Von Matthias Bosenick (05.08.2026)
Was vom Thrash Metal übrig blieb: Primus aus der Bay Area bündeln zwei neue Sogs und die beiden Stücke der 7“ „Little Lord Fentanyl“ auf einer goldenen 12“ und nennen das treffend „A Handful Of Nuggs“. Der frickelig-zackige Funk Metal der Anfangstage ist längst wuchtiger und dunkler geworden, ohne an Spielfreude einzubüßen. Enthalten sind hier überdies: „Holy Diver“ und Maynard James Keenan.
Die Mischung aus Bass-Sound, Gitarrenexperiment und Rhythmus, das Frickelig-Zackige, in „The Ol‘ Grizz“ deutet deutlich auf das hin, was man von Primus kennt, seit den Achtzigern, doch der Track selbst, abseits von Intro und Interlude, rockt fetter und dunkler als früher, als die Musik noch Funk Metal genannt wurde, eher so wie auf „Antipop“, mit verspielten Einschüben. Der Spielwitz von Primus hat sich über die Jahrzehnte verändert, ist mithin erwachsener geworden, und das steht der Band ausgezeichnet. Ganz absurd ist dann vermeintlich der Schwenk zum klassischen Heavy Metal, mit der Coverversion von „Holy Diver“ von R.J. Dio und dessen gleichnamiger Kapelle. Okay, ganz abseitig auch wieder nicht, schließlich wurzeln Primus im Thrash Metal, Besitzer des Albums „The Sane Asylum“ von Blind Illusion wissen das, da sind Bassist und Sänger Les Claypool sowie der vormalige Possessed-Gitarrist Larry „Ler“ LaLonde schließlich mit drauf. Der Übergang zum Primus-Debüt „Suck On This“ innerhalb nur eines Jahres, von 1988 zu 1989, könnte abrupter kaum sein. Den Gesang hier nun borgen sich Primus von Mike Geier unter dessen Clown-Alias Puddles Pity Party aus, damit die Stimme sich dem Song anpasst.
Ebenfalls Gesang borgen sich Primus für die B-Seite aus, die bereits eine komplette 7“ darstellte, die zu erwerben dem Konto ungefähr so viel entriss wie ein ganzes Album: „Little Lord Fentanyl“ ist eine Zusammenarbeit mit Maynard James Keenan als Puscifer. Dessen Anteil verschwindet hier komplett im typischen modernen Primus-Sound, analog zu „The Ol‘ Grizz“. Der zweite Track ist eine Live-Version des frickeligen Offbeat-Stücks „Duchess (And The Proverbial Mind Spread)“ vom „Brown Album“, dem mit Verlaub schlechtesten Primus-Album vor dem Split. Rückblickend muss man natürlich festhalten, dass auch das schlechteste Primus-Album immer noch sehr gut ist. Das Comeback-Album „Green Naugahyde“ war eher nur so mittel, das jüngste, auch schon neun Jahre alte „The Desaturating Seven“ ist ungleich besser, weil es die alten Primus modern in den Prog schiebt, quasi analog zu Claypools Arbeiten mit der Frog Brigade und dem Beatles-Delirium.
Nachdem Tim „Herb“ Alexander 2024 den Schlagzeugschemel ganz unerwartet und wortlos zum dritten Male räumte, fanden LaLonde und Claypool via Casting mit John Hoffmann einen versierten Ersatz. Was die drei hier gemeinsam generieren, ist die hohe Kunst des von Genregrenzen befreiten Musizierens: Alles, was man auflisten könnte, wären nur Hilfsbezeichnungen, da Primus schon immer und immer noch in komplett eigenen Sphären arbeiten. Es lohnt sich zudem, innerhalb der großartigen Songs auf die Details zu achten, nicht nur beim herausragenden Bassspiel, das weiß man, aber oft wird vergessen, welch bezaubernd kompromisslose Sounds auf der Gitarre entstehen. Hoffmann bekommt die kleinteilige Drumarbeit seiner Vorgänger ebenfalls anhörlich hin. Dazu natürlich die unkonventionellen Songstrukturen.
Passend zur aktuellen Tour, die den Titel „Claypool Gold“ trägt, ist das Vinyl mit diesen vier Nuggets in jener Farbe gehalten. Leider unbezahlbar ist übrigens die „Sessanta“-Vierfach-LP, die auf einer der vorherigen Touren mit Puscifer und A Perfect Circle entstand; daher rührt also der kleine Fentanyl-Adelige. Mit ihren jüngsten Arbeiten widerlegen Primus glücklicherweise, dass Reunions von Indie-Bands vornehmlich zu Mist führen. Abgesehen von der Tour kündigen Primus außerdem an, dass es bald ein zehntes Studioalbum geben soll (das Debüt war ja ein Live-Album).
