Goethes Erben – Lazarus – Dryland Records 2017

Von Matthias Bosenick (14.11.2017)

Schön, dass Erwachsene zum Meinungswechsel in der Lage sind: Unter anderem als Reaktion auf illegale Downloads und entgangene Umsätze legte Oswald Henke vor zwölf Jahren seine Goethes Erben auf Eis und wies sämtliche künftige Tonträgerveröffentlichungen als utopisch von sich, inzwischen lässt er beides wieder zu. Die jüngste Veröffentlichung seiner neu besetzt reanimierten Neue-Deutsche-Todeskunst-Band ist eine 12“ mit zwei Stücken, ein sehr kraftvolles zur politischen Lage und eines ohne das Trademark, für das man die Band vor über 25 Jahren ins Herz schloss. Bonus: Die anschaulichen optischen Gimmicks kann man nicht downloaden.

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The Blow Monkeys – The Wild River – Monks Road Records 2017

Von Matthias Bosenick (10.11.2017)

Trotz einiger Hits in den Achtzigern erinnert sich fast niemand an die Blow Monkeys. „The Wild River“ ist dabei nicht einmal eine Comebackplatte, die erschien bereits vor fast zehn Jahren, seitdem sind sie kontinuierlich aktiv, unbeachtet von den Massen. Musikalisch schließt „The Wild River“ dabei nicht an die einstigen Erfolge an, nicht einmal an die jüngeren, etwas rockigeren Alben, sondern eher an das Solodebüt des Sängers Dr. Robert, „Realms Of Gold“ von vor 23 Jahren: an Erwachsene gerichtete soulige Midtempo-Popmusik mit Folkeinschlag und Saxophon. Ohne die Stimme von Dr. Robert wäre das sicherlich nicht halb so goutierbar.

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Kiev Stingl – Hart wie Mozart/Ich wünsch den Deutschen alles Gute – Sireena 2017

Von Matthias Bosenick (06.11.2017)

Kiev Stingl hat schlechte Laune und in Achim Reichel einen versierten Mann an der Seite, der seine Grantigkeit in Musik fassen lässt. Vier Alben nahm der Hamburger zwischen 1975 und 1989 auf, die beiden mittleren – „Hart wie Mozart“ (1979) und „Ich wünsch den Deutschen alles Gute“ (1981) – veröffentlicht Sireena Records jetzt kurz nach dem Debüt „Teuflisch“ ebenfalls auf CD. Erwartet man bei einem Protegé wie Reichel einen Sound zwischen Beat und Psychedelik, wundert man sich doch über die Songs, die vielmehr an Postpunk oder gar Wave Rock anlehnen. Dabei ging es bei den Alben hauptsächlich darum, den an die US-Beatpoeten angelehnten Texte Stingls ein musikalisches Gewandt zu verpassen. Eine gelungene Kombination.

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The Square – Ruben Östlund – S/D/DK/F 2017

Von Matthias Bosenick (06.11.2017)

Dieser Film wirkt in der Nachbetrachtung eindrucksvoller als in der Betrachtung. Fast zweieinhalb Stunden kaum Handlung, einige filmische Ästhetik und grandiose Spitzen gegen die westliche Gesellschaft fordern das Sitzfleisch heraus, belohnen aber mit Erkenntnissen, die man als kritischer Beobachter gern abnickt und die man in dem doch weitaus komplexeren Drehbuch ausmacht, das man erst rückblickend würdig erfasst. Anhand des zeitgenössischen Kunstbetriebs entblößt der Schwede Ruben Östlund hier das egozentrierte Individualverhalten des ursprünglich einmal sozialen Wesens Mensch. An vielen Stellen hätte man sich indes Straffungen gewünscht, der Wucht der Inhalte zum Vorteil.

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Stranger Things 2 – The Duffer Brothers – Netflix 2017

Von Matthias Bosenick (06.11.2017)

Die ersten zwei Drittel der zweiten Staffel von „Stranger Things“ knüpfen mitreißend an das Überraschungsdebüt der Duffer Brothers an, dann steigt ihnen plötzlich das Konzept zu Kopfe. Der Schluss zieht die Freude an der liebevollen Achtziger-Geschichte mit den überzeugenden Charakteren ins Beliebige, in den Zitatetrash, dem die Geschichte zu folgen hat, anstatt umgekehrt. Unter diesem Umständen hält sich die Vorfreude auf die dritte Staffel leider in Grenzen.

