Von Matthias Bosenick (06.08.2026)
Der Brasilianische EBM-, Electro-, Industrial- und Synthie-Untergrund versammelte sich im Juni auf der sechsten Ausgabe des Electronic Body Fest im Kulturzentrum Projeto Cultural Independente in Santo André, São Paulo. Dort im Electric Café Studio spielen 14 Teilnehmer unter Anleitung von Projektleiter José Alves exklusiv 23 Tracks ein, die nun auf der zweiten Ausgabe der Compilation „Clash & Behaviour“ erscheint – exakt 30 Jahre nach dem ersten Teil, den Alves seinerzeit noch mit Marcello Delgado kuratierte. Mit dabei war jedes Mal der mittlerweile nach Wolfsburg umgesiedelte Alan Draht, damals mit seiner Hauptband Hades, dieses Mal mit seinem Projekt U-CZN, üblicherweise [u-czn], kurz für Urban Citizen.
Auffällig an diesen 23 Track ist, dass die Projektinhaber sich zwar gelegentlich hörbar bei etablierten Helden inspirieren ließen, sie indes darauf verzichten, die Einflüsse plakativ oder als reine Kopie einzusetzen. Es sind eben Inspirationen – inmitten von völlig eigenen Ideen, die die 14 Projekte und Bands hier ausleben. Einig ist die elektronische Grundlage, ansonsten loten sie die Grenzen der Randbereiche weiträumig und modern aus.
Als glitchy verlagsamtes instrumentales Breakbeat-Intro mit hartem Electro startet Front Runner mit „The Inflict Of The Code“ den Reigen. Die ersten paar Blöcke gestaltet die Compilation in Vierer-Abschnitten, in denen sich jeweils zwei Bands im Wechsel je zwei Tracks teilen. Es folgt nun also Deadjump mit „Blurred Vision“, einem düster treibenden EBM mit Industrial-Sounds, modern produziert. Zweiter Lauf für Front Runner und „Spreading The Chaos“, einem experimentellen Electro, wie vor 40 Jahren, mit Samples, einer extrem verzerrten Stimme und einer großen Nähe zu den alten Skinny Puppy. Zurück zu Deadjump mit „I Must Die“, einem zugänglichen technoiden Track, der nach vorn geht.
Den zweiten Block eröffnet Eletrya mit „Because God Is In Control“, einem tanzbaren Electro-Pop-EBM mit monoton-eingängiger Gesangsmelodie. Cyberthreat übernimmt mit „War“, einem verlangsamten Industrial-EBM mit verzerrter Stimme und wuchtigen Effekten. Wieder Eletrya, die mit „If I Could Go Back In Time“ einen treibend-technoiden EBM produzieren, inklusive einem sekundenkurzen Ausflug in die Großraumdisco. Zweiter Halt für Cyberthreat mit „Cosmic Space“, einer titelgemäß spacigen Downbeat-Ballade mit Vocoder-Sprecher.
Den dritten Block setzen Fagner Absynth mit „Void Signal“ ebenso langsam fort, einem leicht harschen Kopfnicker mit gesprochenen und geshouteten Texten, dunkel, retromodern. Ebenso könnte man von U-CZN den Track „Politic, Corruption, Religion And War“ auffassen, schließlich legt er den Glamrock-Rhythmus von Skinny Puppys Hit „Assimilate“ zugrunde, wenn er seine Predigt shoutet. Der Track mit Industrial-Effekten bleibt im Ohr, und als Link in seine neue Wohngegend wiederholt Alan Draht den Titel auch auf Deutsch. Nochmal Fagner Absynth mit „Nothing“, das noisy, mit distorted Beats und nervösen Synthies die gebrummten Lyrics trägt und dessen Electro-Effekte einem um die Ohren ballern. Ein zweites Mal U-CZN mit „Lonely King“, das dunkel und perkussiv mit klarem Synthie und Breakbeats angenehm ins Atmosphärische driftet.
Ab diesem Block ändert sich die Reihenfolgen-Systematik. Zunächst legen die Mocka Boyz mit „Cut The Line“ einen pulsierenden EBM vor, mit dunkler, klarer Stimme und treibenden Sequenzern. Mit dem etwas problematischen Namen Von Richthofen und dem Track „Prophets Of Profit“ wird es hypnotisch, ein beatloses Ambient-Intro eröffnet den Track, jemand bellt vier Wörter in unendlicher Wiederholung, erst später schieben sich Industrial-Beats schleichend dazu, die Energie nimmt zu. Nochmal die Mocka Boyz mit „The Method Of Thread“, einem kraftstrotzenden EBM mit der Seele von Nitzer Ebb, also von DAF, mit verspielten rhythmischen Elementen und Shouting. Jetzt kommen Further Southern mit „Safe Place“ und verändern die Tonlage mit einem warmen Piano und freundlichen Synthiemelodien; das hier ist schon irgendwie Pop, aber leicht unbequem, und mausert sich zum dunklen Treiber.
Weiter geht’s mit Vulpaxis und „Sal“, das krass klare Synthiesounds kraftvoll zum gebrochenen Downbeat einsetzt, den moderneren Depeche Mode nicht unnah, zuletzt aber anders als jene krasse Glitches dazubringt. Serious Voices machen mit „So Far Away“ einen entschlackten retroseligen Synthiepop mit etwas mehr Licht inmitten der Dunkelheit. Deathtronic instrumentieren ihr „Pensamentes Sem Mim“ ebenfalls dezenter, dunkeln die Stimmung etwas weiter herunter und bauen einen angedeuteten Country-Rhythmus und eine enorm verzerrte Sprache ein, als würde sie blubbern.
Noxious Faction greifen mit „Empty Minds“ zurück auf die kanadischen Anfänge in den Achtzigern, dunkel, mit Samples, in einer undurchdringbaren Struktur, in der Zurückhaltung und verhaltener Ausbruch im Wechsel erfolgen. Deathtronic reißen mit „Murder“ kräftig aus, das Stück ist ein schneller Electropunk nach Art von My Life With The Thrill Kill Kult. Einmal noch Noxious Faction mit „Interface“, einem harscheren EBM mit ebenso harscher Stimme, einem nervöser Synthie und einem blubbernden Bass. Den Rauswerfer übernehmen Derrame mit „Peste Negra“, einem Ritual-Noise-Ambient mit fuzzy langsame Beats.
Diese Tracks gibt es ausschließlich auf CD, nicht im Stream, ganz unmodern. Erhältlich ist das Album vermutlich lediglich direkt in Brasilien unter electric.art.br.
