Arcade Fire – WE – Columbia 2022

Von Guido Dörheide (16.05.2022)

Erstmal der Spoiler vorweg – ein Frontspoiler sozusagen – ich mag Arcade Fire, ich mag die Stimmen von Win Butler und Régine Chassagne und ich mag auch das neue Album „WE“. Ja – es ist pathetisch, ja – Arcade Fire sind sehr schnell vom Indie (auf Superchunks „Merge“-Label) in den Mainstream aufgestiegen, deutlich schneller als U2, vielleicht vergleichbar mit Coldplay, aber nein – sie haben es bei Weitem nicht so gründlich verkackt wie die Letztgenannten (eh klar – kaum ein Kanadier kann es in meinen Augen so schnell so richtig vermackeln).

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Ocean Child: The Songs Of Yoko Ono – Canvasback/Atlantic 2022

Von Matthias Bosenick (16.05.2022)

Wenn man mit den Beatles überwiegend nix anfangen kann, nimmt man Yoko Ono dann in Sippenhaft oder findet man die vermeintlich nervige John-Lennon-Witwe dann erstrecht gut? Auf „Ocean Child“ sammelt Kurator Benjamin Gibbard einen Haufen alter Helden und Jungspunde, die dem Oeuvre der Avantgardekünstlerin anlässlich ihres 89. Geburtstags Tribut zollen – und von der Avantgarde bleibt hier nicht allzuviel übrig. Es ist natürlich schwierig, die aufgrund der Teilnahme von Yo La Tengo, David Byrne, Stephin Merritt und The Flaming Lips erworbenen Neubearbeitungen zu bewerten, wenn man die Originale nicht kennt, weil man für sich den Faktor Sippenhaft zur Anwendung bringt, aber für sich genommen sind die allermeisten der 14 Songs hier eher langweilig. Oder positiv ausgedrückt: Man kann zu diesem Album prima chillen.

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The Black Keys – Dropout Boogie – Nonesuch 2022

Von Guido Dörheide (13.05.2022)

Knapp 34 Minuten zwischen dem Blues des Mississippi Delta und der Relaxtheit eines J.J. Cale und das Wetter spielt auch mit – das reicht für heute zum Glücklichsein absolut aus. Und ein schönes Gespräch mit einem tollen Menschen (das vielleicht vor allem) – aber zu hören, wie Dan Auerbach und Patrick Carney ihren Signaturklang zwischen Blues, Garagenrock, Lo-Fi und der eben schon zitierten Laid-Back-Heit ausleben und zelebrieren, macht unsäglich viel Freude. À propos Freu(n)de: Die beiden Musikanten binden einige Studiogäste mit ein, unter ihnen der mächtige Billy F. Gibbons. Dessen Gitarrenspiel (habe ich schon „bester noch lebender weißer Bluesgitarrist“ gesagt? Nein? Dann denken Sie es sich bitte an dieser Stelle.) sich anscheinend auch Auerbach zum Vorbild genommen hat, so lässig und dreckig kommt es teilweise rüber.

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Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – Andreas Dresen – D/F 2022

Von Matthias Bosenick (11.05.2022)

Rabiye Kurnaz alltagt den ganzen Scheiß einfach weg. Mit einer unbändigen Energie und ihrem sehr persönlichen Humor stellt sich die Bremer Hausfrau gegen den Umstand, dass man ihren Sohn Murat als potentiellen Taliban irgendwo in der Welt ohne Rechtsgrundlage inhaftiert, zuletzt in Guantánamo. Mit ihrer beinahe ignoranten Hartnäckigkeit findet sie in Anwalt Bernhard Docke einen Verbündeten, der mit ihr die unwahrscheinlichsten Instanzen abschreitet, um für Murat Gerechtigkeit walten zu lassen. Klingt wie ein Märchen? So inszeniert es Andreas Dresen auch, und doch orientiert sich diese Geschichte an der Realität. Dresen suggeriert, dass es im Kampf gegen diffuse Gegner nur gute Menschen auf der Welt gibt – und gerade in solch bitteren Zeiten tun Filme wie dieser echt gut. Und trotz aller Menschenrechtsthemen ist dies nicht vordergründig die Geschichte des juristischen Sieges über George W. Bush, sondern vielmehr ein Porträt von Rabiye Kurnaz.

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Placebo – Never Let Me Go – So Recordings 2022

Von Matthias Bosenick (10.05.2022)

Hat sie jemand vermisst? Die zurückliegenden neun Jahre kam man eigentlich auch ganz gut ohne Placebo aus, oder? Man hat ihnen über Jahre hinweg dabei zugehört, wie sie die Idee von Indierock in den Alternative Rock überführten, ihn also vereinfachten und kommerzialisierten. Das gelang ihnen ganz gut, immerhin schmuggelten Placebo auf diese Weise unbequeme Themen in die Charts, über das Leben als Nichtheteromensch, über Drogen, über Lebensmüdigkeit, nur eben alles unterfüttert mit einer vergleichsweise einfachen Rockmusik und vorgetragen von einer Stimme, die sich in die Gehörgänge bohrt, was manchmal schmerzhaft ist. Auf „Never Let Me Go“ sind Brian Molko und Stefan Olsdahl nurmehr ein Duo, wie weiland 1992, als das alles losging. Nun sind sie also wieder da, und es bleibt festzustellen, dass sie die auch musikalische Relevanz von vor 20 Jahren trotz beachtlicher Einfälle nicht beibehalten werden: „Never Let Me Go“ ist ganz nett. Nicht mehr.

