Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Ein Zeigefinger namens Koyaanisqatsi

Von Onkel Rosebud

Nach dem Kolumnisten-Gott Axel Hacke ist die Welt eingeteilt in Wegschmeißer und Behalter. Obwohl meine Freundin zu Letzteren gehört, besitzt sie kaum mehr DVDs. Im Laufe der Jahre wurden die altmodischen Polycarbonate Kisten mit der Aufschrift „Zum Mitnehmen“ zugeführt. Nur von drei Sammlungen kann sie sich nicht trennen: Monty Pythons gesammelte Werke, dem Drei-Farben-Triptychon von Krzysztof Kieślowski und die Qatsi-Triologie von Godfrey Reggio, die eigentlich eine Tetralogie ist, weil deren Kameramann, Ron Fricke, mit „Baraka“ (2008) noch einen draufgelegt hat.

„Koyaanisqatsi“ (1982), „Powaqqatsi“ (1988) und „Naqoyqatsi“ (2002) haben keinen Plot, keinen Handlungsstrang, keinen Hauptdarsteller, weder Dialoge noch eine Erzählstimme. Sie bestehen aus aneinander montierten, assoziativen Zeitlupe- und Zeitraffer-Bildsequenzen und sind kaleidoskopartige, globale Zusammenstellungen sowohl von Naturschauspielen als auch vom Schicksal, Leben und Treiben des Menschen auf seinem Heimatplaneten Erde. Dazu fantastische Musik komponiert von Philip Glass. Das Faszinierende an diesen Filmen ist, dass ihn wahrscheinlich jeder anders sieht. So lässt sich „Koyaanisqatsi“ als Zivilisationskritik, der die verheerenden Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt zeigt, als auch als Ode an die Technologie interpretieren, die sich auch gerade in Städten manifestiert.

Für jemand, der in einem Land aufgewachsen ist, was es nicht mehr gibt, und der nicht auf der Leipziger Dokfilmwoche1983 eingeladen war, musste erst die Mauer fallen, damit die ersten beiden Teile im Kino überhaupt zu sehen waren. 1991 habe ich sie als Doppelfolge in einem umfunktionierten Hörsaal gesehen. Ganz ohne Drogen wurde ich stoned dabei und wollte fortan die Welt retten. Als ich „Koyaanisqatsi“ 10 Jahre später noch mal gesehen habe, fand ich es irgendwie pervers, dass ich vor der Leinwand sitze, um mir die Phantasmagorie der Natur anzusehen und diesen „First Nation“-Blick auf die Dinge zu bekommen. Wenn die Maschinen kommen, fragt man sich unweigerlich: Warum? Was soll das? Was wollen die hier? Um sich die Antwort gleich selbst zu geben: Ach ja, Apokalypse.

Letztes Jahr habe ich mir „Koyaanisqatsi“ noch einmal angetan. In dem Wissen, dass die grenzenlose Ausbeutung und Schändung der Biosphäre ein Wahnsinn ist, der am Ende auch die menschliche Spezies vernichten wird, ist der Film als Lehrstück für die ökologische Erziehung obsolet geworden. Dennoch schadet es nicht, daran erinnert zu werden, dass unser Leben trotz fortgeschrittenem Individualismus und allgegenwärtigem Lifestyle mehr denn je dem einer Wurst gleicht, die im Begriff ist, zusammen mit Millionen anderer, vollkommen identischer Würste durch ein Labyrinth von Roboterarmen und Fließband-Straßen zu irren, ohnmächtig, selbstvergessen, aber sehr zielstrebig…

Onkel Rosebud