Exp – Exp – Reptilian Records 2026

Von Matthias Bosenick (21.09.2026)

Wenn man zu Betriebszeiten einer Band bereits eine Art Kultstatus innerhalb seiner Fangemeinde einnimmt, ist es vielleicht das Beste, einfach aufzuhören, neue Projekte zu gründen und damit potentiellen Enttäuschungen vorzugreifen. Bei Fugazi klappt das vorzüglich, bei Cop Shoot Cop ebenso, und so kann jeder Beteiligter in neuen Bands nach Belieben das machen, was den Ruf der vermeintlichen Kultband möglicherweise angekratzt hätte. Bei Exp (oder EXP) handelt es sich um ein weiteres dieser Projekte aus New York, an denen versierte Leute aus dem weiten Feld des Noise Rock beteiligt sind. Schwierig zu googlen, das Debüt heißt wie die Band – und die Musik ist definitiv ungewöhnlich, weil zunächst unerwartet gewöhnlich.

Hat man die Cop-Shoot-Cop-Nachfolger Firewater und insbesondere Human Impact vor Ohren, erhofft man sich von Exp eine wuchtige, strukturbefreite Lärmmusik, die hochansteckend die Hörerschaft in die Lautsprecher saugt. Umso verstörender ist, dass das Dutzend Songs auf „Exp“ beginnt wie – klassische Rockmusik. Bisschen David Bowie, bisschen Neil Young, etwas rauher, also Songs, die einer vertrauten Struktur folgen, mit hymnisch-wiedererkennbaren Melodien, interessanten Einschüben und einer Unangepasstheit höchstens darin, dass die Band auch auf kleinem Raum zu gniedeln weiß. An den irgendwie sperrigen Gesang muss man sich zunächst gewöhnen.

So geht das zwei Songs lang, dann versucht sich die Band mit „Isle Of Skye“ in milder Folklore, mit schönen Flächen und heimeliger Melodie. Von hier an bricht die Songstruktur etwas auf: Noch einmal rockt die Band wie Neil Young in den Neunzigern, man hat förmlich den gebückten, seinen Arm in Richtung Bühnenboden schrammelnden Gitarristen vor Augen, dessen Flanellhemd in den Saiten zerfetzt, da beginnen Exp auch schon, ihre rauhe Dreckigkeit in eine neue Reihe zu legen, auf Strukturen zu pfeifen und die Songs, die durchaus weiterhin solche bleiben, etwas aus ihrer üblichen Klammer zu befreien. Den Groove bringen Exp darin ebenso unter wie melodische Drones, repetitive Loops, angemessene Schrägheiten oder sonstige Effekte auf dem Instrumentarium. Und irgendwann fällt auch gar nicht mehr auf, dass man die Stimme zunächst für zu sperrig hielt – der Rest passt sich dieser Sperrigkeit einfach wundervoll an.

Ein Song wie „Too Far Gone“ könnte auch von Tom Waits sein: Die Band vollführt einen eingängigen, trunkenen Loop, der Gesang dazu skandiert rauh und durstig irgendetwas, das den Titel beinhaltet. „Armagedinstructionals“ greift das Wesen von Tom Waits auf, nur langsamer, mit etwas mehr Neigung in Richtung Dr. John vielleicht, also leicht sumpfig, mit Shaker, klickernder Snare und nervengniedelnder Gitarre. Derer zwei wetteifern in der Ballade „Cecil’s Room“ um die Lufthoheit. In „Plague“ darf der Schlagzeuger gelegentlich mal ausbrechen und stürmische Fills loslassen, während eine Geige und eine Gitarre Töne absondern, die einem von Pere Ubu bekannt vorkommen. In höchsten Tönen gniedelnd verabschieden sich Exp mit „Strange Fluctuations“, das dem erwarteten Industrial der Swans oder von Human Impact am nächsten kommt, ohne ihm nahe zu kommen, denn der wuchtige Beat fehlt, hier besteht alles aus Geräusch und Gesang; die Nastie Band klingt hier entfernt an. Ein würdiger Abschluss für eine Platte, von der man derlei mehr erwartet hätte und die einen stattdessen mit anderen Dingen versorgt.

So neu ist das Projekt auch wieder nicht mehr: Der älteste Song auf der Exp-Bandcamp-Seite ist aus dem Jahr 2022. Jener „Shots Fired“ sowie die beiden folgenden „Latitude Zero“ und „Into The Continuum“ fanden nicht den Weg aufs Album, die fünf Folge-Singles hingegen schon. Gottlob. Initiatoren der Band – auf Bandcamp eher ein „Multimediaprojekt“ – sind die Eheleute Jack „J.“ Natz mit Bass und Gesang und A.E. Csaky, nur echt ohne vollständige Vornamen, an Gitarre und Synthies. Weitere Experten sind hier: An den Schlagzeugen Phil Puleo und „Bloody“ Rich Hutchins, mit Geige, Synthie und Piano Annabel Lee sowie an der weiteren Gitarre Stuart „Stu Art“ Gray „Spasm“. Simmerbei: Cop Shoot Cop, Life Skull, Missing Foundation, Lubricated Goat, The Beasts Of Bourbon, Blood Axis, Amber Asylum, Swans, Human Impact, um nur die bekanntesten aufzuzählen. New Yorker Subkultur in Reinselbiger, plus irgendwas zwischen Kalifornien und Australien.

Blöd gewählt ist lediglich der Name Exp: Bei Discogs ist die Band gleich zweimal gelistet, als Exp (11) und Exp (12), und selbst, wenn man nach Exp – „Exp“ googelt, ist dieses Album nicht gleich das erste Suchergebnis. Sei’s drum. So richtig ultimativ fetzig ist die Musik bedauerlicherweise auch nicht, die gestellten Erwartungen erfüllt es nicht, man hätte sich mehr Kompromisslosigkeit gewünscht, aber das, was man kriegt, lässt heraushören, dass die Beteiligten richtig Bock hatten und sich um eben gar keine Erwartungen scheren, was ja auch wieder schön ist. Das sehr limitierte Vinyl gibt’s in bunt, als „Tiger’s Eye Pressing“, und in Europa exklusiv via Sounds Of Subterrania in Hamburg. Ach, und parallel stellt Tod A, ehemals Sänger von Cop Shoot Cop, nach 14 Jahren Pause mit „Life During Wartime“, im Original von den anderen New Yorkern Talking Heads, den ersten neuen Song seiner Band Firewater vor.