Der Finger – Le Cinqve Stagioni – Toten Schwan Records 2019

Von Matthias Bosenick (21.02.2019)

Herrliche Entspannungsmusik! Sofern man dafür offen ist: Der Finger aus Moskau legen einen Teppich aus Lärm, über den sie mit einem Saxophon spazieren und um den herum wilde Tiere brüllen. Sie schmeißen Maschinen an, ergehen sich im Experiment und malen riesig das Wort „Jazz“ über ihre Drones. In fünf überlangen Tracks arbeitet sich die Band an der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson ab. Aber nicht unstrukturiert, das Trio geht rhythmisch und bisweilen sogar mit einem am Krautrock orientierten Groove vor. Wundervoll!

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New Model Army – Night Of A Thousand Voices – Attack Attack 2018

Von Matthias Bosenick (20.02.2019)

Anstatt sich einen Chor mit auf die Bühne zu holen, verpflichten New Model Army kurzerhand ihr eigenes Publikum dazu, ihre Songs mitzusingen. Heraus kommt ein Livealbum, wie es dies vermutlich bislang vorher noch nie gab: Die Band spielt, aber der Gesang kommt nicht (ausschließlich) von Justin Sullivan und den anderen Musikern, sondern von den Fans. Die sind ohnehin textsicher und verwandeln das zweiabendige Konzert in eine Heilige Messe mit Stadionflair. Die ausgelassene Stimmung wirkt sogar zu Hause, die Songs sowieso. Was für ein Spaß!

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25 km/h – Markus Goller – D 2018

Von Michael „Schepper“ Schaefer (17.02.2019)

Irgendwas geht immer am Wochenende. Wir sind schließlich in Braunschweig“, antwortete Serge, als ich ihm sagte, dass ich noch nicht wisse, was ich abends machen würde.

Und er hatte Recht. Mein Samstagabendsdeckeaufdenkopffall-Syndrom trieb mich also ins kleine, feine Universum-Kino und in den Film „25 km/h“, den ich eigentlich schon längst gucken wollte.

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Pree Tone – Kiddy – (abhängig label)/Geertrudia 2018

Von Matthias Bosenick (06.02.2019)

Das ist Janusmucke: Der Blick von Pree Tone geht zeitgleich auf die eigenen Schuhe und ins All. Die Ukrainer machen auf ihrem neuen Album „Kiddy“ einen in den Neunzigern verwurzelten Indie-Noiserock, aber strukturiert genug für harmonische Ausflüge zwischen Effektpedalen und Unendlichkeit. Das ist eskapistischer Wall-Of-Sound-Lärm, der trotzdem rockt und groovt. Rund 30 Jahre nach Erfindung solcher Sounds ist es natürlich schwierig, noch etwas Neues zu kreieren, aber: Etwas Eigenes gelingt Pree Tone auf jeden Fall.

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Mirrors For Psychic Warfare – I See What I Became – Neurot Recordings 2018

Von Matthias Bosenick (31.01.2019)

Bei den ganzen Projekten, die der umtriebige Scott Kelly neben Neurosis so betreibt, kann man schon den Überblick verlieren, besonders, wenn man spät versucht, da noch einen Einstieg zu finden. Den sucht man dann vielleicht am besten über ein Projekt, das erst das zweite Album vorweist: Mirrors For Psychic Warfare, zusammen mit Sanford Parker (unter anderem bei Buried At Sea). Und was man da bekommt! Neurosis-Sludge-Drone durch den Industrial-Fleischwolf gedreht, also schleppenden Noise, aber mit Harmonien, Melodien und einem unerwartet klaren Gesang. Zählt zum Besten des vergangenen Jahres.

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NothingButNoise – Formations Magnétiques et Phénomènes D’incertitude – db2fluctuation 2018

Von Matthias Bosenick (30.01.2019)

Das ist Redundanz auf hohem Niveau: Wer viel macht, wiederholt sich bisweilen, und die beiden (zur Hälfte früheren) Front-242-DBs Daniel Bressanutti und Dirk Bergen produzieren sowohl für sich (Daniel .B. Prothèse) als auch unter dem Alias Nothing But Noise (hier indes mal ohne Leerzeichen) so viel Musik, dass es sich für das Jahr 2018 auf mindestens circa vielleicht acht Veröffentlichungen summiert. Die allesamt jedoch eeeeetwas spannender sind als das vorliegende Doppel-Album, auf dem sich das Duo mit analogem Equipment in blubberndem Ambient nach alter Berlin-Schule mit Jean-Michel-Jarre-Einschlag ausschläft. Das machen sie schön und angenehm hörbar, aber so sehr nicht zum ersten Mal, dass man leider nicht das Gefühl hat, das Album dringend zu brauchen. Außer für die vollständige Sammlung und mal zum Einschlafen, wenn Justus, Bob und Peter gerade keine Zeit haben.

