Von Guido Dörheide (18.09.2026)
„Don’t look now, we’re flying over a little place that lies below, it’s nothing very special, it’s just a town called Moscow, Moscow, Idaho“
Moscow Idado, Moscow Idaho, Idaho, Idahooooooo! Das waren die ersten Zeilen von The Cassandra Complex, die ich damals, seinerzeit, also zu der Zeit 1987 oder 1988, hörte, und ich war mehr als begeistert.
Danke nochmal, Klaus, dass Du mir das damals vorgespielt hast, ich glaube, der Anstoß dazu kam wieder einmal mehr von Deinem großen Bruder, Alex, oder? „Hello America“, das 1987er Kompilationsalbum von The Cassandra Complex, löste damals in meinem jugendlichen, 14- oder 15-jährigem Bewusstsein eine Begeisterung aus, die davor nur The Cure und The Sisters Of Mercy auszulösen imstande waren. Die Musik war düster und teils elektronisch, teils von harten, kreischenden und (jahaa – „March ‘86“ vom 1986er Debütalbum „Grenade“) Ohrenschmerzen auslösenden Gitarren geprägt, aber vor allem war es Rodney Orpheus’ Stimme und seine Art, zu singen, die mich für die Kunst der Band einzunehmen wussten. Nach „Hello America“ kam „Theomania“ (1988), dann „Satan, Bugs Bunny And Me“ (1989) – ein Album, das mich damals wegen der Songs „Kill The Christian Swine“ und „Symphony For The Devil“ ordentlich verstörte – und danach gab es dann noch das von mir mit gemischten Gefühlen aufgenommene „Cyberpunx“ (1990) und dann 1992 – wieder richtig toll, weil wie die CC aus seligen „Theomania“-Zeiten klingend (jahaa, hihi, so weit lagen damals zwei Jahre auseinander, bekloppt eigentlich) – „The War Against Sleep“ und im darauffolgenden Jahr 1993 das Doppel-Live-Album „Beyond The Wall Of Sleep“. Wieder ein Jahr später dann „Sex & Death“, das nicht schlecht war, aber alles zuvor nicht zu toppen wusste (eigentlich wusste es nicht mal, damit gleichzuziehen), und erst im Jahr 2000 konnten mich CC mit „Wetware“ wieder einigermaßen begeistern. Bis zum großartigen „The Plague“ mussten die CC-Fans dann 22 Jahre warten, und dann erschien noch „Death & Sex“ mit Rewiederneueinspielungen von Songs vom „Sex & Death“-Album, die ich Welt und mein Herausgeber Scheiße fand.
Der gebürtige Nordirländer Rodney Orpheus, der zwischenzeitlich in Deutschland (Aachen und Hamburg) gelebt hat und sich irgendwann in Kalifornien (Los Angeles) niedergelassen hat, es auch irgendwann zum Großmeister des O.T.O. gebracht hat (Ordo Templi Orientis – einer neureligiösen, satanistisch-esoterischen sexbesessenen Burschenschaft, die, wenn schon nicht von diesem gegründet, sich zumindest irgendwann ausgiebig von Aleister Crowley hat beeinflussen lassen), ist (leider?) ein Charismatiker vor dem Herrn (vor welchem auch immer) und ein wunderbarer Sänger und Songschreiber, der zwischen den Sisters Of Mercy und dem Hardcore Punk zuvor immer gefehlt hatte. Die oben aufgezählten Alben waren alle verdammt großartig, und wer mitgezählt hat, kommt auf sechs verdammt großartige Veröffentlichungen plus das Live-Album (und vorher gab es noch das viel schlechter produzierte, aber aufgrund des rübergebrachten Gefühls noch viel bessere Live-Album „Feel The Width“ von 1987) – eine solche Konsistenz haben schon viel größere Bands nicht geschafft.
Kurz gesagt: The Cassandra Complex machen seit 1986 großartige Musik und sind über all die Jahre nicht totzukriegen und heuer melden sie sich mit „Generating Station Complex“ eindrucksvoll zurück: Das Album besticht zunächst durch ein überaus bestechendes Cover-Artwork – auf einer mit Linien durchzogenen 80er-Jahre-Gelb-farbenen Hintergundfläche sind zwei 1985er Schwarzweißaufnahmen angebracht, die Schornsteine und Rodney Orpheus mit schlohweißer Geert-Wilders-Gedächtnishaarfrisur zur Linken und – wie ich aufgrund des Alters der Fotografie vermute – Paul Dillon und Andy Booth in der rechten Bildhälfte vor einem mit „Generating Station Complex“ selbstbetitelten Gebäude zeigen. Und da sind wir schon wieder mittendrin im Thema: Neben Rodney Orpheus (Gesang, Synths, Schlagzeugmaschine und Produktion) wirken 2026 tatsächlich Andy Booth (Gitarre, Keyboards), Paul Dillon (Synths, Schlagzeugmaschine) und Volker Zacharias (Bassgitarre) an „Generating Station Complex“ mit – es handelt sich hier somit um ein Cassandra-Complex-Album in sowas wie nahezu der Urbesetzung. Hammer!