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Kategorie TV

Renatus Töpke & Patrick Schmitz – Wer malen will, muss voll aufdrehen – Verlag Andreas Reiffer 2017

Von Matthias Bosenick (28.10.2017) | Auch veröffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog

Teil drei der sehr speziellen Malbuchreihe: Schallplattencover aus Heavy Metal, Rock und sonstigen gitarrenbetonten Musikgenres um ihre Farben beraubt als schwarzweißlinierte Grundlage fürs eigene Kolorieren. Das Konzept trägt immer noch: Hier sind gemeinsames Gestalten zwischen Eltern und Nachwuchs ebenso möglich wie das Erweitern des musikalischen Horizonts, da kaum jeder sämtliche ausgewählten Alben kennen dürfte. Größter Coup ist wohl, dass das Debüt „Tale Of Goblins‘ Breed“ von Salem‘s Law enthalten ist, der Band mit dem Braunschweiger Schriftsteller Frank Schäfer.

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Myrkur – Mareridt – Relapse 2017

Von Matthias Bosenick (27.10.2017)

Auf zum nächsten Entwicklungsschritt: Machte Amalie Bruun 2014 noch damit Furore, dass die einstige Popsängerin (einst Minks und Ex Cops) sich unter dem Namen Myrkur als Ein-Frau-Black-Metal-Projekt etablieren wollte, was in traditionellen BM-Kreisen auf erwartbaren Widerstand stieß, aufgeschlossene Hörer aber nicht nur aufhorchen ließ, und stieß sie ihr gewonnenes Publikum später mit einer sakral anmutenden Live-EP vor den Kopf, integriert sie nun auf ihrem zweiten vollwertigen Album „Mareridt“ folkloristische Elemente in ihren Sound, die deutsche Gruftis an Mittelalterbands erinnern könnten, aber selbstredend von höherer Qualität sind. Dieser postmoderne Black Metal erstaunt immer wieder.

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The Black YO)))GA Meditation Ensemble – Earth Portals – The Innervenus Music Collective 2017

Von Matthias Bosenick (17.10.2017)

Yogamusik für Leute, die bei Yogamusik aggressiv werden: Auf seinem zweiten Album verfeinert das Black YO)))GA Meditation Ensemble seine Herangehensweise an Soundscapes für Yogarituale. Hatte „Asanas Ritual, Vol. 1“ noch den Aufbau, der dem Titel folgte, erscheint „Earth Portals“ eher wie eine Experimentiergelegenheit für die Musiker. Entspannavantgarde quasi, mit Dröhnen, Lärm, dunklen Flächen, Hallchören, Geschepper, bedrohlicher Stimmung und erheblichem Gruselfaktor. Sowas kriegen Gruftbands nicht mehr hin. Funktioniert auch abseits der Yogamatte.

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Grass Harp: Cosmic Voyage – Live im Kulturzentrum Hallenbad in Wolfsburg am 14. Oktober 2017

Von Matthias Bosenick (16.10.2017)

Ist das wirklich schon fast neun Jahre her? Seit Silvester 2008 gaben die ursprünglich Velpker Psychedeliker Grass Harp keinen Gig mehr in Wolfsburg (und auch sonst fast nirgendwo). Das angenehm würdevoll gereifte Quintett spielte Hits aus allen Schaffensperioden, also vom frühen Riffrock über den Fields-versetzten Stoner bis zur freakigen Disco. Wiederhören machte Freude, das Wiedersehen im Publikum aber auch. Unklar, was überwog. Ein schöner Abend, der alle Erwartungen erfüllte, es dabei aber auch beließ.

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Cryptic Brood – Brain Eater – Xtreem Music 2017

Von Matthias Bosenick (07.10.2017)

Zu dritt solch ein Spektakel veranstalten, herrlich! Cryptic Broods Variante von Metal vereint virtuos das Schnelle des Thrash, das Tiefe des Doom, das Schleppende des Sludge und den Spaß des Splatterfilms. Und wenn der Titel „Brain Eater“ hundertmal nach böse und blutrünstig klingt, man hört es dem Trio an, dass es eine Riesenfreude daran hatte, das Album einzuspielen. Das funktioniert, weil Cryptic Brood ihre Sache trotzdem ernstnehmen und die Musik schlüssig variantenreich im Sinne des Genres (oder besser: der Genres, eines allein reicht nicht) darbieten. Da bleiben keine Wünsche offen.

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