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Loro – Paolo Sorrentino – I/F 2018

Von Matthias Bosenick (29.01.2019)

„Er“ steht im Mittelpunkt, auch in Abwesenheit: Der göttliche Paolo Sorrentino dreht einen Sittengemälde-Politfilm, der sich lose an dem Bild orientiert, das die Öffentlichkeit von Italiens mehrfachem Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi hat. Zwar fällt die Vokabel „Bunga Bunga“ nie, doch kann Sorrentino ausgelassene Feste bei dem Thema natürlich nicht auslassen. Damit beschert er gewohnt opulente Bilder und versetzt diese, anders als zunächst erwartet, mit Handlung und Dialogen. Und obwohl der Zweiteiler in Deutschland lediglich in einer auf gut zweieinhalb Stunden gekürzten Fassung läuft, ist er immer noch lang – und keine Minute überflüssig. Beeindruckender Mix aus Bewunderung und Abscheu.

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Wolfskull – Wolfskull – Wolfskull 2018

Von Matthias Bosenick (25.01.2019)

Eine Mischung aus Klassik und Free Jazz, könnte man sagen, macht das Duo Wolfskull: Während Yvonne Nussbaum lieblich das Klavier oder die Orgel betupft, randaliert Jörg A. Schneider dezent auf seinem Schlagzeug herum. Liest sich merkwürdig, passt aber perfekt: Trotz der nervösen Drums hat dieses Debüt etwas Entspannendes. Spannend, was die einstigen Wegbegleiter von Les Hommes Qui Wear Espandrillos aus Hückelhoven inzwischen so miteinander fabrizieren!

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Anne Clark & Thomas Rückoldt – Homage: The Silence Inside – After Hours Productions 2018

Von Matthias Bosenick (21.02.2019)

So ganz still und heimlich wirft Anne Clark nach zehn Jahren Scheinpause ein neues Album auf den Markt, vertrieben ausschließlich über ihre Webseite. Als Verbündeten suchte sie sich das unbeschriebene Blatt Thomas Rückoldt aus Jena, die Texte stammen zum zweiten Mal nicht von ihr: Mit Soundscapes oder Piano unterfüttert, rezitiert Clark Lieblingsgedichte von Lieblingsdichtern. Verglichen mit dem Vorgängeralbum „The Smallest Acts Of Kindness“ beinahe enttäuschend minimalistisch, Tanzflächenfüller sind gar nicht enthalten. Doch gibt man dem Album eine Chance, öffnen sich die positiven Seiten und man gewinnt es lieb.

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Carsten Bohn’s Bandstand – Brandnew Oldies Vol. IV – Big Note 2018

Von Matthias Bosenick (16.01.20019)

Der Gott der Hörspielmusik, der Bert Brac der Rechtsstreitereien, der Ex-Schlagzeuger von Frumpy: Carsten Bohn bündelt viele Attribute, die sich sämtlich in der 2004 mit dem eigens reaktivierten Bandstand gestarteten Reihe „Brandnew Oldies“ niederschlagen. Nach neunjähriger Pause und dem Rauswurf aller Begleitmusiker legt Bohn nun den vierten Teil seiner neu eingespielten Hörspielmusiken vor, die er ursprünglich bis zum Rechtstreit 1983 für das Europa-Label komponierte und die bei den meisten Hörern der entsprechenden Serien – von Die Drei Fragezeichen über Gruselserie und Fünf Freunde bis TKKG – noch heute ein heimeliges Gefühl erzeugen. Doch dieses Mal enttäuscht Bohn: Entweder ist das Erinnerungsvermögen des Hörers sehr schlecht – oder er veränderte die Stücke wirklich bis zur Unkenntlichkeit.

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