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Cypress Hill – Back in Black – BMG 2022

Von Guido Dörheide (07.05.2022)

Rhythmischen Sprechgesang aus dem US-amerikanischen Prekariat fand ich traditionell immer scheiße. Ich war 11 oder 12, damals in den 80ern, als mein Mitschüler Holger P. im Musikunterricht der Erich-Kästner-Orientierungsstufe zu Gifhorn ein Referat über Kurtis Blow hielt – und ich hörte zum ersten Mal in meinem Leben jemanden rappen. War geplättet, hatte sowas noch nie gehört, dachte aber gleichzeitig, das muss ich jetzt nicht wirklich gut finden, vergaß Kurtis Blow, hörte Cure, Sisters Of Mercy, Mission und Christian Death und dann – wenige Jahre später – kam mein vermeintlich kleiner Cousin Holger (HipHop und Holger – das gehört also irgendwie zusammen), der mich in die faszinierende Welt von House Of Pain (inkl. Konzertbesuch in Hamburg), Cypress Hill, Ice-T und später auch Wu-Tang-Clan einführte – danke, Holger, dafür!!! Damals wollte ich Alternative-Musik mit Stromgitarre und Haare über die Augen und nicht Sachen hören wie „Insane in the brain. Insane in the membrane. Don‘t you know I‘m loco… locooooo!!!“

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Sofi Tukker – Wet Tennis – Ultra Records 2022

Von Guido Dörheide (05.05.2022)

Während ich weiland in den 1990er Jahren des vergangenen Jahrtausends jede Person unter Zuhilfenahme einer Wasserwaage aus meinem Wohnviertel verjagt hätte, der mir tanzbare Popmusik schmackhaft zu machen versucht hätte (einzige Ausnahme: „Groove Is In The Heart“ von Deee-Lite), habe ich mittlerweile nicht nur meinen Frieden mit dem Genre Dance-Pop gemacht, sondern einige meiner aktuellen Lieblingskünstlerinnen wie Dua Lipa, Lady Gaga oder Charli XCX sind in eben genau diesem Disco-Bereich unterwegs und bedienen sich reichlich 80er- und 90er-Jahre-Referenzen – and I love it. Nun also das zweite Album von Sofi Tukker – „WET TENNIS“. Was ist nasses Tennis? Ist normales Tennis – also beispielsweise das von Becker und Agassi und Lendl und Graf – trocken? Das von McEnroe war es zumindest nicht, da hatte ich immer Lachtränen in den Augen. Gibt es auch „moist tennis“? Björn Borg vielleicht? Fragen über Fragen.

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Spezial: addicted/noname Label aus Moskau, Teil 12

Von Matthias Bosenick (05.05.2022)

Post und Emails gab es dieses mal aus Moskau, und man freut und wundert sich, dass beides dieser Tage überhaupt durchkommt. Die drei Betreiber des Labels, das wahlweise addicted heißt oder einfach namenlos ist, also auf noname reagiert, bleiben unermüdlich, auch wenn Paypal-Zahlungen aus dem Verkauf bei Bandcamp derzeit aufgrund der westlichen Embargos gegen die Kriegstreibermacht gar nicht ihre auch wohlgesonnenen Ziele in Russland erreichen. Es bleibt zu hoffen, dass es bald ein „danach“ geben wird, in dem die Oppositionellen nicht unter die Räder kommen. Musik gibt es dieses Mal als Download, CD oder 7“, darunter auch vom Bruderlabel Bad Road Records, und zwar mit der Compilation „Addicted Tunes“, neuen Alben von Detieti und Был замечен… sowie Singles von Fistula, Koffinsurfer und Crawl – und zwar nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine.

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Madrugada – Chimes At Midnight – Warner 2022

Von Guido Dörheide (04.05.2022)

Ich gebe gleich zu Anfang mal zu: Ich habe damals in den 90ern und 2000ern bis zu ihrer Auflösung aufgrund des Todes ihres Gitarristen Robert Burås Madrugada niemals zur Kenntnis genommen und habe nicht ein einziges Stück von ihnen bewusst gehört. Das neue Album „Chimes At Midnight“ gefällt mir aber dermaßen gut, dass ich beschlossen habe, es erstmal in aller Isolation auf mich wirken zu lassen und mich erst danach mit dem früheren Werk der norwegischen Band zu beschäftigen.

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The Birthday Massacre – Fascination – Metropolis 2022

Von Guido Dörheide (30.04.2022)

Mein Kollege aus dem Reich der Bilanzen und der Liquidität 2. Grades und ich schicken uns gegenseitig regelmäßig Youtube-Videos mit dem Hinweis „das musste unbedingt mal angehört gehabt haben und so“ – uns stellen dann fest, dass wir zwar beide eine Vorliebe für düstere Musik haben, aber dass diese Musikrichtung so breit gefächert und so vielschichtig ist, dass wir begeisterungsmäßig meistens leider nicht so 100%ig zusammenkommen. Vielleicht sollten wir vereinbaren, dass alles, was wir uns demnächst gegenseitig empfehlen, aus Kanada kommen muss, denn siehe da – in meinem Postfach landete der Tipp „hör doch mal in ‚Fascination‘ von The Birthday Massacre rein“ – ich googelte, las „Kanada“, hörte rein und war begeistert.

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