Jörg Hiecke/René Seim (Hg) – Ich liebe Musik Vol. 2 – Windlustverlag 2020

Von Matthias Bosenick (30.03.2020)

Ein überwältigend bewegendes Buch. Die Vorgabe von Ideen- und Herausgeber Jörg Hiecke war, etwas zum Titelthema „Ich liebe Musik“ zu verfassen und dabei ein spezielles Lied hervorzuheben. 69 Beiträge sammelte er mit Verleger René Seim, die sie nun in diesem Kompendium bündeln. Da die beiden Dresdener sind und sich die Vielzahl der Beitragenden aus dem näheren Umfeld fanden, bekommt man berührende Geschichten über Musikfansein in der DDR, zur Wendezeit, nach dem Mauerfall – und sowieso von ganz vielen Momenten erzählt, in denen Musik eine wegweisende Wirkung auf die Verfasser hatte. Wehmut ist ein beherrschendes Gefühl, und Liebe, auch ungenannt, sowieso. Eine grandiose Idee, 21 Jahre nach dem ersten Mal immer noch, mit einem grandiosen Ergebnis.

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Sqürl – Some Music For Robby Müller – Sacred Bones Records 2020

Von Matthias Bosenick (24.03.2020)

Wer überhaupt ist Robby Müller?! In jedem Fall verdient er einen chilligen Soundtrack: Das Drone-Noise-Duo Sqürl, eigentlich die Filmmusik-Hauskapelle von Regisseur Jim Jarmusch, webt transzendentale Teppiche aus den vertrauten Lärmzutaten, nur ohne die Dissonanzen. Also eher Ambient als Drone, eher Schwermut als Zorn. Was man mit herkömmlichem Rockmusikinstrumentarium alles so hinbekommt! Ein traumhaftes Traueralbum für – nicht nur – Jarmuschs früheren Kameramann Robby Müller, der 2018 verstarb.

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Ritual Tension – It’s Just The Apocalypse, It’s Not The End – Ritual Tension 2020

Von Matthias Bosenick (19.03.2020)

Beinahe aus heiterem Himmel tut sich das experimentelle New Yorker No-Wave-Trio Ritual Tension wieder zusammen, um ein neues Statement zu Zeit und Welt abzugeben: „It’s Just The Apocalypse, It’s Not The End“ lautet der Titel des ersten Albums seit den Achtzigern. Und es klingt, als wären weder Zeit noch Welt vergangen: schmutziger Fuzzrock, weitgehend unmelodischer Gesang, mitreißende Energie, unpoppige Strukturen bei gleichzeitiger Eingängigkeit der Songs – ein fettes Ding!

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Sepultura – Quadra – Nuclear Blast 2020

Von Matthias Bosenick (18.03.2020)

Album Nummer 15 in 36 Jahren: Sepultura pfeifen auf ihre Historie und die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und thrashen sich munter übelgelaunt durch ein numerologisches Konzept. „Quadra“ ist ein gewaltiges, abwechslungsreiches Metal-Brett, dem sogar ein eingestreutes Krönchen aus Orchesteropulenz sehr gut steht. Es wirkt, als hätten die Brasilianer einiges an Altlasten abgeschüttelt und bolzten nunmehr befreit und beflügelt herum. Tut gut!

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Jambattista – Seeking The Seeker – Jambattista 2020

Von Matthias Bosenick (16.03.2020)

„Die Todten reiten schnell“, behauptet der instrumentale Opener, und lügt: Der rockbasierte Stilmix des Moskauer Duos Jambattista reicht zwar von Psychedelic über Stoner bis Doom, doch so richtig Tempo machen die Oleg und Vitaly nicht, klingen dafür aber recht lebendig. Schnell sein müssen sie auch nicht, um ein fantastisches Rockenrollalbum einzuspielen: „Seeking The Seeker“ macht für die Genreverankerungen überraschend gute Laune und klingt beileibe nicht nach nur zwei Leuten. Gelungenes Albumdebüt!