Und die Songs? Nun, CC spielen hier ausschließlich alte Klassiker neu ein, was aber nichts Schlechtes bedeutet: Das Album startet mit dem weiter oben abgekündigten „Moscow, Idaho“, und es klingt mehr elektronisch und weniger gitarrenkrachig als damals, 1987. Die Elemente, die bei mir damals die Begeisterung ob des Mixes aus Elektronik und harter Krachigkeit hervorriefen, sind aber alle noch vorhanden – manifestieren tut sich das unter anderem in dem die damalige Größe wiederauflebenlassenden Gitarrensolo ab circa Minute 1:25. Und vor allem Rodneys Gesang wohnt noch die Bissigkeit der 80er Jahre inne. Es folgt „The War Against Sleep“, der Eben-Nicht-Titelsong des gleichnamigen 1992er Albums, sondern Track 3 des folgenden „Sex & Death“ („Are you gonna obey Jesus Christ in your sex life?“ – Ein Wort des Dankes an den wissenden Herausgeber, dass er mich hier vor einem banausenhaften Lapsus bewahrte. Ein Wort des Dankes!), das in etwa 1:1 vom damaligen Album umgesetzt wurde, hier erscheint die Musik sogar einen Tacken härter als damals, während Rodney seinen 1992er Gesang noch einmal genauso hervorragend abliefert.
Mit „What Can I Do For You“ folgt der Eröffnungssong des „The War Against Sleep“-Albums, den ich damals zu Zeiten meines Abiturs schon großartig fand, und daran hat sich nichts geändert. Rodney Orpheus hat ein Gespür für hypnotische Melodien und diese waren immer besonders schön, wenn die Musik weicher, elektronisch geprägter und weniger von Krachgitarre dominiert waren. Genau in diesem Geiste erfolgt die Neuinterpretation von „What Can I Do For You“, eine gewisse Schrägheit in der Instrumentierung bricht sich dennoch Bahn und steht dem Song gut zu Gesicht. Mit „Nightfall (Over EC)“ verlassen CC dann meine Komfortzone: Dieser Song stammt vom 1990er Album „Cyberpunx“, mit dem ich immer meine Probleme hatte, trotz des tollen Serienkillersongs „What Turns You On?“, der von Ted Bundy handelt. Der Klang des Albums war kalt und trostlos, so wollte ich CC nicht hören, und mit der Neueinspielung von „Nightfall“ korrigiert die Band das grandios und macht daraus einen klassisch anmutenden CC-Song. Anschließend folgt „One Millionth Happy Customer“ von meinem All-Time-Lieblings-Album „Theomania“ (1988). Hier regiert die Elektronik über die Gitarren, Düsternis wird auch durch Rodneys Gesang herübergebracht und dazu klickert ein wundervoller Schlagzeugcomputer. Von all diesen Zutaten haben CC Anno 2026 nichts verwässert, nichts großartig verändert, alles klingt wie gehabt aber trotzdem irgendwie auch wieder ein wenig neu. Cool.
Genießen wir das, denn danach folgt der Song, der auch Nicht-CC-Hörenden eventuell von 1990er-Jahre-Düster-Samplern geläufig sein dürfte:
„(In Search Of) Penny Century“! Noch 1993 durfte sich Rodney Orpheus die Frechheit herausnehmen, den Song auf „Beyond The Wall Of Sleep“ nur acapella für wenige Sekunden anzustimmen, hier ist er in voller Länge enthalten, der wohl ikonischste Song der Band, auf den dann „Second Shot“ folgt, der „Penny Century“ nur darin nachsteht, dass er ein Jahr früher, nämlich auf dem von mir favorisierten „Theomania“-Album erschienen ist.
Außer mit „One Millionth Happy Customer“ und „Second Shot“ machen Rodney und die Jungs danach auf „Ground“ deutlich, wie wichtig „Theomania“ für die Diskografie des Kassandrakomplexes ist. Und die Neueinspielung ist sowas von großartig, die elektronische Grundlage des Songs klingt leichter und verspielter als die des Originals, während Rodneys Gesang das Original 1:1 imitiert, hier wird das Gefühl aus 1988 super gefühlvoll in die Jetztzeit hineinbefördert.
„Why?“ war 1992 eins der verstörendsten Lieder auf „The War Against Sleep“. Wer wissen will, warum, der googele mal den Text auf genius.com. An der Verstörendheit des Textes hat sich nichts geändert, die neue Version klingt musikalisch entspannter, Rodney klingt allerdings genervter als damals, der Song wirkt immer noch, als wäre er gerade ganz neu.
Den Abschluss auf „Generating Station Complex“ bildet das hier schon mehrfach erwähnte „March“ – im Original der ikonische Eröffnungssong des 1986er Debütalbums „Grenade“ – damals kaum über Kopfhörer hörbar, weil der zugegebenermaßen packende Refrain „All I want is Freedom!“ sowas von in ein klirrend-verzerrtes Gitarrenpandämonium eingepackt war, dass einem die Ohren bluteten – in der Neueinspielung bleibt die Melodie zwar irgendwie erhalten, die ursprüngliche schmerzende Krachigkeit wird aber durch Elektronikgeplucker und gedämpft im Hintergrund gehaltene Gitarrenaktivitäten ersetzt – hier wird einem ursprünglich schon großartigen CC-Song nicht nur durch behutsame Bearbeitung neues Leben eingehaucht, nein, hier wird ein großartiger, aber nicht leicht genießbarer Song komplett auf links gedreht und dadurch in etwas noch Großartigeres, wirklich Neues transformiert – „March“ ist wahrhaftig der Moment auf „Generating Station Complex“, der die Notwendigkeit und Existenzberechtigung dieses Albums in Stein gemeißelt zementiert.
Und wenn man sich nun also frägt: „Kann das irgendwie taugen, 40- bis 36-Jahre alte Songs neu eingespielt von einer legendären Formation um einen charismatischen Frontmann in annähernd der Originalbesetzung?“, dann antworte ich mit „Ja! Und wie!“ Und freue mich insgeheim, dass es das onanistische „Something Came Over Me“ nicht auf das Album geschafft hat. Das habe ich damals in den 90ern dafür im Capitol in Hannover selber miterlebt, und das behalte ich für mich.
