Dumbo – Tim Burton – USA 2019

Von Matthias Bosenick (25.04.2019)

Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Wollte sich Tim Burton, wie weiland Peter Jackson mit „King Kong“, einen Kindheitswunsch erfüllen? Dann hätte er „Dumbo“ besser privat für sich drehen sollen. Sein Remake des Disney-Zeichentrickklassikers von 1941 lässt beinahe alles vermissen, was man von einem Burton-Film erwartet: das Märchenhafte, das Fantastische, das Spukige, das Skurrile, den subtilen Humor, die melancholische Tragik, die schlagfertigen Dialoge, die bemerkenswerten Charaktere. Burton versteckt seine wenigen guten Ideen in einer stressig aneinander montierten, in sich aber dünnen Geschichte, und findet erst am Ende die Ruhe, die der ganze Film verdient hätte. Außerdem lässt er den Titelhelden viel zu kurz kommen. Enttäuschend.

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Front Line Assembly – Wake Up The Coma – Metropolis 2019

Von Matthias Bosenick (17.04.2019)

Da ist Bandchef Bill Leeb sowas von stolz auf das neue Album seines musikalischen Hauptbetätigungsfeldes, insbesondere auf die erste Coverversion in der Geschichte von Front Line Assembly, holt sich Mitgründer Rhys Fulber zum dritten Mal zurück und garniert sich mit Gästen aus allen Dunkel-und-düster-Richtungen, und dann ist das Album so merkwürdig durchwachsen. Da kann der Herr Fulber sonstwas in seiner Biografie gerissen haben – der Tod von Jeremy Inkel wiegt schwer, den Zauberer kann er nicht ersetzen, seitdem schwächelt die alte EBM-Institution. Einmal mehr.

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Serge Roon – Augentrost: Ein Stummfilm – Serge Roon 2018

Von Matthias Bosenick (15.04.2019)

Mit seinem neuesten Buch kehrt Serge Roon zumindest formal zurück zu seiner einstigen Profession: Der frühere Intendant des Celler Schlosstheaters verfasst „Augentrost“ als Theaterstück. Darin lässt er ein Mädchen und dessen Großeltern während eines unbestimmten Krieges die Normalität suchen und mühsam dagegen ansteuern, den dünnen Firnis der Zivilisation zu verlieren. Mit reduzierten Worten erzeugt Roon Beklemmung und Finsternis, legt aber auch zynischen Humor in seine seelischen Grausamkeiten. Mit Text bedruckt sind überdies lediglich die ungeraden Seiten: Die geraden gestaltete Grafiker Ferdinand Georg. So viel Spoilern darf sein: Um einen „Stummfilm“ handelt es sich hierbei nicht.

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Cameraoscura – Quod est inferius – Toten Schwan Records 2019

Von Matthias Bosenick (12.04.2019)

Das Vorhaben darf man als erfolgreich gescheitert betrachten: Besonders evil und dark und gruselig und böse erscheinen will das Duo Cameraoscura mit seinem Debütalbum „Quod est inferius“ – und dann entpuppt sich deren Drone-Industrial als so wunderschön harmonisch, dass man es sich beinahe im Radio gespielt imaginieren mag. Damit entfernen sich die beiden Musiker von dem Klischee, das sie rein über die gruftigen visuellen Anteile des Albums selbst initiierten, und bieten vielmehr etwas Eigenes, indem sie Lärm und Schönheit in dieser überraschenden Weise eingängig verquicken. Will man dringend öfter hören.

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Der Weg einer Freiheit – Live in Berlin – Season Of Mist/Viva Hate 2019

Von Matthias Bosenick (10.04.2019)

Nach vier Alben in zehn Jahren Bandgeschichte kann man ruhig mal ein Konzert als Doppel-LP veröffentlichen, oder? Die Songs klingen ungefähr ziemlich sehr so wie auf Platte – das kann man gut finden, weil die Band damit belegt, wie gut sie ihr Handwerk beherrscht, oder auch schlecht, weil man die Studio-Platten ja auch schon im Regal stehen hat. Egal: Konzerte von Der Weg einer Freiheit sind kompakt und intensiv, ihr Black Metal trägt das Präfix Post und überhaupt hat man es mit einer herausragenden Band zu tun. Außerdem ist das Vinyl einfach hübsch.

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The Young Gods – Data Mirage Tangram – Two Gentlemen 2019

Von Matthias Bosenick (09.04.2019)

Seit 34 Jahren dabei, die Schweizer Erfinder dessen, was in den USA später als Industrial bezeichnet wurde und was die Young Gods selbst schon lang nicht mehr machen: Auf „Data Mirage Tangram“ setzen sie vielmehr ihre drogeninduzierten Soundtrips fort, obgleich mit Gitarreneinsatz, so doch weniger auf Härte ausgelegt als auf ein akustisches Vorankommen. Dringlich und zwingend untermauert auch dieses Album, dass die Young Gods noch nie in ihrer Laufbahn enttäuscht haben. Von solchen Musikern gibt es nicht viele, zumindest mit mehr als ein, zwei Alben im Köcher.