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Schneider Collaborations – (Z)erpent/Corder – Jörg A. Schneider 2020

Von Matthias Bosenick (13.03.2020)

Nach dem Viererschlag 2018 veröffentlicht Schlagzeuger Jörg A. Schneider nun zunächst zwei neue Alben seiner Reihe Schneider Collaborations gleichzeitig auf Vinyl: eines mit dem Gitarristen (Z)erpent aus Taipeh und eines mit dem Gitarre- und Elektro-Experimentatoren Nathan Corder aus Oakland. Beide Zusammenarbeiten wurden auf verschiedenen Kontinenten getrennt aufgenommen – und beide drücken das Gefühl der Freiheit aus, die die Beteiligten sich damit erfüllen, dass sie sich im Grunde an keinerlei musikalisches Regulatorium halten. Schwere Kost, keine Hintergrundbeschallung, aber zutiefst beeindruckend.

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Spezial: addicted/Noname Label aus Moskau, Teil 4

Von Matthias Bosenick (11.03.2020)

Einen vierten Schwung CDs brachte das Label addicted/Noname auf den langen Weg von Moskau nach Braunschweig, gefüllt mit einer feinen ergänzenden Auswahl aus dem eigenen Repertoire. Mit dabei sind dieses Mal: IWKC alias I Will Kill Chita, Disen Gage, The Grand Astoria sowie auf der Doppel-CD zum Psych-Fest vor einigen Jahren zwei Dutzend weiterer höchst beeindruckender Bands. Wer es nicht physisch erwerben möchte, hat auf der Bandcamp-Seite des Labels beste Gelegenheit zum Download.

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Pet Shop Boys – Hotspot – X2/Sony 2020

Von Matthias Bosenick (09.03.2020)

Schon längst keine Boys mehr, aber immer noch taufrisch: Auf dem 14. Studioalbum „Hotspot“ finden sich sicherlich keine Radiohits mehr, wie sie die Pet Shop Boys von Mitte der Achtziger bis Mitte der Neunziger weltweit aus dem Ärmel schüttelten, aber das Album ist gleichzeitig auf der Höhe der Zeit (okay, die Gegenwart hat strenggenommen keine musikalische Höhe) und ganz nah am eigenen Post-Achtziger-Synthiepopsound des Duos. Es reiht sich nahtlos ein in den formidablen Soundtrack, den die Pets Shop Boys für so manches Leben stellen. Sie waren schon mal kreativer, sind aber so sehr bei sich, dass man das Album trotzdem gern hört. Clubtunes, Balladen, Popsongs, dazu Siebziger-Disco und der Hochzeitsmarsch: „Hotspot“ bewegt sich in einem vertrauten Rahmen, wenn auch nicht in die Lieblingslisten des Duos. Und keine andere Synthiepopband der Erde war und ist jemals so ernsthaft bei der Sache und gerade deshalb so humorvoll.

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Das Vollplaybacktheater: Helden der Galaxis – Live in der Lindenhalle in Wolfenbüttel am 4. März 2020

Von Matthias Bosenick (05.03.2020)

Einen zweiten Ausflug ins All (nach „Hanni und Nanni go Space“) macht das Wuppertaler Vollplaybacktheater dieser Tage, ebenfalls zum zweiten Mal (nach „Pulp Fiction“) nicht auf Hörspielen basierend, sondern auf Sci-Fi-Hits aus TV und Kino. Also: Zurücklehnen, Assoziationen genießen, lachen, freuen, erinnern – und sich doch der Tatsache bewusst sein, dass es das sympathische Ensemble mit den Drei Fragezeichen noch am überzeugendsten hinbekommt. Ei, Käpt’n!

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Jaz Coleman – Magna Invocatio – Spinefarm Records 2019

Von Matthias Bosenick (03.03.2020)

Jetzt bringt Killing-Joke-Sänger Jaz Coleman eben das gescheiterte Pledge-Projekt unter seinem eigenen Namen heraus. Nicht wild, das Ergebnis zählt: In Sachen Komposition ist der alte Knallkopp sowieso bestens bewandert, als Indierocker ebenso wie in der Klassik, und auf diesem Doppel-Album kombiniert er eben beides, indem er aus bereits existierenden Killing-Joke-Songs fabelhafte Klassikpartituren zaubert. Den mystischen Überbau kann man gepflegt ignorieren, die hohe Qualität dieser Musik nicht: Das ist nicht einfach nachgedudelt, in dieser „Gnostische Messe für Chor und Orchester“ steckt sowas von Musike drin.

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