Wolf Kadaver & Die Betrüger – Pseudologia Phantastica/Dislike – Tanzende Kadaver 2026

Von Matthias Bosenick (12.08.2026)

Ein fa-fa-fa-fantastisches neues Album allein reicht Wolf Kadaver & Die Betrüger nicht aus, falscher Genitiv im Bandnamen begründet: Die Single „Dislike“ mit zwei exklusiven Tracks gibt’s gleichzeitig zu „Pseudologia Phantastica“ dazu. Ganz nach Art der Hauptband des Braunschweiger Sängers und Bandkopfes, Tanzende Kadaver, dominiert hier der oldschoolige Uptempo-Punk, indes in allen Fassetten plus vielen anderen Sounds, von Offbeat bis zum Synthiepop. Textlich breitet sich die Band zwischen Fun, Soziologie, Horror und blutigem Ernst aus – inklusive eines feinen Popsongs gegen den Rechtsruck. Ungelogen!

Bei der titelgebenden Krankheit handelt es sich um zwanghaftes Lügen, bei dem sich Menschen mit reichlich komplexen Geschichten Aufmerksamkeit verschaffen wollen. Das passt thematisch zu den zwei inhaltlich wichtigsten Songs dieses Albums. Zunächst zur Single „Dislike“ mit dem brillanten Cover, das statt eines umgedrehten Like-Buttons den römischen Pollice verso zeigt. Das Stück stellt auf einem Surf-Rhythmus, der auf diesem Album häufiger zu vernehmen ist, mit Punk-Räudigkeit und einem Twin-Gitarren-Solo eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Verhalten mancher Menschen auf Social Media dar, also das Online-Verhalten zwischen Hetze, Mobbing und eben Lüge.

Der zweite kommt später auf dem Album, „Nazis in Deutschland“ ist abermals ein Surf-Song, hier ergänzt um Piraten-Gesang und einen leicht ins Poppige neigenden Achtziger-Goth-Sound der Lords Of The New Church, der Sisters Of Mercy oder von Die Ärzte. Auf eine eingängige Weise vermittelt die Band hier die todernste Thematik rund um das Erstarken der „Nazis in Deutschland“ und was jeder Einzelne dazu beiträgt. Einen konkreten Titelsong gibt es auf „Pseudologia Phantastica“ zwar nicht, doch verteilt sich der Titel auf das vierzigsekündige „Intro“, eine zwanzigsekündige „Intermission“ und das siebenminütige „Outro“, das dem Punk so manche musikalisch harmonische Überraschung beimengt, den Synthiepop etwa, und das die Charakteristika einer Achtziger-Maxiversion bestens erfüllt.

Zu entdecken gibt’s hier darüber hinaus eine Menge. Der Horrorpunk „Apex Predators“ wird von Wolfsheulen dominiert; wem das zu viel ist, der hat den „Less Howling Mix“ auf der „Dislike“-Single als Bonus. Der Song hat den Rhythmus von „Now“ von NoMeansNo – eine von vielen Verspieltheiten, die sich die Band hier gönnt, um den klassischen Punk anzureichern. Beispielsweise ein Backgroundchor in „Ein Tag im Zoo“, außerdem Tierlaute. Mag der Titel an Die Trottelkacker erinnern, ist der Text sehr im Jetzt verhaftet, indem er aktuelles menschliches Verhalten spiegelt. Einer der schönsten unter den schönen Songs hier ist „Waldweg 13“, der als Jazz-Swing beginnt, einen Country-Twang dazubekommt und entspannt chillig als Gruselgeschichte eine Frau beschreibt, die vermutlich eine Hexe ist. In „Deine Mutter und Klaus Kinski“ bringt die Band einen Offbeat unter; der Song spottet ätzend über Äußerlichkeiten. Thematische Vielfalt kann man diesen Betrügern ebenfalls nicht absprechen; „Weltschmerz adé“ beispielsweise ist eine Hymne auf den Hedonismus, die einem beim Mitsingen im Hals stecken bleibt, und „Ich bin da schon lange raus“ ist eine Religions- und Glaubenskritik mit einem versöhnlichen Fazit.

Und damit ist noch längst nicht alles erfasst. 15 Songs, inklusive der kurzen Vor- und Zwischenspiele, dazu die Single mit dem chemischen Bonus-Track „Mein TTBP“. Nicht auf dem Album enthalten ist die Single aus dem Februar, mit der die Band auf die aktuellen Geschehnisse in Übersee reagiert, „Donald T., We Disagree“, aber die gibt es weiterhin als Gratis-Download bei Bandcamp. Wolf Kadaver & Die Betrüger arbeiten schnell, das vorherige Album „Fortsetzung folgt …“ ist erst exakt ein Jahr alt, das erste Mini-Album „Sator Arepo Tenet Opera Rotas“ erschien 2024 und dazwischen unzählige Singles und EPs.