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Frank Schäfer – Jagdszenen in Niedersachsen – Verlag Andreas Reiffer 2019

Von Matthias Bosenick (02.04.2019)

In, nicht aus: Frank Schäfer kompiliert bereits in Magazinen und Zeitungen veröffentlichte Texte, in denen sein Heimatbundesland eine wie auch immer geartete Rolle spielt. Damit ist das Grundkonzept auch schon umrissen, denn die Beiträge spiegeln in ihrer Unterschiedlichkeit die breite Stilpalette des sprachgewandten Dr. phil. wieder, in Bezug sowohl auf die Themen als auch auf die Textgattungen sowie die Stimmungen. Trotz des vielen Beiträgen zugrundeliegenden Humors ist Schäfers Ziel nicht jedes Mal die Pointe, und nicht selten bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken und man bekommt Angst vor den Niedersachsen, besonders denen im ländlichen Bereich, und wenn man diesem entstammt, weiß man, dass jede Angst berechtigt ist. Aber: Provinz findet allein in den Köpfen statt, und das weiß der Autor nicht nur, sondern offenbart es auch anschaulich. Letztlich zählt, dass man über sich selbst lachen kann, und das gilt auch und besonders für Niedersachsen.

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Hommage an das Marsupilami – Carlsen 2018

Von Matthias Bosenick (27.03.2019)

Die Rechteinhaberei an André Franquins fabulösen Comictier Marsupilami ist nach Jahrzehnten an den Verlag Dupuis zurückgekehrt, und nun darf es im Rahmen der Comicreihe „Spirou & Fantasio“ nicht mehr nur aus des verstorbenen Erfinders Hand gezeichnet sein. Flugs setzten sich die derzeitigen Hauptseriengestalter Vehlmann und Yoann zusammen und kritzelten das schwarzgelbe Amazonastier mit den herausragenden Fähigkeiten in das bislang letzte Album „Der Zorn des Marsupilamis“. Parallel läuft die von Batem nach Franquins Tod fortgeführte eigene Serie des Marsupilamis, in der es häufig gegen Urwaldabholzungen, Naturzerstörungen und Großwildjagd geht. Diesen Geist nahmen zumeist auch die Zeichner-Texter-Teams auf, die in diesem ersten Band eine „Hommage an das Marsupilami“ kreierten. Die Stilpalette ist weit, die Themenvielfalt hingegen orientiert sich eng an Franquins kritischem Geist.

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Kuhn Fu – Chain The Snake – Berthold Records 2019

Von Matthias Bosenick (25.03.2019)

Ist Musik nicht eindeutig in eine Schublade packbar, fallen als erstes Begriffe wie Jazz oder Progressiv, wenn nicht Avantgarde. Auf Kuhn Fu trifft alles davon zu: Ihre bassklarinettendominierte Fusion verleiht der Rockmusik auf dem vierten Album „Chain The Snake“ unerwartete Winkel und nimmt ihr herkömmliche Popsongstrukturen. Einige Analogien liegen nahe, von Zappa bis Mr. Bungle. Wie oft bei solch abstrakter Komposition bestaunt das Gehirn das Handwerk und zuckt die Seele mit den Schultern. Zunächst: Kuhn Fu – nicht nach Paul benannt – legen Wärme in ihre Musik, darin fühlt sich alsbald auch die Seele wohl.

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Vom Lokführer, der die Liebe suchte… – Veit Helmer – D 2019

Von Matthias Bosenick (21.03.2019)

Ein Film ohne Worte und trotzdem ohne Langeweile: Veit Helmer zaubert wieder. Den an Feelgood-RomComs gemahnenden Titel muss man ignorieren, denn um eine Schmonzette handelt es sich hier nicht. Vielmehr bricht der Hannoveraner einmal mehr mit Film-Sehgewohnheiten: Er lässt seine Figuren schweigend, aber Dank der Bilder dennoch mit Inhalt interagieren, und schickt seine Hauptfigur, einen in die Jahre gekommenen Diesellokführer, in Aschenputtel-Manier auf die Suche nach der Trägerin eines BHs, der sich bei der Durchfahrt durch eine engbebaute Siedlung an seiner Eisenbahn verfing. Helmer gelingt eine detailverliebte, visuell einnehmende Geschichte, die ihre Schwächen ausgerechnet beim Kern hat: zu viel Brust, zu wenig Handlung. Ansonsten: ein Fest.

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