, und den trägt man gern: Melodien, Geschrei, Riffs, Groove, alles drin, was Spaß macht. Man muss sich nur von dem Irrtum lösen, es ausschließlich mit Metal zu tun zu haben.

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