Von Matthias Bosenick (22.09.2026)
20 Jahre De Staat! Das feiert die Band aus Nijmegen mit ihrem siebten Studioalbum, einem Konzeptalbum, das sie nach sich selbst benennt und das sowohl folglich als auch thematisch passend „De Staat“ heißt. In Zeiten globaler Katastrophen jeglicher Art fällt die ironische Betrachtung aller Umstände hier ernsthafter aus. Der von tiefen Synthies getriebene Indierock des Quintetts bekommt eine soulige Schlagseite und musikalisch sehr viele Fassetten. Damit sperren sich De Staat wie immer dagegen, einer Schublade zugeordnet zu werden, und das auf einem sogar stetig wachsenden Niveau.
Mit der dramatischen Single „The King“ beginnt das Album, martialisch, monarchisch, mit abgehackten Effekten inmitten der Klimax und einem stark knarzenden Abgang. „The king is dead“, singt Torre Florim, und das kann man eindeutig hören. Hier wird direkt klar, dass es sich bei „De Staat“ nicht um eine Partyplatte handelt. Der dreigeteilte Vorgänger „Red/Yellow/Blue“ hatte noch explosive Anteile, die setzt die Band hier fokussierter ein. Wer De Staat überhaupt erstmals hört, wundert sich, wie wenig Rock in so einer Rockmusik stecken kann, und dass die Band ihre krassen, wuchtigen Sounds nicht mit Saiteninstrumenten generiert, die sie durchaus einsetzt, sondern mit vorrangig tief gespielten Synthies und Keyboards, jedoch nicht nach Art des Synthiepop, eher schon nach der mancher Techno-Spielarten, ohne indes auch nur ansatzweise technoid zu sein, oder nach Art des Industrial, ohne dessen komplett kompromisslose Härte und Brachialität. Dem Techno steuert auch das Schlagzeug entgegen, das in seiner Dynamik die Organik der Band belegt. Vielmehr bekommt man die dunklen, wuchtigen Synthies, die man vom Hit „Kitty Kitty“ kennt, hier in neuen Kontexten unterbreitet. „The King“ ist der erste davon.
Im Verlauf des Albums stellt sich heraus, dass De Saat hier eine Menge mehr Soul integrieren als zuvor. Torre Florim, dessen Soloprojekt De Staat vor 20 Jahren noch war, bis er für Liveauftritte eine Band um sich sammelte, bringt den Soul mit seiner Stimme ein, die in manchen Songs in ungeahnte Höhen dringt, während er in anderen das tut, wofür man ihn so liebt: predigen. Um Songs dieser Art besser verstehen zu können, lohnt es sich, die Band live zu sehen oder deren spektakuläre Videos im Internetfernsehen anzugucken. Florim wirkt wie ein schlechtgelaunter, gehässiger, böser Mann im leicht kuriosen Anzug, der irgendetwas vermittelt oder verlangt, bei dem man sich nicht sicher ist, ob man damit einverstanden ist, aber sich aufgrund seiner packenden Ausstrahlung zu allem bereiterklärt. Man könnte ihn glatt als Theaterdarsteller durchgehen lassen, und das tut der Band nicht nur gut, sondern bildet gar ein Alleinstellungsmerkmal.
Man nimmt, wie angedeutet, auf „De Staat“ wahr, dass sich der Grundton ins Ernsthaftere entwickelt hat, bei aller Ironie. Bestes Beispiel dafür ist gleich der zweite Song, ebenfalls eine Single: „The Fire“ ist oberflächlich ein gutgelaunter synthetischer Glamrock, tatsächlich aber eine böse Weltlagebetrachtung, dabei fies catchy, dass sie einem nie wieder aus dem Kopf geht. Beim Hören stellt man außerdem fest, dass der Eindruck des künstlich Synthetischen, das beim ersten Hören des Vor-Vorgängeralbums „Bubble Gum“ noch abschreckte, hier verschwindet; die Kompositionen sind besser, die Arrangements erwachsener; eigentlich löst „De Staat“ endlich das Versprechen von „Kitty Kitty“ ein, der grandiosen Single, die „Bubble Gum“ 2018 vorausging.
Seine Inkarnation als Prediger lässt Florim in „Glory“, einer weiteren Single, am deutlichsten heraus. Der Titel verrät’s, es hat etwas Sakrales, und auch im Video dazu gebärdet sich der Sänger pastoral an einer Kanzel, dabei so überzeugend, dass man ihm einen Satz Bibeln einer ominösen Sekte abkaufen möchte, nicht egal welcher, am besten seiner. Der Song ist ein Hip-Hop-Kopfnicker mit Gospelchor, zu dem Florims Art zu Skandieren bestens passt. Man möchte den ganzen Tag dazu tanzen.
Das ganze Album steckt voller Höhepunkte. Auszüge: Ausgerechnet „The Noise“ ist keiner, sondern startet mit einem Ambient-Intro und wird dann eine geshuffelte Uptempo-Nummer. „The Boy“ ist ein Blues mit merkwürdigen, weil synthetischen Einspielern. Am deutlichsten Rockmusik ist „The Man“, ein repetitives Stück, zu dem Florim „fuck around and find out“ bellt. Männer! „The Matter“ wiederum ist ein beinahe kunstvoller Achtzigerpop.
Macht, Manipulation, Fehlinformation und Autokratie sind die Themen von De Staat auf „De Staat“, also dringliche Anliegen, die die Band auch dringlich in Musik umsetzt. Kein Wunder, dass es so viel ernsthafter klingt. Das steht der Band ausgezeichnet – nach dieser LP fällt es noch leichter, De Staat zu lieben. Zum Glück fand Sänger und Gitarrist Florim seinerzeit vier Musiker, die seine Ideen mittragen, und seit 2008 seine Visionen in Musik umsetzen. Das sind: Gitarrist Vedran Mircetic, Bassist, Keyboarder und Co-Sänger Jop van Summeren, Synthie- und Keyboardspieler sowie Co-Sänger Rocco Hueting und Schlagzeuger Tim van Delft.
